Volk Gottes auf dem Weg


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Volk Gottes auf dem Weg
1. Die Kirche im gegenwärtigen Bewusstsein
2. Wandelbares und Unwandelbares an der Kirche
3. Kirche des Glaubens
4. Kirche der Hoffnung
5. Kirche der Liebe
4. Kirche der Hoffnung
4.1 Kirche keine Endstation

Jesus Christus hat nicht vor allem und nicht zuerst die Kirche gepredigt, er hat Gott gepredigt und sein Reich. Wir beten nicht: die Kirche komme, sondern: dein Reich komme. Doch was heißt Reich Gottes? Es heißt gerade nicht, wenigstens nicht einfachhin: Kirche. Das Markusevangelium faßt die Predigt Jesu zusammen in dem Satz: „Erfüllt ist die Zeit, nahegekommen ist das Reich Gottes. Kehret um und glaubet der Frohen Botschaft!“ (Mk 1, 15). Reich Gottes ist also etwas „Nahegerücktes“, etwas, das noch nicht ist, aber mit der Dringlichkeit und verändernden Macht der Nähe uns bevorsteht, auf den Leib rückt. Reich Gottes ist unsere Zukunft, Zukunft, die uns eine neue Gegenwart gewährt, unser ganzes Da­sein umwendet und in Anspruch nimmt. Und worin besteht dieses Reich? Darin, daß Gott in Jesus sich aufgemacht hat, aus seiner Ferne und Verborgenheit herauszutreten, die Verschleierungen und Verschlüsselungen dieser Zeit zu durchbrechen, unter denen er allenfalls als theoretische, moralische, jenseitige, aber im Konkreten umgehbare Größe erscheint. Gott steht uns unmittelbar bevor als der offenbare Inhalt unseres eigenen Lebens und des Lebens der ganzen Welt. Wir werden ihn schauen, alles, was ist, wird laut und [18] vernehmlich und unmißverständlich seinen Namen ausrufen, er wird sein: „alles in allem“ (vgl. 1 Kor 15, 28).

Es wäre jedoch zu wenig über das Reich Gottes gesagt, wenn man es nur als Beziehung zwischen Gott und den Geschöpfen sähe. Wenn Gott aufgeht, löscht das eigene Leben der Geschöpfe nicht aus, es wird gerade vollendet, kommt zu seiner höchsten Ent­faltung, wird in der innigsten Vereinigung mit Gott gerade an sich selbst freigegeben. Diese Freigabe und Vollendung der Geschöpfe befreit sie indessen auch von aller Isolierung, von aller Verschlos­senheit in sich allein. Wo Gott eintritt ins Innerste ihres Seins und Lebens, da fallen auch die Schranken zwischen ihnen, die gegen­seitigen Beziehungen, in denen sie erst sind, was sie sind, werden vollendet. Das Reich Gottes ist also nicht nur vollendete Gemeinschaft mit Gott, sondern auch vollendete Gemeinschaft in Gott. Gott ist Liebe (vgl. 1 Joh 4, 16). Seine Ankunft, sein Reich sind An­kunft und Reich der Liebe. Wo er ist, da wird alles zur Liebe, und nur wo die Liebe ist, ist auch er. Die Liebe zwischen allen, die Liebe als Inbegriff aller Beziehungen, das ist kein Zusatz zum Kommen des Reiches Gottes, es ist vielmehr das eine und selbe Ereignis, in welchem er sich uns schenkt, uns einander schenkt, uns alles schenkt. Die großen biblischen Bilder vom Reich Gottes, das Mahl (vgl. z. B. Lk 22, 15-18 und 29-30) und das Neue Jerusalem (vgl. Offb 21), tun dies auf eindrucksvolle Weise dar.

Wenn das Reich Gottes kommt, werden die Mauern zwischen Gott und uns und die Mauern zwischen uns gegenseitig fallen. Reich Gottes, das heißt also: Unmittelbarkeit Gottes zu uns, gegenseitige Unmittelbarkeit zueinander. Das Kommen dieses Reiches ist kein Endprodukt einer Entwicklung, kein Zustand, welchen die Evolution entweder automatisch oder durch unseren Einsatz und unser Mit­wirken herstellen kann, das Kommen dieses Reiches ist Ereignis, ist Geschenk, es kommt nicht aus unserem Können und Bemühen, sondern aus Gottes Hoheit und Macht. Gleichwohl erfordert es allen unseren Einsatz, gleichwohl muß unser welthaftes Tun Be­reitung des Reiches Gottes, Zugehen auf das Reich Gottes, Wirken­lassen des Reiches Gottes in uns und in unserer Welt bedeuten. Doch die Hoffnung darauf, daß es wirklich kommt, verdanken wir nicht uns, sondern Gott allein. Wir können das Kommen dieses Reiches nicht berechnen, kontrollieren, an irgendeinem äußeren Maßstab ablesen. Christliche Hoffnung geht ganz von sich weg, hat nichts in ihren Händen, blickt allein auf den, der ihr einziger Grund und ihr einziges Ziel ist. Kirche aber ist Gemeinschaft in dieser Hoffnung, Verkündigung dieser Hoffnung an die Welt.

