Linien des Lebens

[39] Eucharistische Not – eucharistische Erneuerung

Wir leben in einem Jahrhundert, in dem viel Erneuerndes und Erhellendes mit der Eucharistie geschah: durch Pius X. die Einladung aller und gerade der Kleinsten zum Tisch des Herrn; durch die liturgische Bewegung die Neuentdeckung von Mysterium und Communio; im Konzil und in seiner Folge die Öffnung der Liturgie für die vielen Lebens- und Geschichtsräume unserer Welt. Aber zugleich mit dem Näherkommen der Eucharistie zum Leben sind immer mehr Menschen ihr ferngeblieben; und für viele, die noch teilnehmen, erschöpft sich Kommunion in Kommunikation.

Dieses Stenogramm einer Diagnose genügt nicht, um gemäße Therapie in Gang zu bringen. Doch scheint es mir für eine solche vordringlich, uns selbst auf unser Verhältnis zur Eucharistie hin zu befragen. Mir hat bei diesem Bemühen die „johanneische Perspektive“ geholfen.

Von Eucharistie wird bei Johannes anders gesprochen als anderswo. Der Einsetzungsbericht fehlt; die deutende Brotrede ist in den anderen Evangelien nicht bezeugt. Wir können bei Johannes drei eucha- [40] ristische „Fundorte“ ausmachen: die Brotrede (Kapitel 6), die Fußwaschung (Kapitel 13) und Jesu Abschiedsreden insgesamt (Kapitel 14–17).

An allen drei Stellen ist das Sprechen von Eucharistie „versetzt“ oder „verhüllt“. In der Brotrede erfolgt es im Zusammenhang mit der Brotvermehrung, und aus diesem „fremden“ Kontext heraus wird gerade das Besondere und Einmalige der Eucharistie gegenüber jedem anderen Mahl erhoben. Dabei nimmt die Eucharistie jene Stelle der Scheidung und des Ärgernisses ein, die bei den anderen Evangelisten Jesu Leidensweissagungen zukommt. Bei der Fußwaschung und in den Abschiedsreden ist unmißverständlich die Situation des letzten Abendmahles gekennzeichnet – aber von Eucharistie selbst wird nicht gesprochen; das Zeichen der Fußwaschung verbirgt wie ein Velum den eucharistischen Kelch. Doch gerade solche „Versetzung“ und „Verhüllung“ sind Hinweisgestus, Verstehensschlüssel für jene Botschaft, die uns von Johannes her trifft.

Vergegenwärtigen wir uns das Drama des 6. Johanneskapitels. Die Brotvermehrung steht am Anfang. Sie geschieht für Menschen, die gewiß eine geistliche Offenheit mitbringen – wie wären sie sonst in die öde Gegend gekommen, um sich Jesu Wort auszusetzen? Und doch, sie mißverstehen ihn. Als er ihnen das Brot schenkt, wollen sie ihn zum König ma- [41] chen. Er entzieht sich, und als er auf wunderbare Weise ihnen neu in Kafarnaum nahe ist, legt er ihnen die Situation schonungslos offen: Sie suchen im Messias und so in dem Gott, der ihn sendet, letztlich den „Versorger“. Sie brauchen Gott – für die eigenen Bedürfnisse. Den, der Brot spendet, nehmen sie an. Den, der selber Brot ist, lehnen sie ab. Der Mensch macht sich sein „geschnitztes Bild“ vom Heil, statt sich unmittelbar dem auszusetzen, von dem er allein sein und leben kann: Versorgung statt Beziehung, damit aber Entgöttlichung Gottes.

In der Lebensbrotrede geht es zunächst also nicht um die Eucharistie, sondern um den Glauben, um die personale Beziehung zu Gott, die in der personalen Beziehung zu Jesus geschieht. Das Reich Gottes, das Jesus heraufführt, ist nicht die farbige Ausfüllung jener Vorzeichnung, die wir uns aus eigenen Wünschen herstellen. Nur in der horchenden, liebenden, annehmenden Beziehung zu Jesus und in ihm zu Gott gewinnen wir jenes Maß des Heils, das uns ganz und gar ausfüllt und ernst nimmt. Wir sind eben nicht auf uns allein gestellte Einzelwesen, sondern unser Selbststand geschieht in der Beziehung zu Gott, in der Gemeinschaft mit Gott, die sich sodann bewährt und vollendet in gegenseitiger Beziehung, in Gemeinschaft zwischen uns. Gründet nicht auch unsere eucharistische Not in unserer Gottesnot?

[42] In der johanneischen Brotrede folgt freilich ein zweiter Abschnitt, der die Konsequenz und Verdichtung des ersten ist: Glauben als innerer Akt drängt weiter zum leibhaftigen eucharistischen Essen. Natürlich kann dies materialistisch mißverstanden werden; wie wenig dies im Sinne des Johannesevangeliums ist, betont Jesus selbst (siehe Joh 6,63).

Was aber meint diese eucharistische Zuspitzung der Rede vom Lebensbrot? Die lebendige Beziehung zu Jesus und in ihm zu Gott ist mehr als eine spirituelle Haltung. Sie ist Hingabe und Annahme „bis zum äußersten“. Jesus gibt sich hin bis zum Tod am Kreuz, er gibt sich hin in jener Ordnung leibhaftiger, geschichtlicher, angefochtener Existenz, in der wir innestehen. Der ganze Gott und der ganze Mensch verschenken sich in Jesus, und das erfordert auch von uns den ganzheitlichen Vollzug, der Leib und Seele einbezieht, Essen der wirklichen Speise und Trinken des wirklichen Trankes, die Jesu Fleisch und Blut uns sind (vgl. bes. Joh 6,50–57). Es heißt ernst machen damit, daß es in der Eucharistie um Tod und Leben geht, um den Tod Jesu, der ihn zur Gabe macht, die sich restlos verausgabt in uns hinein und die in uns sein Leben wirkt: Leben ohne Grenze und Ende, Leben in der Zukunft der Auferstehung, die schon jetzt anhebt, wenn wir leben aus dem, der das lebendige Brot ist.

[43] Nicht Brotgeber, sondern Brot, nicht Versorger, sondern lebendige Gabe, nicht Besitz, sondern Beziehung, gemeinsames Leben, das unseren eigenen Tod und unser eigenes Leben in Jesu Sterben und Leben für uns einholt, in der Ordnung des Kommenden wie im vollzogenen Jetzt: das sind die Maßstäbe, die uns den Ernst der Eucharistie ermessen lassen, der Hintergrund, auf dem alle äußere Erneuerung erst sprechend und wirksam wird.

Genau dies aber ist auch die Botschaft der Fußwaschung: Eucharistie als der Abstieg des Herrn bis in die Knechtsgestalt, bis in den tödlichen Knechtsdienst. Die Konsequenz: Eucharistie schenkt uns Leben, indem sie uns einweiht und einbezieht in die Hingabe Jesu für die anderen, füreinander.

Wie geht solches Leben? Jesu Abschiedsreden – vom Neuen Gebot (Joh 13,34f.) bis zu seinem Testament der Einheit (Joh 17,20–23) – sagen es uns. Eucharistie und Abschiedsreden spiegeln sich gegenseitig. Nur zwischen diesen beiden Spiegeln fällt das erneuernde Licht in unsere eucharistische Not.