Linien des Lebens

[23] Der einzig menschliche und einzig göttliche Superlativ

Ist es das Ideal des Seelsorgers, sich zu verausgaben bis zum letzten, sich verbrauchen und verheizen zu lassen, „alles“ getan zu haben? Mehr und mehr gerät diese Sicht in eine Krise, und es wäre falsch, dies allein auf mangelnden Einsatzwillen und Opfergeist zu schieben. Es gibt in der Tat ein gespaltenes Denken, eine – wenigstens vordergründig – inkonsequente Einstellung zum Komparativ, zum Superlativ, zur „Vollkommenheit“. In unserer technischen Zivilisation lebt die Dynamik zum Immer-Mehr. Von der Quizsendung bis zum Leistungssport, vom technischen Gerät bis zur Wirtschafts- und Betriebsorganisation steht alles unter dem Stern des Maximum. Zugleich beklagt man den Streß unseres Eingespanntseins, den Rhythmus des immer Perfekteren. Und mit der Faszination dieses Perfekten kann durchaus Hand in Hand gehen die Schludrigkeit und Ungenauigkeit im Gebrauch der Sprache oder in der Ausführung übernommener Aufträge. Und indem wir uns antreiben lassen vom Stachel des Größer, Höher, Besser, bekommen wir zugleich Angst vor der Überforderung unserer selbst und vor dem Verlust des [24] Gleichgewichts in Natur und Kultur, in Gesellschaft und Leben, wenn es immer so weitergeht.

Hat aber nicht auch etwa das Johannesevangelium den Zug zum Je-Größer, zum Je-Mehr? Dem Jünger, der über Jesu menschlich unbegreifliches Kennen seines eigenen Lebens staunt, wird verheißen, er werde noch Größeres sehen (vgl. Joh 1,50). Der Vater wird dem Sohn noch größere Werke zeigen als jene, die dieser bislang tat (vgl. Joh 5,20). Jesus stützt sich darauf, daß der Vater, der ihm alles gab, größer ist als alle (vgl. Joh 10,29). Ja, wer an Jesus glaubt, wird dieselben Werke wie er und noch größere vollbringen (vgl. Joh 14,12). Eine größere Liebe als er, der sein Leben für die Seinen hingab, gibt es nicht (vgl. Joh 15,3). Insbesondere aber haben die Worte telos, teleîn, teleioûn bei Johannes einen eigenen Klang: Sie sprechen vom Ende oder Ziel, vom Vollenden, vom Vollbringen des Vollkommenen.

Aber gerade hier haben wir darauf zu achten, was denn dieses Voll-Enden, diese Voll-Endung bedeuten, dieses Gehen zum Letzten und Äußersten.

Wir können unabhängig von der Zuspitzung auf die neuzeitlich rationale und technische Kultur feststellen, daß der Zug zum Ganzen, zum je weiteren Horizont, damit aber zu Steigerung, Vollendung, Maximum im Menschenleben begründet liegt. Anselm von Canterbury hat die Tendenz des menschli- [25] chen Denkens auf das hin herausgestellt, über das hinaus Größeres nicht gedacht werden kann.

Der Jesus des Johannesevangeliums spricht freilich von einer Liebe, über die hinaus eine größere nicht gedacht werden kann, von jener Liebe, in welcher der Freund sein Leben hingibt für die Freunde (vgl. Joh 15,13). Es ist die Liebe, die bis zum Äußersten, Letzten, bis zum Ende und zur Vollendung geht (vgl. Joh 13,1). Es ist die Liebe, die alles gibt, alles erleidet. Diese Liebe läßt Jesus, in dem die Quelle des lebendigen Wassers sprudelt, zum Dürstenden werden (vgl. Joh 19,28). Hier ruft er aus: „Es ist vollbracht!“ und übergibt uns hinscheidend den Geist, jene Quelle, die er in sich trägt (vgl. Joh 19,30).

Das Werk, das Jesus vollbringt und vollendet, weil der Vater es ihm gegeben hat, ist nichts anderes als dies, die Liebe, die er vom Vater empfangen hat, weiterzugeben und zur Vollendung zu bringen, auf daß wir „vollendet seien in der Einheit“, wie Vater und Sohn eins sind (vgl. Joh 17,23).

Nicht das Leisten, nicht das Erreichen, sondern die Liebe, die sich läßt und schenkt, die Liebe, die alles gibt, setzt das Maß, ist das Ganze, ist der Superlativ, ist das Vollkommene.

Aber hilft uns das weiter? Ist die Orientierung auf die höchstmögliche Liebe nicht gar die Spitze jener Überforderung, die uns in unserem eigenen Streben [26] nach dem Ganzen und Vollkommenen zugleich lähmt?

Doch nicht darin besteht die Liebe, daß wir den Anfang machen, sondern daß er uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10). Wir sind in unserer ganzen Existenz die Angenommenen, wir jene, die er bis zum Äußersten und Letzten, bis in unsere Ratlosigkeit und unser Scheitern hinein, übernommen, durchgetragen hat. Wir dürfen uns lassen an diese Liebe, dürfen ihr glauben und trauen (vgl. 1 Joh 4,16). Liebe fängt an mit dem Glauben an die Liebe, mit dem Sich-Lassen an die Liebe. Als Gelassene, als Geliebte, als Beschenkte kehren wir neu und anders in das Gebot zurück, einander zu lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 13,34f). So können wir die „Perfektion nach unten“ wagen, die uns der die Füße der Seinen waschende Herr vorlebt (vgl. Joh 13,5).

Dieses Glauben an die Liebe, dieses Leben aus der Liebe, die wir empfangen, ist alles eher als ein ideologisches Vorzeichen, als ein Leistungsanreiz zu jenem Tun, das dann doch allein unsere Sache bliebe. Dieses Geliebtsein stellt uns vielmehr vor zwei Fragen, die nicht von außen, sondern nur innen, in der Freundschaft mit Jesus (vgl. Joh 15,14f.) in die gemäße Balance zu bringen sind:

Die erste Frage: Was muß ich gerade lassen, was muß ich gerade nicht tun, um Zeuge seiner Liebe und nicht Macher meiner Liebe zu sein? Und die [27] zweite: Wo darf ich und kann ich meine Sorge um mich selbst überspringen, um mich von seiner Liebe zum anderen, über den Rand des Gängigen und Normalen hinaus, tragen zu lassen, auf sein Wort und seine Liebe hin?

Wir können nicht ohne den Zug zum Ganzen, Letzten, Höchsten hin Mensch sein. Doch nur der Superlativ der Liebe, seiner Liebe, ist göttlich und menschlich zugleich.

Übrigens: Werden wir allein, bloß auf uns gestellt, diesen Glauben an seine persönliche Liebe durchtragen können? Werden wir allein, bloß auf uns gestellt, die zwei Fragen nach unserem Tun beantworten und in Einklang bringen können? Brauchen wir nicht weit mehr uns gegenseitig? „Vollendet zur Einheit“, sagt Jesus.