Sieben Aspekte des Christseins

[63] Reklame fürs Christentum?

Für alles macht man heute Reklame, auch für seine eigene Meinung, um sie in der Gesellschaft zum Zuge zu bringen. Aber Reklame fürs Christentum? Für alles bringt man heute Argumente ins Spiel, man debattiert und diskutiert ohne Unterlaß. Aber ziehen Argumente für den Glauben? Kann man jemand ins Christentum hineindiskutieren? Gewiß, manchmal genieren sich die Christen zuviel. Manchmal verwechseln sie die wesentliche Offenheit für alle Fragen und Probleme mit einer mitleidigen Scheu, den anderen durch klare Forderungen oder eindeutiges Bekenntnis zu schockieren. Es gibt etwas wie eine Angst, sich zu unterscheiden, sich zu profilieren. Aber es wäre zu kurz geschlossen, wollte man darauf alle Ohnmacht des Evangeliums in unserer Situation reduzieren. Dem Evangelium eignet sozusagen eine „konstitutionelle Ohnmacht“. Es kann nicht einfachhin mit all dem konkurrieren, was grell und lautstark die vordergründigen Bedürfnisse des Menschen umwirbt; es kann sich nicht so plausibel machen wie vieles andere, das sich selbst dem Menschen als der automatische Weg ins Glück anpreist; es kann sich nicht ins Herz des Menschen einnisten wie so vieles, das nur deshalb dort Platz findet, weil es die bewußte Entscheidung des Menschen umgeht und unterwandert. Im bloßen Konkurrenzkampf [64] der Weltanschauungen – und der gehört doch zu unserer pluralistischen Gesellschaft – zieht das Evangelium fast notwendig den kürzeren. Gott selbst, der nicht zurück kann hinter seine Entscheidung, den Menschen als seinen freien Partner geschaffen und gerufen zu haben, zieht den kürzeren. Und doch muß verkündet werden. Nicht irgendwo, sondern dort, wo der Mensch ist. Nicht einem Menschen, der ohnehin schon so wäre, wie es dem ursprünglichen Plan Gottes entspräche, sondern dem Menschen, der ist, wie er ist. Es wäre fatal, die Frage nach dem Wie zu schnell zu stellen. Methode und Sache lassen sich gerade im Fall des Evangeliums nicht trennen. Lassen wir deswegen einen Moment lang die strategische oder taktische Frage danach, wie das Christentum heute ankommen könne, beiseite. Die Ohnmacht des Evangeliums in unserer Welt kann uns dann nämlich noch auf etwas hinweisen: auf die Ohnmacht des Wortes überhaupt, auf die Ohnmacht der Argumente, auf die Ohnmacht auch der werbestarken Reize und Impressionen, die an der Oberfläche so viel erreichen. Die Berieselung des Menschen mit Bild und Ton, mit Licht und Klang, mit Vernunft und Gefühl wird so total, daß der Mensch sich einerseits nicht mehr entziehen, daß er andererseits aber auch nicht mehr als [65] er selbst dem entsprechen kann. Er reagiert, aber er reagiert nur für den Augenblick, er reagiert, um den momentanen Streß, den punktuellen Anspruch loszuwerden. Dieses Reagieren, diese Hektik immer wieder neuer Konsum- und Verhaltensweisen sind nur das Kleid um eine innere Teilnahmslosigkeit, Langeweile und Abstumpfung. Der Mensch kommt nie zur Ruhe, und gerade dies ist seine fundamentale Müdigkeit. Was er konsumiert, stillt seinen Appetit, aber läßt ihm seinen Hunger. Und manchmal, in den ungestümen Regungen des Protests gegen alles Bestehende, im schwelenden Unbehagen an der Gesellschaft und der Welt im ganzen, bricht dieser Hunger bereits offen durch. Wie aber – und so stellt sich die Frage nach der „Methode“ der Verkündigung aufs neue – kann der Mensch durch die Worte hindurch ans Wort, wie durch die Lichter hindurch ans Licht gelangen? Stellen wir diese Frage noch einmal zurück. Das Leben des einzelnen und die Beziehungen aller zu allen scheinen heute gleichermaßen zu einem bloßen Bündel von Funktionen zu werden. Nichts, was wir erleben, steht in sich. Alles ist verflochten. Das gilt in allen nur erdenklichen Lebensbereichen. Nicht nur daß Arbeit, Wirtschaft und Verkehr, daß Technik und Wissenschaft sich je auswachsen zu immer kom-[66]plizierteren Netzen, auch im sogenannten privaten Bereich bin ich – von der Urlaubsreise über die Schlaftablette bis hin zur Kultur-, Kranken- und Sterbeindustrie – eingeplant in Zusammenhänge, ohne daß ich sie in der Hand habe, ja ohne daß ich als ich selbst darin vorkomme. Funktion ist alles, aber alle Funktionen in allen Bereichen hängen ineinander; der Zusammenhang des Ganzen besteht in einem Gewirr von Fäden, die Bezirk mit Bezirk verbinden, ohne daß im Ganzen ein gemeinsamer Sinn, ein alles deutendes Wort zum Vorschein käme. Es wäre gestrig, über solche Entwicklung kulturkritisch einherzutrauern; es wäre unverantwortlich, sie gedankenlos treiben zu lassen. Was mit dem Menschen geschah, indem sich das Sein umdeutete zur Funktion, läßt sich nicht rückgängig machen, aber es ruft nach Deutung und Gestaltung. In der Tat, es ist mit dem Sein etwas geschehen, das heißt mit dem, was für den Menschen alles bedeutet und wie er sich in allem und wie er alles versteht. Er kann gar nicht mehr absehen von der Frage: Wozu führt das, wofür ist das gut? Er kann die Dinge nicht mehr in sich selber lesen, sondern er muß sie lesen als Funktionen für... Die Dinge und die Welt sind nicht dadurch entfremdet, daß sie zu etwas dienen, daß Dienst ein Grundwort für die Dinge, ja für die Gesellschaft und [67] den Menschen selber wird. Sein wird Überschritt, wird Beziehung. Und doch suchen nicht nur die Greise nach etwas wie Identität. Einfach dasein, etwas in sich stehenlassen, sich nicht verlieren im Bedeuten und Bedienen, das gehört doch auch dazu. Und wenn nicht wenige wirkliche oder scheinbare Revolutionäre von einer Gesellschaft träumen, in der das einfache und unmittelbare Leben wieder gilt, in der die Macht des Apparates überwunden ist, so steckt darin die Sehnsucht nach einer neuen Identität. Sein: Funktion oder Identität? Diese Spannung ist nicht ausgetragen, ja ist sie überhaupt auszutragen? Soviel jedenfalls läßt sich sagen: In dieser Spannung wird der Hunger offenbar, der hinter allem Appetit und aller Appetitlosigkeit des Menschen steht. Die „gute Nachricht“, die frohe Botschaft, die uns Jesus bringt, sagt: Identität und Funktion sind dasselbe; Sein, ganzes, erfülltes Dasein und dienendes Wegsein für die anderen sind dasselbe. Das ist Antwort auf die Frage, die der Hunger des Menschen in sich schließt. Das ist aber auch Antwort auf die Frage, wie für das Evangelium „Reklame“ gemacht werden könne. Denn jenes Sein, das Dienst, jenes Dienen, das „Sein“, Identität, Ruhe und Bleiben ist, kann durch nichts anderes verkündet werden als durch sich selbst. Im überkommenen christlichen Vokabular ge-[68]sagt: Das Was und Wie der Verkündigung ist die Liebe; Liebe kann nur durch Liebe bezeugt werden. Liebe aber ist diese Identität von Sein und Funktion, und sie ist auch die Identität von Schweigen und Wort, Das gilt freilich nicht von einer Liebe, die nur betuliche Eigenschaft wäre, Selbstgemachte des Menschen, wenn auch mit übernatürlichem Zuschuß von oben. Die Liebe, um die es im Evangelium geht, kann der Mensch nicht machen, er muß Liebe sein. Er? Zuerst und vor allem gilt, daß Gott selbst Liebe ist. Aber weil er als diese Liebe sich verschenkt, verschenkt er seine Liebe ganz, so ganz, daß wir, die zu seinem Bild geschaffen sind, Liebe nicht nur haben können, sondern sein dürfen. Höchste Aktivität Jesu war seine Passion, war sein einfaches Hineingehaltensein in den Willen des Vaters, war seine Ohnmacht und Starre, in der Gott selbst sich hineinhält in unsere Ohnmacht und Starre, Liebe ist einfach da, sie vollbringt nichts anderes als sich selbst. Dadurch ist sie unerschöpflich, unenttäuschbar, sie bleibt und ist mächtig dort, wo sie „am Ende ist“, sie bleibt und ist mächtig gerade in ihrer Ohnmacht. Sie erzwingt nichts, sie manipuliert nichts, sie verzweckt nichts, sie ist insofern nie „sicher“, etwas zu erreichen – und doch erreicht sie so gerade den anderen selbst. Liebe hält ihn aus, und in diesem [69] Aushalten findet der andere seine Identität. Es gibt keine andere Identität für den Menschen als die, ausgehalten zu sein von der Liebe und darin beschenkt zu sein mit dem Selber-aushalten-Können.

