Leben aus der Einheit

[156] Trinität und Maria. Gestalt trinitarischen Daseins

Ein marianisches Schlüsselerlebnis hatte ich im Jahr 1984 in Istanbul. Ich ging mit einer Gruppe von Bischöfen aus unterschiedlichen Konfessionen in die Hagia Sophia. Wir waren ergriffen von diesem überwältigenden Bau, weil wir hier eine ungeheuere Präsenz von Kirchen- und Menschheitsgeschichte ertasteten. Wir standen in einem Bau aus alter christlicher Tradition, aus der Zeit der Einheit der Christenheit, in der Kleinasien Zentrum der christlichen Welt war. Wir waren aber auch an der Stelle, wo der Bruch zwischen Osten und Westen geschah, wo die Einheit zerbrach. In den großen Winkeln der Kuppel sahen wir die riesigen Schriftzeichen aus dem Koran, das Herüberkommen einer anderen Religion über die zerbrochene Christenheit. Doch vor uns waren Schilder aufgestellt: Beten verboten. Ein Museum, in dem Leute mit Feldstechern und Photoapparaten umhergingen, sich irgendwo tummelten und schauten, was es da an Sehenswürdigkeiten gibt. Diese Abwesenheit von Religion an einem ehemals heiligen Ort war unheimlich.

Wir waren überwältigt von dieser Kaskade: ur- [157] sprüngliche Einheit, zerbrochene Einheit, verschiedene Religionen, nicht mehr Religion. Etwas ratlos und hilfesuchend schweiften unsere Blicke umher, und plötzlich − da! Oben in der Kuppel schimmerte zart und unauffällig, sich zurücknehmend und doch unübersehbar, ein altes Mosaik: Maria, die ihr Kind darbietet. Da wurde mir deutlich: Ja, das ist Kirche! Ganz einfach dasein und aus sich Gott, den abwesenden Gott, hervorbringen. Das Wort Theotokos – Gotteshervorbringerin, Gottesgebärerin – bekam plötzlich für mich einen ganz neuen Klang. Mir wurde klar, daß wir den Glauben der Welt nicht organisieren können. Wir können nicht draufschlagen, wenn niemand mehr etwas von Gott hören will, und sagen: Wehe euch! Auch wir können nur da sein und den abwesenden Gott aus uns hervorbringen. Wir können ihn nicht machen, aber gebären. Wir können ihn nicht behaupten, aber seine Schale und sein Himmel sein, aus dem er aufscheint in aller Unscheinbarkeit. Und so verstand ich nicht nur, was heute unsere Aufgabe ist als Kirche, sondern wie Kirche im Bild Mariens und wie Maria im Bild der Kirche, wie die beiden Bilder und die beiden Wirklichkeiten in einem sind.

Denken wir von hier aus einmal über Maria nach. Zunächst möchte ich sie in den Kontext des Alten Testamentes hineinstellen. Der Alte Bund ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Es ist die Bundesgeschichte, in der Gott treu ist, aber der Mensch untreu wird. Es ist die Geschichte, in der Gott immer wieder verblaßt, nicht mehr sichtbar ist, ver- [158] schwindet und abwesend ist. Das Alte Testament ist so aber auch im ganzen immer und immer wieder die Geschichte der „Hervor-Bringung“ des abwesenden Gottes. Die wenigen Treuen fragen immer wieder: Warum verläßt er uns? Warum ist er nicht da? In diesem Kontext geschieht es, daß der Engel Gottes zu einer Frau kommt und daß die Frau fruchtbar wird. Entgegen allen Erwartungen und Gesetzen der Natur bringt sie ein Kind hervor, bringt sie Gott hervor, um ihn neu hineinzuspielen in die Geschichte des Volkes. Was da an der Jungfrau geschieht, gehört im Alten Testament zur Verheißungs- und Erfüllungsgeschichte (vgl. Jes 7,14). Immer wieder tritt Gott heraus aus dem Verborgenen als der Hoffnungs- und Zukunftsträger. Dieses „Heraustreten“ Gottes aus dem Verborgenen, diese „Hervorbringung“ Gottes ist ein wichtiger Hintergrund in der Geschichte des Volkes. Dahinein tritt jene Frau, in der diese Geschichte sich ganz und gar erfüllt. Hier ist also in dieser so oft erfahrenen Abwesenheit Gottes plötzlich die Jungfrau, die Frau, die sich dem Engel stellt und sich über ihre Grenzen hinaus einfach hinhält, so daß Gott in ihr etwas wirken kann. Und so bringt sie nun im Radikalsinn, im Universalsinn und im Sinn des Endgültigen den Gott hervor, der sagen kann: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Sie hat ihn ein für allemal hervorgebracht. Sie hat ihn hineingespielt in die Menschheitsgeschichte. Und in aller Verborgenheit [159] und in aller marianischen Stille bleibt dieser Gott als ihr Kind, als Menschenkind gegenwärtig.

