Burke, Andree/Feiter, Reinhard: Wovon uns Hemmerles Gedichte erzählen


 

 

Beitrag zum Bunten Abend am 6. April 2019 im Rahmen der Tagung „Jugend hat Zukunft. Ein Geburtstagsgeschenk an Klaus Hemmerle“ in Aachen.[1]

 

 

1

Friedensgruß

Viel erkennen und wenig sehen – das ist die Erfahrung von Wahrnehmung, die in Klaus Hemmerles Gedichten bloßgestellt wird: Wie oft erkennt schon mein Blick, was ich noch nicht wirklich gesehen habe? Wie oft gehe ich achtlos an dem vorbei, was mir so viel zeigen könnte? Wie oft entlarvt mein unbeteiligtes Schweifen mich als Außenstehenden?

Klaus Hemmerles Gedichte führen in ein Innen hinein – das Innen der Sachen an sich. Wer sich auf sie einlässt, erkennt manchmal, dass er noch nicht wirklich gesehen hat, was sich im Kleinsten schon zeigt – den Hinweis auf die Botschaft, die sich je anders und neu artikuliert. Ich beginne mit einem Friedensgruß:

In den alten Straßen der Stadt
geben jeden Tag
die Häuser sich den Friedensgruß.
Sie strecken einander die Arme entgegen,
behängt mit frischen
Friedenszeichen aus Weißem
und Freudenzeichen aus Buntem,
und die hohen Haushäupter
neigen ihre Ornamentbänder
sich zu,
daß nur ein schmaler Streifen bleibt
für die Bläue des Himmels.

Doch um das Licht
für den schweren Ocker der Mauern
hab keine Sorge.
Aus dem Spiegel des Meeres
bricht Helle
von allen Enden und Seiten herein.

Was hätte ich ohne dieses Gedicht zu kennen in den Straßen Algheros gesehen, in denen auf zwischen den Häusern gespannten Wäscheleinen weiße und bunte Kleider zum Trocknen hängen?

Jedenfalls weist das Gedicht nicht auf das hin, was die funktionalste und oberflächlichste Beschreibung für die Szene wäre: Es trocknet Wäsche. Stattdessen erzählt es, was hier zu sehen ist: Da sind Verbindung und Zuneigung, Farbenfreude und Friedensweiß, Entgegenkommen und Nähe – und all das gratis und umsonst. Denn das Licht, das die Straße braucht, bahnt sich seinen Weg.

Wenn hier auch keine einzige eindeutig religiöse Vokabel auftaucht, ist es doch ein Bekenntnis und ein Zeugnis: Im Wahrnehmbaren wartet die Botschaft – wer für wahr nimmt, was er sieht, entdeckt die Zeichen.

„Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht (βλεπομένων).“ (Hebr 11,1) nennt der Hebräerbrief ‚Glauben‘. Hemmerle sieht, was man nicht sieht – ein anderes Sehen verwandelt seinen Blick zu gläubigem Blick, der mit dem gedichteten Wort jenes Sehen bezeugt.

Wie oft erkennt schon mein Blick, was ich noch nicht wirklich gesehen habe? – Ein zweites Gedicht mag in dieses ‚Sehen‘ weiter einführen.


2

Altstadt-Düfte

Du mußt die Augen schließen
und die Sinne öffnen
und durch die Altstadt gehen.
Grundton Holzkohlefeuer,
Dominante Meerfrische,
Zwischentöne vom Fischmarkt,
Untertöne Knoblauch.
Viele Obertöne, immer wieder
Rosmarin.

Klaus Hemmerle war ein spekulativer Kopf, der schier alles in eine Einheit hinein aufzuheben wusste. Andererseits hatte er Freude, eine geradezu kindliche Freude daran, herauszuschmecken, welche Gewürze in der Soße waren, einen besonderen Wein zu verkosten, oder Düfte zu unterscheiden.

Freilich erzählt das Gedicht nicht einfach nur von den Gerüchen der Altstadt Algheros. Vielmehr zählt es zu jenen Gedichten, in denen Hemmerle die Entstehungsbedingung seiner Gedichte reflektiert.

„Du mußt ...“, hebt das Gedicht an – und hebt die Antwort auf eine Frage an, die vorausgesetzt, aber selber gar nicht genannt wird: nämlich Hemmerles Antwort auf die Frage: Wie geht das, Alghero und seine Altstadt wirklich wahrzunehmen?

