Gödeke, Mirjam/Müller, Hadwig: Sprache des Glaubens. Zum Text „Von Gott sprechen“: Wie (heute) von Gott sprechen?


 

Vortrag anlässlich der Tagung „Jugend hat Zukunft. Ein Geburtstagsgeschenk an Klaus Hemmerle“, 5.–6. April 2019, Aachen. Textgrundlage: Von Gott sprechen* (1993)

 

[Handout: Von Gott sprechen*]

 

Mirjam Gödeke:

„Von Gott sprechen“ – diese drei Worte kommen so unscheinbar daher, nicht fachsprachlich verklausuliert, nicht theologisch abgehoben, sondern alltagssprachlich klar, jedes Wort für sich verständlich. „Von Gott sprechen.“ – Mit Punkt beendet zum Satz klingt es wie eine Antwort: Was ist der Auftrag der Christinnen und Christen in Wort und Tat? – Von Gott sprechen.
Aber wie? Im eigenen Fragen stoße ich schnell an eine Grenze dieser scheinbaren Eindeutigkeit: Ich will, ja muss von Gott sprechen – und bleibe doch dahinter zurück. Ein gleichzeitiges Müssen und doch nicht Können. Klaus Hemmerle stößt uns im Text auf die Spannungen und Widersprüche, die diejenigen erwarten, die sich dieser Herausforderung stellen: Von Gott sprechen. Dabei wendet er jedes dieser drei Worte hin und her, nimmt ihnen ihre Eindeutigkeit – und ermutigt doch schließlich genau dazu: Von Gott sprechen.
Der Text, mit dem wir, Hadwig und ich, uns im Vorfeld dieser Tagung auseinandergesetzt haben, liegt Ihnen vor, und zwar zweimal. Zunächst in Maschinenschrift, übersichtlich untereinander, in nummerierte Blöcke gegliedert. So tritt die Unterteilung in vier Hauptsätze und jeweils fünf bzw. acht diesen Sätzen zugeordneten Entfaltungen deutlich hervor. Anhand dieser Ansicht werden wir später mit Ihnen gemeinsam durch den Text schreiten und die großen inhaltlichen Linien suchen sowie einzelne Worte und Sätze näher unter die Lupe nehmen. Diese Textversion trägt keinen Titel. Das hängt mit Entstehungssituation des Textes zusammen, von der ich Ihnen eingangs erzählen will und in die uns das Faksimile der Handschrift Hemmerles auf der Rückseite Ihres Blattes einen Einblick gibt.
Im Jahr 1993, jenem Jahr, in dem Klaus Hemmerle von der Diagnose seiner Erkrankung erfährt, kommt der Priesterrat des Bistums Aachen zu zwei Klausurtagungen zusammen. Eine davon beschäftigt sich mit der Frage, wie heute von Gott gesprochen werden kann. Im Verlauf der Klausurtagung nimmt Klaus Hemmerle Stift und Papier und schreibt vier kurze Sätze auf, denen er jeweils fünf bis acht Unterpunkte hinzufügt. Diese Sätze lassen sich nicht eindeutig klassifizieren: manche ermahnen, andere beschreiben, viele ermutigen – doch in allen geht es ums Sprechen von Gott. Kopien seiner handschriftlichen Notizen verteilt Hemmerle unter die Mitglieder des Priesterrats. So bleibt der Text auf dem Blatt eine fast poetische Skizze, zusammengesetzt aus kurzen Sätzen, die nur andeuten können, was sie eigentlich zu sagen hätten und wirken wollen. Die eigentliche Wirkung muss sich im Nachgang im Tagungsraum ereignet haben. Wir haben keine Hinweise auf die Reaktionen. Auf das, was dort vor sich ging, wie die Atmosphäre war. Doch ich stelle sie mir vor, die Mitglieder, allesamt Priester, die ja wohl von Berufs wegen von Gott zu sprechen haben, wie sie vielleicht ratlos verstummten und erst dann zögernd ins Gespräch kamen – ein wenig wie wir, Hadwig und ich.
So hat sich nämlich unser Arbeiten am Text gestaltet: weniger akademisch-wissenschaftlich als persönlich engagiert und dialogisch, im intensiven Austausch miteinander und dem im Text uns begegnenden Klaus Hemmerle. Wenn sich im Anschluss an unseren Aufschlag das Gespräch mit Ihnen gemeinsam fortsetzt, ist das also ganz im Sinne unseres methodischen Vorgehens in der Vorbereitung und ganz sicher auch im Sinne Hemmerles und seines Impulstextes.

