Schröder, Christian: Gemeinden für Weltreisende


 

 

 

Vortrag anlässlich der Tagung „Jugend hat Zukunft. Ein Geburtstagsgeschenk an Klaus Hemmerle“, 5.-6. April 2019, Bischöfliche Akademie Aachen. Textgrundlage: Christus nachgehen (1980) 

 

EINLEITUNG

Nicht nur von der real in Sicht kommenden Möglichkeit des Endes aller Produktion und allen Konsums, sondern auch vom inneren Tempo dieses Lebens her scheint es nicht mehr weiterzugehen. Die Frage nach der Zukunft wird bedrängend. Sie ist zutiefst die Frage nach dem Sinn, und das heißt die Frage nach dem Wohin. Alles bewegt sich, aber wohin bewegt diese rasende Bewegung sich? Im Erschrecken vor dieser Frage, die aus sich selbst keine Antwort entläßt, erstarrt der Mensch, hat er den Eindruck: Es geht nicht weiter. Hier haben die Resignation so vieler junger Menschen, hier auch ihr Drängen nach einer Antwort auf die Sinnfrage, ihr Aufbruch in die Zukunft die Wurzeln.


Der Text „Christus nachgehen“ war neu für mich. Ich habe ihn in der Vorbereitung auf heute zum ersten Mal gelesen. Und mich schon beim Vorwort kurz gefragt: Wie alt sind eigentlich die Jugendlichen heute, die Klaus Hemmerle da im Blick hat. Der Text stammt aus dem Jahr 1979. Die Jugendlichen von damals sind heute also zwischen Mitte 50 und Anfang 60. Ob ihre Vorbehalte gegen den Weg der Kirche immer noch dieselben sind, wie Hemmerle sie diagnostiziert oder ob sie sich mit den Jahren einfach rausgewachsen haben, das kann ich nicht beurteilen.

Stattdessen möchte ich auf die Altersgruppe schauen, zu der ich mir eine Einschätzung zutraue. Es ist gleichzeitig auch die Altersgruppe, die fast alle kirchlichen Veränderungsprozesse ganz besonders in den Blick nehmen wollen. „Heute bei dir“ im Bistum Aachen ist darin keine Ausnahme. Es sind die sogenannten jungen Erwachsenen. Um den Horizont aufzuspannen, welche Lebensrealitäten sich darin aufspannen, nehme ich zwei Personen, die an den Rändern dieser Alterskohorte sind. Der eine ist Jakob. Der andere bin ich, der gerade in den ersten Jahrgängen der Generation Y geboren ist.

Ich möchte sie auf drei Etappen mitnehmen:
1.    Gemeindeerfahrung junger Erwachsener
2.    Narrative Identität
3.    Gemeinde als Weggemeinschaft

 

GEMEINDE

Viele Menschen in den Generationen über uns nehmen den Abbruch der traditionellen Gemeindeformen als Niedergang wahr. Lange haben sie das kirchliche Leben vor Ort getragen, oft erst mit aufgebaut. Nun sehen sie ihre Kräfte langsam schwinden und keine Chance auf Nachfolger*innen. Für manche fühlt sich das fast an wie ein persönliches Scheitern. Ich verstehe ihre Empfindung, aber schon meine Generation hat andere Erfahrungen mit kirchlichen Gemeinden gemacht.

