Besprechung von: Heinrich Rombach „Strukturontologie“*


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Besprechung von: Heinrich Rombach „Strukturontologie“*
1. Was für ein Buch?
2. Was für eine Rezension?
3. Worum es geht?
4. Wie geht es nicht?
5. Nachtrag

3. Worum es geht?

„Es geht“, diese Formel weist auf das hin, worum es in R.s Buch geht, zumindest auch geht. Es geht darum, Alternativen, die bislang philosophisches Denken beherrschten, die ihm ein Problem waren, auf ein neues Niveau zu heben, sie zu überholen in eine neue Ursprünglichkeit, in der bislang Unmögliches die Evokation neuer Möglichkeit, den Durchbruch zu ihr bedeutet (bes. 223-229). Was in der Kontraposition etwa von Wirklichkeit und Möglichkeit nicht ging, das geht jetzt in der Strukturontologie. Es geht, indem Aufbruch, Ursprünglichkeit selber geht, geht als das nicht aus Denkelementen statischer Gegebenheit zu Gewinnende, sondern als das sie erst, wenn auch in ihrer Deriviertheit gerade mittelbar, Ermöglichende. Möglichkeit hat ihre Ermöglichung im Aufgang, in dem Ursprung sich als solcher konstituiert. Sie ist nicht vorher da, in einem leeren Horizont von Möglichkeiten, innerhalb dessen Wirkliches sich punktuell befindet, dessen Möglichkeit sie wäre; Möglichkeit ist aber auch nicht Enthalten-Sein in einem Wirklichen als dessen extrapolierbares verwirklichbares Vermögen; Möglichkeit ist verwandelte Unmöglichkeit, die als solche sich vorfindet und verwandelt wird im Aufbruch. Möglichkeit ist das Geschehen des „es geht“, das als solches von [214] der Ursprünglichkeit geleistet, freilich zugleich und unscheidbar davon von ihr gefunden wird (vgl. etwa 228), so daß sie als Ursprünglichkeit darin erst auf sich zurück und so erst zu sich kommt.

Dies ist der Differenziertheit des R.schen Gedankens gegenüber sehr vergröbert, seiner elementaren Härte gegenüber sehr abgeflacht gesagt. Es soll jedoch Verweis darauf sein, daß es in der Strukturontologie um nichts weniger als um Ursprünglichkeit, ja um Freiheit (Index 362; bes. 252) geht. Die Ontologie statischer Elemente – um es einmal so allgemein und abgekürzt zu sagen – ist die museale Anordnung der Petrifakte von Freiheit, in der eines gerade nicht zum Vorschein kommt: ihre Beziehung, die sie zueinander und in eines stiftet. Nur aus dieser Beziehung, die sie stiftet, nur aus dem Geschehen von Freiheit sind sie miteinander verbunden. Ihr Verbund ist nur so, nur als genetischer, ihre Ermöglichung. Nachträgliche denkerische Vereinbarung ihrer losgelösten Gegebenheit hingegen grenzt sie ab gegen einen Horizont, der sie zwar umfängt, der sie „ermöglicht“; doch das Ermöglichte solcher Ermöglichung läßt ihre Wirklichkeit und ihr Verhältnis zueinander als Problem zurück, das bestenfalls in der Dialektik als Problem genetischer Einheit offenbar wird, ohne daß diese genetische Einheit geleistet würde. (zum Ganzen: 294-298, bes. 295.)