[19] 4.2 Pilgerndes Gottesvolk

Es zeichnet gerade unser heutiges Verständnis der Kirche, daß sie sich auf ihr „Unterwegssein“, daß sie sich darauf also besinnt, daß sie „pilgerndes Gottesvolk“ ist (vgl. die Kirchenkonstitution des II. Vaticanum Nr. 10, 48-51). Die Gründe hierfür liegen einesteils in der neuen und unmittelbaren Zuwendung zum Wort der Schrift; hier wird deutlich, daß die lange gängige Gleichsetzung zwischen Reich Gottes und Kirche dem Textbefund nicht ganz gerecht wird. Andernteils unterstreicht die Erfahrung der Situation, in welcher die Kirche heute inmitten der Welt lebt, diese biblisch begründete Er­kenntnis. Es wird uns immer deutlicher, daß wir nicht in einer „christlichen Welt“ leben. Die Strukturen und Maßstäbe der Welt decken sich keineswegs allgemein und nahtlos mit einer „christ­lichen Weltanschauung“. Kirche ist heute viel eher wieder die „kleine Herde“ (Lk 12, 32). Man spricht, zu Recht, von der „Diaspora­situation“ der Kirche. Das steht nicht im Widerspruch zu der neuen Zuwendung des Interesses der Öffentlichkeit zur Kirche, von dem die Rede war. Im Gegenteil, die Kirche, die vermeint, schon selbst „die Welt“ zu sein, verdeckt sich und ihren Auftrag viel eher dieser Welt als die Kirche, die weiß, daß sie, klein und vorläufig, nur in der Welt ist, ein Zeichen für die Welt, das nichts aus sich vermag, sondern alles nur aus dem, der sie zum Zeichen gesetzt hat.

Die Nähe der Berufung der Kirche zur Berufung des Volkes Israel im alten Bund tritt deutlich ins Bewußtsein. Daß Gott ein kleines, unscheinbares Volk herausgenommen hat aus den vielen Völkern, um es zum „priesterlichen“ (vgl. Ex 19) Zeichen für die Welt zu machen (vgl. Ex 19,4-6), daß er es auf einen Weg der Wander­schaft gerufen hat, der menschlich wahnwitzig gewesen wäre ohne die Hoffnung auf Gottes Führung und Verheißung, dies ist das „Erbe“, welchen das neue Gottesvolk aus allen Völkern und in­mitten aller Völker, die Kirche, übernimmt. Sie ist das priesterliche Volk, das der Welt durch sein Leben und Leiden, durch sein Bei­spiel und seine Bereitschaft zur Antwort an jedermann das Zeugnis der Hoffnung ablegen soll (vgl. 1 Petr, bes. 2, 4-12).

4.3 Zeichen der Hoffnung für die Welt

Hoffnung blickt von sich weg, blickt hin auf den, der ihr die Hoffnung und ihr Ziel gibt. Die Kirche lebt als Zeichen der Hoffnung gerade im Absehen von sich selbst, im beständigen Hinblick auf den Herrn. Aber die Kirche hofft ja nicht nur für sich, sie ist Zeichen der Hoffnung. Daher blickt sie zugleich weg von sich, sieht sie zugleich ab von sich in der Zuwendung zur Welt. Nicht nur sich, sondern ihr, allen Menschen hat sie den Ratschluß des Heiles aus­zurichten, da Gott das Heil aller will (vgl. Tim 2,1-6). Immer mehr begreift die Kirche sich nicht als den „Hafen des Heiles“, in den [20] alle Schifflein vom Weltenmeere einzubringen sind, damit sie Ret­tung finden, sondern als das Zeichen des Heiles, das auf das Heil für alle hinweist. Der alte Satz „Außer der Kirche kein Heil“ verliert seine Gültigkeit nicht, aber sein Sinn enthüllt eine im gängigen Be­wußtsein oft verschüttete Tiefe; er sagt nicht, daß alle, die nicht in der Kirche sind, verloren wären, sondern er sagt, daß die Bot­schaft, welche die Kirche durch ihr Wort, ihr Tun und ihr Sein der Welt ausrichtet, letztlich die einzige Botschaft ist, auf welcher die Hoffnung für alle beruht. Denn es gibt eben keine andere Hoffnung als die auf das unselbstverständliche Geschenk der Liebe und des Erbarmens Gottes, der uns nicht auf Grund einer evolutiven Not­wendigkeit und erst recht nicht auf Grund eigener Gutheit erlöst, sondern weil er will, weil er uns liebt.