Hadwig Müller:

Wir werden also nicht zwei, sondern einen Vortrag halten, aber gemeinsam, in einer Wechselrede unserem Gespräch treu. Das schien uns passend zu sein. Denn einmal war Klaus Hemmerle, der vorgestern 90 Jahre alt geworden wäre, wohl vor allem ein Mann des Gesprächs. Und zum anderen haben unsere Gespräche uns selber entscheidend geholfen.
Bei einem ersten Austausch fiel uns auf, dass Hemmerle in den ersten drei Sätzen nur davon schreibt, wie von Gott zu sprechen ist, und erst im vierten Satz das Sprechen von Gott in seinem Inhalt berührt. Beide hatten wir einen leichteren Zugang zu den drei ersten Sätzen zum Wie des Sprechens von Gott, wobei die Spannungen, die Hemmerle in diesen Sätzen konstruiert, uns zunächst blockierten. Oft verbindet er zwei Aussagen miteinander, die in entgegengesetzte Richtungen weisen. Wer sich von dem solcherart verschlossen wirkenden Text nicht ausschließen lässt, der bzw. die fühlt sich zumindest zunächst wie gelähmt im Denken und möglichen Handeln.
Und noch eine Beobachtung teilten wir miteinander, die uns den Zugang zum Text nicht erleichterte: Alle Unterpunkte der drei ersten Sätze sind an ein „Du“ formulierte Aufforderungen (I und II) oder allgemeine Sentenzen (III). Der Sprecher selber bleibt verborgen. Auch da, wo dieser „ich“ sagt, zeigt er sich nicht. Vielmehr soll der bzw. die Angesprochene sich in dem „Ich“ wiederfinden. Der Sprecher weist einen Weg, ohne seine eigene Erfahrung mit diesem Weg preiszugeben. Für uns blieb von daher die Frage, ob Hemmerle in seinem eigenen Sprechen erfüllt, was er von anderen fordert.  
Mirjam und ich gingen nun jeweils in einer eigenen Perspektive an den Text. Mirjams Perspektive war die der Grenze, meine die des Abstandes. Unsere jeweiligen Perspektiven führten uns aber in ein- und derselben dem Text verdankten Überzeugung zusammen: Das Entscheidende ist ein Leben, das sich selbst nicht genug ist.
Wir werden jetzt also – Mirjam und ich im Wechsel – versuchen, einen Satz nach dem anderen zu erschließen, mit den Mitteln, die jeder von uns zur Verfügung stehen. So werden wir wahrscheinlich weniger über Hemmerle sprechen als vielleicht zu ihm.