Daran kann indessen offenbar werden, daß Struktur im Sinn der Strukturontologie gerade das Gegenteil von dem ist, was ein alltägliches Sprechen von Struktur darunter vermutet: Struktur ist gerade nicht ein Leerstes, Allgemeinstes, von der Konkretheit, vom Quale Abgezogenes (wenn auch der Unterschied von Qualität und Quantität zu den in der Struktur überholten zählt [vgl. 38; auch 295]), sondern der Weg der Freiheit, der Konkretion bedeutet. Konkretion, nicht Verwirklichung (vgl. 51, 54); denn Verwirklichung verhielte sich zu vorgegebenen Möglichkeiten, Konkretion zeugt sie.
Hier sei eine Frage gestellt, die dem Strukturgedanken R.s gerade unangemessen ist, deren Unangemessenheit aber herauskommen muß, damit herauskommt, worum es in der Strukturontologie geht. Es ist die Frage: Was ist das, Struktur? Wird hier Struktur als ein Allgemeinbegriff ausgearbeitet, der andere Allgemeinbegriffe neben sich hat? Ist Struktur ein erhellendes Phänomen oder ein wichtiger Begriff, um vielerlei denken und verstehen zu können, doch derart, daß daneben andere Begriffe und Phänomene ebenfalls wichtig sind? Oder ist Struktur der umgreifende, alles einbegreifende Ansatz überhaupt, aus dem alles rührt, abgeleitet, verstanden werden soll? Oder aber ist Struktur gar kein Allgemeinbegriff, sondern seinerseits etwas Konkretes? Wenn konkret, dann aber wie? Wird exemplarisch „eine“ Struktur erhellt, neben der es andere geben kann? Oder ist das Entwickelte ein Schema von Struktur, das zwar nicht Allgemeinbegriff ist, aber in seinen modellhaften Verhältnissen doch anpaßbar an alles mögliche? Ferner: Bezeichnet Struktur einen Denkansatz, ein Verstehensmodell, die außerhalb anderer Ansätze und Modelle liegen, oder werden andere Ansätze und Modelle in Struktur mitinterpretiert? Sieht man davon ab, daß Struktur im Sinn von R.s Strukturontologie in der Tat konkret (vgl. bes. 44f.) ist und interpretative Kraft (vgl. 138f., 140f.) entwickelt, so muß gesagt werden: Alle diese Fragen verfehlen im Ansatz, was zu denken ist. Sie verfehlen es deswegen, weil in ihnen zu Denkendes einerseits und Struktur als ein Mittel, es zu denken, andererseits auseinandergehalten werden. Im Strukturgedanken, den R. entwickelt, ist aber gerade diese Scheidung unterlaufen. Der Gedanke Struktur ist nicht aufgeblendet auf ein unabhängiges Substrat. Daher kann er nichts „Allgemeines“ im Gegensatz zu Einzelheitlichem sein (vgl. 44f., auch 131). Er ist aber auch nicht als ein Prinzip dem Seienden oder dem Gedachten oder sonstwie sich zu denken Gebenden unterlegt, aus dem dieses zu derivieren wäre. Struktur ist vielmehr Vorgang, der Verhältnis und im Verhältnis Wirklichkeit stiftet. Dies darf freilich nicht als eine Definition von Struktur gefaßt werden; denn sie definiert sich nur in ihrem eigenen Vollzug, in ihrem Aufgang und Zum-Abschluß-Kommen.

Hier wird die Revolution des Strukturgedankens noch schärfer deutlich als an der Stelle, wo nach Möglichkeit und Wirklichkeit gefragt und auf den Weg des „es geht“ verwiesen wurde. Es handelt sich indessen um dieselbe Sache. Struktur ist einzelheitlich. Struktur ist ihre konkrete Konstitution, die immer als Rekonstitution (vgl. Index 363; bes. 80ff.), somit als Zu-Sich-Kommen, als Selbstinterpretation und Selbstkorrektur geschieht. Sie ist somit auch ihr Gedanke (vgl. 77).

Als Struktur ist sie geschehende Selbstkonstitution. Sich selbst konstituierend konstituiert sie [215] aber zugleich ihre Ordnung (vgl. etwa 65f., 130f.), das Außen, das nicht zusätzlich zu ihr und außerhalb von ihr ist, sondern so außen, daß dieses Außen gerade zu ihrem Innen hinzugehört. Verkürzt gesagt: Struktur erbringt sich und ihre Welt. Sogar noch die Andersheit des anderen, die Abweisung des Abweisenden, die Fremdheit des Fremden, die Rätselhaftigkeit des Rätselhaften und die Entzogenheit des Entzogenen gehören in die Struktur hinein, gehören so sehr zu ihr, daß sie ohne dieses ihr Außen, ihr Entzogene, ihr Fremde nicht sie selbst wäre. Das „ich bin“ (bes. 334f.) ist nicht mehr derart, daß es alle Vorstellungen im kantischen Sinn begleiten können muß; das „bin“ vollbringt seine Vorstellungen (vgl. 232). Daher ist Struktur, sich vollbringend, Einzahl. Aber ihr Singular ist umfassend, ist Verhältnis, und zwar nicht nur Verhältnis in sich, als Struktur, sondern Verhältnis zu Strukturen (vgl. 345ff.; auch 139f.).

Um an dieser Stelle bereits einem Mißverständnis vorzubeugen: Die Erzeugung der in der Struktur mitgesetzten Ordnung mit der Struktur, und auch (das ist nicht einfachhin dasselbe) die Setzung der zugehörigen Welt im „bin“, ist keine Repetition eines Fichteschen oder Schellingschen transzendentalen Idealismus, erst recht kein Solipsismus (vgl. 330, 105). Das andere, das Umfeld, wird nicht aus einem Ichprinzip deduziert und ist auch nicht nur logische Station auf dem Weg des Subjekts aus sich und wieder zu sich. Die Genese der Struktur ist Stiftung von Beziehung, die das freigibt, was sie einbehält.

