Leben aus der Einheit

[177] Trinität und Kirche. Raum trinitarischer Gemeinschaft

Leben aus der Einheit, um diesen Grundgedanken ging es in allen Beiträgen. Ob wir über die Botschaft unserer Zeit, ob wir von unserem eigenen Leben, ob wir von Gemeinschaft, von der Menschheit und der Geschichte, ob wir von der Schöpfung, über das Kreuz und über Maria sprachen, alles war hineingesehen und hineingedacht in eine „dreifaltige Gemeinschaft“. Unser abschließendes Thema „Trinität und Kirche“ drückt dies auch als das Neue im Kirchenbild des Zweiten Vatikanischen Konzils aus. In diesem Kirchenbild kommt von alten Ursprüngen her neu ins Bewußtsein, daß Kirche Gemeinschaft ist, Communio ist, die ihren Sinn ebensosehr im Leben des einzelnen Menschen wie in der Menschheit als ganzer hat. So sehr Kirche eine institutionelle Form haben muß und so sehr sie ein hierarchisch verfaßtes Gemeinwesen ist, so sehr ist sie auch trinitarisch zu verstehen und als dreifaltige Gemeinschaft zu leben. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern indem sie ist, ist sie jener Anfang der erlösten Menschheit, die die Einheit zwischen Gott und Menschheit, wie sie in Jesus Christus sich ereignet hat, ausdrücken und vermitteln soll, um so in sich [178] jene Gemeinschaft vorwegzunehmen und in Gang zu bringen, zu welcher die Menschheit berufen ist. Dies findet seinen Ausdruck in der Kirchenkonstitution des Konzils, wo ein altes Wort Cyprians das Wesen von Kirche neu beschreibt: „So erscheint die ganze Kirche als ‚das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk‘“.1

Ich möchte in einem zweifachen Gang über die Kirche nachdenken. Dabei werde ich wichtige Fragestellungen beiseite lassen. Ich probiere also keine fundamentaltheologische Rechtfertigung und Begründung des apostolischen Amtes oder der hierarchischen und sakramentalen Struktur von Kirche. Dies alles gehört für mich ganz fundamental hinzu, und ich möchte es einmal als selbstverständlich voraussetzen und nur da am Rande berühren, wo es sich notwendigerweise aus dem ergibt, was ich nun darstellen will. In einem ersten Gang geht es um die recht unterschiedlichen Kirchenbilder und Kirchenerfahrungen, wie sie uns im Neuen Testament begegnen. In einem zweiten Gang werde ich dann die bisher gesehene Weise des trinitarischen Lebens in sieben Existentialien auf Kirche hin entfalten. Darin liegt für mich so etwas wie die Quersumme dessen, was ich in den einzelnen Kirchenbildern des Neuen Testamentes ablesen kann.

[179] Die Kirchenbilder und Kirchenerfahrungen im Neuen Testament sind unterschiedlich. Sie sollten aber in ihrer Vielfalt und Unterschiedenheit nicht auseinandergerissen und gegeneinander gestellt werden. Denn in ihrer Unterschiedenheit zeigt sich, wie das eine Wesen der Kirche sich uns in der Vielfalt von Gestaltwerdungen vorstellt. Natürlich ist mir bewußt, daß ich wesentlich mehr zu den einzelnen Kirchenmodellen differenzierend ausführen müßte, wenn es mir um die vollständige Darlegung einer neutestamentlichen Ekklesiologie ginge. Aber dies sprengt hier nicht nur den Rahmen, sondern ich hoffe auch, daß in der perspektivischen Verkürzung der folgenden Darstellung die eigentliche Botschaft eher schärfer zu fassen ist als in differenzierten Einzelanalysen. So gehe ich nun an den wichtigen Schriften des Neuen Testamentes entlang, ohne mich auf Einzelheiten einzulassen. Ich greife einige Schriften heraus, um jeweils den spirituellen Hintergrund von Kirchenerfahrung darin anzuleuchten. Dabei geht es mir nicht um bloße Spiritualität – die als solche auch keine ganze Spiritualität wäre –, sondern um die jeweilige Lebenserfahrung und die dahinterliegende dogmatische Grundüberzeugung.

Ich beginne mit dem Kirchenbild des Matthäusevangeliums. Es läßt sich am deutlichsten ablesen an den vier großen Reden, die im 5. bis 7. Kapitel, im 10. Kapitel, im 18. und im 23. Kapitel – vor der eschatologischen Schlußrede im 25. Kapitel – stehen. Diese großen Reden sind Kompositionen des Matthäus, die zeigen, wie er sich Kirche denkt und [180] wie er Kirche versteht. Es mag merkwürdig erscheinen, daß ich die Bergpredigt im 5. bis 7. Kapitel hier miteinbeziehe. Aber die Seligpreisungen heben nicht nur mit Blick auf den einzelnen, sondern mit Blick auf den Jünger als solchen das Andersartige des Lebens nach dem Evangelium hervor; die Jünger sind es, denen gegenüber Jesus die Armen, Trauernden und Hungernden seligpreist (vgl. Mt 5,1), sie sind das Salz der Erde (vgl. Mt 5,13) und die Stadt auf dem Berg (vgl. Mt 5,14). Die Bergpredigt ist die neue Weise der Jünger, sich zu den Sorgen dieser Welt in der Hoffnung auf das Reich Gottes und im Ernstnehmen des anbrechenden Gottesreiches zu verhalten. Diese andere Weise des Verhaltens miteinander und zueinander in der Radikalität des Evangeliums ist auch eine Grundaussage über die Kirche. So ist Kirche jener Anfang der neuen Menschheit, die sich radikal auf Gottes Vorsehung verläßt und die sich zugleich mit einer Liebe auf ein neues Miteinander einläßt, die absolut von der Vergebung und vom Ernstnehmen des Geliebtseins jedes einzelnen Menschen – selbst des Feindes (vgl. Mt 5,43) – ausgeht. Hier wird im Grunde schon so etwas wie dreifaltige Beziehung skizziert. Denn als Versöhnte miteinander zu leben, das Urteilen über den anderen zu lassen, unsere eigenen Sorgen wegzugeben und uns so auf Nahe wie Ferne einzulassen, das ist die elementar neue Qualität trinitarischer Kommunikation. Kirche ist dazu da, daß wir [181] in ihr den Raum finden, so miteinander umzugehen, wie es die Bergpredigt zeigt. Auch wenn dies als sehr hohe Forderung erscheint, so darf ich das, was dort im Evangelium steht, nicht domestizieren. Dabei ist mir hundertprozentig klar – und es versteht sich auch von selbst –, daß dies im Leben der Kirche nicht leicht ist und daß Kirche ihre Identität nicht verliert, wo sie dieses Maß weit unterbietet. Aber es gehört zum Wesen von Kirche, aus dem sich selber immer wieder weitertreibenden und zur Erneuerung treibenden Maß des Evangeliums zu leben. So wird deutlich, daß sie nur durch die Barmherzigkeit Gottes leben kann und nicht dadurch, daß sie sich sagt: Ich habe, ich bin, was ich sein sollte.