Du mußt die Augen schließen
und die Sinne öffnen
und durch die Altstadt gehen.

Paradox, aber wahr: Erst wenn ich die Augen schließe, kann ich die Sinne öffnen.

Erst wenn ich meinen Blick, der bereits aus der Ferne erfasst, und der gleichsam sofort das Panorama sieht – erst wenn ich meine Ansichten einklammere und meinen herrscherlichen Blick auf die Dinge, die Menschen, die Welt außer Kraft setze, kann mir wirklich etwas auf-fallen,

sodass ich auf-merke,
sodass ich Neues und Fremdes wahrnehme,
sodass ich mir die Welt sinnlich geben lasse.

Doch wie soll das gehen?

Wie sollte ich jemals absehen können von meiner Perspektive? Wie sollte ich mich frei, wirklich frei machen können von dem eingerasteten und genormten Blick? – Es geht nicht auf einmal oder im Nu. Es geht nur im Gehen. „Du mußt ... durch die Altstadt gehen.“

Das ist in der Tat das Geheimnis der Wahrnehmung: Wahrnehmung braucht Bewegung.

Die Wahrnehmung ist gebunden an das Gehen, an ein Hin-Gehen, ein Nach-Gehen und ein Mit-Gehen.

Du mußt die Augen schließen
und die Sinne öffnen
und ... gehen.


3

Gott spricht in unserer Sprache. Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen

Wer sich mit den Texten Hemmerles beschäftigt, findet Verse, immer wieder Verse – auch da, wo man sie nicht erwartet, auch zwischendrin. Das gilt ebenso für Sätze, die zwar nicht im strengen Sinne Verse sind, aber etwas verdichtet zum Ausdruck bringen. Man fragt sich: Warum greift Hemmerle so oft auf diese Sprachform zurück? Was sagt und bringt uns diese ‚dichte‘ Sprache?

Um dies zu beantworten, zitiere ich einen solchen Text, der das Sprechen von Gott thematisiert. Hemmerle hat ihn 1993 handschriftlich im Rahmen einer Klausurtagung des Diözesanpriesterrats des Bistums Aachen vorgelegt. Der Text besteht aus nichts anderem, als einer Reihe an parallel gebauten Sätzen in vier Spalten. In der dritten Spalte heißt es:

Gott spricht in unserer Sprache.

Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen

1. Überschuß sein über die Grenze und Bleiben unter der Grenze des Sprachkanons ist das Geschick des Sprechens von Gott.

2. Tradition ist gut, wo sie Gespräch mit den Generationen zuvor und hernach ist.

3. Banalität ist gut, wenn sie den Ort hütet, bis zu dem Gott abgestiegen ist.

4. Begriff ist gut, wenn er sein Scheitern mitsagt.

5. Bild ist gut, wenn es meine Augen verschließt.

6. Erzählen ist gut, wenn ER weitersprechen darf.

7. Schweigen ist gut, wenn es Ihn und mich sagt.

8. Sprechen ist gut, wenn es Sein und mein Geheimnis verschweigt.

Diese parallel gebauten Sätze reißen fundamentale Kategorien auf, in denen es überhaupt möglich ist, sich auszudrücken: Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen, Sprechen. Doch sie zeichnen nicht eine Sprechakttheorie, sondern ziehen eine Grenze.

Hemmerle beschreibt Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen und Sprechen nicht bloß als Verständigungsprozesse. Vielmehr weist er darauf hin, dass Lücken zwischen Ausdruck und Verständnis offen und unbesetzt bleiben. Ein Satz wie „Ich mag Dich gern.“ vermittelt mehr als er an Sachinformation transportiert. Das jedoch nur, wenn nicht angeblich schon klar ist, wie sich Mögen, Ich und Du im Detail ausbuchstabieren. Im Gegenteil: Wenn ich dich mag, stoße ich gerade an die Grenze konkreter Bedeutungen. Ich weiß nicht genau, was dieses ‚Mögen‘ bedeutet, aber: Der Satz „Ich mag Dich gern.“ ist gerade dann wahr, wenn der Begriff fragil bleibt: Ich kann in meinem Dich-Mögen scheitern, ja: mein Mögen an sich kann scheitern. Mir zumindest stehen Beispiele dafür vor Augen. Doch indem ich den Begriff mitsamt seiner Möglichkeit zu scheitern trotzdem sage, spreche ich Gottes Sprache, die unsere Sprache ist: Du darfst – mögen.