I. „Von Gott sprechen ist Prozess des Sich-Einsmachens; denn so spricht Gott.“

Was heißt „sich einsmachen“? Ein erster Anhaltspunkt ist das Wort „Prozess“. Dieser zielt nicht etwa darauf hin, ein Einssein hervorzubringen, in dem es kein „ich“ und „du“, kein „er“ oder „sie“, keine Welt mehr gäbe. Denn ein solches Einssein wäre das Ende jeder Beziehung und das Ende von Leben überhaupt. Stattdessen ist das Sich-Einsmachen eine Bewegung, die der Verwandlung des Lebens dient. Die Weisung, die Hemmerle im ersten Unterpunkt (I/1) gibt, lautet: „Mach dich eins mit dem Wort, bis es dein Leben ist; mach dich eins mit den anderen, bis sie dein Leben sind.“ Der Abstand zwischen dem Wort und meinem Leben, zwischen den anderen und meinem Leben bleibt. Nur so geht der Prozess des Sich-Einsmachens weiter.
Dieser nicht endende Prozess hat ein anderes Leben zum Ziel. Wenn das Wort immer mehr zu meinem Leben wird, wenn die anderen immer mehr zu meinem Leben werden, ist dann mein Leben nicht mehr nur mein Leben, mir so selbstverständlich wie mein Atmen. Dann ist es mehr als meine nur mir bekannte Weise, am Leben zu sein. Wenn ich mein Leben dem Wort öffne und den anderen, dann stimme ich nicht mehr so einfach wie vorher mit mir überein. Es tut sich ein Abstand auf zwischen Leben und Leben. Eine Idee von diesem Abstand gibt mir das Johannesevangelium.
Sein Leben geben, damit Menschen das Leben in sich haben: das ist, auch formal, die Mitte des Johannesevangeliums. Die Übersetzungen haben immer ein und dasselbe Wort: „leben“. Im griechischen Urtext aber stehen zwei Worte: psyché und zoé. Die jeweiligen Zusammenhänge lassen klar erkennen: Psyché ist das Wort für das Leben im Sinne des physischen Lebens, das irgendwann zu Ende geht, für das schlichte Am-Leben-sein. Zoé ist das Wort für ein Leben, das die Quelle von Lebendigkeit in sich selber trägt.
Um dieses Lebens willen weiß Jesus sich gesandt (vgl. Joh 10,10): Damit Menschen ein Leben in Überfülle haben, das aus einer eigenen inneren Quelle fließt (zoé), ist Jesus bereit, sein Leben (psyché) zu verlieren. Er hängt nicht daran, am Leben zu sein – und gewinnt so das Leben in Überfülle, das er für alle Menschen will. Dieser Gewinn einer unerhörten Lebendigkeit verdankt sich der Bereitschaft, das eigene Am-Leben-sein nicht für alles zu halten. Nicht daran festzuhalten. Im Christushymnus des Philipperbriefs heißt es: Er hielt nicht daran fest, Gott gleich zu sein. (Phil 2,9) Und Hemmerle ergänzt seinen Satz: „Von Gott sprechen ist Prozess des Sich-Einsmachens“ und fügt hinzu: „denn so spricht Gott“. Sich-Einsmachen ist gleichbedeutend mit Von-sich-Weggehen. „Denn so spricht Gott“!
Sich-Einsmachen mit dem Wort, mit den anderen, heißt: Ich gehe weg von mir selber. Ich soll mir nicht genügen. Was ich kenne und was ich weiß, soll mir nicht genügen, mein eigenes Sprechen soll mir nicht genügen. Ich soll andere Stimmen kennenlernen (I/2). Ich soll Situationen kennenlernen, in denen ich keine Antwort weiß. Ich soll in der Fremde, in der Ungültigkeit meiner Antworten ankommen (I/4), ich soll auf das Wort des anderen warten (I/5). Ein solches Weggehen von mir selbst eröffnet die Möglichkeit eines Ereignisses, mit dem etwas Unerhörtes, etwas Nicht-Erwartbares in die Wirklichkeit eintritt.
Es kann sein, dass die mir fremden Stimmen von Christus zu reden beginnen, wenn ich sie in mein Leben lasse (I/2). Es kann sein, dass Christus in mir eine Antwort gibt, wenn ich in Situationen hineingehe, in denen ich keine Antwort weiß (I/4). Es kann sein, dass der andere, dem ich das erste Wort lasse, ohne mich Gottes „erstes Wort“ hört (I/5). Jedes Mal ereignet sich etwas, was wie ein Überfließen dieser Lebendigkeit ist, die jene Menschen in sich tragen, die ihr Leben immer mehr dem Wort und den anderen öffnen.
Hemmerles Sätze rufen bei mir Szenen wach, die in den Evangelien erzählt werden. Um das Kennen geht es im Hirtenwort: „Wer durchs Tor hereinkommt, der ist Hirt der Schafe. Dem öffnet der Torwächter. Und die Schafe hören auf seine Stimme. Und er ruft seine Schafe Namen um Namen, und führt sie hinaus. Wenn er die Seinen alle hinausgetrieben, geht er vor ihnen her. Und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.“ (Joh 10, 2-4)