Im 10. Kapitel bei Matthäus wird deutlich, wie sehr Sendung – missio – zur Kirche gehört. Sendung bedeutet hier ein Sich-Hineingeben in die Lebensform Jesu, frei zu sein von sich selber. Nur wer in seiner ganzen Existenz für ihn in der Nachfolge zur Disposition steht, kann sich senden lassen, kann das Evangelium weitergeben. Nur wer bereit ist, sein Leben um Jesu willen zu verlieren, wird es gewinnen (vgl. Mt 10,39). Und nur der wird ohne Vorratstasche und Wanderstab sich auf den Weg machen (vgl. Mt 10,10) und sich wie ein Schaf mitten unter die Wölfe senden lassen (vgl. Mt 10,16), um zu verkünden: „Das Himmelreich ist nahe.“ (Mt 10,7)

[182] Das 18. und auch das 23. Kapitel sind bei Matthäus im engeren Sinn als die Kirchenkapitel anzusehen. Wiederum möchte ich in einer groben Zusammenfassung die Elemente ein wenig näher anschauen, die für das Kirchenbild eine Rolle spielen. Einmal wird ganz deutlich: den Vorrang haben die Kleinen. Jesus stellt ein Kind in die Mitte, um zu zeigen, wer im Himmelreich der Größte ist (vgl. Mt 18,1–5). Es kommt in der Kirche auf die Priorität der Kleinen an. Es sind nicht jene groß, die groß sind, sondern jene, die klein sind. Die Kleinen sind Maß dessen, wie auch die Gesendeten zu leben haben, die sich ihrerseits hüten müssen, nur nach den Ehrenplätzen zu schielen (vgl. Mt 23,6). Das zweite ist der Vorrang der Versöhnung und Vergebung, „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“ (Mt 18,22). Die Weise miteinander zu leben ist die, zuerst sich zu versöhnen und einander zu vergeben, und nicht die, rigide Maßstäbe gegenüber anderen durchzusetzen im Bündeln schwerer Lasten (vgl. Mt 23,6). Es geht um das Bewußtsein, daß ich selber der Vergebung bedarf und deswegen auch von ganzem Herzen zu vergeben habe (vgl. Mt 18,23–25). Das dritte Element ist der Vorrang der Gemeinschaft, der Vorrang der Einheit. Dies wird im 18. Kapitel bei Matthäus ganz deutlich: „Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. [183] Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,19–20). Im Grunde fassen diese Verse zusammen, wie Kirche geht. Sicher, Kirche geht auch aufgrund der Taufvollmacht (vgl. Mt 28,19) oder aufgrund der apostolischen Sendung und der Vollmacht des Petrus (vgl. Mt 16,18); dies gehört absolut dazu. Aber im Vordergrund steht der hier beschriebene Vorrang der Einheit, der nun den Vorrang der Vergebung und den Vorrang der Kleinen voraussetzt und einschließt. Und damit steht in Mt 18,19–20 – ich wage einmal so zu formulieren – eine Art eucharistischer Pakt: Kirche geht so, daß wir befähigt werden, frei zu sein von uns selbst wie die Kinder, einander gegenseitig zu vergeben und so miteinander eines Sinnes zu sein. Und dieses Eines-Sinnes-Sein um Jesu willen, dieses Miteinander-in-der-Vergebung-Leben um Jesu willen, darin liegt das „symphonein“ (vgl. Mt 18,19), dieses Zusammenklingen und Übereinstimmen, das uns offen macht, so daß Er zwischen uns ist und unter uns lebt. Dies findet seinen Ausdruck in der Eucharistie, aber keineswegs nur in ihr, sondern immer dort, wo wir in seinem Wort und in seinem Namen Gemeinschaft sind, versöhnt sind und die Eucharistie leben. Wenn er so in unserer Mitte lebt, dann hat Kirche Vollmacht: jene Vollmacht, alles zu erhalten, was sie will und was Gott in ihr will, jene Vollmacht, so [184] bitten zu können, daß der Vater es erfüllen kann (vgl. wiederum Mt 18,19). Kirche ist also der Ort, an dem Gott handelt, weil Menschen in seinem Namen so miteinander leben und eins sind, daß darin diese Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes da ist und der Herr in unserer Mitte unser Leben einfügen kann in dieses Leben Gottes. Das ist im Matthäusevangelium die Grundfigur von Kirche. Und wenn das so ist, dann fallen alle Unterscheidungen davor, dann gibt es in der Kirche nicht Herren und Knechte, Große und Kleine, sondern dann sind wir Schwestern und Brüder, und nur einer ist unser Meister (vgl. Mt 23,8), Jesus in unserer Mitte. Damit werden die unterschiedlichen Berufungen und Aufgaben keineswegs nivelliert, aber es stellt alle in der Kirche auf ein existentielles Maß von Gleichheit und Einheit, auf dem die Unterschiedlichkeit allein spielen kann.

