Wovon Hemmerles Gedichte erzählen

Gott spricht in unserer Sprache. Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen

Wer sich mit den Texten Hemmerles beschäftigt, findet Verse, immer wieder Verse – auch da, wo man sie nicht erwartet, auch zwischendrin. Das gilt ebenso für Sätze, die zwar nicht im strengen Sinne Verse sind, aber etwas verdichtet zum Ausdruck bringen. Man fragt sich: Warum greift Hemmerle so oft auf diese Sprachform zurück? Was sagt und bringt uns diese ‚dichte‘ Sprache?

Um dies zu beantworten, zitiere ich einen solchen Text, der das Sprechen von Gott thematisiert. Hemmerle hat ihn 1993 handschriftlich im Rahmen einer Klausurtagung des Diözesanpriesterrats des Bistums Aachen vorgelegt. Der Text besteht aus nichts anderem, als einer Reihe an parallel gebauten Sätzen in vier Spalten. In der dritten Spalte heißt es:

Gott spricht in unserer Sprache.
Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen
1. Überschuß sein über die Grenze und Bleiben unter der Grenze des Sprachkanons ist das Geschick des Sprechens von Gott.
2. Tradition ist gut, wo sie Gespräch mit den Generationen zuvor und hernach ist.
3. Banalität ist gut, wenn sie den Ort hütet, bis zu dem Gott abgestiegen ist.
4. Begriff ist gut, wenn er sein Scheitern mitsagt.
5. Bild ist gut, wenn es meine Augen verschließt.
6. Erzählen ist gut, wenn ER weitersprechen darf.
7. Schweigen ist gut, wenn es Ihn und mich sagt.
8. Sprechen ist gut, wenn es Sein und mein Geheimnis verschweigt.

Diese parallel gebauten Sätze reißen fundamentale Kategorien auf, in denen es überhaupt möglich ist, sich auszudrücken: Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen, Sprechen. Doch sie zeichnen nicht eine Sprechakttheorie, sondern ziehen eine Grenze.

Hemmerle beschreibt Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen und Sprechen nicht bloß als Verständigungsprozesse. Vielmehr weist er darauf hin, dass Lücken zwischen Ausdruck und Verständnis offen und unbesetzt bleiben. Ein Satz wie „Ich mag Dich gern.“ vermittelt mehr als er an Sachinformation transportiert. Das jedoch nur, wenn nicht angeblich schon klar ist, wie sich Mögen, Ich und Du im Detail ausbuchstabieren. Im Gegenteil: Wenn ich dich mag, stoße ich gerade an die Grenze konkreter Bedeutungen. Ich weiß nicht genau, was dieses ‚Mögen‘ bedeutet, aber: Der Satz „Ich mag Dich gern.“ ist gerade dann wahr, wenn der Begriff fragil bleibt: Ich kann in meinem Dich-Mögen scheitern, ja: mein Mögen an sich kann scheitern. Mir zumindest stehen Beispiele dafür vor Augen. Doch indem ich den Begriff mitsamt seiner Möglichkeit zu scheitern trotzdem sage, spreche ich Gottes Sprache, die unsere Sprache ist: Du darfst – mögen.

Die Grenze verläuft entlang unseres Ausdrucks selbst. Hemmerles dichte Sprache erzählt von der Grenze, an die sie stößt. Dadurch kommt der zu Wort, von dem wir unsere Sprache – die sich in mehr verwirklicht als bloßes Sprechen-Für-Sich zu sein – erst lernen, von dem her unsere Sprache ihrem eigentlichen Sinn erst zugeführt wird: Raum meines Wortes ist Raum für Sein Wort, die Grenze meines Sprechens zeigt den Überschuss jenseits der Grenze.