Warum macht Gott das eigentlich so? Ich möchte das „Prinzip“, das dahintersteckt, mit dem Satz bezeichnen: Was vom Himmel fällt, muß aus der Erde wachsen. Der dreifaltige Gott wirkt so, weil es seinem Lebensrhythmus entspricht. Er allein ist der Handelnde. Aber er allein so, daß dieses Er-Allein den Partner einschließt. Was also von Gott allein kommt, kommt zugleich vom Menschen, ist zugleich Antwort. Jedes Wort Gottes ist zugleich Antwort, ist zugleich ein Menschenwort, ein Wort, das es nicht gäbe, wenn es nicht aufgezeichnet und überliefert wäre von jemand, der es aufgenommen hat, ihm gehorsam geworden ist und es uns sagt. Gottes Wort fällt vom Himmel herunter, aber es fällt auf den geliebten Sohn oder auf die Jünger; und der geliebte Sohn oder die Jünger sind es, die uns das sagen, was der Vater sagt. Immer kommt Gottes Wort ganz unableitbar von oben, und immer kommt es zugleich von unten. Nur was vom Himmel fällt, kann aus der Erde wachsen. So ist der Vater – der nie ohne den Sohn wirkt, der alles, was er tut, durch den Sohn tut – auch derjenige, der in der Schöpfung und in der Geschichte jeweils so handelt, daß er das, was er uns zu sagen und zu geben hat, zugleich aufgehen läßt aus menschlicher Geschichte.

Dieses Grundprinzip von Heilsgeschichte ist auch verfaßt in der Fleischwerdung des Wortes aus Maria. Deswegen gehört Maria als Jungfrau und Mutter zentral in die christliche Botschaft hinein. [160] Sie ist die Antithese gegen ein Gott-Allein und gegen eine bloße Leistung des Menschen, der aus sich selber alles kann. Maria ist total angewiesen auf Gott, und so kann sie eben als Jungfrau nicht aus sich empfangen und gebären; und darin bringt sie die ganze menschheitliche Wirklichkeit mit: Die Menschheit kann Gott nicht hervorbringen. Was allein vom Menschen her absolut nicht geschehen kann, geschieht in ihr von Gott her; aber es geschieht so, daß sie die Menschheit und deren Ja einbringt. Ich verstehe dieses Mysterium der Jungfrau Maria eigentlich erst, wenn ich es in seiner Radikalität des alleinigen Anfangs von Gott her neben zwei andere Ereignisse stelle, die ebenso fundamental und radikal sind: Es gibt die Schöpfung ex nihilo, die Schöpfung aus dem Nichts. Es gibt die Auferweckung aus dem Tod. Und es gibt die Incarnatio aus Maria der Jungfrau. Dies sind die drei Anfänge, die nur von Gott her geschehen. In einem geschichtlichen Nullpunkt, wo in unserer Kausalkette etwas fehlt, wo sozusagen etwas zerrissen ist, da greift Gott trotzdem nach der menschlichen Kausalkette, nach dem menschheitlichen Zusammenhang und läßt daraus den Sohn Gottes hervorgehen. Das ist das Geheimnis Mariens.

Aber wie entfaltet sich dieses Geheimnis in ein Bild, in eine Gestalt, in jene mariologische Lebensgestalt, die Maria nicht nur als eine besonders wichtige, sondern als eine einmalige Gestalt in die Communio Sanctorum hineinstellt? Diese Einmaligkeit ist mir bei einem ökumenischen Bischofstreffen aufge- [161] gangen, bei dem Bischof Martin Kruse über Maria gesprochen hat. Er erzählte, er sei von einer evangelischen Gemeinde in Berlin, die ein altes Marienbild aus der vorreformatorischen Zeit bewahrt hatte, gefragt worden, ob sie nicht entgegen allen reformatorischen Prinzipien dieses Marienbild neben dem Altar anbringen dürfe. Er hat ihr die Antwort gegeben: Selbstverständlich, für mich gehört Maria da hin. Sie ist für mich nicht nur ein Typos für etwas, was alle Glaubenden sind, sondern sie ist für mich im Plan Gottes der unverwechselbare und einmalige Mensch, durch den das Wort Fleisch geworden ist. Gott hat sich eines bestimmten und unaustauschbaren Menschen bedient und nicht einfach der Idee oder des Prinzips Menschwerdung, um uns zu erlösen. Maria gehört darum als dieser konkrete und einmalige Mensch zu unserem Glauben hinzu.