Diese Geschwistergemeinschaft mit dem Herrn in der Mitte im Kirchenbild des Matthäus erinnert mich an die kühnste Kirchendefinition, die ich in der theologischen Literatur kenne und die von Bonaventura stammt. Da der Gedanke Bonaventuras dem hier bei Matthäus gefundenen eng verwandt und für mich sogar eine Deutung dieses Kirchenbildes ist, möchte ich ihn kurz nennen. Bonaventura schreibt: „Ecclesia enim mutuo se diligens est“.2 Schon in der Sprachform ist dies eine ganz ungeheure Formulierung: „Kirche ist das sich ge- [185] genseitig Liebende.“ Kirche ist also eine Einheit, die sich konstituiert durch die gegenseitige Liebe. Dies bedeutet bei Bonaventura nicht ein bloßes Nettsein zueinander, sondern ist der Hinweis auf den vom Wort Gottes her gegründeten dreifachen Charakter von Kirche: Sie ist einmal „lex“ – Gesetz Gottes, zum anderen „pax“ – Friede Gottes und zum dritten „laus“ – Lobpreis Gottes. Das Wort, auf das wir bauen sollen – die Bergpredigt –, ist die lex. Wenn wir dieser lex folgen, geschieht zwischen uns die pax der Versöhnten, die Einheit der sich gegenseitig Liebenden. Ausgehend von der pax, wird Kirche dann der Ort, wo Gott gepriesen werden kann, wo die laus Dei, der Lobpreis Gottes, dargebracht werden kann. Die lex führt zur pax, und die pax führt zur laus. Knapper und grandioser läßt sich der Weg der Kirche nicht darstellen. Das Gesetz des Wortes Gottes führt zum Frieden der gegenseitigen Liebe, und in ihr können wir das eucharistische Lobopfer darbringen, in dem dieses Wort Gottes zum Vater zurückkehrt und uns mit ihm vereint. Dies ist die kürzeste Exegese zu den Versen 19 und 20 im 18. Kapitel bei Matthäus, und dies ist das erste Modell von Kirche, wie es uns im Neuen Testament begegnet.

Im Kirchenbild des Lukas sind drei Momente ganz entscheidend. Das erste Moment ist das einer universalen Sendung, das zweite das des Geistes und das dritte das der Communio miteinander, die sich ausdrückt in Versöhnung und Gütergemeinschaft. Das erste Moment der universalen Sendung steht [186] im Lukasevangelium wie in der Apostelgeschichte im Vordergrund. Immer wieder wird gezeigt, daß die Barmherzigkeit und das Heil Gottes allen zugedacht sind. Dieses auch den Heiden Zugedachte und auf sie Zugehende des Heils ist bei Lukas ganz entschieden ein Grundzug von Kirche: Gott geht auf die ganze Menschheit zu und liebt alle Menschen. Diese universale Liebe ist die Grunddynamik kirchlicher Sendung. Diese universale Sendung geht – so zeigt es besonders die Apostelgeschichte – über Grenzen, Barrieren und Unterschiede von Völkern und Sprachen hinweg (vgl. Apg 2,1–13). Damit aber sind wir schon beim zweiten Moment. Innerstes Prinzip dieser Sendung ist der Geist Gottes, der die Kirche erfüllt und sie befähigt, „in fremden Sprachen zu reden“ (Apg 2,4). Der Geist Gottes ist so letztlich die weitertreibende Kraft der universalen Liebe. Jesus selbst beginnt im Lukasevangelium sein öffentliches Wirken damit, daß er Jesaja zitiert: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4,18) Der Geist Gottes treibt Jesus an, er läßt ihn nicht ruhen und treibt ihn hin zu den Armen und zu allen. Diesen Geist teilt Jesus den Seinen [187] mit, und indem sie ihn empfangen, können sie dann, als er zum Vater heimgeht, ihre Gabe und Aufgabe wahrnehmen. Kirche entsteht also da, wo die Jünger vom selben Geist, der über Jesus ist, angetrieben werden wie er selbst. Gütezeichen und Wahrzeichen dieses Geistes aber ist die Einheit: die Einheit, die das eine Wort in vielen Sprachen versteht und die aus den Vielen ein Herz und eine Seele macht. Diese Communio – als drittes Moment bei Lukas –, in der die Vielen ein Herz und eine Seele sind, ermöglicht den unterschiedlichen Sprachen eine universale Versöhnung und dann auch – als äußere Form – eine wirkliche Gütergemeinschaft, so daß niemand mehr am Rande steht (vgl. Apg 4,32–37). In der Gütergemeinschaft liegt aber nicht nur eine ökonomische Perspektive, sondern auch die Perspektive von Kirche: Communio in der Kirche ist so radikal in der universalen Menschenliebe und Barmherzigkeit Gottes verwurzelt, daß es zu einem neuen Miteinander kommt, das das ganze Leben mit einbegreift. So sind im Kirchenbild des Lukas gerade die Kleinsten, Schwächsten und Ärmsten so sehr mit hineingenommen, daß alle Unterschiede ausgeglichen werden. Das Kirchenbild des Lukas setzt ganz anders an als das des Matthäus, und doch führt es zu denselben Momenten.