4.4 Mission noch sinnvoll?

Hierdurch verliert die Missionstätigkeit keineswegs ihren Sinn. Es ist selbstverständlich, daß wir die frohe Botschaft der Hoffnung, die uns geschenkt ist, nicht für uns behalten dürfen. Aber Sinn und Methode der Mission erhalten neue Akzente: Der erste Sinn der Mission liegt darin, daß allen die Hoffnung geschenkt wird. Die Hoffnung wird aber nur vermittelt, indem Liebe vermittelt wird, indem alle Last und alle Kostbarkeit der Welt unselbstverständlich und unenttäuschbar von uns Christen mitgetragen wird. Denn so erst wird der Boden bereitet, in welchem das Wort der Botschaft Same sein, aufgehen kann. So erst wird dieses Wort der Botschaft auch nicht Überfremdung und Zerstörung des Eigenen sein, das die Völker und Kulturen einbringen, welche dem Evangelium noch nicht begegnet sind. Das Wort wird ihr Wort zu werden vermögen, Wort, das gerade jene Ansätze, jene Elemente und Weisen der Wahrheit aufgreift, die bereits bei ihnen lebendig sind. Denn wenn die Kirche ihre Hoffnung allein auf das Wort des Herrn setzt, so schließt dies nicht aus, sondern ein, daß Dynamik der Hoffnung und Elemente der Hoffnung in allem Menschentum, in allen Gaben und Bemühungen menschlichen Geistes und Lebens doch bereits verborgen sind. Das Wort, das uns erlöst, ist dasselbe Wort, in dem alles geschaffen ist (vgl. Joh 1, 3), und es lebt in allem, was noch die Spur und das Siegel dieses Ursprungs, wenn auch ver­borgen oder zerbrochen, in sich trägt. So wird die Mission, die sich als Dienst der Hoffnung versteht, nicht dort sinnlos werden, wo sie äußerlich „erfolglos“ bleibt; jeder Dienst am Wort, das in allem Menschlichen lebt, ist „Entwicklungshilfe“ des Samens des Reiches Gottes.

Eine missionarische Kirche ist also keine Proselyten machende Kirche, sondern eine dienende Kirche. Sie hat gewiß die Aufgabe, alle Ideologien, alle  Heilshoffnungen zu desillusionieren, die auf [21] etwas anderem als auf der Tat Gottes in Jesus Christus beruhen; sie hat aber ebenso die Aufgabe, die Zeichen und Spuren aufzu­decken, lebendig zu erhalten, wirksam zu machen, die in allem Menschlichen und Geschöpflichen lebendig sind als Strahlung und Wirkung des einen und selben Wortes, das ihr und allem Hoffnung gibt.

4.5 Institution Widerspruch der Hoffnung?

Die Kirche ist keine Endstation, sie ist auf dem Weg. Jesus Christus hat viel vom Ziel, vom Reich Gottes, und wenig von der Kirche gesagt. Aber er hat die Kirche gestiftet; denn die Botschaft der Hoff­nung, die er brachte, hat Menschen um sich versammelt, und er hat diese Menschen gesandt, die Botschaft der Hoffnung weiterzu­tragen, und er hat ihnen seinen Geist gesandt, der sie hinaustreibt auf den Weg durch Welt und Zeiten und der sie zugleich ver­sammelt zur Einheit in der Hoffnung, mehr noch, in dem, worauf die Hoffnung gründet und wohin sie zielt, in seiner Liebe. Das Reich, das kommt, bedeutet Unmittelbarkeit aller zu Gott in der Unmittel­barkeit aller zueinander, so sahen wir. Was ist dann, auf dieses Reich zu, die Aufgabe der Kirche? Die Botschaft des Reiches, die Botschaft dieser doppelten Unmittelbarkeit zu vermitteln. Das bringt einen eigentümlichen Zwiespalt in ihr Wesen und ihre Gestalt. Auf der einen Seite ist die Kirche ganz und gar orientiert am Kommenden; schon bald führte das zu Auffassungen von der Kirche, welche um dieses Kommenden willen jede fixe Ordnung des Bestehenden als Verrat an der Botschaft ablehnen zu müssen glaubten, nur eine Kirche geisterfüllter Unmittelbarkeit zulassen wollten, strukturlose Brüderlichkeit und spontane Gotteserfahrung als einzige legitime Lebensäußerungen der Kirche anerkannten. Auf der anderen Seite kann die Kirche in dieser Weltzeit nicht bestehen und auch ihre Botschaft nicht ausrichten, wenn sie nicht selbst Strukturen, Ord­nungen, Bestandhaftes in sich auswirkt; auch das kann zur Ein­seitigkeit führen, zur Fixierung des Institutionellen um seiner selbst willen, zum Vergessen der Hoffnung und zur Sicherung gegen­wärtiger Macht, zum Vertrauen auf die Strukturen statt des Ver­trauens auf den Herrn. Beide Einseitigkeiten verkürzen das wahre Wesen der Kirche, das um seiner einen Botschaft willen doch beider Komponenten bedarf: der Ordnung und Institution, der Gliederung und Festigung und genauso der nie erschöpften Dynamik aufs kommende Reich hin, das alle Strukturen und Bestände vorläufig sein läßt.

