Erzählen von Klaus Hemmerle. Beitrag zu einer Austauschtagung

Schritt - paradoxe Gleichzeitigkeit einursprünglicher Denkmuster und mehrursprünglicher Kriteriologie (Kontrastprogramm Fotografie vs. Anknüpfung)

Wo stehen wir nun? In den vorangegangenen Ausführungen haben wir in gewisser Weise Momentaufnahmen einzelner Aspekte gemacht. Welche Bilder sind entstanden? Einige behaupteter Kohärenz, mit festem Rahmen und klarer Linie, greifbare Formen und eindeutiger Wahrheit. Andere offener und beweglicher, aus dem Rahmen fallend, auf dem Weg. Einige dieser Bilder wollen nicht so recht zu dem passen, wie Kirche in unserer Welt Gegenwart und Zukunft hat, insbesondere wenn sie Erkenntnissen und Übereinkünften unserer Gesellschaften diametral entgegenstehen, die im Allgemeinen als wertvoller und notwendiger Fortschritt wahrgenommen werden. Auch zu einigen Themen, die die Kirche in Deutschland heute bewegen, auch im synodalen Weg beispielsweise, lassen sich bei Hemmerle Standpunkte oder zumindest Tendenzen finden, die sich nur schwer erschließen oder sogar befremden mögen. In Teilen sind sie sogar einer Strömung zuzuzählen, die die Kirche in jener Krise gefangen hält, deren Auswirkungen zerstörerisches Ausmaß annehmen: Autoritäts- und Bedeutungsverlust, Vertrauensbruch und missbrauchsbegünstigende Strukturen. Dazu zählen beispielsweise Aspekte im Wahrheits- und Amtsverständnis, im Priesterbild und in der Sicht auf Geschlechterrollen.

Doch wie gehen wir mit diesen Bildern um? Können und wollen wir sie einfach übernehmen? Einen entsprechenden Anspruch aus heutiger Perspektive an Textzeugnisse aus der Lebens- und Wirkenszeit von Klaus Hemmerle anzulegen, wäre nicht nur unfair; dieser Anspruch unterläge auch einem grundlegenden hermeneutischen Fehler. Denn: Es sind singuläre Erzählungen. Mit diesen gerahmten Bildern kann man polarisieren, wenn man möchte. Historische Sensibilität verlangt aber demgegenüber von uns zweierlei: zunächst Pluralität und Komplexität anzuerkennen und – wo nötig – zu verteidigen. Sodann den stilbildenden Elementen einen Vorrang einzuräumen gegenüber den inhaltlichen fest gerahmten Bildern und Ansichten. Denn im Werk Hemmerles gibt es Aspekte, die für sein Denken und Wirken stilbildend gewesen zu sein scheinen. Wenn wir sie nicht im unüberwindbaren Gegensatz zu den inhaltlichen Bildern verstehen wollen und damit als Bruch oder gar Spaltung, dann könnten sie sich vielleicht mit Arnulf Rainer als Form der Übermalung erschließen. Übermalung, die das Eindeutige sprengt und dem Ursprünglichen des Darunterliegenden zu neuer Deutung und Geltung verhilft. Von daher – wirklich ernstgenommen und weitergedacht – könnten diese Stilelemente das Potential bergen, genau jene missbrauchsbegünstigenden Strukturen fortwährend zu prüfen und nach entsprechender Maßgabe zu verwerfen oder neu zu gestalten – oder eben einfach weiterzuerzählen. Zu diesen Stilelementen gehören beispielsweise Autorität als auctoritas, Weggemeinschaft und Mehrursprünglichkeit. Hier entsteht ein Raum. Ich fühle mich nicht nur herausgefordert, sondern geradezu eingeladen, wenn nicht gar gedrängt, anzuknüpfen, einzusteigen, weiterzuerzählen. Die Gleichzeitigkeit, in dem diese so unterschiedlichen Inhalte, Motive und Kriteriologien bei Hemmerle beieinander stehen, kann ihm als Schwäche und Inkonsequenz ausgelegt werden. Doch ebendiese Gleichzeitigkeit ermöglicht es uns aus heutiger Sicht, Klaus Hemmerle überhaupt heute noch ins Gespräch zu bringen. Sie bewahrt uns einerseits davor, einzelne Statements steinbruchexegetisch aus ihrem Zusammenhang zu lösen und blind auf heutige Fragen anzuwenden. Zudem bietet es echte Anknüpfungspunkte für ein weiteres Gespräch: über das, was heute bewegt, mit den Menschen, die heute Kirche bewegen. In und mit heutigen Herausforderungen können sich neue Perspektiven eröffnen, die weder Klaus Hemmerle zu Lebzeiten antizipieren konnte noch wir einem offenen Prozess vorwegnehmen können. Darin liegt die Stärke der für Klaus Hemmerle stilbildenden Elemente, die ihn freilich nicht entbinden von seiner Verantwortung für einzelne Entscheidungen. Sie könnten aber dazu beitragen, Kirche mit und in der Zeit zu gestalten, zu leben. Dann könnte es möglich werden, mit den eigenen Prinzipien Hemmerles jene Verstrickungen zu entknoten, die sich heute krisenhaft zugezogen zeigen. Einen solchen Stil kann Klaus Hemmerles Erbe zur derzeitigen Verfassung der Kirche beitragen.