Bei Paulus ist Kirche vom Ansatz her in der Tat das gegenseitige Leben des Christusgeheimnisses, so daß dieses Christusgeheimnis zum Maß unserer ge- [188] genseitigen Lebenswirklichkeit wird. Dies wird besonders deutlich im Philipperbrief. Dort ist die Rede vom Leben der Gemeinde in einer fast beschwörenden Form: „Wenn es also Ermahnung in Christus gibt, Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, herzliche Zuneigung und Erbarmen, dann macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, daß ihr nichts aus Ehrgeiz und Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auf das der anderen.“ (Phil 2,1–4) Bei dieser scharfen Ermahnung, die Paulus hier liebend und werbend ausspricht, geht es nicht nur um eine moralische Anweisung für ein gelingendes Gemeindeleben, sondern darum, daß in ihm dieselbe Realität lebt, die in Jesus Christus ist. Was aber in Jesus Christus ist, zeigt dann der Philipperhymnus. Er, der Sohn Gottes, hat sich unterworfen und entäußert. Er hat uns erlöst, indem er Sklavengestalt angenommen hat und so zum Vater heimgekehrt ist (vgl. Phil 2,5–11). Was zwischen dem Vater und dem Sohn geschieht in Sendung, Gehorsam und Verherrlichung, das soll die Realität zwischen uns werden, das ist das Lebensmaß unseres Miteinanders und darin liegt der Sinn von Kirche. Dies ist das eine Kirchenmodell, wie es uns bei Paulus begegnet.

Damit aber ist bereits die Grundlage für ein [189] zweites Modell von Kirche bei Paulus gelegt, das wir in den großen und alten Paulinen finden und das am breitesten im 1. Korintherbrief ausgeprägt ist. Auch hier steht am Anfang die beschwörende Formel von der Einheit: „Ich ermahne euch aber, Brüder, im Namen Jesus Christi, unseres Herrn: Seid alle einmütig, und duldet keine Spaltungen unter euch; seid ganz eines Sinnes und einer Meinung.“ (1 Kor 1,10) In allem kommt es also darauf an, diese Einheit des Geistes in Jesus Christus zu leben, weil jedes Betonen der Unterschiede bedeutet, sich selbst ins Spiel zu bringen. Da aber Jesus Christus es ist, der uns erlöst hat, ist er es, der alles und in allen wirken soll. Selber weise sein wollen, es besser wissen oder besser können wollen als andere und sich in dem Sinne unterscheiden wollen, daß ich mehr bin als andere, heißt dann, im direkten Widerspruch zu dem sein, daß alles allein sein Wirken ist. Wenn aber alles allein das Wirken Gottes ist – das Theologumenon schlechthin bei Paulus –, dann geht das nur, indem wir vor ihm gleich und miteinander eins sind. Unsere Einheit bringt zum Ausdruck, daß er allein alles in allem wirkt. Wenn er dies kann und dazu den Raum hat, dann sind wir im einen Herrn durch den einen Geist, und dann haben wir – den einen Vater verehrend und im einen Herrn lebend – aus dem einen Geist seine vielen Gaben, wie es der Theologie im 12. Kapitel des 1. Korintherbriefes entspricht. Dieses Kapitel zeigt uns, wie derselbe Geist Unterschiede wirkt, [190] die aber Unterschiede in der Einheit und für die Einheit sind. Und so geht Paulus noch einmal auf die Vielgestalt ein, weil auch diese positive Vielgestalt dessen, was der Geist selber uns schenkt, noch dazu dienen kann, daß wir uns übereinander erheben und Unterschiedlichkeit in dem Sinn leben, daß wir fragen: Was ist wichtiger, was ist besser, was ist mehr? Deswegen stellt er uns im 12. Kapitel gerade die Einheit aller Gaben vor Augen und relativiert er zugleich alle Gaben im 13. Kapitel an dem einen und einzig Notwendigen und Bleibenden, an dem, was allein alles ist, in dem Jesus Christus allein am Werk ist und wir mit ihm und miteinander eins sind: an der Liebe. Das Hohelied der Liebe ist das Maß. Und wenn wir im 14. Kapitel die charismatische Verfassung der Gemeinde anschauen, dann ist das Maß dessen dort die Ordnung. Dabei geht es nicht um eine äußere Ordnung, sondern darum, daß in dieser Ordnung die Einheit sichtbar und jener prophetische Geist wirksam wird, der denen, die die Gemeinde nicht kennen, sagt: Mein Herz wird mir hier aufgedeckt, und ich breche in die Knie und erkenne: Wahrhaft, Gott ist in ihrer Mitte.

Die Entfaltung der vielen Gaben, die Abhängigkeit der vielen Gaben voneinander und das Zusammenströmen der vielen Gaben in dieses eine Leben der Einheit und Liebe sind das Erkennungszeichen der Gemeinde. So verdankt jeder sein eigenes Leben den anderen. Es gibt wohl keine größere Exegetin des ganzen 1. Korintherbriefes als die kleine heilige Theresia, die einmal genau das zum Ausdruck [191] bringt, was die vielen Gaben des einen Geistes ausdrücken. Sie sagt: „Wir werden im Himmel keinem gleichgültigen Blick begegnen, denn wir werden erkennen, daß wir alle unsere Gnade einander verdanken.“ Wir alle schulden unsere Gaben einander, und wir haben unsere jeweilige Gnade und Berufung füreinander zur Auferbauung des einen Leibes, das ist das zweite Modell von Kirche bei Paulus.

Dieses zweite Modell bei Paulus wird nun im Epheserbrief in eine heilsgeschichtliche Transparenz gebracht. Die ganze Geschichte der Menschheit wird hier gesehen in einer einzigen „oikonomia“, in einem einzigen Heilsplan, der auf Jesus Christus als die „anakephalaiosis“ der Schöpfung zuläuft (vgl. Eph 1,10). Die ganze Schöpfung und die ganze Geschichte der Menschheit wird mit ihrem Haupt versehen und findet darin ihre Einheit und ihren Sinn. Wenn aber Jesus Christus als das Haupt, das alles überragt, über die Kirche gesetzt wird (vgl. Eph 1,22), dann geht die Einheit der Kirche in Jesus Christus darauf hin, seine Gegenwart als die des Einheitstiftenden in der Geschichte und in der Welt darzustellen. Welt und Geschichte werden sozusagen dadurch von Jesus Christus erleuchtet, daß in der Kirche Juden und Griechen zu einem Leib werden (vgl. Eph 2,11–22). Die unterschiedlichen Traditionen der Menschheitsgeschichte, die unterschiedlichen Religionstraditionen und sogar [192] der Unterschied zwischen der von Gott selbst gestifteten Religion und den menschlichen Religionen, die – von sich aus scheiternd – dem Geheimnis Gottes gerecht zu werden versuchten, finden eine neue Realität, wo Gemeinde in der gegenseitigen Liebe und Einheit lebt. Die Menschheit soll ihre eigene Geschichte als auf die Einheit, auf die Versöhnung hingehend lesen können in der Kirche und so Jesus Christus erkennen als den, der alles mit dem Vater einsgemacht hat. Hier zeigt sich im Corpus Paulinum ein drittes und umfassendes Bild von Kirche.