Als ich 17 war, wurde über die ersten Zusammenlegungen von Pfarrgemeinden in meinem Heimatbistum Trier diskutiert. Die Lokalpatrioten schäumten. Bei „denen da drüben“ gehe man ja wohl nicht in die Sonntagsmesse. Meine Freunde und ich, die damals Messdienergruppenstunden und Ferienfahrten organisierten, haben oft nur den Kopf geschüttelt. Wir sind sowieso in der nächstgrößeren Stadt zur Schule gegangen. Dementsprechend haben unsere Freunde auch alle verstreut gewohnt. Wenn sich jetzt nicht mehr alles Kirchliche nur bei uns im Dorf abspielen sollte, wo dann doch immer dieselben Leute auftauchten, dann führte das bei uns höchstens zu Schulterzucken. Trotzdem bewegte sich lange nichts, weil unsere eigenen Eltern in den Räten blockierten, wo es nur ging. Wir haben unser Ding einfach weitergemacht. Wir wussten sowieso, dass es nur noch für zwei bis drei Jahre so sein würde wie jetzt. Denn dann wären Abi und Zivildienst durch und wir erstmal weg.

Wenn ich heute mit Jakob rede, der jetzt 17 ist, dann erzählt er mir ganz selbstverständlich, dass er sich mit 12/13 aus seiner Wohnortgemeinde verabschiedet hat, weil es dort nichts Interessantes mehr für ihn gab. Er hatte das Glück, mit kafarna:um eine Gemeinde zu finden, wo er Gleichaltrige traf. Aber genau wie ich wird er als Mitglied des Leitungsteams in der Jugendkirche mit Strukturfragen überhäuft, soll sich für Gesprächsprozesse anmelden, die in zwei bis drei Jahren zu Ergebnissen führen werden, obwohl ihn das alles subjektiv nicht betrifft. Und Jakob hat keine Ahnung, was in zwei bis drei Jahren sein wird, wo er dann lebt und wie er dann Kirche braucht. Und er maßt sich nicht an, jetzt an strukturellen Entscheidungen mitzuwirken, die ihn dann unter Umständen gar nicht mehr betreffen. Er ist jetzt Mitglied einer Gemeinde, weil genau diese Gemeinde zu ihm passt und ihm Raum für seine Fragen gibt. Er ist ein situatives Gemeindemitglied und kein prinzipielles. Dass das auf keinen Fall bedeutet, dass Jakob nur im Augenblick lebt und sich keine Gedanken über die Zukunft macht, lässt sich vielleicht durch Folgendes verdeutlichen: Gestern Abend hat er mir eine Nachricht geschrieben. Im Flur der Jugendkirche habe er spontan einen großen Bollerwagen deponiert. Den brauchten sie heute bei „Fridays for Future“ in Aachen. Er sei da im Orga-Team und halte auch eine Rede.

So wie Jakob geht es vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und so geht es auch noch mir und vielen meiner Freunde. Längst nicht jeder von uns – und ich rede hier von denen, die sich als Christin oder Christ bezeichnen – googelt beim Umzug sofort, welche Kirchengemeinden denn da am neuen Wohnort so mit welchem Programm unterwegs sind. Wir schließen uns Gemeinden an, wenn wir das Bedürfnis dazu verspüren. Wenn sie uns in unserer konkreten Lebenssituationen etwas nützen.

 

IDENTITÄT

Aber was ist eigentlich die große biografische Herausforderung meiner Generation und den Jahrgängen nach uns?
Ich glaube es ist in viel stärkerem Maße als bei den Älteren die Suche nach Identität in einer komplexen Welt. Für die Jahrgänge, die ab den frühen 1980ern geboren sind, die sogenannte Generation Y, sind viele Gewissheiten nicht mehr da, die für die Generation vor uns noch selbstverständlich waren. Ich bin an der Grenze zu Frankreich aufgewachsen und habe meine erste wirklich Grenzkontrolle trotzdem erst erlebt, als ich in die USA geflogen bin. Die Zahl der möglichen Studienabschlüsse und Berufsausbildungen ist explodiert. Es gibt kein klares Freund-/Feind-Schema mehr in der Weltpolitik, lebenslang beim selben Arbeitgeber bleibt kaum noch einer und weil der erste Internetanschluss bei uns zu Hause installiert wurde als ich 12 war, kann ich mich auch nicht wirklich an ein Leben ohne das Internet erinnern.

