Und das Wort ist Kind geworden

[21] Abstiegsgeschichte

Ironie und Symbolkraft stecken in den zwei Versen aus dem Abschnitt des Buches Genesis über den Turmbau von Babel und seine Folge, die Verwirrung der Sprache:

„Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen. Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten“ (Gen 11,4f).

Die Menschen machen sich groß, treiben es auf die Spitze, und die Spitze reicht zum Himmel, wie sie meinen. In ihrer selbstgemachten Größe suchen sie die Garantie der Ewigkeit. Aber wie groß ist diese Größe? Gott steigt herab, um das winzige Menschenwerk zu gewahren. Er rührt nicht an den Turm, daß er umfällt. Nein, nicht der Turm fällt um – aber die Einheit zerbricht. Selbstgemachte Größe hält nicht zusammen, sondern treibt auseinander.

Es geht den Menschen nicht gut nach dem Turmbau zu Babel ...

[22] Die schier selbe Geschichte begegnet uns noch einmal, aber in anderer Richtung. Gott steigt nochmals ab, aber mit anderen Konsequenzen. Im „großen Credo“ ist das in schlichter Knappheit so ausgedrückt:

„Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“

Es gibt also nochmals einen göttlichen Abstieg vom Himmel, vom angestammten „Ort“ Gottes („descendit de caelis“). Doch dies ist ein Abstieg, der nicht verwirrt, sondern vereint. Es ist ein Abstieg, nicht weil menschliche Größe zum Himmel dringt, sondern weil menschliche Größe am Boden liegt. Und der Abstieg erfolgt nicht in die Größe eines herrscherlichen Palastes, sondern in die Unscheinbarkeit und Niedrigkeit der Jungfrau, der Magd des Herrn.

„Für uns Menschen und zu unserem Heil“ – „vom Himmel gekommen“ – „Mensch geworden“. Ich möchte es wagen, in jener Kindlichkeit des Bildes, die mitunter mehr enthält als die Ausdifferenziertheit des Begriffs, dies so ausdrücken:

Gott fragte den Menschen: Wie geht es dir? Und um es genau zu sehen, kam er persönlich vom Himmel herunter, dorthin, wo der Mensch ist. Er sah es und sagte: Ich bleibe da, ich werde wie du, ich werde Mensch. Ich gehe mit dir – bis in den [23] Tod und durch den Tod bis zum Leben. So geht es dir gut!

Natürlich soll der Begriff nicht zur Seite geschoben, sondern soll die Frage zugelassen werden: Ist das nicht arg verzeichnet und verzerrt, Gott zuzutrauen, daß er „heruntersteigen“ muß, um zu wissen und zu wenden, wie es uns geht? Nein, das ist schon etwas anderes, alles zu wissen in göttlicher Allübersicht und es zu „wissen“ aus der Perspektive des Betroffenen, aus dem Teilen und Teilhaben, aus dem Mitgehen auf selbem Niveau. Es ist zumindest für uns etwas anderes. Dieses „für uns“ betrifft aber Gott selbst; denn Gott ist die Liebe, und die Liebe treibt bis dahin, daß sie, auch aus der Perspektive der anderen, der Geliebten gesehen, dort sein will, wo sie sind.

Die Weihnachtsgeschichte ist Gottes Abstiegsgeschichte, sie ist die Geschichte der Weggemeinschaft Gottes mit uns.

Dann aber gilt: Die Weggemeinschaft Gottes mit uns in Jesus kann nur greifen, weitergehen, alle erreichen in unserer Weggemeinschaft mit Ihm und untereinander. Wir selber müssen absteigen von unserem Großtun, jede und jeder einzelne, um miteinander zu gehen. Und miteinander gehen können wir nur, wenn uns angeht, wie es der je anderen, dem je anderen geht. „Propter nos homines et propter nostram salutem“ („für uns Menschen und zu unserem Heil“): Dies ist das Warum der Menschwerdung Gottes, das Warum der Kirche.

[24] Ich wünsche uns, daß jeder und jedem von uns der Herr als Weihnachtsgeschenk Schwestern und Brüder schenkt, die sich dafür interessieren, wie es ihr und ihm geht. Und ich wünsche uns, daß er uns ein Herz schenkt wie das seine, das aufgeht und weit wird im Interesse, wie es den anderen geht.

Doch wie geht das: die anderen heilend und liebend fragen, wie es ihnen geht?

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich habe das Fragen vor dem Sagen.

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich habe Zeit nicht nur für die Arbeit und für die anderen, sondern Zeit auch für dich und achte auf deine Zeit, die meine Frage und mein Interesse braucht.

– Wie geht es dir?, das heißt: Ich will mit dir gehen; ich finde mich nicht nur damit ab, sondern ich nehme an, daß du mein Nächster bist.

– Wie geht es dir?, das heißt: Du selbst bist mir wichtig, nicht nur, was du tust; du selbst und jene, die zu dir gehören, deine Familie, deine Welt.

Fragen genug zum Nachdenken, Fragen, bei denen es, wenn wir ehrlich sind, in uns und zwischen uns „knirschen“ wird. Ziehen wir uns davor nicht zurück, sprechen wir miteinander. Zeit füreinander ist Zeit für Ihn, Zeit für uns, Zeit für die anderen. Es ist Zeit dessen, der zu uns abgestiegen ist. Steigen wir ab zueinander!1


  1. Weihnachtsbrief an die Priester, Diakone und Laien im pastoralen Dienst, 1989, in: Hemmerle, Klaus: Wie geht es dir? Kirche als Weggemeinschaft. An die Priester, Diakone und Laien im pastoralen Dienst, in: Hemmerle, Klaus: Hirtenbriefe, hg. v. Karlheinz Collas, Aachen 1994, 139-142. ↩︎