Predigt von Bischof Dr. Helmut Dieser beim Jahrgedächtnis zum 25. Todestag von Bischof Klaus Hemmerle im Hohen Dom zu Aachen

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Gäste beim Jahrgedächtnis für Bischof Klaus,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

vor 25 Jahren, nur 23 Tage vor seinem eigenen Tod, hat Bischof Klaus hier im Aachener Dom seine letzte Silvesterpredigt gehalten. Mich berührt es sehr, dass sie über das Thema der Hoffnung ging. Hoffnung, obwohl der Bischof damals genau wusste, dass er sterbenskrank war.

Er ging aus vom Schlusssatz des Te Deum: „Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden“. Seine ganze Predigt macht deutlich: Die christliche Hoffnung bedeutet keine Flucht aus der Welt. Im Gegenteil: Weil wir Christen unsere Hoffnung auf Gott setzen, haben wir auch Hoffnung für diese Welt und können uns ihr umfassend zuwenden. Ja, es berührt mich wirklich, dass Bischof Klaus das vor 25 Jahren in seiner letzten Silvesterpredigt auch selber zum letzten Mal getan hat: Er schaut in die Welt von damals und erkennt, wie sie ihre Hoffnung verliert: Der Kommunismus war 1989/90 zusammengebrochen und mit ihm die ideologische Aussicht auf die klassenlose Gesellschaft. 1993/94 aber sieht Bischof Klaus auch schon den Gegenentwurf am Zerbröckeln: die Hoffnung, eine Welt aufzubauen, in der Freiheit herrscht und Friede da ist, die Menschen solidarisch sind, das Leben geachtet wird und die heute Lebenden Rücksicht auf die kommenden Generationen nehmen. Stattdessen stellt der Bischof damals schon fest: „Als endlich der große blockhafte Gegensatz von Ost und West weg war, da parzellierten sich die Streitfälle, da wurden die Kriege kleiner, aber fast noch unheimlicher. Wir können nicht mehr absehen, wir können nicht mehr überblicken, was in der Welt los ist. Und so ziehen wir uns zurück und kreisen um uns selbst.“ 1

