Und das Wort ist Kind geworden


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Und das Wort ist Kind geworden
Der Herr wird kommen
Das Wort ist Fleisch geworden
Das Wort ist Kind geworden
Geboren aus der Jungfrau Maria
Ehre sei Gott und Friede den Menschen

Das Wort ist Fleisch geworden

[13] Gott hat sich ein Herz genommen

 

Das Wort ist Fleisch geworden,

das Wort ist Herz geworden.

Gott hat sich ein Herz genommen.

Das göttliche Herz schlägt

im Puls der Milliarden menschlicher Herzen.

Seither wissen wir,

was im Herzen des Menschen wohnt.

Denn der allwissende Gott

wollte der allnahe Gott werden.

Er wollte nicht nur wissen,

was im Herzen des Menschen ist,

sondern er wollte es erfahren.

Und in ihm erfahren wir uns selbst:

Unser Herz ist nicht ein Traum,

der sich nie erfüllt,

nicht unsere Verurteilung

zum ausweglosen Scheitern,

nicht unser fatales Alibi

gegenüber der Wirklichkeit.

Nein, unser Herz hat Recht.

Denn Gott selbst hat sich

unser Herz genommen.[4]

 

[14] Ein Mehr an Liebe

 

Ein Gott, der in den ungezählten Gestalten seines Wirkens und seiner Macht aufgeht als der je Größere, Unfaßliche, aller Endlichkeit Entzogene – ist er nicht „mehr“ Gott als einer, der in der Unscheinbarkeit und Winzigkeit und der ärgerlichen Einzigkeit eines Kindes sich letztgültig und allgemein verbindlich und ein für allemal offenbaren und selber mitteilen will in diese Welt hinein? Der Gott über dem Himmel „mehr“, der Gott in der Krippe „weniger“?

Nach irdischem Kalkül, nach Maßstäben unseres abwägenden Verstandes ist das wohl so. Aber von Gott her ist es anders: Gott, der sich entäußert und weggibt bis zum Letzten und Kleinsten, er ist göttlicher Gott, ist „mehr“ Gott. Einfach deshalb, weil ein solcher Gott mehr Liebe ist, und Gott ist Liebe.[5]

 

[15] Ein neuer Anfang

 

Sein Kommen ist der unüberbietbare Radikalfall des neuen Anfangs. Er hat den Kreislauf des immer Selben durchbrochen, er hat durch den ebenso kühnen wie unscheinbaren Sprung, der sich in Bethlehem vollzog, das Potential unserer Geschichte, ihre Ressourcen radikal neu werden lassen.

Das Wort, das im Anfang ist und selber Anfang ist, weil es Gott ist, es ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und es verläßt uns nie mehr; was Gottes Sohn in seiner Menschwerdung einmal geworden ist, unser Bruder, das bleibt er in alle Ewigkeit.


Und so können wir in Jesu Menschheit und Menschlichkeit leben aus dem unerschöpflichen Vorrat, aus der unerschöpflichen Neuigkeit, aus dem unerschöpflichen Beginn Gottes selbst.[6]

 

[16] Bis zu dir selbst

 

Er ließ sich nicht abholen am Tor,

Er stieg nicht aufs Podest,

Er kam dir entgegen

bis zu dir selbst.

 

Geh Ihm entgegen

bis zu jenen, für die kein Platz

in der Herberge war.

Geh Ihm entgegen

bis in die Mitte

zwischen dir und mir.

Geh Ihm entgegen

bis zu dir selbst.[7]

 

[17] Nur Beiwerk?

 

Hirten und Tiere, Stern und Engel, Krippe und Stall – ist das nicht nur Beiwerk, lenkt es ab von der Mitte, könnten wir darauf verzichten?

Ich sage: Nein.

Ganz gewiß, wenn das alles wäre, dann wäre Weihnachten nicht Weihnachten. Aber Weihnachten ist mehr als ein Geschehen zwischen Gott und der Seele. Weihnachten, da geht es ums Ganze, und zu diesem Ganzen gehören Gott und der Mensch, gehören aber auch die Dinge, die Lebewesen, alles, was Gott geschaffen hat.

Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt – dies ist das Weihnachtsgeheimnis. Das Wort, das da Fleisch ward, ist jenes, in dem alles geschaffen wurde. Und dieses Wort wollte nicht nur über den Dingen bleiben, wollte nicht nur in ihnen sich spiegeln, es wollte Fleisch werden und mit den Dingen, mit dem Lebendigen, mit der Kreatur leben. Der Friede, den Gott mit dem Menschen schloß, ist Friede mit der Kreatur, und wie der Mensch neu wird an Weihnachten, weil Gottes Wort sein Menschenbruder wird, so wird auch die Schöpfung neu. Darum sagen Hir-[18] ten und Tiere, Stern und Engel damals in Bethlehem und heute in den Szenarien unserer Krippen etwas von dem Geheimnis der Menschwerdung selber aus.

Die Dinge bekommen an Weihnachten freilich einen besonderen Klang und eine besondere Farbe. Sie werden mit dem Kind in der Krippe selber kindhaft: Sie werden Spiel-sache und werden Geschenk.

Spiel-sache: Erst so nehmen wir die Dinge ernst, erst so sind sie, was sie von Gottes Liebe her sind. Diese Liebe spielt die Dinge einander zu, spielt sie uns zu und will uns die Phantasie und die Ehrfurcht, die Demut und die Unschuld, die Freundlichkeit und den Glanz des Spielens schenken. Solches Spielen hütet die Dinge, laugt sie nicht aus und braucht sie nicht auf, verbannt sie aber auch nicht in eine sterile und museale Unberührbarkeit. Verstehen wir die Dinge nicht besser, wenn sie uns Spiel-sache Gottes und wenn wir ihnen Kinder Gottes werden, in und mit dem Kind der Weihnacht?

Spiel-sache und, mehr noch, Geschenk. Das Wort ist Kind geworden, um sich uns schenken zu können, um uns dort, wo wir sind, Geschenk zu sein, um ganz für uns und mit uns dazusein. Wie können wir uns Hirten und Könige an der Krippe vorstellen ohne Geschenke? Wie können wir die Schöpfung uns vor dem Kind in der Krippe vorstellen, wenn nicht als Geschenk? Sich schen-[19] ken, das ist die neue weihnachtliche Art des Seins. Sich schenken, das ist die eine Armut und der eine Reichtum Gottes, des Menschen und der Kreaturen.

Spielzeug und Geschenk, nicht Beiwerk, sondern leise Offenbarung des Geheimnisses, das Liebe heißt.

 

[20] „Immer beginn′ ich von neuem“

 

Was nie angefangen hat, wird nie alt. Aber wir haben angefangen, wir verbrauchen uns, wir können uns nicht wieder-holen aus einem grenzenlosen Anfang, so daß alles erster und einziger Augenblick ohne Ende und ohne Grenze wäre. Wir steigen nicht zweimal in denselben Fluß und steigen nicht zweimal als dieselben in den Fluß.

Doch ist das die ganze Wahrheit? Der Anfang ohne Anfang, das Wort, das im Anfang ist und Gott ist und in dem alles Leben ist, dieses Wort ist Fleisch geworden, es hat, als Mensch, angefangen und hat in seinem Anfangen uns den Anfang ohne Anfang, das Leben ohne Maß gebracht.

Wenn wir mit Ihm leben, dann können wir wieder von vorne anfangen. Die Anfänglichkeit des Kindes in der Krippe verbraucht sich nicht. Weihnachten ist je neu Kindwerden mit dem Kind, um in diesem Kind aus Gottes Anfangskraft neu zu beginnen.

 

[21] Abstiegsgeschichte

 

Ironie und Symbolkraft stecken in den zwei Versen aus dem Abschnitt des Buches Genesis über den Turmbau von Babel und seine Folge, die Verwirrung der Sprache:

„Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten“ (Gen 11,4f).

Die Menschen machen sich groß, treiben es auf die Spitze, und die Spitze reicht zum Himmel, wie sie meinen. In ihrer selbstgemachten Größe suchen sie die Garantie der Ewigkeit. Aber wie groß ist diese Größe? Gott steigt herab, um das winzige Menschenwerk zu gewahren. Er rührt nicht an den Turm, daß er umfällt. Nein, nicht der Turm fällt um – aber die Einheit zerbricht. Selbstgemachte Größe hält nicht zusammen, sondern treibt auseinander.

Es geht den Menschen nicht gut nach dem Turmbau zu Babel ...