In der Strukturgenese wird anderes nicht verarbeitet, sondern erarbeitet. Gerade darin aber ist es nicht Element im System, das mit anderem fertig wird, somit aber vom anderen immer bedroht ist, weil seine Andersheit in der Bearbeitung durchs System nicht aufgeht – das System hat von seinem Wesen her Grenzen, die es zur Selbstbehauptung und Selbstfixierung drängen (vgl. etwa 28-32, 217ff.). Struktur hat nicht Elemente, sondern Momente (bes. 25). Was in ihr ist, ist ihr derart vereignet, daß es, als Moment, nichts anderes ist als die Struktur selbst, als seine Präsenz in diesem Punkt des Geschehens, so aber gerade ist das Moment nicht dem Ganzen „unterworfen“, sondern als das Moment zugleich das Ganze, die Struktur selbst. R. weist auf die cusanische Spur seines Gedankens (bes. 40-44).

Er ist, in der Tat, Schöpfungsgedanke. Eine kühne und von ihrem Wesen her ganz neue Reprise mittelalterlicher Schöpfungsmetaphysik (298) (Reprise, so weist R. auf, ist als solche etwas wesenhaft anderes als die Exposition, die sie wiederholt [vgl. 82]). Die R.sche Reprise kann indessen im Ernst nicht in den Verdacht kommen, „neuscholastisch“ zu sein oder auch nur eine moderne Neuinterpretation theologischen Schöpfungsglaubens darzustellen. Beinahe im Gegenteil. Sie könnte oberflächlich die Vermutung nahelegen, Schöpfung sei nun einfach vom menschlichen Ego her gedacht; Modelle mittelalterlichen Denkens, die an seinen Spitzen bei Eckhart, Bonaventura und auch Thomas den Gedanken zu Präzision und Konkretion einziger Art anhoben, würden hier nur für sich selbst, für ihre eigene und ausschließliche Ursprünglichkeit usurpiert. Das widerspräche jedoch der phänomenologischen Präzision des R.schen Gedankens: Die Selbstkonstitution der Struktur kennt das Struktural der Abhebung (Index 361, bes. 97-102). Die Struktur erfährt jene Steigerung, daß das Geschehen nicht mehr vom sich in ihr konstituierenden Selbst ausgeht, sondern daß dieses Geschehen selber Macht gewinnt, Anwesenheit von Absolutem wird, von Absolutem, das freilich so absolut ist, daß es weder als „darüber“ loziert noch als „Träger“ hypostasiert wird (vgl. 97f., 241).

Die Antwort auf die Frage, worum es in der Strukturontologie gehe, ist in den bisherigen Hinweisen noch nicht hinreichend deutlich. Soviel ist klar: Es geht um einen fundamentalen Neuansatz des Denkens, der Weg und Bewegung nicht von fixierten Punkten der Faßbarkeit, sondern diese aus dem Weg ihrer Genesis versteht. Es ist auch klar, daß das Neue solchen Denkens aus dem Ursprung her nicht eine „allgemeine“ Überlegung darstellt, sondern selbst konkretes Geschehen ist. Horizontal verfaßtes Denken, Denken, das von den Vorfindlichkeiten ausgeht und sie verarbeitet, ist deriviert. Weiter ist klar, daß das Denken der Strukturontologie sich abhebt von einem Systemdenken, das aus einem Prinzip Zusammenhänge ableitet bzw. das Verhältnisse unter einer sie umgreifenden Formel stabilisiert, wobei solche Stabilisierung durchaus auch Bewegung und Genese zu Inhalten haben kann, die stabilisiert werden sollen (vgl. etwa 166f.).

Sehr aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die kritische Auseinandersetzung R.s mit „Systemtheorien in Geschichte und Gegenwart“ (173-216): Kybernetik (180), Informationstheorie (185) und Allgemeine Systemtheorie (191) bleiben hinter dem gewonnenen Maß [216] von Struktur zurück. Auch der als solcher geläufige „Strukturalismus“ (194) stößt nicht zur Radikalität des Strukturgedankens durch. Strukturgesetzlichkeit ist nicht ein allgemeines Gesetz, sondern zeigt Bedingungen, die den Vorgang fördern, in dem Struktur sich erzeugt. Diesem Vorgang kann das Selbergeschehen nicht abgenommen werden; er hat kein anderes Gesetz als seine eigene Genese (vgl. 215).