Christus kennt jeden Menschen und ruft ihn, ruft sie bei ihrem Namen. Er kennt jede Stimme; und die Schafe kennen die Stimme ihres Hirten. Anders als dieser Hirte kennen wir – Pastorinnen und Pastoren – nicht jede Stimme. Wenn wir dem Hirten ähnlich sein wollen, müssen wir alles tun, um die uns unbekannten Stimmen kennenzulernen! Denn sie kennen den einen Hirten: Christus. Auf sie müssen wir also zu hören lernen! Und darauf, was sie uns von Christus sagen!
Wenn ich höre, wie mir Stimmen von Christus zu reden beginnen, von denen ich meinte, dass sie ihn gar nicht kennen, werde ich voller Staunen sein. Und wenn ich mein Staunen ausdrücke, wird das Wort, das ich dann sage, sowohl von mir als auch vom anderen sprechen – und so wird es von Gott sprechen. „Nur das Wort sagt IHN, das mich und die anderen sagt.“ (I/3)
Die Evangelien erzählen immer wieder, wie Jesus einem Mann, einer Frau begegnet, die seine jüdische Tradition zu glauben nicht kennen. Sie „glauben“ einfach nur, dass er ihnen ein Mehr an Leben ermöglicht. Und Jesus sieht ihren „Glauben“ voller Staunen und drückt sein Staunen aus: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Dieser Ausruf Jesu spricht von ihm – von seiner staunenden Entdeckung; er spricht vom anderen – von seinem oder ihrem „Glauben“; und er spricht von Gott – weil dieser „Glaube“, diese Sehnsucht nach einem Mehr an Leben, Gott bezeugt als denjenigen, der nichts Anderes will als das Leben.
Das Staunen ereignet sich in mir wie von selber. Ich muss es nur zulassen. Das Staunen zuzulassen ist ein Akt des Weggehens von mir selber. Radikaler ist dieser Akt des Weggehens von mir selber, wenn ich in den Schmerz, in die Ohnmacht der Verzweiflung hineingehe. „Gehe dorthin, wo du keine Antwort weißt – dann kann ER sie geben; vielleicht in dir.“ (I/4)
Im Markusevangelium ist das letzte Wort Jesu am Kreuz der Schrei dessen, der keine Antwort weiß – und seine tiefe Ohnmacht Gott anvertraut, so wie es der Beter von Psalm 22 tut: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,33-34). Das Ereignis einer Antwort inmitten dieses radikalen Nichtwissens bleibt verborgen in der Unsicherheit des eigenen Innern: „vielleicht in dir.“ Aber auch dieser verzweifelte Ausruf des eigenen Nichtwissens ist Sprechen von Gott!
Das Sich-Einsmachen mit dem Wort und mit den anderen setzt voraus, dass ich von mir weggehe: indem ich das Staunen – und indem ich die Verzweiflung zulasse. Und indem ich daran arbeite, ein Handeln nicht zuzulassen, das einfach naheliegt: Es liegt nahe, dass ich mich überwiegend auf jene Menschen zubewege, bei denen ich eine Gemeinsamkeit vermute, und andere vermeide, weil sie mir fremd sind. Und es liegt nahe, besonders für Verantwortliche in der Pastoral, den Anfang mit dem Sprechen zu machen. Sich-Einsmachen mit dem Wort und mit den anderen verlangt, sich in diesem Punkt zurückzuhalten: „Nur, wenn der andere das ‚erste Wort‘ hat, kann er Gottes ‚erstes Wort’ wahrnehmen.“ (I/5)
Auch dieser Punkt ruft eine Szene wach, die im Markus- und im Lukas-Evangelium erzählt wird. Ein Blinder, der dort sitzt, wo Jesus vorbeigeht, ruft ihn. Darauf fragt Jesus: „Was willst du, dass ich dir tue?“ (Mk 10,51; Lk 18,41) Jesus lässt nicht zu, dass sein Wissen vom anderen diesen auf das reduziert, was er von ihm weiß. Seine Frage erlaubt dem Blinden, das erste Wort zu haben: „etwas erblicken möchte ich wieder“. Und es ereignet sich, dass er zu einem Sehenden wird. Er hört Gottes „erstes Wort“: „Geh, dein Glaube hat dich gerettet.“ (Mk 10, 52)
„Von Gott sprechen ist Prozess des Sich-Einsmachens; denn so spricht Gott“: So lautet Hemmerles erster Satz. Und nun der zweite: „Nur Gott spricht gültig von Gott. Dass ER spricht, ist deine Sache.“ Wenn der erste Satz so verstanden werden kann: „Von Gott sprechen heißt von sich weggehen“, so scheint der zweite Satz in die entgegengesetzte Richtung zu deuten: „Von Gott sprechen heißt, sich selbst zu sagen.“