Es ist schon frappierend, wie drei ganz unterschiedliche Modelle von Kirche – bei Matthäus, Lukas, Paulus in den großen Paulinen und im deuteropaulinischen Brief an die Epheser – nun zu denselben elementaren Grundzügen eines trinitarischen Lebens hinführen: eines Lebens des gegenseitigen Einander-Vater-und-Sohn-Seins und eines Lebens in einer heilsgeschichtlichen Dimension.

An dieser Stelle möchte ich kurz auch das Kirchenbild erwähnen, das im Corpus Paulinum hinter den Pastoralbriefen steht. Wie bei allen neutestamentlichen Theologien, die es mit dem Sendungsauftrag zu tun haben – sei es bei Matthäus, Lukas und Johannes –, läßt sich auch in den Briefen an Timotheus und Titus ablesen, daß Einheit nur in einer verfaßten Ordnung und in Rückbeziehung auf den apostolischen Ursprung gelebt werden kann. Dieser Rückbezug auf den Ursprung in Jesus Christus [193] durch den apostolischen Dienst ist essentiell und konstitutiv für die Kirche. Das apostolische Amt hat jedoch keinen Selbstwert, sondern ist ein Dienst, damit die Einheit gelingt. Es ist für die Kirche unveräußerlich und existentiell, damit die Kirche in gegenseitiger Einheit lebt. Das Amt in der Kirche ist sozusagen das Skelett, um das herum sich der eine und lebendige Leib mit den vielen Gliedern aufbaut. Als Dienst an der Kirche ist das apostolische Amt also elementar eingeschlossen, aber nie Endstation dessen, was kirchliche Einheit bedeutet.

In diese Reihe der Kirchenbilder des Neuen Testamentes dürfen wir auch den 1. Petrusbrief einbeziehen, der wie keine andere Schrift die missionarische Situation der Kirche in einer nichtchristlichen Welt zur Sprache bringt. Es geht hier nicht um jene Dynamik der Evangelisierung wie in der Apostelgeschichte, sondern um die Konstitution von Kirche. Wie kann sie sich in einer heidnischen Welt konstituieren und durchtragen, die auf die Verfolgung und den Widerspruch aus ist? Auch hier finden wir wiederum jene Beschwörung der Einheit und der gegenseitigen Liebe, die vor allem anderen steht, die sich aber jetzt bewähren muß durch die Bereitschaft zum Kreuz und durch die österliche Freude, die im Kreuz gelebt wird. Kennzeichen der Kirche in einer solch missionarischen Situation ist das Dasein mit der anderen Lebensart des Evangeliums mitten in der Welt, das Dasein im Kreuz und zugleich in der Freude von Ostern und das Dasein in der Gemeinschaft miteinander. – Ich erinnere hier [194] an jenes Bild der Maria mit Jesus auf ihrem Schoß in der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul, angesichts einer Welt, die ganz anders ist.3

Abschließend komme ich zur Ekklesiologie des Johannesevangeliums. Vorweg möchte ich – gegen andere exegetische Theorien – sagen, daß die Kirche des Johannes keine Sonderkirche neben anderen im Neuen Testament ist. Ganz gewiß ist es so, daß sich in der spätapostolischen Zeit manche Gemeinden nun auch spezifisch mit der Tradition eines der Apostel und einer der Gründergestalten aus der ersten Zeit verbunden haben. Vieles spricht auch dafür, daß es in Kleinasien spezifisch johanneische Gemeinden gegeben hat. Aber sowohl die apostolische Rückbindung wie der eucharistische Dienst wie die Verkündigung des Wortes wie die Taufe gelten als die fundamentalen Kennzeichen in gleicher Weise für die johanneische Ekklesiologie wie für alle Ekklesiologien des Neuen Testamentes.

