Berufung

[34] Rufgeschichte ist Nachfolgegeschichte

Gott selbst vollendet in Christus die menschliche Rufgeschichte und erlöst sie, so daß sie Antwortgeschichte wird.

Seit Jesus gekommen ist, heißt Rufgeschichte Nachfolgegeschichte. Wir folgen unserem Ruf, indem wir Jesus nachfolgen. Und diese Nachfolge ist zwar ganz und gar die Sache unserer Freiheit, unserer Antwort, aber sie ist dennoch mehr als bloß unsere Tat und unser Vollbringen. Jesus nachfolgen heißt: sich in ihn hinein fallen lassen, sich von ihm tragen lassen, sich ihm anvertrauen. Wir dürfen in ihm sein und ihn in uns sein lassen. Ruf ist nicht mehr niederdrückende Überforderung, sondern verwandelte, erlöste Unmöglichkeit. Der Weg, sie verwandeln und erlösen zu lassen, ist freilich der Weg der Gemeinschaft mit Jesus, des Vertrauens zu ihm und Lebens mit ihm. Dies heißt in letzter Konsequenz: Weg der Berufung ist Kreuzweg. Jesus selbst läßt uns nicht im unklaren darüber: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24; vgl. Mk 8,34; Lk 9,23).

Dort, wo er sich für mich und mich selbst in sich dem Vater darbringt, dort, wo er mir in meine äußerste Fremde und Ferne zu Gott entgegenkommt, dort, wo er meine Einsamkeit in sich hineinnimmt und mich in seinem Herzen mit allen verbindet, dort bin ich angerufen: Komm, laß dich mir, lebe in mir! Ausgespannt am Kreuz, ist er für mich der Ruf. Und diesen Ruf annehmen, das heißt gewiß mit ihm hinübergehen nach Ostern, aber dieser Weg nach Ostern hat eben die Erstreckungen und Richtungen, die wir am Kreuz ablesen. Er ist am Kreuz nicht nur Ruf an mich, sondern er ist schon meine gelebte Antwort, und ich kann sie nur mitleben, ich kann sie nur mir zu eigen machen, indem ich mir die Richtungen und Schritte seines Weges nicht erspare: Ich bin gerufen zum Vater; ich bin gerufen für die Welt; ich bin gerufen [35] in die Gemeinschaft. Es gibt keinen Ruf, der nicht mein Herz für Gott allein versiegelte, es zugleich auslieferte an die Welt und hineingäbe ins Miteinander der Heraus- und Zusammengerufenen, der Ekklesia.

Die drei Richtungen des Kreuzes- und Ostergeschehens fordern jeweils die vierfältige Bereitschaft heraus, die seit den Tagen der Väter und verdichtet in Jesus Christus selbst zu jeglichem Ruf gehört. Ich bin gerufen mit Jesus zum Vater. Nur mit leeren Händen bin ich frei für diesen Aufstieg. Nur im Horchen Augenblick für Augenblick finde ich den Tritt, ich habe mich selber zu ihm mitzubringen, in der lautersten Hingabe des Herzens und des Leibes. Und ich trete nicht für mich allein vor den Vater hin, sondern für die andern. Sie sind in mir. Und genauso braucht es – in der Dimension des Rufes nach außen und innen – die Freiheit von allem Ballast des Habens und Anspruchs, um dort bei den anderen, bei den Letzten und Fernsten zu sein, wohin Jesus gegangen ist. Aber dieser Weg ist nicht ein Abenteuer auf eigene Faust, er gelingt nur im ständigen Hinhören auf ihn, ich kann nicht in großer Gebärde mich selbst entäußern, ich kann nur mich entäußern lassen; ich bin erst ganz frei zu den andern, wenn mich dabei Schritt um Schritt das Seil seines Willens hält. Und um mich allen zuzuwenden, muß mein Herz verankert sein in Gott allein, bereit zum immer neuen Abschied und immer neuen Weitergehen. Nur so werde ich in lauterer und ganzer Liebe mich selber, mit Leib und Seele, mitbringen zu denen, wohin sein Wille mich schickt. Ich werde aber zu ihnen nicht kommen als einer, der nur etwas zu bringen und zu geben hat, sondern ich werde ihnen Bruder sein, so daß Gemeinschaft wachsen kann, Gegenseitigkeit. Von den Rändern, aus der Welt, aus der Zerstreuung ruft Gott sein Volk zusammen.

Der Ruf zum Herrn ist schließlich Ruf zum Herrn in der Mitte der Vielen, Ruf zueinander, in die Einheit des einen [36] Leibes. Arm sein ist hier nicht mehr nur persönliche Bedürfnislosigkeit, sondern jenes Teilen des Inneren und Äußeren, aus dem wahrhaft Gemeinschaft wächst. Gehorsam ist nicht nur Hören auf die Stimme Gottes in mir, sondern auf die Stimme Gottes, die durch den Bruder neben mir auf mich zukommt, die im Ganzen der Gemeinschaft erklingt. Die Reinheit des Herzens im Leben und das Verschenken der Leibhaftigkeit erbauen und bezeichnen den einen Leib, der wir miteinander sind, den heiligen Tempel, in dessen Mitte der Herr selber wohnt, die dichteste Nähe zueinander, die in der vorbehaltlosen Nähe zum Herrn allein gerade gewährleistet wird.

Gemeinschaft fügt sich aus diesen Elementen verschenkten Habens, verschenkten Willens, verschenkter Leibhaftigkeit – aber sie fordert noch ein Mehr, sie fordert jene Liebe, ohne die alles tönendes Erz und klingende Schelle wäre (vgl. 1 Kor 13,1).