Mirjam Gödeke:

II. „Nur Gott spricht gültig von Gott. Dass ER spricht, ist deine Sache.“

Der erste Satz würde doch völlig genügen: „Nur Gott spricht gültig von Gott.“ Zweifel und Sorge, für etwas einstehen zu müssen, das ich doch selbst nur bangend hoffen kann und glauben muss, finde ich darin gut aufgehoben. Wie entlastend ist der Gedanke: Gott allein kommt das gültige Sprechen von sich zu, ich muss mich nicht abmühen – stammelnd, um Worte ringend, oder gar eine Sicherheit vorgeben, die ich zwar prächtig formulieren kann, aber doch in Wahrheit nie habe.
Doch Hemmerle belässt es nicht bei dem ersten Satz. Er fährt fort: „Dass Er [– Gott –] spricht, [und zwar von sich,] ist Deine [– meine, Ihre –] Sache.“ Hemmerle kennt sie, diese Grenze in meinem Sprechen von Gott. Diese Grenze zwischen der Furcht, nicht von Gott sprechen zu können, und erst recht nicht „gültig“ sprechen zu können, und dem Drängen, doch sprechen zu wollen, ja zu müssen: von Amts wegen oder aus innerer Bewegung: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ – idealerweise fällt das wohl zusammen.
Im Einzelnen beschreibt Hemmerle fünf Schritte, die ich mir zu reformulieren erlaube.
Erstens: Die Offenbarung ereignet sich aus und in Menschen um mich her. Ich brauche Gott weder neu dorthin tragen, noch schon alles fertig und klar haben, wenn ich zu sprechen beginne. Im Begegnen entdecke ich Gott – genauer: er entdeckt sich mir und dem andern (II/1).
Zweitens: Offenbarung ereignet sich auch in mir. Mein Wort ist gut, gut genug, um von Gott zu sprechen – weil es das einzige ist, dessen ich mir sicher sein kann (II/2).
Drittens: Weder belanglos noch leichtfertig soll mein Sprechen sein, sondern hervorgehend aus Leidenschaft und Leiden (II/3). Diesen Punkt möchte ich ein wenig ausführen.
Die Leidenschaft ist nicht willentlich selbstgemacht oder herbeigeführt, sondern selbst schon Ereignis. Das überfließende Herz bebildert eine Eigendynamik, die Hingabe und Einlassen erfordert, die aber eben kein planbares Tun ist. Leidenschaft ist Ereignis.
Zur Rolle des Leidens zweierlei: Zum einen sind Begegnungen, von denen der erste Satz spricht, nicht nur ausgewählte freundschaftlich-frohe Kontakte, sondern auch solche, mit denen ich mich schwertue. Leute, denen ich nur widerwillig zuhöre, über deren Gehen ich froher bin als über ihr Kommen. Oder etwa: Gespräche, die nicht „gelingen“; Verständnis, das nicht zustande kommen will. Zuhören kann, darf, muss zuweilen meinem Widerstand abgerungen sein – und kann mich einiges kosten. Zum anderen mache auch ich mich verletzlich in diesen Begegnungen, wenn ich nicht Fertiges mitbringe, Worte, Bilder, Tröstungen, sondern mein Sprechen von Gott ans Ereignis Seines Sprechens im Anderen binde. Diese Aspekte deuten an, was Hemmerle mit dem Abringen des Sprechens gegen Widerstände meinen könnte. Die Grenze zu beschreiten zwischen Ich und Du, zwischen Sagbarem und Unsagbarem, zwischen Sprechen und Hören, kann mich mitunter einiges kosten und so in gewisser Weise leidvoll sein.
Hemmerles deutliche Worte unter II.3 mahnen an, dass auch und gerade, wenn es um alles geht, die Grenzen erinnert und wahrgenommen werden müssen. Nur so kann die Mission zum Zeugnisgeben geschützt werden vor Gefahren wie Übergriffigkeit und Machtmissbrauch.
Viertens: Der Prüfstein für mein Verständnis von Gottes Wort, das ich neu ins Wort zu bringen habe, ist das, was es mir von der Welt und meinen Mitmenschen neu erschließt. Kein erfassendes, begreifendes Verstehen, sondern ein unverfügbares Hören und Erfahren – genauer: das Widerfahrenlassen – liegt meinem Sprechen von Gott zugrunde.
Fünftens: Theologische Akrobatik hat zurückzustehen hinter persönlichem Lebenszeugnis, in dem Gottes Gegenwart zuerst spürbar, sichtbar, hörbar wird.
Ich würde mir wünschen, dass diese zweifache Bewegung, die Hemmerle hier einführt, Inhalt jedes Ausbildungskurses für Menschen in der Verkündigung wird: Einerseits auf die Grenzen des eigenen Sprechenkönnens stoßen und andererseits zum Ergreifen dieser Herausforderung ermutigt werden – verantwortungsvoll und beherzt. Die Grenzen des eigenen Kennens, Wissens, Vermögens wahrnehmen – dann aber nicht davor zurückschrecken, sondern an ihnen entlanggehen, ja, auf ihnen gehen. Denn wer spricht, hat Macht. Und diese Macht anzunehmen und zu gestalten, ohne sie zu missbrauchen, erfordert waches Bewusstsein und adäquates Handwerkszeug. Im Bewusstwerden der eigenen Grenzen und im Wahrnehmen der eigenen Verletzlichkeit kann ein Anfang dazu liegen. Grenzgängerin, Grenzgänger zu sein in diesem Sinne, ist ein täglicher Balanceakt. Aber anders kann es wohl nicht gehen, wenn Sätze nicht zu Phrasen entleert hinter dem Drängen zurückbleiben sollen, aus dem sie entstanden sind. In Hemmerles Sätzen höre ich seinen Wunsch, pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mögen solche Grenzgängerinnen und Grenzgänger werden.
Welchen Spannungen sie sich auszusetzen haben, davon spricht der dritte Satz.