Das Besondere im Kirchenbild bei Johannes ist der Einklang der drei Perichoresen, der Einklang der drei gegenseitigen Inneseinsverhältnisse, die sich tragen und bedingen: Vater und Sohn sind eins. Diese Einheit bringt der Sohn in die Welt als die frohe Botschaft, in der das Heil ist. Diese Einheit ist aber nicht in sich selber geschlossen, sondern sie wird durch die Inkarnation dazu in die Welt getragen, daß auch wir eins sind mit Jesus [195] Christus. Er nimmt uns in seine Einheit mit dem Vater auf. Wir werden eins mit ihm, damit wir in ihm, in seinem Verhältnis zum Vater stehen und mit ihm beim Vater leben. Dies aber geschieht nicht in einem bloß individuellen Nachfolgen. Auch das ist notwendig und jeder einzelne muß seine Glaubensentscheidung treffen, aber diese Glaubensentscheidung, die ihn einpflanzt in die Einheit zwischen Jesus und dem Vater ist zugleich das Sich-einpflanzen-Lassen in die Gemeinschaft miteinander, in die gegenseitige Liebe. Und so wird gerade die gegenseitige Liebe und die in ihr vorbereitete Einheit – wie der Vater und der Sohn eins sind – zu dem Zeugnis schlechthin für Jesus Christus mitten in der Welt. Kirche ist missionarisch, aber ihr missionarischer Charakter besteht darin, daß sie in radikaler Weise die Einheit lebt. Dahinter steckt eine ganz bestimmte und sehr entscheidende Sicht: Im Grunde ist das Leben des Christen in der Welt als Leben im Heil bereits ein Leben in der endzeitlichen Vollendung. Der Christ ist mitten hineingestoßen in diese Zeit, aber dennoch lebt er schon jetzt in der Vollendung, weil Jesus beim Vater ist und sich uns als der Auferstandene gezeigt und erwiesen hat. Und in diesem Leben des Auferstandenen beim Vater leben auch schon wir. Daraus ergibt sich eine neue missionarische Qualität: Nur Gott kann von Gott überzeugen. Nur wenn also dieses dreifaltige Leben Gottes bei uns gelebt wird, wenn es in uns eine Ikone findet, wenn unser Leben hier eingetaucht ist in dieses dreifaltige Leben, indem es Leben ist, wie der Vater und der Sohn [196] eins sind, aber auch Leben, weil der Vater und der Sohn eins sind, und Leben darin, daß der Vater und der Sohn eins sind, nur dann erscheint darin Gott. Nur die „doxa“ – „die Herrlichkeit“ – Gottes kann Menschen bekehren und anziehen. Und diese doxa ist die doxa der Liebe, die doxa des Geistes. So können wir im 17. Kapitel bei Johannes wie Gregor von Nyssa „doxa“ übersetzen mit Heiliger Geist.4 Dies stimmt, insofern wir das aktive Moment dieses „doxazein“, dieses Verherrlichens, sehen, das dort der Geist ist. Diese Herrlichkeit Gottes, die die Einheit zwischen Vater und Sohn sichtbar macht in unserer Einheit, ist das Leben Gottes mitten in dieser Welt, und nur zu diesem Leben Gottes können wir gerufen sein, und nur dieses Leben Gottes kann andere an sich ziehen.

Darin aber ist Kirche johanneisch die Gleichzeitigkeit dreier Zeiten. Sie ist einmal die Gleichzeitigkeit mit der Zeit des Herrn, der sich uns als der geschichtliche Jesus gezeigt hat und sich für uns hingegeben hat. Wir leben mit diesem Jesus. Wir erkennen sein Wort. Wir haben seinen Geist, und sein Geist macht uns seine Worte verständlich. Darin bleiben diese Worte dieselben, aber sie werden in einen neuen Kontext gerückt, in eine Gleichzeitigkeit derer, die schon im Glauben und nach der Auferstehung leben. Unser Leben nach der Auferstehung ist der Ort, an dem wir gleichzeitig werden mit dem Ursprung. Dies geschieht durch den Geist, und der Geist ist es, der alles in die Tiefe und in die [197] Radikalität des Ursprungs hineinführt. So ist diese Ursprungszeit und ist Jesus derselbe auch in unserer Zeit, auch in der Zeit der Kirche. Diese Identität des erhöhten Herrn mit dem geschichtlichen ist im Kirchenbild des Johannes ganz wichtig, denken wir nur an die Thomasgeschichte mit den Wundmalen (vgl. Joh 20,24–29).

Die zweite Zeit ist eben die Zeit der Kirche selbst, die Zeit nach der Auferstehung, die Zeit, nachdem der Herr zum Vater gegangen ist. Die Zeit der Kirche ist die Zeit, in der er mitten unter uns lebt. Wer in ihm, wer in der Kirche lebt, der macht eine Erfahrung des Herrn. Der Herr selber offenbart sich dem, der ihn liebt, und wenn wir ihn lieben, wenn wir sein Wort halten, wenn wir in seinem Wort bleiben, dann wird er mit dem Vater zu uns kommen und in uns Wohnung nehmen (vgl. Joh 14,21–23). Die gegenwärtige Zeit der Kirche ist eine mystische Durchdringung des jeweiligen Alltags mit der Gegenwart Jesu Christi, des Auferstandenen, die zwischen uns geschieht. Wir haben so miteinander zu leben, daß der Herr selber erscheint, daß der Herr selber sich uns mitteilt und zeigt in dieser Zeit der Kirche.

Darin aber ist – und dies ist die dritte Zeit – das Ende bereits vorweggenommen. Das ist bereits die Perspektive auf die Zukunft. Die Zukunft bleibt Zukunft, aber sie fängt schon an. Wir sind einerseits auferweckt und warten andererseits auf die Auferweckung. Wir leben schon ganz aus dem lebendi- [198] gen Herrn, haben schon teil an seiner Herrlichkeit und haben sie geschaut, und zugleich werden wir sie erst sehen. Diese beiden Dinge, daß Zukunft und Gegenwart geschieden und dennoch eins sind, dieses merkwürdige Ineinander, diese Perichorese der Zeiten, ist ganz entscheidend in der Ekklesiologie des Johannes.

So ist Kirche nach Johannes ein endzeitliches Zeichen, eine Alternative dazu, wie man in der Welt lebt. Und so erklärt sich dieses Schwarz-Weiß zwischen dem Geist Gottes und der Welt in ihrer Dunkelheit, wie Johannes sie immer wieder darstellt. Dies kommt gerade daher, daß er die innere Erfahrung eines trinitarischen Lebens mitten in der Kirche als Vorwegnahme der endgültigen Herrlichkeit und als Erweis dieser endgültigen Herrlichkeit uns vor Augen stellt. Diese Erfahrung des Johannes sehr ernst zu nehmen, ist heute ganz entscheidend: Wir spüren, wie notwendig wir sie brauchen. Das Wegtauchen so vieler aus dieser Welt und ihrem inkarnierten Ernst in phantastische Mythen kann nur überwunden und bestanden werden, wenn wir selbst die wahre Mystik leben: jene Communio, jenes Einsseins miteinander, in dem Raum ist dafür, daß der lebendige Herr sich zeigen und mitteilen kann.