Es ist viel weniger vorgezeichnet, wer man sein und wie man sein Leben leben will. Und diese Phase setzt sich bis weit ins Erwachsenenalter fort, bis hin zu meiner Situation als verheirateter, junger Vater, der im Speckgürtel einer Großstadt lebt. Wenn es um die Entwicklung von Identität geht, ist für mich, auch in meiner Arbeit, ein Ansatz von Paul Ricoeur sehr wichtig geworden. Zwei klassische Herausforderungen gibt es für die Identitätsbildung: Einerseits empfinden Menschen sich als kontingent, erinnern sich, wie sie als Kind, als Jugendlicher waren. Andererseits bleiben wir uns nicht ständig gleich, wir verändern unter Umständen fundamentale Dinge in unseren Einstellungen, in der Art wie wir uns die Welt erschließen, wie wir glauben, hoffen, lieben. Ricoeur favorisiert angesichts dessen eine narrative Identität, die sich durch sogenannte sinnstiftende Erzählungen der eigenen Biografie formt.

Wie können solche sinnstiftenden Erzählungen heute aussehen? Wie funktionieren sie eigentlich? Ricoeur interessierte sich dafür, wie Menschen eine für sie überzeu-gende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ erhalten. Dies geschieht nach seiner Beobachtung dadurch, dass sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählen oder zumindest als erzählbar verstehen. Die Fakten und Rahmenbedingungen ihres Lebens sind objektiv betrachtet einfach nur „Vorkommnisse“. Erst durch die Platzierung in einer Geschichte werden sie zu „Ereignissen“, weil wir ihnen durch das Arrangieren in einer Geschichte Sinn verleihen. Diesen Prozess nennt Ricoeur in An-lehnung an Aristoteles „Mimesis“, also Nachahmung. Genauer gesagt, sieht er sogar drei miteinander verbundene Nachahmungsprozesse. In der Mimesis 1 werden Ereignisse überhaupt als erzählenswert wahrgenommen. Wir nehmen dabei wahr, dass die Abfolge von Ereignissen des Lebens nicht irrelevant ist, sondern Bedeutung hat. Das Leben schreit geradezu danach, erzählt zu werden. Die erste Mimesis liefert das Rohmaterial der Erzählungen: Ereignisse, Empfindungen, Situationen, Charaktere. Potenziell also alles, was ein junger Mensch heute etwa im Laufe eines Tages erlebt und vielleicht auch in seiner Instagram-Story teilt. Jeder Blick, jede Begegnung, jedes Essen, jeder lustige Spruch unter Freunden.

Die erzählerische Antwort auf diesen Kontext geschieht in der Mimesis 2. Mit dem Rohmaterial unserer Welt und Umwelt konfigurieren wir eine Geschichte, d. h. die Ereignisse und Figuren werden miteinander in einem Spannungsbogen verbunden. Dies kann planvoll geschehen oder zufällig. Die Fotos eines Tages, automatisch zur „Story“ arrangiert, sind der bewusste oder unbewusste Versuch, die erzählenswerten Ereignisse miteinander zu verbinden. Wann immer wir das tun, greifen wir natürlich auf uns bekannte Geschichten zurück. Kein Evangelist hat seine Version der Frohen Botschaft ohne Rückgriff auf antike Genres geschrieben, und auch wir bedienen uns eifrig an Spannungsbögen, die wir selbst in Geschichten gehört haben. Aber selbst wenn auf tradierte Formate zurückgegriffen wird (z. B. weil bestimmte Influencer das auch genauso machen), ist doch jede Geschichte ein Original, weil das Rohmaterial an Lebenserfahrungen individuell ist.