Kehren wir aber zu der Fragestellung zurück, wie wir das Geheimnis Mariens und ihr konkretes Menschsein in ein Bild, in eine Gestalt, in eine Lebensgestalt fassen können, die uns etwas sagt über uns und unsere Lebensgestalt. Dies widerspricht keineswegs dem Gedanken der Einmaligkeit Mariens, sondern es entspricht ihm. Ich erinnere an unsere Einsicht, daß die eigentliche Wirklichkeit im Zwischen liegt, und dies heißt eben: Was eine oder einer vor Gott und für Gott ist, das ist sie, das ist er für alle. Es gibt diesen fundamentalen Zusammenhang, es gibt diese Kommunikation mit den anderen, in der eben das, was eine oder einer ist, alle sind. So können wir auch nur in dieser Dialektik [162] von einem Marienbild oder einer mariologischen Lebensgestalt sprechen: Maria ist nicht nur ein Typos oder eine Idealisierung, sondern sie ist ein Mensch, und nur so war Menschwerdung möglich. Aber indem sie der Mensch ist, in dem Jesus Christus kommt und in dem er für alle und in allen kommen will, ist sie in dieser geschichtlichen Einmaligkeit zugleich das, was auch uns angeht und was wir selber zu sein haben. So möchte ich nun doch in sechs Punkten ein „Marienbild“ entfalten und abschließend der Frage nachgehen, was dies für unser „Maria-Sein“ bedeutet. Dabei schaue ich auf Maria, wie sie sich uns im Glauben der Kirche darstellt und wie ich – diesen Glauben der Kirche ganz und gar wahrend und hütend – doch in ihr etwas sehen kann, was nicht gesehen ist, wenn ich nur den Buchstaben des Dogmas sehe und nicht hineinschaue in das Ganze ihrer Gestalt.

Der erste Punkt in diesem Marienbild heißt: zweifache Fleischwerdung des Wortes. Was meine ich damit? Das Wort ist Fleisch geworden aus Maria, der Jungfrau. Sie hat das fleischgewordene Wort empfangen und geboren; sie hat uns Gott gegeben. Doch das Entscheidende geschieht „außer ihr“ und geht über sie hinaus: Das Wort ist „außer ihr“. Immer wieder ist sie die von der Geschichte dieses Wortes Zurückgelassene. Sie ist nicht jene, die mit im Rampenlicht steht. Wenn sie einmal in dieses Licht kommt, wird sie zurückgestoßen. Auf ihn – Jesus – allein kommt es an, und er ist das Wort. Und dieses Außer-Ihr des Wortes muß sie erleiden und erfah- [163] ren in der harten Geschichte ihrer Zurückweisung: „Was willst du von mir, Frau?“ (Joh 2,4) Fleischwerdung aus Maria, der Jungfrau, sagt ganz deutlich, daß sie nicht schon deswegen die Besondere im Reich Gottes ist, weil sie diese Mutter ist. Sie ist selig zu preisen, weil sie geglaubt hat.

Dieser ersten Fleischwerdung des Wortes korreliert zugleich eine zweite im Leben der Gottesmutter Maria. Indem sie das Wort angenommen hat und das Wort in ihr Fleisch wurde, wurde das Wort zugleich ihre Lebensform. Sie bewahrte dieses Wort in ihrem Herzen. Sie wird überall, wo sie auftritt, eigentlich in Beziehung zu diesem Wort gesehen. Wenn wir die Stellen des Neuen Testamentes, in denen von Maria die Rede ist, durchschauen, dann spielt immer ein alttestamentliches Gotteswort oder die Reflexion darauf eine erhebliche Rolle. Sie ist diejenige – und so sieht die Kirche Maria, und deswegen preist sie Maria selig –, die das Wort, das sie uns geschenkt hat, in sich selber ausgeprägt hat. Dies ist ganz entscheidend, daß sie die – wenn ich so sagen darf – Hohlform des Wortes Gottes geworden ist.