Soweit der Durchgang durch einige neutestamentliche Kirchenbilder und Kirchenerfahrungen. Wenn wir die Quersumme aus diesen Modellen ziehen, kann sie mit wenigen Worten gesagt werden: In gewisser Weise ist Johannes die Quersumme, insofern [199] er in einer besonderen Zuspitzung und Akzentuierung die anderen Elemente der neutestamentlichen Kirchenmodelle in sich faßt. Wie diese Quersumme aussieht, wenn wir sie aus der Perspektive dessen ziehen, was in allen bisherigen Beiträgen als Maß trinitarischen Lebens uns aufgegangen ist, möchte ich uns trotzdem einmal in sieben Stichworten, in sieben Existentialien vor Augen stellen.

Kirche ist als erstes Communio, eine Art von Gütergemeinschaft. Das heißt: Was dich angeht, geht mich an. Wir haben teil an dem einen Mysterium, an dem einen Heiligen, an der einen Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist. Und dadurch, daß wir an diesem einen teilhaben, werden wir in der Teilhabe an Jesus selber dazu befähigt, teilzuhaben aneinander, und dieses Teilhaben geschieht eben, indem ich in dir bin und du in mir bist, ich von deiner Gnade lebe und dich von meiner Gnade leben lasse. Den Himmel im je anderen und so den Himmel zwischen uns zu haben, ist die Realität der Communio. Das ist mehr als ein nettes Miteinander-Umgehen, ein Freundlichsein zueinander und ein Horizontalismus, es ist vielmehr ein Teilhaben an der einen radikal sich verschenkenden Liebe Jesu, die sich in uns auswirkt. Das ist das erste, das bedeutet Communio.

Diese Communio ist nicht Selbstzweck, sondern – das ist das zweite – sie ist Missio – Sendung –, damit die Welt glaube. Mit der Communio ist die Missio verbunden, die Missio der ganzen Kirche und die apostolische Missio für die Kirche. Diese Missio [200] besteht gerade darin, daß das entscheidende Zeugnis der Kirche die Liebe ist. Immer und überall wird deutlich, daß ohne die Liebe alles Stroh wäre. Wenn ich predigen würde und alle Sprachen könnte und alle Wunder wirkte, aber hätte die Liebe nicht, dann – paulinisch – wäre ich nichts. Und hätten wir nicht die Liebe, die gegenseitige Liebe, wären wir – johanneisch – nicht erkennbar als die Jünger Christi. Die einzige Realität, der es verheißen ist, daß an ihr die Welt Jesus Christus erkennen kann, ist unser gegenseitiges Einssein (vgl. Joh 17,21). Das Wort sagen, aber so, daß sich darin die Liebe sagt. Die Liebe, die der Inhalt dieses Wortes ist, aber auch die Kraft dieses Wortes, die sich darin bewährt, daß sie uns in sich verwandelt: das ist das Entscheidende. Gemeinschaft werden, die wahrhaft einlädt, die wahrhaft Zeugnis gibt. Gemeinschaft sein, in der die Welt in ihrer Brüchigkeit und Gespaltenheit erkennt, wie Einheit geht. Wie schamrot bin ich, wenn ich das sage und an die Wirklichkeit von Kirche denke. Wie weit ist unser Weg, wie weit sind wir alle von diesem Ziel entfernt, wie viel muß passieren! Trotzdem gilt: Auch in dieser Armut ist das Zeugnis gültig, auch in unserer Armut haben wir es nötig, daß diese Missio gelebt wird.

Doch der Weg der Kirche geht nicht nur nach außen, er geht nach innen und oben. Wir sind stellvertretend für die Menschheit da, um das Opfer darzubringen, um alles zum Vater hinzutragen durch Jesus Christus im Heiligen Geist. Wenn dies aber un- [201] ser Leben ist, wenn Eucharistie unser Leben ist, wenn das Mysterium der Kirche – und das ist das dritte – das Entscheidende ist, dann genügt es nicht, daß dieses Mysterium sakramental gefeiert wird. Es muß – und das hat auch mit dem Sakrament zu tun – durch das Leben gefeiert werden. Und dafür ist eben jenes entscheidend, was wir unter dem Stichwort Kreuz und Verlassenheit Jesu gesehen haben: Wir sind dazu da – und das ist die Herzmitte, der Kern der Spiritualität von Kirche –, andauernd durch diese Kreuzgestalt die ganze Welt, die ganze Wirklichkeit zum Vater zu tragen. Dies ist unser „Amt“. Ich meine das nicht im amtlichen Sinn, sondern im Sinn der Aufgabe und des Dienstes. Gott loben, das ist unser Amt, und das heißt alles durch die Wunde des Gekreuzigten in die Herrlichkeit des Vaters geben und ihm anvertrauen. Dauernd dem Herrn so begegnen, und zwar nicht nur für uns, sondern für die Welt und für die anderen, das ist gemeint, wenn es heißt, Kirche lebt als Ganze das Mysterium.

Darin bildet sich die Kirche freilich – dies ist das vierte – als Leib Christi – als Leib, der viele Glieder hat, als Leib, der sich gegenseitig ergänzt. Dies hat zwei Seiten: Ich brauche deine Gabe, und ich schenke dir meine Gabe; ich brauche deine Hilfe, und ich gebe dir meine Hilfe. Eine dritte Seite füge ich dazu: Deine Not ist meine Not, und meine Not ist deine Not, und gerade dies ist Hilfe und Heil. Die Leibhaftigkeit besteht darin, daß es die Solidarität des Sich-Helfens, daß es die gegenseitige Annahme und Hingabe der Not und der Grenze gibt [202] und daß es die gegenseitige Annahme und Hingabe der Gaben gibt, die Gott uns gegeben hat. Dabei ist es ebenso entscheidend, daß ich jede Gabe mit ihrem Überschuß, den sie über meine hat, annehme, und daß ich zugleich meine Gabe loslasse und sie nicht verteidige, sondern verschenke. Wir führen zu oft zwischen Amt und Laien und anderen Berufungen, die auch Gaben in der Kirche sind, einen gegenseitigen Verteidigungskrieg. Es ist so furchtbar, wenn wir unser Imponiergehabe anlegen und nur uns selbst wichtig nehmen. Ich hoffe, wir spüren, daß Gaben nicht zum Imponieren und zum Renommieren, sondern zum Verschenken da sind. Sicher, wo sie angegriffen oder mißachtet werden, müssen wir auch darum kämpfen. Aber das muß eine Ausnahme sein, das muß ein Schmerz sein. Gaben sind am glaubwürdigsten, wenn sie angeboten und verschenkt werden. Und ich denke, es ist ungemein wichtig, daß dies in der Kirche geschieht. Nur so sind wir ein Leib, sind wir Leib Christi.

