Glauben – wie geht das?

[5] Vorwort

Manchmal haben wir den Eindruck, eine ungezählte Fülle von Perlen in der Hand zu haben, Schriftworte, Dogmen, Normen, Institutionen, Formen. Alles das gehört zum Glauben, zum Christsein – aber wir wissen nicht, wie wir diese einzelnen Perlen in der Hand behalten sollen, ohne die oder jene uns entgleiten zu lassen. Und wir wissen schon gar nicht, wie diese vielfältigen Perlen in einen inneren Zusammenhang bringen. Es fehlt uns sozusagen die eine Schnur, an der sie sich alle aufreihen und zur Kette werden, es fehlt uns der eine Weg, der durch die vielen Gestalten des Glaubens hindurchführt und daraus diese eine, überzeugende Lebensgestalt Glaube werden läßt. Zornig oder ärgerlich oder achtlos die und jene Perle fallenlassen, damit man die Sache besser in der Hand behalten kann, nützt wenig. Alles wahren, aber das viele zum Einen, zum Ganzen werden lassen: darauf kommt es an.

Vielleicht machen wir auch die entgegengesetzte Erfahrung. Der Glaube kommt uns vor wie ein ungemein perfektes und stimmiges System, alles paßt zusammen, alles läuft in sich ab – aber wir selbst kommen nicht dazwischen. Wir können es zwar in scheuer Bewunderung bestaunen, aber damit leben können wir nicht. Wir fühlen uns wie in einem Museum, in dem viele wertvolle Tische und Vasen und Teller und Einrichtungsgegenstände ausgestellt sind; nur sind wir durch ein Absperrseil davon getrennt und durch ein Schild ferngehalten: Bitte nicht berühren! Und so können wir nicht auf diesen Stühlen sitzen, nicht an diesem Tisch essen, nicht der schönen Dinge [6] uns bedienen. Glaube ist groß und ehrwürdig, aber Glauben geht nicht, so haben wir dann den Eindruck.

Tausend Perlen ohne die verbindende Kette; das perfekte System, aber ohne daß wir in diesem Museum leben könnten.

Oder vielleicht bedrängt uns eine nochmals andere Not ums selbe: Wir strengen uns redlich an, zu glauben und unser Leben aus dem Glauben zu gestalten. Aber wir treten dabei auf der Stelle. Vielleicht noch schlimmer, wir versinken ohne Grund und Fundament. Glauben wird für uns wie zu einer Gehübung, doch es fehlt der tragende Boden – zu einer bloßen Haltung, doch es fehlt der Halt; zu einem Wie, doch es fehlt das Was. Worauf dürfen wir uns verlassen, wo sind die klaren Wegzeichen? Sicherlich, wir brauchen keine ausgetretene und gepflasterte Straße, aber eben doch jenen Pfad, von dem wir wissen dürfen: er trägt und trägt weiter.

Glauben geht schwer, wenn wir nicht den inneren Zusammenhang, den einen roten Faden sehen. Glauben geht schwer, wenn wir ihn nicht in unmittelbare Beziehung setzen können zu unserem Leben und zu unserer Erfahrung, wenn wir mit dem Geglaubten nicht so, wie wir sind, umgehen und leben können. Glauben geht schwer, wenn wir nicht wissen, wo es entlang geht, wo der Weg weiterführt.

Einen der ältesten Namen, vielleicht den ältesten, für das Christentum überliefert uns die Apostelgeschichte: der Weg (vgl. Apg 9,2; 19,9. 23; 22,4; 24,14.22). Jesus selbst sagt von sich: „Ich bin der Weg“ (Joh 14,6). Paulus spricht von dem, worauf ihm alles ankommt, von der Liebe als von jenem Weg, der über alle hinausführt (vgl. 1 Kor 12,31); der Hebräerbrief schließlich nennt das, was uns Jesu Erlösungstat geschenkt hat, den „neuen und lebendigen Weg, den er uns erschlossen hat“ (Hebr 10,20). Ist uns hier nicht ein Stichwort zugespielt, das uns aus den Engführungen des bloß objektiven und bloß subjektiven Glaubensverständnisses herausführen könnte, ein Stichwort, das uns zum Programm werden könnte, damit Glaube wieder geht? Vor lauter Bäumen doch den Wald wieder sehen, in den vielen Bildern und Stationen des Glaubens den einen Weg finden – Christentum und Kirche nicht als eine in sich fertige und ferne Sache, sondern als den Weg erfahren, den [7] Gott auf uns zugeht und den nun wir mit ihm selbst weitergehen – für unser Bemühen, für unsern je neuen Anlauf die Bahn und den Boden finden.

Wo immer wir stehen, wo immer unsere Fragen und Nöte liegen, im persönlichen Glauben oder im Auftrag, den Glauben zu vermitteln, es kommt darauf an, eine Antwort auf diese Frage zu finden: Glauben, wie geht das?

Das vorliegende Buch kann nicht die Frage in ihrem ganzen Gewicht einlösen, in dem sie sich uns stellt. Es bietet sozusagen nur einige Wegnotizen aus dem Bemühen, „objektive“ Grunddaten christlichen Glaubens als Wegzeichen zu verstehen, als Zeichen des Weges, den Gott zuerst auf uns zugegangen ist und den nun wir auf ihn und aufeinander zu im Glauben gehen sollen. Es will einüben in den Zusammenhang zwischen Schrift, Dogma und Spiritualität, zwischen unverfügbarer Vorgabe des verbindlichen Glaubenszeugnisses und persönlichem Versuch, den Glauben zu tun. Vielleicht kommt dabei eine Art verschwiegener Weggenossenschaft zustande, in der Lesende und Schreibender dieses Bandes sich gegenseitig beim Gehen dieses Glaubensweges stützen und, jeder an seiner Stelle, auch anderen dann das Zeugnis geben kann: Wirklich, Glaube geht, und indem der Glaube geht, geht das Leben!

Aus solcher Weggenossenschaft ist dieses Buch auch entstanden. Ich habe mit den Regionaldekanen des Bistums Aachen und mit leitenden Mitarbeitern des Aachener Generalvikariats im Oktober 1976 eine Besinnungswoche unter dem Thema gehalten: „Glauben, wie geht das?“ Das Wichtigste waren dabei zweifellos nicht die Worte, mit denen ich auf den gemeinsamen Weg hingewiesen habe, sondern die Gemeinschaft, die dabei entstanden ist. Ich bin Herrn lic. theol. Hans-Günther Schmalenberg dankbar, daß er die Tonbandnachschrift meiner Denkanstöße geordnet hat, die ich nun, nochmals aus dem zeitlichen Abstand heraus überdacht und überarbeitet, anderen zum Mitdenken und Mitglauben und Mitleben weitergeben möchte.

Aachen, Pfingsten 1978   Klaus Hemmerle