Die Grenze verläuft entlang unseres Ausdrucks selbst. Hemmerles dichte Sprache erzählt von der Grenze, an die sie stößt. Dadurch kommt der zu Wort, von dem wir unsere Sprache – die sich in mehr verwirklicht als bloßes Sprechen-Für-Sich zu sein – erst lernen, von dem her unsere Sprache ihrem eigentlichen Sinn erst zugeführt wird: Raum meines Wortes ist Raum für Sein Wort, die Grenze meines Sprechens zeigt den Überschuss jenseits der Grenze.


4

Feigenbaum im März

Wie ein Fremdling im Frühlingsgarten
der graue Kreisel
aus übereinander ragenden
sich rückwärts neigenden,
nach oben blickenden
Oranten.

Am letzten Tag
entquillt den aufgehobenen Händen
erstes Blattknospengrün.

„Feigenbaum im März“ hat Klaus Hemmerle an das Ende seiner Gedichtsammlung platziert. Das ist plausibel. Scheint doch eine Begebenheit des letzten Tages, des letzten Urlaubstages erzählt zu werden: dass am Tag oder Vortag der Abreise auch der Feigenbaum, der Spätling, noch sein erstes Grün zeigt.

Dann erschiene aber das Motiv des Gebetes: von „Oranten“, von „aufgehobenen Händen“ ist die Rede – dieses Motiv erschiene wie aufgepfropft zu sein und müsste Hemmerle als einem Theologen und Bischof nachgesehen werden, der um die biblische Bedeutung des Feigenbaums weiß. – Die Frage ist allerdings, ob hier wirklich durch den Zugriff der Frömmigkeit der Feigenbaum zum Beter wird.

Da ist zunächst der noch blattlose Feigenbaum, und dieser steht da unter den knospenden Gewächsen, wie ein menschlicher Beter, der allein und unerhört dasteht. Da sind sodann die zum Gebet erhobenen menschlichen Hände, und ihnen entsprießt – „am letzten Tag“ – gleich einem Feigenbaum knospendes Grün. Beides aber ist durch die strophische Gliederung voneinander getrennt. Eine platte Identifizierung findet nicht statt.

Hemmerles „Sardische Notizen“ sind fraglos fromm, aber deshalb nicht schon eine Sammlung „frommer Gedichte“. Religiöse Motive und biblische Metaphorik sind in den Gedichten zwar allgegenwärtig, aber nicht als solche wichtig. Wo sie sich in den Vordergrund drängen, was m. E. vorkommt, da ist auch das Ergebnis entsprechend.

Doch im Kern ist die Frömmigkeit der „Sardischen Notizen“ eine Erfahrung der Kreatürlichkeit, und zwar einer Kreatürlichkeit, in der die Grenzen der Gattungen zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen durchlässig werden. Die Gedichte leben von einer Vertrautheit von allem mit allem – weil alles gut ist, weil aber auch alles verbunden ist in der Solidarität eines Mit-leidens.

So werden die Grenzen zwischen Kultur und Natur fließend. Es ergeben sich Symmetrien und Spiegelungen, ja Spiele – und diese sind durchaus franziskushaft und überspringen dann auch unbefangen Grenzziehungen zwischen poetischer und religiöser Sprache.

Urlaube haben einen letzten Tag – Welt, Zeit, Leben auch.

 


[1] Vgl. zu den Textteilen 2 und 4: Feiter, Reinhard: Lerne am Herd die Würde des Gastes. Materialien und Überlegungen zum Italienbild Klaus Hemmerles (1929–1994), in: Geschichtsverein für das Bistum Aachen (Hg.): Vom Rhein zum Tiber. Das Italienbild historischer Persönlichkeiten aus dem Bistumsgebiet (Geschichte im Bistum Aachen, Beihefte 5), Neustadt/Aisch 2007, 121–150, sowie Feiter, Reinhard: Gedichte sind Spuren. Ein Beitrag zur Ausstellung „Bilder sind Wege“ zum Gedenken an Bischof Klaus Hemmerle, Clara-Fey-Gymnasium, Schleiden, 9. September 1999, in: Katholisches Bildungswerk der Region Eifel (Hg.): „Bilder sind Wege“. Eine Dokumentation, Schleiden 2000, 34–61.

 

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