Eine Geschichte, die niemand liest, sieht oder hört, ist unvollständig. Narrative Identität bildet sich nur aus, wenn die Geschichte nicht allein der Selbstvergewisserung dient, sondern auch zur Interaktion führt. Das Lesen, Sehen oder Hören einer Geschichte vervollständigt sie, verändert sie aber auch. Ricoeur nennt das Refiguration oder Mimesis 3. Niemand wird dauernd Instagram-Stories bauen, wenn er keinerlei Kontakte auf der Plattform hat, die seine Geschichten anschauen. Selbst wenn er im Normalfall keinerlei Reaktionen auf seine Story bekommt: Er sieht, dass sie gesehen wurde, sowie der Autor weiß, dass sein Buch verkauft und daher vermutlich auch gelesen wird.

Zur Identitätsbildung trägt dieser Prozess laut Ricoeur eben dann bei, wenn nicht irgendwelche beliebigen Bausteine zu einer Geschichte verknüpft werden, sondern sinnstiftende Erfahrungen und Erlebnisse.

 


GEMEINDE ALS WEGGEMEINSCHAFT? GEMEINDE ALS ERZÄHLGEMEINSCHAFT

Klaus Hemmerle betont in seinem Text, dass der Weg die Grundmetapher des Christentums sei. Jesus selber ist für ihn der Weg, den die Kirche den jungen Menschen anbietet. Aus heutiger Sicht frage ich mich aber: Trägt das in einer komplexen Welt? In einer Welt, in der wir ständig die Erfahrung machen, dass es für die allermeisten Probleme eben nicht den einen klaren, alles lösenden Weg gibt? Wir erleben heute Lösungen meistens als fragmentarisch, als lokal. Das geht von den großen politischen und gesellschaftlichen Fragen bis hinein ins Persönliche, wo es auch nicht den einen klar vorgezeichneten Weg gibt.

Stehen wir dann vor der Wahl: Entweder Jesus ist eben nicht mehr so wichtig, nur eine Möglichkeit unter vielen anzusehen, oder es führt kein Weg an ihm vorbei und wir vertreten genau den Exklusivismus, der die christliche Botschaft schon so viel Glaubwürdigkeit gekostet hat?

Ich glaube, es gibt eine weitere Möglichkeit und in der wird Hemmerles Rede von der Weggemeinschaft wieder sehr wertvoll. Nämlich dann, wenn wir zuerst einmal in aller Konsequenz die Freiheit der Lebensentscheidung von Menschen anerkennen und mit der Möglichkeit rechnen, dass jeder dieser Wege das Potential hat, „Christus nachzugehen“. Das bedeutet ganz viel Verzicht auf geistliche Autorität, auf den Anspruch zu wissen, wie es geht.

Das Ziel kirchlichen Handelns ist dann nicht die Verkündigung des christlichen Glaubensinhalts, sondern die Ermöglichung eines Ortes, an dem Menschen ihre Identität ausbilden, sich selber als Weltreisende besser verstehen und auf jedem ihrer Wege potentiell Gott als ihren Begleiter entdecken können. Sie lösen damit einen Wunsch von Klaus Hemmerle ein, den dieser einmal in einem Hirtenbrief formuliert hat. Viele von ihnen werden ihn kennen. „Wenn Kirche wirklich Erzählgemeinschaft von Gott würde, dann könnte sie der Welt etwas geben, was andere ihr nicht geben können“.

Eine solche Weggemeinschaft fördert eine narrative Spiritualität unter den Einzelnen. Sie werden dadurch das, was ich gern Prophet*innen des eigenen Lebens nenne.

All das wird aber nur möglich sein, wenn Kirche und ihre Gemeinden verstehen, dass sie immer nur Gemeinschaft auf Zeit sind. Sie reisen nicht von Anfang bis Ende miteinander, sondern nur für Etappen. Denn die Reisewege sind nicht für alle gleich und jeder entscheidet für sich, wann er die Route wieder ändert. Das kann man Funktionalismus nennen – oder diakonische Katechese. Menschen wie Jakob wird man für dieses Modell gewinnen können. Und Menschen wie mich auch.

 

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