Es ist entscheidend, daß die doppelte Fleischwerdung auf irgendeine Weise immer geschieht, wo es darum geht, Wort Gottes zu geben oder zu verkündigen. Derjenige, der als Diakon, Priester oder Bischof gesendet ist, das Wort in einer spezifischen, für die Kirche konstitutiven Weise präsent zu machen, wird von der Objektivität dieses Wortes – das [164] Wort ist „außer ihr“ – in seiner Seinshaftigkeit so geprägt, daß ihm ein Siegel dieses Wortes eingebrannt ist. Und zugleich kann nur derjenige lebendiger Zeuge sein, der solche Objektivität in die Subjektivität hineinholt und der das Wort Gottes lebt. Denn nur in dem Ausmaß, in dem das Wort, das wir sagen, Wort unseres Lebens wird, kann dieses Wort glaubhaft werden. Für uns heißt dies: Nur in dem Ausmaß, als das Wort – als Wort „außer uns“ – uns verändert, kann es andere angehen und andere verändern. Und nur, indem das Wort zugleich die Form unseres Lebens wird, wird es die Wirklichkeit und die Gestalt, die aus unserem Leben in das Leben anderer und der vielen hineinspringt.

Diese doppelte Fleischwerdung des Wortes ist auch der Schlüssel für die innere Dialektik, daß Maria die Zurückgewiesene und die Seliggepriesene, die ganz Kleine und die ganz Große ist. So bedeutet die Tatsache, daß sie Mutter des Wortes Gottes ist, auf der einen Seite nichts: Selig jene, die glauben! – und auf der anderen Seite bedeutet diese selbe Tatsache alles: Denn du bist Mutter gerade in deinem Glauben und durch deinen Glauben, durch das Wort, das in dir lebt; weil du das Wort in dir bewahrt hast, hast du es vermocht, die Mutter Gottes zu werden! Dies ist das erste, was ich von diesem Marienbild zeigen will: diese zweifache Fleischwerdung des Wortes.

Dann aber kommt ein zweites. Maria ist geglaubt und erfahren von der Kirche als jene, die ganz in diesem Wort einbehalten ist, als jene, die ganz und [165] gar in Gott lebt. Sie ist – so möchte ich sagen – im Gehege der Dreifaltigkeit. Sie ist die vom dreifaltigen Gott ganz und gar Umfangene und Umgebene. Sie lebt ganz aus dem Ruf der Gnade des Vaters. Sie prägt, indem sie das Wort ausprägt, die Sohnschaft aus, so daß sie, die nicht von Natur aus Tochter Gottes ist, es durch die Gnade ist. Sie stellt uns dieses Kindsein vor Gott (vgl. Mt 18,4) dar und das Spielen der Weisheit (vgl. Weish 6,22–8,18) vor dem väterlichen Gott. Sie ist es, die ganz im Sohn steht, deren eigenes Ja ganz im Ja des Sohnes steht. Sie ist es, die ganz im Raum des Geistes steht. Und in all dem ist sie die Verborgene.

Wir könnten an ihr im Grunde zuallermeist und zuallertiefst das ablesen, was wir als Grundgedanken bisher gefunden haben: diese Verwandlung unseres eigenen Ich. Sie ist dieses verwandelte Ich. So heißt „ich“ eben nicht mehr nur, daß ich von mir ausgehe, von mir her bin und bei mir bleibe, sondern daß mein Leben und mein Ich Zeugnis dafür wird: Er liebt mich – ich bin da – ich bin bereit. Aus diesem verwandelten Ich geschieht diese Zuwendung zu allen, die auch Schwestern und Brüder Jesu sind, dieses Dasein für die anderen und dieses Schauen, ob der Wein nicht ausgeht bei der Hochzeit. Hier geschieht dieses Du und zugleich dieses Wir. Maria gehört in die Jüngerschar, sie gehört in die Kleingemeinde des neuen Zion unter dem Kreuz, sie gehört in die Jüngergemeinde, die vor Pfingsten einmütig im Gebet versammelt ist. Sie ist [166] in diesem Wir. Sie ist im Garten der Dreifaltigkeit, sie ist behütet vom Vater über ihr, der sie liebt, vom Sohn in ihr, vom Sohn im Nächsten und vom Geist, der das neue Wir, das neue Gottesvolk formt. Maria, in der das Wort Fleisch wird, ist geborgen im dreifaltigen Gott, das ist der zweite Punkt unseres Marienbildes.