[22] Die schier selbe Geschichte begegnet uns noch einmal, aber in anderer Richtung. Gott steigt nochmals ab, aber mit anderen Konsequenzen. Im „großen Credo“ ist das in schlichter Knappheit so ausgedrückt:

„Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“

Es gibt also nochmals einen göttlichen Abstieg vom Himmel, vom angestammten „Ort“ Gottes („descendit de caelis“). Doch dies ist ein Abstieg, der nicht verwirrt, sondern vereint. Es ist ein Abstieg, nicht weil menschliche Größe zum Himmel dringt, sondern weil menschliche Größe am Boden liegt. Und der Abstieg erfolgt nicht in die Größe eines herrscherlichen Palastes, sondern in die Unscheinbarkeit und Niedrigkeit der Jungfrau, der Magd des Herrn.

„Für uns Menschen und zu unserem Heil“ – „vom Himmel gekommen“ – „Mensch geworden“. Ich möchte es wagen, in jener Kindlichkeit des Bildes, die mitunter mehr enthält als die Ausdifferenziertheit des Begriffs, dies so ausdrücken:

Gott fragte den Menschen: Wie geht es dir? Und um es genau zu sehen, kam er persönlich vom Himmel herunter, dorthin, wo der Mensch ist. Er sah es und sagte: Ich bleibe da, ich werde wie du, ich werde Mensch. Ich gehe mit dir – bis in den [23] Tod und durch den Tod bis zum Leben. So geht es dir gut!

Natürlich soll der Begriff nicht zur Seite geschoben, sondern soll die Frage zugelassen werden: Ist das nicht arg verzeichnet und verzerrt, Gott zuzutrauen, daß er „heruntersteigen“ muß, um zu wissen und zu wenden, wie es uns geht? Nein, das ist schon etwas anderes, alles zu wissen in göttlicher Allübersicht und es zu „wissen“ aus der Perspektive des Betroffenen, aus dem Teilen und Teilhaben, aus dem Mitgehen auf selbem Niveau. Es ist zumindest für uns etwas anderes. Dieses „für uns“ betrifft aber Gott selbst; denn Gott ist die Liebe, und die Liebe treibt bis dahin, daß sie, auch aus der Perspektive der anderen, der Geliebten gesehen, dort sein will, wo sie sind.

Die Weihnachtsgeschichte ist Gottes Abstiegsgeschichte, sie ist die Geschichte der Weggemeinschaft Gottes mit uns.

Dann aber gilt: Die Weggemeinschaft Gottes mit uns in Jesus kann nur greifen, weitergehen, alle erreichen in unserer Weggemeinschaft mit Ihm und untereinander. Wir selber müssen absteigen von unserem Großtun, jede und jeder einzelne, um miteinander zu gehen. Und miteinander gehen können wir nur, wenn uns angeht, wie es der je anderen, dem je anderen geht. „Propter nos homines et propter nostram salutem“ („für uns Menschen und zu unserem Heil“): Dies ist das Warum der Menschwerdung Gottes, das Warum der Kirche.

[24] Ich wünsche uns, daß jeder und jedem von uns der Herr als Weihnachtsgeschenk Schwestern und Brüder schenkt, die sich dafür interessieren, wie es ihr und ihm geht. Und ich wünsche uns, daß er uns ein Herz schenkt wie das seine, das aufgeht und weit wird im Interesse, wie es den anderen geht.

Doch wie geht das: die anderen heilend und liebend fragen, wie es ihnen geht?

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich habe das Fragen vor dem Sagen.

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich habe Zeit nicht nur für die Arbeit und für die anderen, sondern Zeit auch für dich und achte auf deine Zeit, die meine Frage und mein Interesse braucht.

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich will mit dir gehen; ich finde mich nicht nur damit ab, sondern ich nehme an, daß du mein Nächster bist.

– Wie geht es dir?, das heißt: Du selbst bist mir wichtig, nicht nur, was du tust; du selbst und jene, die zu dir gehören, deine Familie, deine Welt.

Fragen genug zum Nachdenken, Fragen, bei denen es, wenn wir ehrlich sind, in uns und zwischen uns „knirschen“ wird. Ziehen wir uns davor nicht zurück, sprechen wir miteinander. Zeit füreinander ist Zeit für Ihn, Zeit für uns, Zeit für die anderen. Es ist Zeit dessen, der zu uns abgestiegen ist. Steigen wir ab zueinander![8]

 



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