Hadwig Müller:

III. „Gott spricht in unserer Sprache. Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen“

Von Gott sprechen, so wie Hemmerle es in den ersten beiden Hauptsätzen entfaltet, verlangt, wegzugehen von sich selbst. Und es verlangt, sich selbst zu sagen. In diesen beiden Sätzen steht die Beziehung des angesprochenen „Du“ zu den anderen, zur Welt und zu sich selbst im Zentrum. In diesem dritten Satz dreht sich alles um die Sprache selber. Entsprechend unterscheiden sich Stil und Form seiner Entfaltungen.
Während die ersten beiden Sätze in allen Punkten Aufforderungen an ein Du enthalten, haben die Punkte des dritten Satzes den Charakter von Sentenzen. Auch formal unterbrechen sie den Rhythmus der anderen Sätze. Es sind nicht fünf, sondern acht Entfaltungen, von denen die erste wie eine Einleitung zu den folgenden ist.
Alles dreht sich um die Sprache. Denn: „Gott spricht unsere Sprache“. Das heißt aber nicht, dass wir unserer Sprache vertrauen dürfen, so wie wir sie meistens verwenden: indem wir ihren Gesetzen und Grenzen gehorchen. Indem wir Bilder verwenden, um etwas zu veranschaulichen, Begriffe, um Begriffenes mitzuteilen, mit Traditionen an die Vergangenheit anknüpfen etc. Nein, wir müssen unsere Sprache in diesem uns gewohnten Sinn verlernen, um von Gott die Sprache zu lernen, in der wir von ihm sprechen können!
Das hat zur Folge, dass unser Sprechen in Bewegung gerät. Wenn wir von Gott sprechen – in unserer Sprache, wie Gott sie spricht – erleidet unser Sprechen ein Geschick, das Hemmerle in Paradoxen  beschreibt: „Überschuss sein über die Grenze und Bleiben unter der Grenze des Sprachkanons ist das Geschick des Sprechens von Gott.“ (III/1)
Das Überschreiten der Grenze des Sprachkanons beinhaltet die Anerkennung dieser Grenze genauso wie das Bleiben unter dieser Grenze. Ein Sprechen von Gott in unserer Sprache, so wie Gott sie spricht, zeichnet sich dadurch aus, dass es die Grenze des Sprachkanons in der Bewegung des Darüberhinausgehens und Darunterbleibens anerkennt. Nur darunter zu bleiben: im Rahmen des gegebenen Kanons der Sprachmöglichkeiten, ermöglicht keine Grenzerfahrung; nur darüber hinauszugehen, „Überschuss sein über die Grenze“ des Sprachkanons, verkennt diese Grenze.
Nur die Bewegung zwischen Darunterbleiben und Darüberhinausgehen nutzt die Chance, die mit der Grenze gegeben ist. Die Grenze sichert einen Abstand, der zur Ressource des Sprechens werden kann. Eines Sprechens, das Sicherheit und Eindeutigkeit verliert, dafür aber Denken und Fühlen in Bewegung bringt und Raum lässt, damit sich Neues ereignen kann. Eines Sprechens, das zum Staunen einlädt, zum Fragen, vielleicht zur ratlosen Ablehnung, aber auch zur Freude an einer ungeahnten Lebendigkeit!
Das machen die folgenden Sentenzen deutlich. Tradition, Banalität, Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen, Sprechen – damit zählt Hemmerle Möglichkeiten auf, über die der Sprachkanon verfügt. Wir können sie verwenden, indem wir in ihrem Rahmen bleiben. Dann ist Tradition ein Gespräch nur mit vergangenen Generationen. Dann ist Banalität gleichbedeutend mit platter Offensichtlichkeit. Dann setzt der Begriff ein Begreifen voraus. Dann öffnen Bilder die Augen für eine Realität. Dann setzt ein Erzähler Beginn und Ende des Erzählens. Dann ist Schweigen nichts als Schweigen und Sprechen nichts als Sprechen …
Wir können all diese Möglichkeiten aber auch so nutzen, dass wir über die Grenzen des Sprachkanons hinausgehen. Dann ist Tradition nicht nur Gespräch mit vergangenen, sondern auch kommenden Generationen – Zukunft! Dann muss der Banalität misstraut werden, weil die Oberfläche des Alltags, die sie präsentiert, eine Tiefe schützt: die Tiefe, in die Gott abgestiegen ist. Dann zeigt der Begriff kein Begreifen an, ohne zugleich die Unmöglichkeit eines Begreifens mitzusagen. Dann dienen Bilder gerade dazu, die Augen zu schließen und mehr und anderes zu sehen, als sie zu sehen vorgeben. Dann lässt der Erzähler seine Erzählung offen und bittet Gott, weiterzusprechen. Dann ist das Schweigen erfüllt von einem Sprechen, das Gott und das mich selber hören lässt. Dann ist das Sprechen kein Aus- und Zuendesprechen von allem, sondern eines, in dem Schweigen herrscht über das Geheimnis Gottes und über mein Geheimnis.
Diese Sprache, bei der Sicherheit und Eindeutigkeit verloren gehen – und schöpferische Lebendigkeit gewonnen werden, müssen wir, so Hemmerle, von Gott lernen! Gottes Sprechen selber vollzieht diese Bewegung zwischen Hinausgehen über die Grenze des Sprachkanons und Darunterbleiben. Vielleicht lohnt es sich, die Eigenart des Sprechens Jesu auf diesem Hintergrund anzusehen: Er nutzt die Grenze des Sprachkanons als Ressource, um die Fixierung auf die Vergangenheit und auf die Oberfläche der Dinge aufzubrechen, um das Wissenlassen der Begriffe und das Sehenlassen der Bilder zu kritisieren, um im Schweigen zu sprechen und im Sprechen das Schweigen zu wahren und seine Erzählungen dafür offen zu lassen, dass andere sie weitererzählen.
Von Gott sprechen heißt: von sich weggehen. Von Gott sprechen heißt: sich selbst sagen. Von Gott sprechen heißt: die Grenze des Sprachkanons als Ressource nutzen. Diese drei Sätze von Hemmerle beziehen sich auf das Wie des Sprechens von Gott. Erst im vierten Satz tauchen unübersehbar seine Inhalte auf: „Von Gott sprechen ist gelebtes Pascha“.

Mirjam Gödeke:

