Sprache des Glaubens. Zum Text „Von Gott sprechen“: Wie heute von Gott sprechen?

„II. Nur Gott spricht gültig von Gott. Dass ER spricht, ist deine Sache.“

Mirjam Gödeke:

Der erste Satz würde doch völlig genügen: „Nur Gott spricht gültig von Gott.“ Zweifel und Sorge, für etwas einstehen zu müssen, das ich doch selbst nur bangend hoffen kann und glauben muss, finde ich darin gut aufgehoben. Wie entlastend ist der Gedanke: Gott allein kommt das gültige Sprechen von sich zu, ich muss mich nicht abmühen – stammelnd, um Worte ringend, oder gar eine Sicherheit vorgeben, die ich zwar prächtig formulieren kann, aber doch in Wahrheit nie habe.

Doch Hemmerle belässt es nicht bei dem ersten Satz. Er fährt fort: „Dass Er [– Gott –] spricht, [und zwar von sich,] ist Deine [– meine, Ihre –] Sache.“ Hemmerle kennt sie, diese Grenze in meinem Sprechen von Gott. Diese Grenze zwischen der Furcht, nicht von Gott sprechen zu können, und erst recht nicht „gültig“ sprechen zu können, und dem Drängen, doch sprechen zu wollen, ja zu müssen: von Amts wegen oder aus innerer Bewegung: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ – idealerweise fällt das wohl zusammen. Im Einzelnen beschreibt Hemmerle fünf Schritte, die ich mir zu reformulieren erlaube.

Erstens: Die Offenbarung ereignet sich aus und in Menschen um mich her. Ich brauche Gott weder neu dorthin tragen, noch schon alles fertig und klar haben, wenn ich zu sprechen beginne. Im Begegnen entdecke ich Gott – genauer: er entdeckt sich mir und dem andern (II/1).

Zweitens: Offenbarung ereignet sich auch in mir. Mein Wort ist gut, gut genug, um von Gott zu sprechen – weil es das einzige ist, dessen ich mir sicher sein kann (II/2).

Drittens: Weder belanglos noch leichtfertig soll mein Sprechen sein, sondern hervorgehend aus Leidenschaft und Leiden (II/3). Diesen Punkt möchte ich ein wenig ausführen.

Die Leidenschaft ist nicht willentlich selbstgemacht oder herbeigeführt, sondern selbst schon Ereignis. Das überfließende Herz bebildert eine Eigendynamik, die Hingabe und Einlassen erfordert, die aber eben kein planbares Tun ist. Leidenschaft ist Ereignis.

Zur Rolle des Leidens zweierlei: Zum einen sind Begegnungen, von denen der erste Satz spricht, nicht nur ausgewählte freundschaftlich-frohe Kontakte, sondern auch solche, mit denen ich mich schwertue. Leute, denen ich nur widerwillig zuhöre, über deren Gehen ich froher bin als über ihr Kommen. Oder etwa: Gespräche, die nicht „gelingen“; Verständnis, das nicht zustande kommen will. Zuhören kann, darf, muss zuweilen meinem Widerstand abgerungen sein – und kann mich einiges kosten. Zum anderen mache auch ich mich verletzlich in diesen Begegnungen, wenn ich nicht Fertiges mitbringe, Worte, Bilder, Tröstungen, sondern mein Sprechen von Gott ans Ereignis Seines Sprechens im Anderen binde. Diese Aspekte deuten an, was Hemmerle mit dem Abringen des Sprechens gegen Widerstände meinen könnte. Die Grenze zu beschreiten zwischen Ich und Du, zwischen Sagbarem und Unsagbarem, zwischen Sprechen und Hören, kann mich mitunter einiges kosten und so in gewisser Weise leidvoll sein.

Hemmerles deutliche Worte unter II.3 mahnen an, dass auch und gerade, wenn es um alles geht, die Grenzen erinnert und wahrgenommen werden müssen. Nur so kann die Mission zum Zeugnisgeben geschützt werden vor Gefahren wie Übergriffigkeit und Machtmissbrauch.

Viertens: Der Prüfstein für mein Verständnis von Gottes Wort, das ich neu ins Wort zu bringen habe, ist das, was es mir von der Welt und meinen Mitmenschen neu erschließt. Kein erfassendes, begreifendes Verstehen, sondern ein unverfügbares Hören und Erfahren – genauer: das Widerfahrenlassen – liegt meinem Sprechen von Gott zugrunde.

Fünftens: Theologische Akrobatik hat zurückzustehen hinter persönlichem Lebenszeugnis, in dem Gottes Gegenwart zuerst spürbar, sichtbar, hörbar wird.

Ich würde mir wünschen, dass diese zweifache Bewegung, die Hemmerle hier einführt, Inhalt jedes Ausbildungskurses für Menschen in der Verkündigung wird: Einerseits auf die Grenzen des eigenen Sprechenkönnens stoßen und andererseits zum Ergreifen dieser Herausforderung ermutigt werden – verantwortungsvoll und beherzt. Die Grenzen des eigenen Kennens, Wissens, Vermögens wahrnehmen – dann aber nicht davor zurückschrecken, sondern an ihnen entlanggehen, ja, auf ihnen gehen. Denn wer spricht, hat Macht. Und diese Macht anzunehmen und zu gestalten, ohne sie zu missbrauchen, erfordert waches Bewusstsein und adäquates Handwerkszeug. Im Bewusstwerden der eigenen Grenzen und im Wahrnehmen der eigenen Verletzlichkeit kann ein Anfang dazu liegen. Grenzgängerin, Grenzgänger zu sein in diesem Sinne, ist ein täglicher Balanceakt. Aber anders kann es wohl nicht gehen, wenn Sätze nicht zu Phrasen entleert hinter dem Drängen zurückbleiben sollen, aus dem sie entstanden sind. In Hemmerles Sätzen höre ich seinen Wunsch, pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mögen solche Grenzgängerinnen und Grenzgänger werden.

Welchen Spannungen sie sich auszusetzen haben, davon spricht der dritte Satz.