Und das Wort ist Kind geworden

[36] Gott hat sich verlaufen wie ein Kind

In seiner „fröhlichen Wissenschaft“ spricht Friedrich Nietzsche vom tollen Menschen, der mit einer Laterne am helllichten Tag Gott sucht. Alle lachen ihn aus und scherzen mit ihm und fragen: „Ja, vielleicht hat er sich verlaufen wie ein Kind, vielleicht ist er dahin oder dorthin gegangen?“

Diese Stelle, oft zitiert, erscheint meist nur als die Einleitung zu jenem Wort des tollen Menschen, nach welchem wir Gott getötet haben und dieses Ereignis noch Lichtjahre von uns entfernt ist.

Sollten wir indessen nicht auch auf die verborgene Wahrheit dessen horchen, was die Leute dem tollen Menschen von Gott sagen: „Vielleicht hat er sich verlaufen wie ein Kind“?

Wenn ein Kind sich verläuft, dann geht es dorthin, wohin es nicht gehört. Ja, an Weihnachten hat Gott sich verlaufen – nicht nur wie ein Kind, sondern als Kind – dorthin, wohin er nicht „gehört“. Er ist nicht in der verschlossenen Herrlichkeit seines Himmels und nicht im Binnenraum unserer Frömmigkeit geblieben, [37] sondern er hat sich verlaufen zu den Kleinen und Armen, zu den Kranken und Trauernden, zu den Sündern, zu jenen, von denen wir wähnen, sie seien fern von Gott und hätten nichts mit ihm zu tun.

Gott hat sich verlaufen dorthin, wohin der verlorene Sohn sich verlaufen hat, weit weg vom Vaterhaus, um in ihm und mit ihm heimzukehren zum Vater.

Gott hat sich verlaufen wie ein Kind – nur daß es eben kein Irrtum war, solches zu tun, sondern das Göttlichste, was Gott tun kann. Gott ist der Gott aller – oder er ist nicht Gott. Gott ist der Gott der Kleinen und der Fernen – oder er ist nicht Gott. Wir finden Gott dort, wohin er sich „verlaufen“ hat – oder wir finden ihn nicht.

„Laß uns dich finden, wohin du, Gott, dich verlaufen hast als ein Kind. Ja, laß uns selber Kind sein, in dem du dich verläufst zu den anderen, zu allen!“