IV. „Von Gott sprechen ist gelebtes Pascha“

Nach der ausführlichen dreischrittigen Rede vom „Wie“ des Sprechens von Gott folgt nun der vierte Satz, der das „Was“ des Sprechens von Gott in den Blick nimmt: „Von Gott sprechen ist gelebtes Pascha.“
Ich hatte mir erhofft, nun im Konkreten zu lernen, wie es denn aussehen kann, dieses Sprechen von Gott, das sich eins gemacht hat mit dem Wort im anderen, das ganz meine Sprache spricht und das Gottes Sprache gelernt hat. Doch ich blieb ernüchtert zurück.
Wo ist sie hier, die Lebendigkeit, die Leidenschaft? Ich hätte mich gern mitreißen lassen davon, doch Hemmerles Sprache bleibt nüchtern, karg und unzugänglich. Wer soll mich denn verstehen, wenn ich so von Gott spreche? Die ganz großen Bilder werden heraufbeschworen, Kreuz und Ostern, der äußerste Fall in Jesu Leben – die Spannungen aus Satz III. projizieren sich auf diesen letzten Punkt. An Dramatik spart Hemmerle gewiss nicht: es ist vom Kreuz die Rede, von Blut, Schrei und Verstummen. Doch die großen Worte klingen mir wie das, was Hemmerle zurückzulassen empfiehlt: „Mythen fallen, Begriffe werden leer.“
Um mein Unbehagen zu lindern, habe ich mir den Satz II/2 zu Herzen genommen: „Trau Dich, von IHM zu sprechen, wie Du sprichst“ und den Versuch unternommen, die Sätze unter IV neu zu formulieren. So habe ich hier zu einem Imperativ gefunden, der in Hemmerles Sätzen vielleicht mitschwingt: Die Worte, mit denen von Gott gesprochen wird, müssen geprüft und durchlebt, stärker ausgedrückt durchlitten sein – Hemmerle sagt: „mit Blut getauft“. Erst im äußersten und echten Fall der Worte, wenn sie nicht nur gesprochen, sondern gelebt werden, entfalten sie ihr volles Potential. Und erst hier kann sich ereignen, was vorher im „Wie“ angenähert wurde: „Sprechen von Gott“.
Mir scheint, als stoße Hemmerle hier selber an die Grenze, auf die er aufmerksam machen will: „Begriffe werden leer“. So zeigt er, was die Worte, die er wählt, selbst im Wortsinn nicht auszudrücken vermögen. Ich bin mir sicher, dass er sich dessen bewusst war; seine persönliche Betroffenheit, die auch biographisch naheliegt, ist hier deutlich hörbar. Dann wäre dieser Sprechversuch, der in gewisser Weise scheitern musste, eine Art Stilmittel, eine Metapher, ein Versuch, in dem alles versammelt wird, was im Ernstfall Gewicht und Bedeutung hat. Der Überschuss über das Sagbare und das aus Gesagtem Fühlbare ist und bleibt uneinholbar: „Von Gott sprechen ist [und kann im letzten nur sein] gelebtes Pascha.“

Hadwig Müller:

Als wir – Du, Mirjam, und ich – uns unseren Widerstand gegenüber diesem vierten Satz und seinen Entfaltungen eingestanden, entdeckte ich erst, dass Hemmerle hier noch einmal alle Register eines Vokabulars zieht, das zum Sprechen gehört. „Begriffe (werden leer …)“ (IV/1) „Das Wort muss mit Blut getauft sein, um von Gott zu sprechen.“ (IV/2) „Die authentische Sprache von Gott ist der Schrei und das Verstummen (…).“ (IV/3) „Ostern nimmt ins Gespräch zwischen Vater und Sohn im Geist. Sprechen von Gott spricht aus diesem Gespräch – zwischen uns.“ (IV/4) „Das Subjekt des Sprechens von Gott ist der Gekreuzigte und Auferstandene zwischen denen, die teilen, lieben, loben.“ (IV/5)
Noch einmal beschreibt Hemmerle also ein Sprechen. Aber jetzt ist es nicht mehr ein erinnerndes, begreifendes, erzählendes Sprechen, das im Überschuss über die Grenze des Sprachkanons und dem gleichzeitigen Darunterbleiben aufgebrochen wird. Jetzt, in diesem vierten Satz, geschieht das Sprechen nicht mehr in Begriffen und Worten, die, auch als unsicher gewordene , doch unsere Begriffe und Worte sind. Das Sprechen ereignet sich in Gott: als Gespräch zwischen Vater und Sohn im Geist; als Schrei des am Kreuz von Gott Verlassenen, als das mit Blut getaufte Wort, als sprechende Präsenz des Gekreuzigten und Auferstandenen zwischen „uns“, die wir von Gott zu sprechen versuchen.
Von Gott sprechen heißt jetzt: das Sprechen Gottes zulassen. Das Sprechen Gottes in seinem äußersten Weggehen aus sich selbst in die Gottverlassenheit des Sohnes. Das Sprechen Gottes im Gekreuzigten und Auferstandenen. Von Gott sprechen heißt jetzt: Sich in das Gespräch Gottes hineinnehmen lassen, das nicht in Gott bleibt, sondern zwischen uns weitergeht. Darum kann es hier keine Aufforderung mehr an ein „du“ geben. Denn es geht nicht darum, dass ich weggehe von mir selbst – und von mir selbst spreche. Es geht auch nicht darum, die Sicherheiten eines im Rahmen bleibenden Sprechens aufzugeben.
Es geht um ein Sprechen, das „gelebtes Pascha“ ist: Das sich in Sterben und Auferstehen ereignet, in Sterben und Auferstehung Jesu Christi und in unserem eigenen Sterben und Auferstehen. Dieses Sprechen ereignet sich. Es steht nicht in unserer Macht, ist an keine Bedingung geknüpft, nicht einmal an die des Glaubens – das Wort taucht überhaupt nicht auf! Es ist losgelöst von dem Sprechen, das wir von uns unbekannten Stimmen hören und uns abringen im Hören auf das eigene Herz. Es ist losgelöst von der Sprache, die wir lernen können, indem wir die Grenze des Sprachkanons als Ressource nutzen.
Dieses Sprechen, das „gelebte Pascha“, ist unhörbar. Das Sprechen des „mit Blut getauften“, in den Tod einwilligenden Wortes ist unhörbar. Das Verstummen des am Kreuz von Gott Verlassenen ist unhörbar. Das Gespräch zwischen Vater und Sohn im Geist – das sich zwischen uns ereignet – ist unhörbar. Das Sprechen von Gott durch den Gekreuzigten und Auferstandenen ist unhörbar.
Das hörbare Sprechen von Gott, das Hemmerle in den drei ersten Sätzen durch die Spannungen, in die er es hineinstellt, immer wieder als nahezu unmöglich erscheinen lässt, zielt auf das unhörbare Sprechen von Gott, das sich zwischen den Menschen ereignet, weil sie nicht nur Menschen sind, die um ein Sprechen von Gott ringen, sondern zugleich auch Menschen, die von Gott bewohnt, die in Gott sind: „Wir in Ihm, Er in uns.“ (IV/1)
So wie sich im Leben der Abstand auftut – zwischen meinem Am-Leben-sein und einer aus meiner eigenen inneren Quelle hervorfließenden Lebendigkeit – so tut sich im Sprechen der Abstand auf zwischen meinem hörbaren Sprechen und jenem Sprechen, das „gelebtes Pascha“ ist. Und so tut sich ähnlich der Abstand im Menschen auf – zwischen dem Menschen, der sich als „ich“ und „du“ erkennt, und dem in Gott wohnenden, von Gott bewohnten Menschen.
Dieser vielfache Abstand ist kostbar. Für den französischen Philosophen François Jullien ist er eine Quelle, eine Ressource des Christentums. Er ist kostbar, weil er dazu herausfordert, nicht festzuhalten an der einen Seite des Abstandes. Nicht genug daran zu haben und daran festzuhalten, dass ich atme und mein kleines Leben lebe. Nicht genug daran zu haben, dass mein Sprechen ein hörbares Suchen nach Worten ist. Nicht genug daran zu haben, dass ich diejenige bin, die „ich“ sagt in der Beziehung zu einem „du“. Der Abstand fordert mich heraus, die Wirklichkeit dieser Person, die atmet und spricht und „ich“ sagt, nicht für alles zu halten, was es gibt. Daraus kann mir ein anderes Leben erwachsen, ein Leben in Überfülle.

