Gemeinden für Weltreisende

Identität

Aber was ist eigentlich die große biografische Herausforderung meiner Generation und den Jahrgängen nach uns? Ich glaube es ist in viel stärkerem Maße als bei den Älteren die Suche nach Identität in einer komplexen Welt. Für die Jahrgänge, die ab den frühen 1980ern geboren sind, die sogenannte Generation Y, sind viele Gewissheiten nicht mehr da, die für die Generation vor uns noch selbstverständlich waren. Ich bin an der Grenze zu Frankreich aufgewachsen und habe meine erste wirklich Grenzkontrolle trotzdem erst erlebt, als ich in die USA geflogen bin. Die Zahl der möglichen Studienabschlüsse und Berufsausbildungen ist explodiert. Es gibt kein klares Freund-/Feind-Schema mehr in der Weltpolitik, lebenslang beim selben Arbeitgeber bleibt kaum noch einer und weil der erste Internetanschluss bei uns zu Hause installiert wurde als ich 12 war, kann ich mich auch nicht wirklich an ein Leben ohne das Internet erinnern.

Es ist viel weniger vorgezeichnet, wer man sein und wie man sein Leben leben will. Und diese Phase setzt sich bis weit ins Erwachsenenalter fort, bis hin zu meiner Situation als verheirateter, junger Vater, der im Speckgürtel einer Großstadt lebt. Wenn es um die Entwicklung von Identität geht, ist für mich, auch in meiner Arbeit, ein Ansatz von Paul Ricoeur sehr wichtig geworden. Zwei klassische Herausforderungen gibt es für die Identitätsbildung: Einerseits empfinden Menschen sich als kontingent, erinnern sich, wie sie als Kind, als Jugendlicher waren. Andererseits bleiben wir uns nicht ständig gleich, wir verändern unter Umständen fundamentale Dinge in unseren Einstellungen, in der Art wie wir uns die Welt erschließen, wie wir glauben, hoffen, lieben. Ricoeur favorisiert angesichts dessen eine narrative Identität, die sich durch sogenannte sinnstiftende Erzählungen der eigenen Biografie formt. Wie können solche sinnstiftenden Erzählungen heute aussehen? Wie funktionieren sie eigentlich? Ricoeur interessierte sich dafür, wie Menschen eine für sie überzeu-gende Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ erhalten. Dies geschieht nach seiner Beobachtung dadurch, dass sie ihre eigene Lebensgeschichte erzählen oder zumindest als erzählbar verstehen. Die Fakten und Rahmenbedingungen ihres Lebens sind objektiv betrachtet einfach nur „Vorkommnisse“. Erst durch die Platzierung in einer Geschichte werden sie zu „Ereignissen“, weil wir ihnen durch das Arrangieren in einer Geschichte Sinn verleihen. Diesen Prozess nennt Ricoeur in An-lehnung an Aristoteles „Mimesis“, also Nachahmung. Genauer gesagt, sieht er sogar drei miteinander verbundene Nachahmungsprozesse. In der Mimesis 1 werden Ereignisse überhaupt als erzählenswert wahrgenommen. Wir nehmen dabei wahr, dass die Abfolge von Ereignissen des Lebens nicht irrelevant ist, sondern Bedeutung hat. Das Leben schreit geradezu danach, erzählt zu werden. Die erste Mimesis liefert das Rohmaterial der Erzählungen: Ereignisse, Empfindungen, Situationen, Charaktere. Potenziell also alles, was ein junger Mensch heute etwa im Laufe eines Tages erlebt und vielleicht auch in seiner Instagram-Story teilt. Jeder Blick, jede Begegnung, jedes Essen, jeder lustige Spruch unter Freunden. Die erzählerische Antwort auf diesen Kontext geschieht in der Mimesis 2. Mit dem Rohmaterial unserer Welt und Umwelt konfigurieren wir eine Geschichte, d. h. die Ereignisse und Figuren werden miteinander in einem Spannungsbogen verbunden. Dies kann planvoll geschehen oder zufällig. Die Fotos eines Tages, automatisch zur „Story“ arrangiert, sind der bewusste oder unbewusste Versuch, die erzählenswerten Ereignisse miteinander zu verbinden. Wann immer wir das tun, greifen wir natürlich auf uns bekannte Geschichten zurück. Kein Evangelist hat seine Version der Frohen Botschaft ohne Rückgriff auf antike Genres geschrieben, und auch wir bedienen uns eifrig an Spannungsbögen, die wir selbst in Geschichten gehört haben. Aber selbst wenn auf tradierte Formate zurückgegriffen wird (z. B. weil bestimmte Influencer das auch genauso machen), ist doch jede Geschichte ein Original, weil das Rohmaterial an Lebenserfahrungen individuell ist. Eine Geschichte, die niemand liest, sieht oder hört, ist unvollständig. Narrative Identität bildet sich nur aus, wenn die Geschichte nicht allein der Selbstvergewisserung dient, sondern auch zur Interaktion führt. Das Lesen, Sehen oder Hören einer Geschichte vervollständigt sie, verändert sie aber auch. Ricoeur nennt das Refiguration oder Mimesis 3. Niemand wird dauernd Instagram-Stories bauen, wenn er keinerlei Kontakte auf der Plattform hat, die seine Geschichten anschauen. Selbst wenn er im Normalfall keinerlei Reaktionen auf seine Story bekommt: Er sieht, dass sie gesehen wurde, sowie der Autor weiß, dass sein Buch verkauft und daher vermutlich auch gelesen wird. Zur Identitätsbildung trägt dieser Prozess laut Ricoeur eben dann bei, wenn nicht irgendwelche beliebigen Bausteine zu einer Geschichte verknüpft werden, sondern sinnstiftende Erfahrungen und Erlebnisse.