Aber dieses zweite springt sofort über in ein drittes, das dialektisch sich mit dem ersten verschränkt und das so ganz und gar allen Strukturgesetzen des christlichen Lebens entspricht: diese gegenseitige Perichorese, dieses gegenseitige Sich-Umfangen. Als Theotokos, als die Gottesgebärerin, ist sie der Himmel der Dreifaltigkeit. Denn aus ihr geht der Sohn Gottes hervor in die Welt. So schenkt sie der Welt den, der uns „Abba, Vater!“ lehren will, und den, der uns seinen Geist mitgibt, so daß wir eins sind miteinander, eins mit ihm und eins mit ihr. Indem sie uns den Sohn schenkt, schenkt sie uns, was der Sohn uns schenkt: den Vater über uns und den Geist in uns. Nicht im Sinn jener Ursächlichkeit, die auch nur das Allerleiseste oder Geringste von der alleinigen Ursächlichkeit des Sohnes hinwegnimmt, aber im Sinn dieses Mitseins, dieses Drinnenseins in seinem Handeln, wie es eben immer Gott entspricht, daß „Gott allein“ eben „Gott und“, „Christus allein“ eben „Christus und“ heißt. Sie ist nicht eine Konkurrenz zu Jesus Christus, sondern sie ist ein Hintergrund. Ein Hintergrund nicht im Sinn jener falsch verstandenen Demut, die sich in eine äußerliche Knechtsrolle hineinmanipuliert, sondern in [167] diesem ganz anderen Sinn des Raum-Schaffens in sich, des Raum-Seins, so daß wirklich aus ihr Gott hervorgeht. Das eben war es, was mich in Istanbul so tief bewegt hat und mir dort so wichtig geworden ist: in dieser Welt, in der ich die Abwesenheit Gottes erkenne, diese Gestalt der Jungfrau-Mutter, diese wehrlose Gestalt zu entdecken, die den ganzen Gott gibt in einem Kind. Das ist der Himmel, den wir über unserer Erde brauchen: Wir brauchen nicht den Himmel der großartigen Gestalten. Wir brauchen den Himmel, der der Schoß der Jungfrau ist, aus dem der lebendige Gott in Jesus Christus hervorgeht.

Ein vierter Punkt ist im Glauben der Kirche wichtig: Maria, das ganz und gar gelungene Geschöpf. Maria ist so vom Wort geprägt und sie ist so ganz Wort geworden, daß sie „Nichts“ ist. Aber als dieses Nichts ist sie sozusagen der Himmel der Trinität. In dieser Koinzidenz, in diesem Zusammentreffen der Universalität des Himmels mit dem Nichts ist Maria zugleich jene, in der die Erlösung ihr ganzes Maß erreicht hat, in der der Plan der Liebe gelungen ist.

Das bedeutet mir auch sehr viel für mein eigenes Menschsein. Denn in meinem Menschsein erfahre ich Brüche, und es ist ganz gut, daß ich diese Brüche spüre, weil sie mich in die Nähe zu vielen anderen bringen, die auch solches erfahren. Aber wie froh bin ich, daß ich auf Jesus vertrauen kann, in dem alle Brüche geheilt sind. Wenn ich allerdings dennoch hilfesuchend meine Blicke umherschweifen [168] lasse, dann deswegen, weil ich auch froh wäre, wenn das, was Gott sich mit dem Menschen gedacht hat, in einer rein geschöpflichen Gestalt irgendwo anzuschauen wäre. Ich weiß zwar, in Jesus ist das Ganze des Menschseins da, gerettet und geheilt. Aber trotzdem frage ich mich: Gibt es irgendwo neben ihm ein Geschöpf, das bis in die Ritzen seines ursprünglichsten Anfangs hinein geheilt ist, so daß in ihm die ganze Gestalt des Heils erscheint? Hat Gott seinen Traum vom Geschöpf Mensch trotz unserer Schuld irgendwo realisieren können? Gibt es nicht doch irgendwo den bis in die Wurzel geheilten Menschen? Gibt es den Menschen, in dem der ursprüngliche Plan der Liebe Gottes aufgeht? Das ist nicht Heile-Welt-Romantik, sondern es ist die Sehnsucht meines Menschenwesens danach, daß es so, wie es von Gott gedacht ist, irgendwo bewahrt ist und aufgeht. Darum bin ich froh, daß mir die Kirche Maria schenkt und vor Augen stellt: Maria, die Immaculata. Sie ist mir kostbar geworden, denn meine menschliche Identität hängt daran, daß ich mein eigenes Menschsein irgendwo als bis in die Wurzel geheilt anschauen kann. Ich habe mehr Vertrauen und Zutrauen zum Menschen und zu dem, was Gott mit dem Menschen tut, weil es Maria gibt. Sie gehört zu mir. Und sie ist nicht jemand, der mir irgend etwas streitig macht, weil ich nicht so geheilt bin. Nein, wir gehören zusammen, und wenn sie ganz und gar in diesem Licht ist, fällt Licht in mein Dunkel. Maria als der gelungene Plan der Liebe, dies ist ein vierter Punkt in diesem Entwurf eines Marienbildes.