Derlei Abhebung vom Systemgedanken macht System nicht in sich schlecht und unbrauchbar. Der Strukturgedanke umgreift trotz seiner Konkretheit und Einzelheitlichkeit den Systemgedanken, aber nicht umgekehrt. Daher haben auch Systeme innerhalb von Strukturen möglicherweise ihren Sinn (vgl. 217-220).

Die Frage, die offen geblieben ist, indem Hinweise auf das Proprium von Struktur und Strukturdenken im Sinne R.s gegeben wurden, soll in aller Naivität gestellt werden: Was ist dann aber R.s Gedanke selbst, was ist R.s Buch selbst für eine Struktur? R.s Buch vollbringt, was es sagt, es ist die Genese seiner selbst, es ist Struktur, die sich aus sich selbst erbringt und aus sich selbst die Ordnung des zu Denkenden und zu Verstehenden insgesamt in seiner neuen Hinsicht erbringt. Insofern geht es in R.s Buch um alles, aber zugleich nur um dieses Buch selbst. Wer nicht einsteigt in das Geschehen dieser Struktur, gewinnt den Eindruck, es gehe darin um alles mögliche. Da ist viel die Rede von Kunstwerken; konkrete Kunstwerke, aber auch Zeugnisse derer, die Kunst schaffen, werden als Modelle analysiert; der Prozeß des Entstehens des Kunstwerkes wird in sich bedacht. Da ist ebenso die Rede von biologischen Vorgängen, von Geburt und Tod, von Zeugungszusammenhängen. Da ist die Rede von Geschichte. Viel kommt die Rede auf religiöse Modelle und Motive. Und wiederum handelt es sich um die Wissenschaften, darum, wie sie in ihrer Verschiedenheit und Zusammengehörigkeit je „gehen“, wie sie sich in strukturalem Denken neu verstehen und gewinnen. Und schließlich ist die Rede von großen Gedanken der Geschichte, die neu verstanden, deren Strukturen aufgehellt, die in ihren Bezug zu strukturalem Denken gebracht werden. Eben: Alles mögliche – und dieser Eindruck verstärkt sich noch dadurch, daß diese „Bereiche“ nicht nacheinander, nicht in einer säuberlichen Ordnung abgehandelt werden, hie Natur, hie Geschichte, hie Ästhetik, hie Religion, sondern in einem eigentümlichen Durchgriff durch das ansonsten Geschiedene, in einer eigentümlichen „Identität“. Doch genau darum geht es, um solche Identität. Der in der „Strukturverfassung“ zuerst vorgestellte „Grundgedanke der Identität des Ganzen mit jedem Moment in ihm“ (32), der die „Identität der Momente“ (33) und ihre „Identität mit dem Ganzen“ (34) umfaßt und sich im gesamten Vollzug der Strukturontologie durchhält und korrektiv steigert, tritt hier in sein Licht. Beinahe unnötig zu bemerken, daß derlei Identität nichts mit ontischer Einerleiheit, mit Nivellierung der Spannungen und Unterschiede zu tun hat. Die Struktur, die R.s Gedanke von Strukturontologie ist, ist mit sich selbst identisch, indem sie Struktur in den genannten Bereichen und Richtungen überall erhellt, indem sie diese Bereiche und Richtungen in ihr je Eigenes freigibt und in solcher Freigabe doch nur eines, nur sich selbst entfaltet. Noch einmal: Der Gedanke wird so gerade nicht zum System, in welchem die einzelnen Bereiche und Richtungen aus dem Prinzip Struktur abgeleitet, entwickelt würden. Der Gedanke findet sich als Struktur, indem er in alledem Struktur, alles das als Struktur findet, findet gerade ohne es zu verarbeiten, findet vielmehr in der Zuwendung zum Phänomen.

