Sprache des Glaubens. Zum Text „Von Gott sprechen“: Wie heute von Gott sprechen?

„III. Gott spricht in unserer Sprache. Wir müssen von IHM unsere Sprache lernen“

Hadwig Müller:

Von Gott sprechen, so wie Hemmerle es in den ersten beiden Hauptsätzen entfaltet, verlangt, wegzugehen von sich selbst. Und es verlangt, sich selbst zu sagen. In diesen beiden Sätzen steht die Beziehung des angesprochenen „Du“ zu den anderen, zur Welt und zu sich selbst im Zentrum. In diesem dritten Satz dreht sich alles um die Sprache selber. Entsprechend unterscheiden sich Stil und Form seiner Entfaltungen.

Während die ersten beiden Sätze in allen Punkten Aufforderungen an ein Du enthalten, haben die Punkte des dritten Satzes den Charakter von Sentenzen. Auch formal unterbrechen sie den Rhythmus der anderen Sätze. Es sind nicht fünf, sondern acht Entfaltungen, von denen die erste wie eine Einleitung zu den folgenden ist.

Alles dreht sich um die Sprache. Denn: „Gott spricht unsere Sprache“. Das heißt aber nicht, dass wir unserer Sprache vertrauen dürfen, so wie wir sie meistens verwenden: indem wir ihren Gesetzen und Grenzen gehorchen. Indem wir Bilder verwenden, um etwas zu veranschaulichen, Begriffe, um Begriffenes mitzuteilen, mit Traditionen an die Vergangenheit anknüpfen etc. Nein, wir müssen unsere Sprache in diesem uns gewohnten Sinn verlernen, um von Gott die Sprache zu lernen, in der wir von ihm sprechen können!

Das hat zur Folge, dass unser Sprechen in Bewegung gerät. Wenn wir von Gott sprechen – in unserer Sprache, wie Gott sie spricht – erleidet unser Sprechen ein Geschick, das Hemmerle in Paradoxen beschreibt: „Überschuss sein über die Grenze und Bleiben unter der Grenze des Sprachkanons ist das Geschick des Sprechens von Gott.“ (III/1)

Das Überschreiten der Grenze des Sprachkanons beinhaltet die Anerkennung dieser Grenze genauso wie das Bleiben unter dieser Grenze. Ein Sprechen von Gott in unserer Sprache, so wie Gott sie spricht, zeichnet sich dadurch aus, dass es die Grenze des Sprachkanons in der Bewegung des Darüberhinausgehens und Darunterbleibens anerkennt. Nur darunter zu bleiben: im Rahmen des gegebenen Kanons der Sprachmöglichkeiten, ermöglicht keine Grenzerfahrung; nur darüber hinauszugehen, „Überschuss sein über die Grenze“ des Sprachkanons, verkennt diese Grenze.

Nur die Bewegung zwischen Darunterbleiben und Darüberhinausgehen nutzt die Chance, die mit der Grenze gegeben ist. Die Grenze sichert einen Abstand, der zur Ressource des Sprechens werden kann. Eines Sprechens, das Sicherheit und Eindeutigkeit verliert, dafür aber Denken und Fühlen in Bewegung bringt und Raum lässt, damit sich Neues ereignen kann. Eines Sprechens, das zum Staunen einlädt, zum Fragen, vielleicht zur ratlosen Ablehnung, aber auch zur Freude an einer ungeahnten Lebendigkeit!

Das machen die folgenden Sentenzen deutlich. Tradition, Banalität, Begriff, Bild, Erzählen, Schweigen, Sprechen – damit zählt Hemmerle Möglichkeiten auf, über die der Sprachkanon verfügt. Wir können sie verwenden, indem wir in ihrem Rahmen bleiben. Dann ist Tradition ein Gespräch nur mit vergangenen Generationen. Dann ist Banalität gleichbedeutend mit platter Offensichtlichkeit. Dann setzt der Begriff ein Begreifen voraus. Dann öffnen Bilder die Augen für eine Realität. Dann setzt ein Erzähler Beginn und Ende des Erzählens. Dann ist Schweigen nichts als Schweigen und Sprechen nichts als Sprechen …

Wir können all diese Möglichkeiten aber auch so nutzen, dass wir über die Grenzen des Sprachkanons hinausgehen. Dann ist Tradition nicht nur Gespräch mit vergangenen, sondern auch kommenden Generationen – Zukunft! Dann muss der Banalität misstraut werden, weil die Oberfläche des Alltags, die sie präsentiert, eine Tiefe schützt: die Tiefe, in die Gott abgestiegen ist. Dann zeigt der Begriff kein Begreifen an, ohne zugleich die Unmöglichkeit eines Begreifens mitzusagen. Dann dienen Bilder gerade dazu, die Augen zu schließen und mehr und anderes zu sehen, als sie zu sehen vorgeben. Dann lässt der Erzähler seine Erzählung offen und bittet Gott, weiterzusprechen. Dann ist das Schweigen erfüllt von einem Sprechen, das Gott und das mich selber hören lässt. Dann ist das Sprechen kein Aus- und Zuendesprechen von allem, sondern eines, in dem Schweigen herrscht über das Geheimnis Gottes und über mein Geheimnis.

Diese Sprache, bei der Sicherheit und Eindeutigkeit verloren gehen – und schöpferische Lebendigkeit gewonnen werden, müssen wir, so Hemmerle, von Gott lernen! Gottes Sprechen selber vollzieht diese Bewegung zwischen Hinausgehen über die Grenze des Sprachkanons und Darunterbleiben. Vielleicht lohnt es sich, die Eigenart des Sprechens Jesu auf diesem Hintergrund anzusehen: Er nutzt die Grenze des Sprachkanons als Ressource, um die Fixierung auf die Vergangenheit und auf die Oberfläche der Dinge aufzubrechen, um das Wissenlassen der Begriffe und das Sehenlassen der Bilder zu kritisieren, um im Schweigen zu sprechen und im Sprechen das Schweigen zu wahren und seine Erzählungen dafür offen zu lassen, dass andere sie weitererzählen.

Von Gott sprechen heißt: von sich weggehen. Von Gott sprechen heißt: sich selbst sagen. Von Gott sprechen heißt: die Grenze des Sprachkanons als Ressource nutzen. Diese drei Sätze von Hemmerle beziehen sich auf das Wie des Sprechens von Gott. Erst im vierten Satz tauchen unübersehbar seine Inhalte auf: „Von Gott sprechen ist gelebtes Pascha“.