Trinität – Die Suche nach dem Ursprung bei Klaus Hemmerle

Trinitarisch geprägte Beziehungen unter den Menschen

In allem, was Jesus tut und sagt, lassen die Evangelien etwas Wesentliches durchscheinen: die wechselseitige Nähe und Liebe von Sohn und Vater, erkennbar auch daran, dass der Vater ständig bei seinem Sohn ist und durch ihn spricht und handelt. Gerade im Johannes-Evangelium weiß sich Klaus Hemmerle angesprochen durch das gegenseitige Innesein von Vater und Sohn.

Was geschieht, wenn ich die Beziehung von Vater und Sohn als einen ‚Raum‘ wahrnehme, den beide offen halten? Wenn ich mich von seinen einladenden Worten, diesen Ort zu betreten, treffen lasse? Dann finde ich mich in einem Raum unendlicher Liebe, die mich persönlich meint und meinem Person-Sein eine neue Qualität gibt. Es kann zu einer völlig neuen Gotteserfahrung werden, die auch die Beziehung der Menschen untereinander prägt. Wie Klaus Hemmerle es erlebt, klingt in folgenden Aussagen nach:

Das gegenseitige Innesein als Lebensbewegung Gottes1

Erst wenn wir so leben, dass ‚du‘ mein Leben in mir bist und ‚ich‘ dein Leben in dir bin, erst wenn Trinität sich zwischen uns ereignet, ist der Sinn der Sendung Jesu erfüllt und ist das Leben Gottes Leben der Welt geworden.

Unser Einssein miteinander ist der entscheidende Punkt, an dem für die Welt ‚Trinität‘ sichtbar wird. Eine Trinität, die nur über uns schwebt, kann kaum mehr als lebensrelevant verstanden werden. Sie öffnet sich uns erst dann wieder, wenn wir bereit sind, zwischen uns Trinität zu leben. (...)

Johannes spricht immer wieder (...) von einem gegenseitigen ‚Innesein‘ der Personen:

du in mir – ich in dir;  
ich im Vater – der Vater in mir;  
ihr in mir – ich in euch;  
einer im andern – der andere im Einen.

Dieses vielgestaltige gegenseitige Innesein wird mit einem klassischen Ausdruck der Theologie ‚Perichorese‘ genannt. Perichorese ist ursprünglich der Name für einen Tanz: Einer umtanzt den andern, der andere umtanzt den einen, und so fließt alles ineinander.

Und in der Tat, so geht Leben in der Dynamik jener Liebe, die Jesus lehrt und schenkt:

Der andere wird die Achse meines Lebens,  
ich bin die Achse seines Lebens.  
Gott ist die Achse meines Lebens,  
ich bin die Achse seines Lebens.

Alles entfaltet sich in diesem ‚axialen Umspielen‘.

Wir können mit der großen griechischen Theologie der ersten Jahrhunderte sagen, dass die Perichorese der göttlichen Personen sich offenbart und mitteilt in der Perichorese von Göttlichem und Menschlichem in Jesus Christus.

Und wir müssen ergänzen, dass diese Wirklichkeit sich eben in unserer gegenseitigen Perichorese ereignet. Bis wir diese sich gegenseitig ‚umtanzende‘, sich gegenseitig – in jeder Gabe und jedem Auftrag des andern – umspielende und Ernst nehmende Liebe als Kirche entfaltet haben, muss noch eine große ‚Tanzschule‘ absolviert werden. Aber von ihr gibt es keine Dispens. (...)

Dieses gegenseitige Sein im andern ist die Lebensbewegung Gottes. Ich bin, dass du bist – und gerade dies ist mein Sein. Und so dürfen wir in einem gewissen, analogen Sinne sagen: Trinitarisch leben heißt für uns, dass der eine Geist in uns aufgeht und zum Leuchten kommt – und gerade er wird uns in unserer Einheit und Unterschiedenheit zum Leuchten bringen. (...)

Damit aber scheint die Liebe – das gegenseitige Einssein – als das innerste Geheimnis des dreifaltigen Gottes auf. Aber es bleibt nicht allein bei dieser neuen Sicht und bei diesem neuen Sein Gottes, sondern darin sind auch unser eigenes Sein und das Sein überhaupt verwandelt. Unser persönliches Sein ist hinein genommen in die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Vater, Sohn und Geist; damit aber kann aber gar nicht mehr ich selbst und ich allein den einzigen Ausgangs-, Mittel- und Zielpunkt meines Seins darstellen, ich kann das trinitarische Sein nur leben im Miteinander, im Wir, das jedoch das Ich und Du nicht auslöscht, sondern konstituiert. (...)

Das Seinsverständnis selbst wird neu, wenn das Sein neu wird. Sein ist Liebe, ist Beziehung. Dann aber ist Sein Sich-Schenken und – recht verstanden – Sich-Verlieren im je anderen, um so freilich gerade aufzugehen und zu ‚sein‘: unlösbar einer und doppelter Ausdruck des Ereignisses ‚Gott‘, des Ereignisses ‚Sein‘, des Ereignisses ‚Mensch‘.

  1. Hemmerle, Klaus: Leben aus der Einheit, 43 ff. ↩︎