In diesem Sinne geht es in der Strukturontologie um alles, ums Ganze. Es geht – so darf man vielleicht sagen – um eine totale Phänomenologie (hierzu etwa: 15ff.). Das Beiwort „total“ meint dabei nicht etwa nur eine Entschränkung „gegenständlicher“ Bereichsgrenzen, die in so etwas wie Phänomenologie konsequenterweise ohnehin mitgegeben ist. Es geht um jene innere Totalität des Ansatzes, die nicht mehr von anderen Fragen und möglichen Frageweisen „absieht“, indem sie sich auf sich selbst beschränkt. Das Erscheinenlassen, das Zum-Vorschein-Kommen-Lassen phänomenologischen Hinblicks konstituiert nicht etwas vom Ding oder am Ding, es ist Konstitution schlechthin, die als solche identisch ist mit Freigabe, Findung (vgl. auch etwa 154f.). Sie ist ebensowohl das Gegenteil von Willkür wie von einer ihr in einer Konstitution des Subjekts vorgegebenen, über es verhängten und von ihm nicht zu durchbrechenden Notwendigkeit. So verstandene Phänomenologie ist nichts anderes als Freiheit. Der Untertitel des Buches, „Phänomenologie der Freiheit“, gibt den Schlüssel für den Obertitel „Strukturontologie“, einen Schlüssel, der einem freilich erst am Ende des Weges der Strukturontologie zufällt, den er doch erschließt. So aber entspricht es – und so entspricht der Gang des Buches – dem Geschehen von [217] Struktur, die sich in der Rekonstitution (Index 363; 83), in der Rückkunft auf sich selbst konstituiert, wobei Konstitution gerade nicht heißt, daß sie sich schlösse, sondern daß sie geht, sich ent-schließt in ihren Gang, in ihr Leben, in ihre Freiheit. Der Genitiv „der Freiheit“ ist im Titel „Phänomenologie der Freiheit“ genitivus obiectivus und genitivus subiectivus; gerade das macht ja Freiheit aus und gehört, so oder so herum, in ihre Phänomenologie.

Aus diesen Verhältnissen springt auch deutlich genug heraus, daß Kategorien wie Ich, Selbst, Leben, Freiheit nicht Bereichstitel sind, sondern struktural weiter reichen als das Feld von Gegebenheiten, dem sie gängigerweise zugesprochen werden (vgl. bes. 102ff., 117ff.).

Solche Ausspannung von gängig eingrenzenden Kategorien bedeutet nicht, daß es hierdurch zu einem „Panegoismus“, „Panvitalismus“ oder dergl. käme. Die Identitäten sind jeweils Weisen der Freigabe, wie schon vermerkt. In einseitiger Verzerrung, die geradezu eine Sprechbedingung im Kontext der Strukturontologie darstellt, könnte man sagen: „Projektionen“ sind nicht Selbsttäuschung, nicht Erzeugung von bloßem Schein, sondern Wege der Findung, Koinzidenz von Leistung und Gabe, somit Konstituentien von Beziehung, in welcher Wirklichkeit allein ist.

[Anmerkung: In äußerster Zuspitzung (die dem theologischen Interesse des Rezensenten anzulasten ist): Gott als „Projektion“ könnte – recht verstanden – als Bedingung und nicht als Bestreitung der Offenbarung Gottes gedacht werden, so daß in solcher Projektion nichts, gar nichts von der Totalität des Anspruchs, der Gabe und der Wirklichkeit – nichts vom „Gegenübersein“ – Gottes verschwände. Theologie wäre dann, als christliche, als Offenbarungstheologie, etwas wie „Drehung“ der Struktur in sich selbst; das strukturale Geschehen, das in seiner Steigerung zur Abhebung, zum Sprechendwerden von Absolutheit wird, geht von diesem Sprechendwerden aus, gewinnt in ihm seinen Ursprung: Absolutheit des Absoluten. Der ursprüngliche strukturale Kontext mit sich selbst vollbringender Freiheit wird dadurch verwandelt, aber zugleich rekonstituiert. Denn Theologie heißt gerade nicht: von einer Gott-Substanz oder zumindest einem Gott-Prinzip aus das leisten, was Freiheit, aus sich selbst aufbrechend, leistet und zugleich geschenkt erhält. Solches zerstörte gerade das Geschenk. Eine Theologie, die von Gott her alles „machen“ kann, wäre nicht nur Verwechslung mit Gott, sondern auch latente Verwechslung Gottes mit der Ursprünglichkeit menschlicher Freiheit; sie würde zum System, das sich gegen die Freiheit des Menschen behaupten müßte, der es strukturell ohnehin unterlegen wäre. Die Drehung der Struktur auf die Ursprünglichkeit Gottes hin kann nur im verdankenden, gedenkenden und verhoffenden Verwandeltsein menschlicher Ursprünglichkeit zu sich selbst artikuliert werden. Das ist die Perspektive, in der die Theologie ihre – notwendigen und eigentlichen – Aussagen über Gott und sein Handeln vermag. Sie erwächst einem sich allem gebenden und darin freigebenden Zuerst-Lieben, weil Zuerst-Geliebtsein.

Die Skizzenhaftigkeit dieser Andeutungen, ja die gesamte Aussage über die Theologie soll indessen nicht dem Autor der Strukturontologie angelastet werden, sie geht allein auf das Konto des Rezensenten.]



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