Besprechung von: Heinrich Rombach „Strukturontologie“*


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Besprechung von: Heinrich Rombach „Strukturontologie“*
1. Was für ein Buch?
2. Was für eine Rezension?
3. Worum es geht?
4. Wie geht es nicht?
5. Nachtrag

 

[212] Heinrich Rombach, Strukturontologie. Eine Phänomenologie der Freiheit, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 1971, 368 S.

1. Was für ein Buch?

Kein Zweifel. Die Strukturontologie ist eines der wenigen wirklich wichtigen Bücher. Aber ist sie überhaupt ein Buch? Jedenfalls nicht so, wie „normalerweise“ philosophische Bücher sind. Einesteils mag dieses Urteil erstaunen; denn vom Aufbau und von der Gedankenführung her sind Konsistenz und Konsequenz in hohem Maße gegeben. Aber sie sind anders gegeben als gewohnt. Das wirkt in die Fügung des Textes. Er spielt auf drei Ebenen. Er ist einmal eben „Text“, der Kategorien gewinnt, entfaltet und in ihr Zusammengehören bringt. Er wird zugleich aber begleitet von Modellen, die als einzelne und in sich stehend dennoch „dasselbe“ und das „Ganze“ sind. Und nochmals dasselbe und das Ganze kommt vor in den Bildern, die den Text begleiten. Rombach selbst weist in der Vorbemerkung zu den Indices (360) darauf hin, daß die Modelle nicht „Beispiele“ und die Bilder keine „Abbildungen“, daß aber auch die Kategorien nicht allgemeine „Begriffe“ sind. Um bei den Indices zu bleiben, die in der Tat etwas wie erste Indices des Gedankens zu sein vermögen: „Kategorien“, „Modelle“ und „Bilder“ sind durch einen (knappen) weiteren Index „Namen“ ergänzt. Diese Namen weisen nur nebenbei auf „Zitierungen“ hin, die R. eigenwillig abgekürzt und doch in einer scharfen, der Sache jeweils angemessenen Präzision gibt. Sie stellen jedoch ein anderes, Fundamentaleres heraus: Es handelt sich bei der Strukturontologie ebenso sehr um einen einzigen aus sich selbst aufbrechenden Gedanken wie um ein ungemein weit geführtes Gespräch (vgl. 292).

In diesem Zugleich von Gespräch und aus sich aufbrechendem, wenn man so will, in sich geschlossenem Gedanken erreichen wir bereits die Eigenart dessen, worum es in der Strukturontologie geht und was sie leistet, sozusagen ihr „Innen“. Bleiben wir indessen noch einen Augenblick „außen“, vor dem Gedanken stehen. Eine Zwischenbemerkung: Daß das Außen zum Innen gehört, ist seinerseits für R.s Buch keine Äußerlichkeit, sondern die Konsequenz dessen, daß sein Gedanke die Einheit von innen und außen, ihr Zusammengehören als solches erhellt (vgl. z. B. 50, 325/6.; Index 362). Und nun die Bemerkung: R. will selbst nur so zitiert werden, wie er zitiert. Genauer gesagt, „Zitieren“ seines Buches hält er für „ein Unding. Es sei denn, man zitiere den Gedanken, nicht das Wort“ (22). Dies rührt daher, daß das Buch eben ein Gespräch ist und daher in seiner Aussage ungemein mobil. „Widersprüchliches ist … nicht vermieden.“ (ebd.) Im Grunde deswegen nicht, weil an der jeweiligen Stelle des Gesprächs, in der jeweiligen Phase der Selbstkorrektur des Gedankens die bestimmte Hinsicht, in der gesprochen und gedacht wird, mit dem zusammenzusehen ist, was sie als diese Hinsicht konstituiert. Ein Gespräch geht eben weiter, man kommt im Gespräch auf Neues oder neu aufs selbe, und in diesem Augenblick ist es unsinnig, die Positionen des Gesprächsstandes zuvor als Positionen zu konservieren (vgl. etwa 94). Das ganze Buch ist – auch darin manifestiert sich das Zugleich von „Gedanke aus sich selbst“ und „Gespräch“ – ein einziger Korrekturvorgang. Somit aber ist es, was es sagt; denn nicht umsonst sind im Index „Kategorien“ unter dem Stichwort „Korrektur“ die meisten Stellen vermerkt (362, bes. 66, 80ff.). Korrektur ist nicht nur ein Schlüsselwort, um ins Verstehen von Struktur im Sinn R.s hineinzukommen, es ist auch ein Schlüsselwort, um das Buch überhaupt lesen zu können.

R. selbst bezeichnet das Lesen als eine Zumutung (22). Man könnte es auch als eine Befreiung bezeichnen. Denn das Lesen nimmt einen mit. Es läßt einen nicht so denken wie zuvor, und zwar derart, daß man hernach nicht dauernd an das Buch denken muß, sondern daß man mit ihm, von sich und von ihm weg auf die Dinge und Probleme, auf längst Gedachtes oder eben erst Bemerktes hinschaut. Man kann sich – und genau das will R. – nicht festmachen im Lesen (vgl. 77); man muß sich vom Gedanken in die Bewegung mitnehmen lassen, die er ist und die er denkt. Gerade darin widerfährt einem – oder, was nach R. wiederum dasselbe ist, leistet man – das Gedachte des Gedankens selbst. Er denkt, Struktur denkend, Bewegung, und zwar [213] in einem radikaleren und fundamentaleren Sinn, als dies in den bisherigen Formen abendländischen Denkens gelang (vgl. z. B. 75f., 221).



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