Weite des Denkens im Glauben – Weite des Glaubens im Denken

Der dreifache methodische Grundentscheid in der Phänomenologie Bernhard Weltes*

Gehen wir eine Stufe weiter: Sie ist keine biographische Stufe im äußeren Sinn, sondern sie bewährt sich in dem Augenblick, in dem Welte anfängt, seine eigenen Gedanken mitzuteilen, sie in schriftlicher Weise zu verfassen oder sie in Vorlesungen vermittelnd weiterzugeben. Hier findet sich ein dreifacher methodischer Grundentscheid, der meiner Überzeugung nach sein ganzes Denken prägte.

Der erste Grundentscheid innerhalb dieser Methodik: Ich verpflichte mich nicht auf nur eine von außen beschreibbare Methode; ich ziehe nicht alles über einen Leisten; ich habe nicht eine in sich stimmige Begrifflichkeit oder eine in sich stimmige Weise, zur Wirklichkeit Zugang zu finden, sondern ich halte mich offen – im intellectus possibilis als meinem Mich-Offen-Halten für alles. Dann wird sich mir von der Sache selber her je neu die Methode zumessen lassen. Dies scheint unserer Aussage zu widersprechen, Bernhard Welte sei Phänomenologe. Es ist vielmehr die weiteste Weite der Phänomenologie – beinahe eine Metaphänomenologie –, wenn er davon ausgeht, daß er nur in der Offenheit für die Vielzahl der Weisen des Sich-Erschließens von Wirklichkeit dieser selbst gerecht werden kann. Es braucht eine beständige Wahrheit, eine beständige sapientia, ein ständiges „Schmecken“: Welche Weise zu denken muß ich jetzt, hier, ernst- und wahrnehmen?

Aus diesem Grund konnte Bernhard Welte auch – ich habe es gestern kurz einmal angedeutet1 – „oszillierend“ mit verschiedenen Methoden umgehen. Er konnte Metaphysiker sein und Nachmetaphysiker, er konnte Idealist sein und Phänomenologe, er konnte sich anfreunden mit dieser oder jener heutigen Methode des Denkens. Er hat über Sprachphilosophie und über den Kritischen Rationalismus nachgedacht; er hat immer wieder darauf geachtet, daß die Vielzahl der Methoden nicht in Gleichgültigkeit nebeneinander stehen, sondern in der Wachheit, Offenheit und Weite der Entscheidung enthalten sind. Aus der Entscheidung, [227] die er je zu treffen hatte in dem, was er bedachte, wurde die Auswahl getroffen.

Methodenoffenheit, Methodenweite, das findet sich noch auf der Seite des Wie. Wir haben dies auf der ersten Stufe bereits entdeckt: Alle Wirklichkeit darf sich mir antun. Bernhard Welte war tief von dem Aristotelischen Satz überzeugt, daß die Sache und die Methode dasselbe sind, daß die Methode die Sache selbst ist. Diese beiden Gesichtspunkte liegen sehr eng beieinander. Deshalb geriet Bernhard Welte nie in die Gefahr, sich auf ein System einengen zu lassen oder ein System aufzubauen. Wenn es Ansätze dazu gibt, dann sind dies Hilfskonstruktionen, aber Weltes innere Grundentscheidung war gegen jedes fixe System gerichtet. Allerdings nahm er sich die Freiheit, auch in Systemgedanken Großes zu finden. Er weigerte sich nicht, die Gedanken der Systematiker alter Prägung mitzudenken, weil er gegen Systemgedanken war.

Diese methodische Vorentscheidung für die Offenheit gegenüber allen Methoden hat eine weitere Grundentscheidung zur unabweisbaren Kehrseite: Nichts zulassen, was nicht gesehen, nichts behaupten, was nicht wahrgenommen, ernstgenommen, vernommen, gehört, nichts, was nicht in gewisser Weise durchlitten ist. Die bloß gescheite Bemerkung, den bloß selbstgefälligen Bildungskokettismus – „ach, das hat doch der gesagt, und das steht schon da und das steht schon dort“ – schob er auf die Seite, nicht, weil er es ablehnte, Parallelen zu ziehen, sondern weil er überzeugt war: „Wir sind sehr schnell darin, uns mit festen Versatzstücken aus allen möglichen Gedanken zu versehen und nur noch mit diesen umzugehen. Wir beschränken uns dann nur noch auf das von uns Gewußte und öffnen uns nicht für das, was es da zu wissen und sehen gibt.“

Wenn irgendjemand einen ihm selbst faszinierend vorkommenden Gedanken hatte, dann fragte Welte unerbittlich und unbarmherzig: „Ja, und wie könnten Sie mir das an einem Erlebnis oder einem Phänomen zeigen? Was stellen Sie sich vor?“ Diese Askese war für ihn charakteristisch. Eine solche Frage trieb uns dann oft die Schamröte ins Gesicht, weil wir doch so schöne Gedanken hatten und gar nicht daran gedacht hatten, sie an der [228] Alltäglichkeit zu messen. Aber es war methodisch sehr hilfreich, wie Bernhard Welte unser Lehrer war. Er ließ nicht zu, daß Nichtausgewiesenes, Nichtvollzogenes, Nichtbeobachtetes, nicht in seine innere Plausibilität hinein Entdecktes ohne Prüfung angenommen oder abgelehnt wurde.

Diese epochetische Grundhaltung, die zur Phänomenologie gehört, ist die zweite Seite eines Grundentscheids, der nicht nur methodologisch zu betrachten ist, sondern zum Denken überhaupt gehört. Welte blieb auch bei „frommen“ Gedanken immer sehr skeptisch, ob sie nicht etwa nur der blühenden Phantasie einer Frömmigkeit entsprängen, die mehr sich selber als das Geheimnis Gottes genießt.

Welte hat eine dritte Grundentscheidung getroffen: Er entdeckte überall – und zwar nicht nach Art einer frömmelnden Katechese, die allenthalben „das fromme Jesulein“ finden möchte, sondern aus der inneren Beachtung der Wirklichkeit – einen Hinweis, einen Wink auf das Geheimnis; das Angeschautsein von einer Wirklichkeit, die wunderbar ist; das Entdecken des Menschen, der, wenn er seine eigenen Determinationen feststellt, dennoch im Gegenübersein bleibt; das Innewerden der Verantwortung, die auch dann nicht weggenommen wird, wenn die Bedingungen ihrer Möglichkeit im menschlichen Gehirn aufgedeckt sind. Das der bloßen Erklärung Entgehende, was uns in allem zuwinkt und was nicht aufgelöst werden kann, jene nicht nur formale Absolutheit und Unendlichkeit, die „im Winken“, wie er so oft sagte, „des Geheimnisses“ in den Phänomenen da ist, markiert einen dritten Grundentscheid. Welte entzog sich nicht dem, was im Phänomen dieses übersteigt und es gerade so erst in seiner vollen Phänomenalität konstituiert.

So entspringen aus diesen Grundmotiven entsprechende methodische Grundentscheidungen. Sie sind thematisiert im Zulassen aller Methoden in der Wachsamkeit des Prüfens dessen, was dieser Wirklichkeit angemessen ist, und im Ausscheiden dessen, was nicht am Phänomen abgelesen ist; in der Bereitschaft, sich das, was über alles Verfügbare hinausgeht, doch antun zu lassen und es uns winken zu lassen.


  1. In einem Diskussionsbeitrag. ↩︎