[169] Ein fünftes gehört hinzu. Und dieses fünfte ist entscheidend. Ich hätte andererseits auch große Not, wenn Maria nur dieses vollendete Geschöpf wäre. Denn dann müßte ich fragen: Ja, ist sie denn weg von dem, was uns angeht? Ist sie, die den Erlöser brachte, denn weg von dem, was uns quält? Ist sie – ganz und gar gehütet im Gehege des dreifaltigen Gottes und Raum und Himmel dieses dreifaltigen Gottes – denn so weit weggerückt, daß sie keine Erdreibung mehr hat? Gehört sie einfach nicht dahinein, wo ihr Sohn mich erst in seinem Kreuz und in seiner Gottverlassenheit ganz erreicht hat? Das wäre schrecklich. Kann sie wirklich das sein, was sie ist, die Immaculata, die Theotokos, die Gottesgebärerin, wenn sie nicht auch die Mater Desolata, die Mutter unter dem Kreuz ist?

Nach dem Krieg waren die Kunstschätze meiner Heimatstadt Freiburg und der Umgebung, die während des Krieges ausgelagert waren, für einige Monate im Augustiner-Museum in Freiburg ausgestellt. Ich bin in jenen Monaten als Sechzehnjähriger täglich ins Museum gegangen und habe mir die Ausstellung angeschaut. Und immer bin ich stehengeblieben vor einem Bild, das sich mir tief eingegraben hat. Es ist die Maria unter dem Kreuz innerhalb der Karlsruher Kreuzigungsgruppe von Grünewald, nicht die vom Isenheimer Altar, sondern vom „Tauberbischofsheimer Altar“, entstanden um 1526. Das Zentrum der Mariendarstellung sind hier die Hände Mariens, die sie ineinander faltet. Als Gewand trägt sie ein Tuch, das in diesen Händen, die unter dem Kreuz gefaltet sind, zusammengeht. [170] Die Linien dieser Gewandfalten, die sich in den Händen kreuzen, wurden für mich zum Zeichen, wie die Geschichte der Menschheit zusammenläuft im Gebet der Mutter unter dem Kreuz. Neben dem Bild in der Hagia Sophia in Istanbul ist es mir das wichtigste Marienbild geworden.

Was sagt mir dieses Bild? Was geschieht dort unter dem Kreuz? Der Verlassene, der mich bis in den innersten Abgrund angenommen hat, er hängt dort und ist alleingelassen von allen. Aber muß er nicht begleitet sein? Muß nicht irgendwo ein Punkt sein, durch den sein letztes Alleinsein hineinkommt in die Überlieferung und in meinen Glauben? Muß der, der ganz allein dort war, nicht auch durch Menschen uns gegeben und geschenkt werden, damit wir ihn kennen, damit wir uns selber dort finden können, damit wir wissen, daß er wirklich dort war? Hier erfüllt sich für mich einer der schönsten und tiefsten Sätze, die über Maria geschrieben sind. Dieser Satz steht in der Brevierlesung zum 15. September und stammt aus einer Predigt des Bernhard von Clairvaux zum Festgeheimnis von Mariä Himmelfahrt. Dort heißt es: „Deine Seele, heilige Mutter, durchdrang wahrhaft ein Schwert. Nur durch deine Seele hindurch durchbohrte es auch den Leib deines Sohnes. Nachdem Jesus, dein Jesus – der Jesus aller, aber im besonderen dein Jesus –, den Geist ausgehaucht hatte, schonte die grausame Lanze den Toten nicht, doch sie konnte ihm nicht mehr schaden und öffnete nur seine Seite. Seiner Seele konnte sie nichts mehr anhaben; aber deine Seele durchdrang sie. Seine Seele war nicht mehr da, aber deine [171] Seele konnte von dort nicht losgerissen werden.“ Diese Wirklichkeit, die Bernhard hier beschreibt, ist eine abgründige. Die letzte Realität des Leidens Jesu ist da im menschlichen Mitleiden der Mutter unter dem Kreuz, der Mater Desolata. Und dieses menschliche Mitleiden ist die höchste Partizipation des Menschen an Gott. Dies stimmt auch für uns. Wir können nichts Göttlicheres tun, als uns vereinen mit dem, der für uns in die Verlassenheit des Kreuzes gegangen ist. Wenn wir Sünde werden mit ihm, wenn alles das, was Fluch und Sünde und Tod ist, in uns hineinkommt, weil wir liebend da aushalten – dann ist das das Höchste. Vielleicht sind darum jene Mütter am meisten Mensch, die wehrlos beim Unglauben ihrer Söhne und Töchter stehen. Vielleicht sind darum jene Menschen am meisten Mensch, die heute irgendwo unter dem Kreuz stehen. Die Mutter unter dem Kreuz, das ist ein ganz entscheidender fünfter Punkt unseres Marienbildes.