Kirche ist aber auch – das ist das fünfte – das Haus Gottes und das Haus der Menschen. Wir brauchen ein bergendes Haus, und wir brauchen ein offenes Haus. Weil wir ein bergendes Haus brauchen, hat es auch Strukturen. Kirche, die ihre Strukturen verleugnet, Kirche, die ihr Gerüst aufgibt, weicht sich auf und gibt niemandem Halt. Wir müssen den Mut haben, zu erkennen, daß wir auf dem Fundament der Apostel und der Propheten aufgebaut sind, daß es eine successio apostolica und daß es auch den Überschuß der Gaben des Amtes und den Überschuß der Charismen über andere [203] Gaben gibt, daß dies wirkliche Pfeiler sind. Wir sind auf das Sakrament, wir sind auf das ministerium – auf das sakramentale Amt –, wir sind auf das Wort Gottes aufgebaut. Aber damit allein sind wir noch kein Haus, sondern erst ein Gerüst. Wir müssen dieses Gerüst füllen mit bergender Liebe und müssen es zugleich öffnen mit offener Liebe: als Haus für alle, als Haus für die anderen. Kirche ist Haus für die, die weither kommen, Haus für die, die ungeborgen sind, und Haus für die, die fragen, wo in der Welt ihr Ort ist. Die Liebe Gottes treibt uns, das Haus zu sein, in dem eben tatsächlich das trinitarische Gastmahl stattfinden kann für alle. Die Trinitätsikone ist eine Hausikone. Sie soll jedem und jeder sagen: Du findest in diesem Haus den dreifaltigen Gott und seine Liebe und bist dort eingeladen.

Kirche ist aber auch – sechstens – das Wegzeichen der Weisheit. Die Wege der Völker, ihre Gaben und Geschichte, sind drinnen in dieser Kirche. Und Kirche sollte der Ort sein, wo wir die Zusammenhänge erkennen. Kirche soll der Ort des lichten Zusammenhangs der Geschichte sein. Wir sollen eine Kirche für Ferne und für Nahe sein, eine Kirche, in der viele Charismen sich gegenseitig erleuchten und erhellen. Wir sollten zum Beispiel spüren, daß wir im Licht eines Franz von Assisi Dinge sehen, die wir nicht sähen, wenn es nur Ignatius von Loyola gäbe, und umgekehrt sollen wir spüren, daß wir im Licht eines Ignatius Dinge sehen, die wir nicht sähen, wenn es nur Franz von Assisi gäbe. Hier könnte ich die ganze Allerheiligenlitanei durchgehen. Ich denke, dieses mit-den-Augen-der-anderen-die-Fülle- [204] des-Ganzen-Sehen, dieses die-Weisheit-des-Ganzen-Erkennen, diese Schau des Ganzen – sei es in den Charismen, sei es in den Wegen der Völker, sei es in dem, was Gott nicht nur in der einzelnen Lebensgeschichte, sondern auch in der Welt- und Kirchengeschichte schreibt –, dieses Sehen im Lichte des Geistes könnte die Kirche zu jenem lebendigen Sitz der Weisheit werden lassen, in dem die Desorientierung und die Ideologie zugleich überwunden werden.

So wird Kirche schließlich – siebtens – zum universalen Netz, zu jener Welt-Kirche, die jeder einzelne in sich selber zu leben hat. Es kann heute keinen Christen in unseren Ländern mehr geben, dem die Kirche im Osten und die Kirche in der Dritten Welt gleichgültig wären. Zum Christsein gehört einfach, daß ich mitleide mit dem, was im Osten ist, daß ich bebe vor dem, was dort geschieht. Zum Christsein gehört, daß ich mich treffen lasse von dem, was in der Dritten Welt geschieht, und daß ich es schier nicht aushalte, solange diese Ungerechtigkeit in der Verteilung der Güter herrscht. Damit möchte ich die Kirche nicht politisieren. Aber ich muß spüren, daß solche Aufbrüche und Nöte meine eigenen sind. Es geht nicht anders: Kirche muß Weltkirche werden.

Wir haben im Grunde in allen sieben Punkten nur eines durchgesprochen, nämlich die trinitarische Beziehung: Du in mir und ich in dir. Dies ist das ganze Geheimnis. Wenn wir ineinander sind, sind wir in Ihm und Er ist in uns. Und so sind wir eins im [205] dreifaltigen Gott. Bleiben wir in dieser gegenseitigen Perichorese, denken wir aneinander und tragen wir einander. So wird unser Weg zu einem gemeinsamen Weg mit allen. Kirche wird ein Weg, eine Weggemeinschaft, in der wir uns öffnen füreinander, so daß da, wo jede und jeder von uns in seinem Alltag steht, etwas wachsen kann von dieser wunderbaren trinitarischen Lebensgemeinschaft.


  1. Lumen Gentium Nr. 4. ↩︎

  2. Hexaemeron I,4. ↩︎

  3. Vgl. im Buch, 157. ↩︎

  4. Vgl. im Buch, 47. ↩︎