Wie als Priester heute leben?

[1] Vorwort

Unter den Sorgen der Bischöfe muß die Sorge um ihre Priester ganz obenan stehen. Der Bischof ist zuerst Bischof für die Priester, und er ist es nur, wenn er Priester mit seinen Priestern ist. Das hat die Deutsche Bischofskonferenz dazu bewogen, während ihrer Herbstvollversammlung in Fulda vom 21.–24. September 1981 einen Studientag der Frage zu widmen, wie die Situation der Priester heute geistlich zu bestehen ist, wo Ziele und Maßstäbe, aber auch Wege und Möglichkeiten liegen, das Priestersein glaubwürdig zu leben unter Bedingungen, die den priesterlichen Dienst vielfältig belasten.

Die folgenden Überlegungen greifen einen Gedankenkreis aus diesem Studientag der Deutschen Bischofskonferenz wieder auf. Es ist zu betonen: nur einen Gedankenkreis. Zunächst hatten die Bischöfe versucht, gemeinsam in aller Nüchternheit die Situation des Priesters und seines Dienstes zu sehen, wie sie ist. Dem wurde sodann, sozusagen als Kontrast, der Versuch einer geistlichen und theologischen Orientierung gegenübergestellt: Wie kann priesterliche Identität heute gewahrt und neu gewonnen werden? Aufgrund von Vorarbeiten der Kommission der Deutschen Bischofskonferenz „Geistliche Berufe und kirchliche Dienste“ haben die beiden Unterzeichnenden Überlegungen hierzu vorgetragen, die in den nachfolgenden Texten über den Kreis der Bischofskonferenz hinaus zugänglich gemacht werden sollen.

Es war den Autoren wie auch der Bischofskonferenz deutlich, was solche Orientierungspunkte für Leben und Dienst des Priesters leisten und nicht leisten können. Wenn sie als Orientierungspunkte anerkannt und mitgetragen werden, dann können sie zu jener beständig notwendigen Umkehr beitragen, ohne die priesterliches Wirken und priesterliche Existenz sich festfahren. Es wäre also nützlich, wenn jeder Priester sich die Frage stellte: Kann ich mich selber so sehen und verstehen? Wo und warum geht es bei mir nicht, einer derartigen „Zielangabe“ zu entsprechen? Wo empfinde ich innerlich Spannung und Widerspruch zu ihr? Ein Anstoß zu solchem Nachdenken wollen die nachfolgenden Texte sein. Sie wollen aber nicht sein:

  • eine von oben verordnete Spiritualität des Priesters; priesterliche Spiritualität kann nicht ohne communio wachsen, Verordnung und Reglementierung gewährleisten diese aber nicht –

  • ein systematisches Gebäude priesterlicher Spiritualität; die Vielfalt der Gestalten geistlichen Lebens, die verschiedenartigen Akzentsetzungen sind ein Reichtum, der nicht eingeebnet werden darf –

  • ein Alibi für strukturelle Konsequenzen, die fällig sind, damit das „Idealbild“ nicht bloß ein fernes Ziel bleiben muß; die Bischofskonferenz hat in einem weiteren Abschnitt ihres Studientages die Frage nach praktischen Schlußfolgerungen aufgegriffen –

  • etwas, das die Bischöfe den anderen sagen, statt es zuerst sich selber zu sagen; dies wurde ganz deutlich: Wenn wahr ist, was hier als Maßstab aufleuchtet, dann muß dies auch den Bischöfen selbst in ihrem Leben und Dienst wehtun, sie zur Umkehr bewegen.

Bonn und Aachen, im April 1982 Wilhelm Breuning + Klaus Hemmerle