Was Bischof Klaus vor 25 Jahren kurz vor seinem Tod geschehen sah, hat sich bis heute deutlich verschärft: auch der Gegenentwurf zum Kommunismus, das Bild vom sogenannten „Westen“ mit seinen freiheitlichen Gesellschaften und seinen rechtsstaatlichen Demokratien ist in tiefe Krisen geraten und wird angefochten von innen und von außen. Es gibt heute nicht enden wollende Kriege, in denen die großen Mächte auf kleinerem Raum gegeneinander kämpfen: zum Beispiel in Syrien oder im Osten der Ukraine. Oder im sogenannten Krieg gegen den Terror und so fort. Damals beschrieb Bischof Klaus drei falsche Strategien, wie die Menschen der Hoffnungslosigkeit entkommen wollten: der Rückzug in ein anständiges privates Leben, in dem man die Dinge einfach mal kommen lässt und abwartet oder, wenn das nicht mehr geht, dann entsteht eine Neigung zur Radikalisierung und zur Gewalt. Und die dritte falsche Strategie beschreibt er damals als Versuch, ganz bewusst ohne große Hoffnungen nur im Jetzt zu leben, einfach nur zu tun, was dran ist, zu schauen, was mich trägt und wie lange, und es dann wieder fallen zu lassen und was zu Neues suchen. Am Ende zieht er das Fazit: „Es geht so nicht weiter. Wenn unter der zerbrochenen Hoffnung nur die Hoffnungen geistern, und wenn diese Hoffnungen uns zum Treibenlassen oder zur Gewalt oder zur postmodernen Beliebigkeit hintragen, dann ist es nicht gut um uns bestellt. Wo zeigt sich uns heute, liebe Schwestern und Brüder, eine Linie von Hoffnung?“2 Die Antwort bleibt der Bischof nicht schuldig. Er sieht vor sich das Beispiel vieler gläubiger Menschen, die eine kleine Hoffnung aus dem Glauben leben und dadurch so etwas wie ein feines Hoffnungsnetz in der Gesellschaft spannen: Menschen, die verzeihen können, Menschen, die ein tragisches Schicksal aushalten, ohne zu zerbrechen, Menschen, die anderen dienen und einen neuen Anfang wagen. Und dieses Hoffnungsnetz im Ganzen behält Recht, so sagt er. Es ist das Netz, in dem dann doch der Glaube an Gott zum Ausdruck kommt, und dieser Glaube trägt, der Glaube an den „Gott, der die Liebe ist und der das Erbarmen ist, der die Solidarität ist und der die Gemeinschaft ist“3. Und so wird deutlich: Der Glaube an Gott hat eine ganz andere Kraft als alle Strategien, mit denen wir unser Leben anpacken und durchtragen wollen. Unsere Strategien bringen uns dazu, dass wir das Eine gezielt tun und das Andere als nebensächlich vernachlässigen, dass wir gleichgültig werden gegenüber dem Leid derer, die nicht in unserer Strategie liegen, oder gar mit Gewalt oder Radikalität antworten, weil unbedingt dieses Eine zu geschehen hat. Strategien allein kommen nie weit genug. Sie brauchen die Hoffnung auf den Gott, der allen gerecht wird, der verzeiht und der heilen kann. Dann entsteht sogar die Hoffnung, die über den Tod hinaus geht: Weil Gott treu ist und trägt, deshalb kann auch der Tod nicht mehr alles vernichten. Deshalb werde ich nicht im Chaos enden und nicht in der Auflösung von allem, was mir wichtig und heilig war, - so endet ja dasTe Deum, auf das Bischof Klaus sich bezog. Ich möchte heute aus dieser Silvesterpredigt von vor 25 Jahren für uns zwei hoch aktuelle Bedeutungen ziehen: Zum Einen: Wie großartig ist es doch, glauben zu können! Welch ein Beispiel seines eigenen Glaubens hat Bischof Klaus uns damit gegeben! Wer an Gott glaubt, findet die Hoffnung nicht zuerst auf das Jenseits, sondern für die Welt, in der wir jetzt leben. Mit dieser Hoffnung aber verändern wir diese Welt zum Besseren: „Umkehr“ hat der Bischof das damals genannt, Umkehr zum eigenen Leben und Sterben, Umkehr zum Nächsten und zur Verantwortung für die Schöpfung, Umkehr zu Gott. Das alles kommt daraus, dass ein Mensch sagen kann: Auf dich. o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. Und weil der Mensch und Bischof Klaus Hemmerle seine Hoffnung auf Gott gesetzt hat, gilt sie über das Erdenleben hinaus. Heute beten wir für ihn, dass der Herr ihn auf den Flügeln seiner Hoffnung bis in den Himmel trägt, dass der Gott Jesu Christi, auf den er seine Hoffnung gesetzt hat, ihn an das Ziel seiner Hoffnungen führt und sein Leben vollendet. Beten wir auch darum, dass Gott unseren früheren Bischof mit seiner großen Hoffnung zu unserem Fürsprecher werden lässt für heute, damit auch wir Hoffnung haben! Und die zweite Bedeutung möchte ich ziehen aus den beiden Texten der Heiligen Schrift, die wir heute beim 25. Jahrgedächtnis von Bischof Klaus gehört haben. Unsere christliche Hoffnung liegt gerade auch darin, dass wir in Jesus einen Hohenpriester haben, der mitfühlen kann mit unserer Schwäche, der wie wir in Versuchung geführt worden ist, der aber nie umkippte ins Kaputtmachende, nie korrupt oder fahrlässig wurde, nie das Böse bestätigt oder gar mit hervorgebracht hat. Dieser Hohepriester, so sagt der Hebräerbrief, hat die Himmel durchschritten, das heißt, er kennt sich aus in allem, was Gott betrifft, ja er ist der Sohn Gottes. Und er weiß alles von uns Menschen: Denn alles liegt vor ihm und seinem Wort nackt und bloß da. Er kann scharf und säuberlich unterscheiden und urteilen, ohne faule Kompromisse, ohne blinde Flecken oder Vergewaltigungen. Ihm schulden wir Rechenschaft, oder anders herum gedeutet: Wir werden dem besten aller Richter begegnen, der keinem von uns etwas schuldig bleibt. Müssen wir uns davor fürchten? Kann uns von ihm etwas Schlimmes drohen? Die Antwort gibt uns das Evangelium: Zum Zöllner Levi sagt Jesus: Folge mir nach! Und der steht auf und folgt ihm. Levi fasst eine erste Hoffnung auf Jesus. Und in der Nachfolge lernt er mehr und mehr dazu, so dass auch er bis zum Ganzen der Hoffnung kommt, wie es das Te Deum ausdrückt: „Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt“. Jesus geht mit dem Zöllner Levi in dessen Haus. Und dort versammeln sich viele Zöllner und für damals sehr zwielichtige Gestalten. Und Jesus isst und trinkt mit ihnen. So wird Jesus zum größten aller Hoffnungsstifter für sie und für jeden Menschen, der merkt und einsieht, dass keiner für sich selber bürgen kann: „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“. Schwestern und Brüder, wer auf Jesus seine Hoffnung setzt, wird das erfahren, was der korrupte Zöllner Levi erfahren hat: Ich werde nicht verurteilt! Sondern: Ich werde gerufen. Und: Ich werde geheilt. Wer diese Hoffnung hat, kann sie auch den anderen Menschen eröffnen, wie Bischof Klaus es gefordert hat, er kann umkehren zum Nächsten. Tun wir das heute: So viele gibt es, die die anderen verurteilen als die Falschen, die Unerwünschten, die Fremden, die Störer oder die Schuldigen an allem Möglichen. Wir sind heute nicht nur polarisiert, sondern an vielen Stellen unserer Gesellschaft auch gegeneinander aufgebracht und sogar feindlich gegeneinander gesinnt. Viele Menschen haben Verurteilungen gegen die anderen in ihrem Herzen. Kehren wir um zur Hoffnung auf Gott, der uns in Jesus zeigt: Deine Hoffnung auf Gott macht, dass er dich nicht verurteilt. Deshalb verurteile auch du keinen anderen! Deshalb gehe auf die zu, die dir zwielichtig oder schuldig vorkommen. Trau dich zuzuhören. Riskiere dich einzulassen. Wage Vertrauen in das Gute des Anderen! Setze dabei in allem deine Hoffnung auf Gott, auf Gott in Jesus. „Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden. Amen.