Abschließend komme ich nun zu einem sechsten Punkt. Die eben beschriebene innere Verbundenheit des Menschen mit Gott geschieht am höchsten dort, wo das Kreuz unsere Lebensgestalt wird, wo wir unter dem Kreuz miteinander einswerden. So ist eine Szene unter dem Kreuz besonders wichtig und bedeutsam, die das Johannesevangelium erzählt: „Als Jesus seine Mutter sah und neben ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an [172] nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26 und 27) In diesem „Siehe!“, das Jesus an die Mutter und an den Jünger richtet, geschieht der Zeigegestus einer großen Offenbarung. Hier im 19. Kapitel des Johannesevangeliums wird bereits anfanghaft das Abschiedsgebet Jesu im 17. Kapitel eingelöst, wo Jesus nachdrücklich um die Einheit betet. Dieses letzte Gebet Jesu um die Einheit wird dort verwirklicht, wo der Jünger die Mutter Jesu zu sich nimmt. Sich gegenseitig unter dem Kreuz in seiner Liebe und in seinem Namen anzunehmen, dies substituiert den abwesenden Christus in der gegenseitigen Beziehung. Deswegen ist eben das Hineinnehmen der Mutter in das Eigene des Jüngers – und umgekehrt das Hineinnehmen des Jüngers in das Eigene der Mutter – der Punkt, wo das Gebet Jesu sich leise zu realisieren beginnt und der Anfang der Einheit, die Gott durch Jesus Christus wirken will, verborgen anhebt. Da der Evangelist Johannes nie nur „zwischenmenschliche Rührung“ vermittelt, sondern immer auch theologische Aussage damit verbindet, scheint mir in diesem „Siehe“ etwas Grundlegendes angesprochen. Johannes will sagen, daß gerade eine Gemeinde, die unter dem Kreuz steht und die repräsentiert ist in der Mutter Jesu, ganz besonders wichtig ist für die Einheit der Kirche. Aber auch wenn dieser Gedankengang exegetisch nicht mitvollzogen werden könnte, so wäre es doch auf jeden Fall so, daß Maria zu denen gehört, die vom Berg der Himmelfahrt Jesu in den Pfingst- [173] saal gehen und um den Geist beten (vgl. Apg 1,12–14). Dabei ist es entscheidend, daß dort eben nicht nur die Männergesellschaft der Apostel zusammen ist, sondern die ganze Gemeinde, die ganze Kirche, und darin Maria als der innerste Punkt dieser Kirche. So ist sie eben auch die Mater unitatis, die Mutter der Einheit.

In den sechs Punkten dieses Marienbildes muß uns eines ganz deutlich werden: Wenn wir Kirche in ihrer Ganzheit verstehen, wenn wir sie so verstehen, daß sie Communio in einem umfassenden Sinn ist, dann kann Kirche sich nur wiederfinden in dem, was die Theotokos, die Gottesgebärerin, ihr sagt: Maria ist der Mensch, der Gott in seine Abwesenheit hinein hervorbringt. Hier erkennen wir, daß eine Kirche ohne Maria nicht sein könnte. Ich stehe zwar eindeutig zur konstitutiven Bedeutung des apostolischen Amtes in der Kirche und stelle mir die Kirche auch nicht ohne Apostel vor. Aber ich könnte mir die Kirche eher ohne Apostel vorstellen als ohne Maria. Maria und „ihr Amt“ ist das Wichtigste in der Kirche. Fragen wir uns also, was wir tun können, um mit dieser Maria zu leben und um so zu der Kirche zu gehören, die – wie es auch der Theologe Hans Urs von Balthasar oder unser Papst Johannes Paul II. formulieren – mehr von Maria und dem marianischen als von Petrus und dem petrinischen Amt geprägt sein wird.

Dabei sind genau die Punkte wichtig, die wir an [174] Maria abgelesen haben und die ich uns in einer kurzen Zusammenschau noch einmal vor Augen stellen möchte: Maria, das Wort Gottes in sich hervorbringend in der doppelten Fleischwerdung; Maria, die geborgen ist im Schutz des dreifaltigen Gottes; Maria, die der Himmel, der Hintergrund des dreifaltigen Gottes für uns Menschen und für die Menschheitsgeschichte ist; Maria, die jene ist, in der Gottes Traum und Plan vom Menschen sich verwirklicht und die uns so mit unserer erlösten Fülle beschenkt; Maria, die das Alles-Verlieren, die die Gottverlassenheit ihres Sohnes mitlebt, die sie uns überliefert und uns so in die Communio mit ihm hineinhebt; Maria, die der Anfang und die Mutter unseres Einsseins in seinem Namen ist. Diese marianische Reihe möchte ich nun noch einmal im Blick auf unser Leben durchgehen und einladen, selbst darüber nachzudenken, was ich hier nur mit wenigen Tupfern bezeichne.