Mirjam Gödeke und Hadwig Müller:

Heute von Gott sprechen?

In den Abstand zu sich selbst gehen, in den Abstand zu einer Theologie, die den Anspruch erhebt, gültig von Gott zu sprechen, in den Abstand zu einer Sprache, die ihre eigene Grenze nicht anerkennt – das sind, wie wir finden, auch für heute Regeln, die hilfreich sind, um so von Gott zu sprechen, dass sich in diesem Sprechen etwas ereignen kann, was so neu ist wie der sprechende Gott selber. „Sicher, wir sind Geschöpfe, wir können nicht über uns verfügen, es gibt einen unendlichen Abstand zu Gott, aber sobald wir diesen Abstand ernst nehmen, sobald wir uns beschenken lassen, wird gerade dort innerlich Fülle wachsen.“ (Klaus Hemmerle, in einer Rede 1983)

Immer wieder haben wir Hemmerles Absicht für uns umformuliert:
Diejenigen, die beruflich oft von Gott zu sprechen haben, sollen zu zögern und zu stottern beginnen.
Diejenigen, die auf ihre eigenen Grenzen gestoßen werden, sollen nicht verzagen und mutig weitergehen – an und mit diesen Grenzen.
Diejenigen, von denen erwartet wird, dass sie von Gott sprechen, weil sie von ihm wissen, sollen ins Stolpern kommen und mit ihrem Nichtwissen konfrontiert werden.
Diejenigen, die sich hinter scheinbar Gewusstem verstecken, sollen mehr auf eigene Erfahrung und Sprache bauen.
Diejenigen, die zu anderen von Gott sprechen, sollen mit anderen – und vielleicht gar nicht zuerst „von Gott“ – sprechen.
Diejenigen, die fertige Traktate mitbringen, sollen dem Uneindeutigen, Unabgeschlossenen Raum geben.
Diejenigen, die meinen, von Gott sprechen zu müssen, sollen sich Zeit nehmen, um auf ihn zu hören. Ich selber soll, wenn ich von Gott spreche, ins Zögern und wahrscheinlich auch ins Schweigen, auf jeden Fall ins Hören kommen.
Diejenigen, die geben wollen, sollen empfangen üben.

Wir sind nicht bei uns geblieben mit unseren jeweiligen Fragen, Widerständen, manchem Unverständnis und wachsender Faszination, sondern sind miteinander und auch mit Klaus Hemmerle – auf die Entfernung und durch den Text hindurch – ins Gespräch gegangen. Und dieses Gespräch heute mit Euch und Ihnen zu teilen, ist unser Beitrag im bunten Geburtstagsgeschenk für Klaus Hemmerle.

 

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