4.6 „Wegweiser“ und „Weggenosse“

Vielleicht kann das Bild des „Wegweisers“ dies veranschaulichen. Ein Wegweiser ist nicht die Stadt, zu der er weist. Der Wegweiser „sagt“: Geh weiter, geh weg von mir; nicht bei mir, sondern dort [22] ist das, wohin ich weise! Doch gerade um dies zu „sagen“, gerade um das Weitergehen zu ermöglichen, muß er selbst „stehen“, braucht er seinen Stand und Halt, seine Deutlichkeit.

Jedes Bild hinkt; die Kirche darf nicht stehenbleiben, sie weist nicht nur auf einen Weg, sie ist auf dem Weg. Sie ist Wegweiser und Weggenosse der Menschheit in einem. Und anderseits muß die Kirche auch mehr von der künftigen Stadt, vom Neuen Jerusalem, vom Reich Gottes zeigen als ein Wegweiser von seinem Ziel: nicht nur die Richtung, sondern die lebendige Nähe, der wirkliche, wenn auch verborgene Anbruch des Reiches will in ihr sich bezeugen. Im Klartext gesprochen: Unmittelbarkeit zu Gott und Unmittelbar­keit zueinander dürfen nicht bloß Verheißung bleiben, sie wollen, wenn auch in der verschattenden Gestalt irdischer Vorläufigkeit, sich schon jetzt ereignen; schon jetzt gibt uns Jesu Blut den Zu­gang zum Vater (vgl. Eph 2, 18) und zueinander, schon jetzt fängt jene „Unmittelbarkeit“ an, die uns doch erst bevorsteht. Die Liebe ist bereits die Gegenwart des Künftigen, sie ist aber zugleich die Geduld, die dieses Künftige in der Vorläufigkeit seiner gegenwärtigen, unvollkommenen Gestalt und diese vorläufige, unvoll­kommene Gestalt selbst um des Künftigen willen erträgt.

4.7 Institutionelles notwendig, aber vorläufig

Das sagt für die Kirche als Institution Entscheidendes: Die Strukturen, Festlegungen, ordnenden und gliedernden Elemente gehören zur Kirche; denn nicht das Reich Gottes, sondern die Anwesenheit dieses Reiches in der Gestalt der Hoffnung, also der Vorläufigkeit, macht das Wesen der Kirche aus. Das „Mittelbare“ das jeder end­lich fixierten Struktur anhaftet, hat aber in der Kirche keinen Selbst­zweck, es ist nur das „Vermittelnde“. Das Institutionelle ist nicht der Platz, auf dem das Reich Gottes steht, sondern Struktur des Weges, auf dem wir ihm entgegengehen. Zu diesem Entgegengeben gehört der Weg und seine Struktur, sein Halt, seine Grenzen und seine Festigkeit; aber es gehört eben auch das Gehen selbst hinzu. Der Weg, der nicht gegangen wird, nützt nichts, das Gehen, das es ohne Weg versucht, verfängt sich im Dickicht oder versinkt in der Bodenlosigkeit.

Der Sinn aller kirchlichen Strukturen ist also nicht, daß sie bleiben, sondern daß sie überholt werden von ihrem Ziel, von der offen­baren Unmittelbarkeit des Lebens in Gott und mit Gott. Dies gilt von allen Strukturen in der Kirche, nicht nur vom Amt; es gilt ebenso und noch mehr von den Ausformungen des gesellschaft­lichen Lebens in der Kirche, in welchen die Teilnahme aller Glieder des Volkes Gottes am Zeichencharakter und somit an der Wirk­samkeit der Kirche in der Welt Anteil gewinnt. Leicht laufen wir [23] Gefahr, die Relativität der amtlichen Strukturen zu betonen durch eine Absolutsetzung jener anderen Strukturen, die Recht und Be­teiligung aller an der Sendung der Kirche heute sichern sollen und müssen.