Erstens ist da dieses Wort-Werden. So müssen wir uns fragen: Ist das Wort in uns Fleisch? Lebe ich so mit dem Wort Gottes, daß es betastbar wird in mir? Bin und lebe ich anders, weil ich dieses Wort kenne? Ist es nicht nur in meinem Kopf, sondern in meinen Fingerspitzen, in meinem Gehen, in meinem Pulsschlag, in meinem Herzen, in meinen Affekten, in meinen Plänen, in meinen Wegen und in meinen Taten? Ich denke schon, es ist gut, daß eine Frau uns gezeigt hat, was dies heißt, weil die inkarnatorische Potenz der Frau etwas Urmenschliches zeigt, was nicht nur den Frauen gehört, sondern uns allen, was aber in den Frauen und in der Frau, Ma- [175] ria, anschaubar ist. Dieses Wort-Werden ist etwas total anderes als Passivität oder Dienen in einem äußeren Sinn. Es ist eine ganz andere Qualität des Menschseins gemeint, die hier unsere Lebensgestalt werden soll. Es ist die Qualität eines verwandelten „Ich“, das seinen Ausgangspunkt eben nicht nur in sich selbst hat, sondern in allem von diesem Wort begleitet ist.

Zweitens geht es darum, in Gott zu bleiben. Christsein und jede christliche Berufung hat diesen kontemplativen Grundzug: Wohin ich auch gehe und was ich auch tue, ich bleibe in Ihm. Im Grunde muß ich immer nur schauen, wo Er ist, und auf Ihn zugehen. Ich entdecke den Verlassenen in den Schmerzen; ich entdecke seinen Geist in den Kleinen; ich entdecke sein Leiden in den Leidenden; ich entdecke seine Nähe dort, wo Menschen in seinem Namen versammelt sind. Dies sehen, es benennen und ins Licht heben – das ist alles. Das ist die zweite Weise, marianisch zu leben: dieses Kontemplative im Aktiven, dieses Bleiben in Ihm.

Drittens: Es ist auch unsere Aufgabe, Gott hervorzubringen. Da, wo ich hinkomme, will auch Gott hinkommen. In den Milieus, in denen ich lebe, halte ich mich weder geniert zurück, noch rede ich drauflos; aber ich bin bereit zu reden, wo es nottut. Leben und reden, handeln und sein, so daß Gott da ist! Diese Maria sein, die nichts Großes bedeutet und nichts Großes ist, aber die das Kind hervorbringt, die das Kind einspielt und die das Kind, in dem Gott ist, in die Mitte stellt.

Viertens: Ich bin keine Immaculata. Ich bin der [176] gebrochene und sündige Mensch. Aber wenn ich auf Maria schaue, dann bin ich der je neu wieder anfangende Mensch, dann bin ich der je neu in den Ursprung und Kontext seiner ersten Liebe gerückte Mensch. Dieses beständige Rückkehren in die Unbefangenheit der ersten Liebe, dieses Frisch-Werden vom Ursprung her, dieses Teilhaben an der Immaculata, in der ich selber unverbrauchtes Menschsein aus dem Glauben an den, der mich geliebt und geheilt hat, leben kann.

Dann fünftens und sechstens: dieses Stehenbleiben unter dem Kreuz und dort das Einswerden miteinander. Wo ich meinen Gott verliere für den anderen, da stehe ich wirklich wie Maria dort, wo er ist. Wo ich dem Verlassenen nicht ausweiche, sondern wie Maria mich ihm stelle, da stehe ich in dieser Liebe Gottes. Wo ich im Namen des Verlassenen dem anderen nicht ausweiche, sondern ihn annehme, da gehe ich den Weg der Einheit.

So wird der Weg Mariens unser Weg, und so verstehen wir, was über Maria in „Lumen Gentium“, der Konzilskonstitution über die Kirche, im abschließenden Kapitel gesagt wird: Derjenige, der Maria so versteht und Maria so lebt, ist Kirche. Das ist unsere Berufung, daß wir die Gleichzeitigkeit von Maria und Kirche sind, daß wir, Maria lebend, Kirche werden und daß wir, Kirche lebend, Maria sind.