Ist damit also gesagt, das Amt sei derselben geschichtlichen Wan­delbarkeit unterworfen wie alle gestalthaften, strukturellen Elemente in der Kirche? Nein und ja. Nein; denn der Sinn des Amtes ist gerade die Kontinuität des Weges, der Rückblick auf den Ursprung als Vorblick auf das Ziel, der Dienst an der Einheit aller, nicht nur aller, die jetzt zur Kirche gehören, sondern aller, die durch die Ge­schichte hin das pilgernde Gottesvolk der Kirche sind. Das Amt hat grundsätzlich also eine stabilisierende und somit selbst stabile Funktion. Und doch genügt diese Antwort allein nicht. Denn auch das Amt, dessen Wesen unverfügbare Sendung, Fortführung des im Apostelamt grundgelegten Dienstes an der Einheit der Kirche ist, hat in der Weise seiner Ausübung Anteil an dem „Übersetzungs­charakter“ der Kirche und ihres Wortes, von welchem die Rede war. Im Amt muß das Unveräußerliche und Unveränderliche einend dem nahe bleiben, was in ihm eins sein soll. Diese Nähe aber erfordert einen je neuen „Stil“, eine je neue Verständlichkeit für jede Zeit.

Diese Aussage wäre mißverstanden, wollte man sie als die Forde­rung deuten, die Ausübung des Amtes müsse in der Kirche den zeitgeschichtlich jeweils gängigen Modellen staatlicher Machtaus­übung angepaßt werden. Vielmehr muß in zeitgeschichtlich je neuer Weise deutlich werden, daß das kirchliche Amt von seinem Wesen her etwas anderes ist als politische Herrschaft. Der Dienst an der Hoffnung, die Hoffnung auf den Einen und Hoffnung für alle ist, muß als die vom Herrn und seinem Geist dem Amt übertragene Aufgabe in immer neuer Übersetzung sichtbar werden. Auch vom kirchlichen Amt gilt also, was wir bereits vom Wort der Botschaft sahen: Bleiben und Wandel liegen nicht nebeneinander, sondern aneinander und ineinander.

4.8 Geduld und Ungeduld der Hoffnung

Eine Kirche, die es in der Mitte ihres Bewußtseins trägt, daß sie nicht in Besitz, sondern in der Hoffnung lebt, wird in ihren Lebens­äußerungen sich von einer Bewußtseinslage der Kirche abheben, die weniger dringliche Anlässe hatte, über ihren gegenwärtigen ge­schichtlichen Zustand hinauszublicken. Kirche der Hoffnung, das ist Kirche der Geduld, Kirche, die mit der Vorläufigkeit und Unvollkommenheit der Welt, die mit ihrer Bedrängnis in dieser Welt, die mit der Vorläufigkeit ihres eigenen Wirkens und ihrer eigenen Ge­stalt, die mit der Unvollkommenheit alles Menschlichen in ihr und außer ihr rechnet. Diese Geduld aber wird sich abheben von jeder [24] resignierten oder behäbigen Zufriedenheit; gerade weil sie weiß, daß der Herr kommt, wird sie nicht stehenbleiben, sondern ihm entgegeneilen. Die Geduld, die aus der Hoffnung wächst und in welcher die Hoffnung wächst (vgl. Röm 5, 3-5), wird so zugleich eine „Ungeduld“ in sich tragen, die Ungeduld des immer neuen Maßnehmens an der Hoffnung, die Ungeduld dessen, der sich vor­bereitet auf das Ereignis jener Ankunft, die allem erst Sinn und , Vollendung schenkt.

Es wird immer notwendig sein, daß reformfreudige Ungeduld sich darauf besinnt, daß sie nichts anderes sein kann als die Gestalt der Geduld, die alles letztlich allein vom Herrn und seinem Geist erwartet. Umgekehrt muß alle hoffende Geduld, die sich aus Kom­men des Herrn und auf sein Wirken und Wort verläßt, sich be­unruhigen lassen von der Frage, ob die Kirche als Zeichen der Hoffnung sichtbar und deutlich werden könne in der gegenwärtigen Stunde, sichtbar und deutlich gerade auch für jene, die draußen weit draußen stehen.



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