Daß Gott so ist, daß er in seinem innersten Leben sich verschenkende und darin in sich ruhende Liebe ist und daß er gerade darum auch nach außen, zur Welt und zum Menschen hin, nichts anderes ist als sich verschenkende, sich überschreitende, uns aushaltende und in sich hineinnehmende Liebe, das ist im Grunde das ganze Evangelium. Dieses Evangelium aber trifft den Menschen, gerade den Menschen von heute, genau in die Mitte seines Herzens, das unruhig ist auf seine Erfüllung hin, unruhig aber auch, weil es nicht bei sich stehenbleiben kann, weil es das Herz für andere ist. Warum aber kommt dann das Evangelium so schwer an? Im tiefsten hat das zwei Gründe. Einmal den, daß es eben alles eher als selbstverständlich ist, sein Herz wirklich zu verschenken, und nur das verschenkte Herz „versteht“ das Herz Gottes. Zum andern aber können gesagte Worte das Wort nicht sagen. Nur wo alle Worte, nur wo alles Gemachte und alle Effekte sich zurücknehmen in die schweigende Identität des Liebe-Seins, wird Liebe glaubhaft und verständlich. [70] Deswegen ist im Schweigen Mariens das Wort zu uns gekommen, ist auf ihrem Hintergrund das Licht der Welt erschienen, hat sich in ihrem Nichts das Alles, der sich verschenkende Gott, uns mitgeteilt. Sie hat nichts getan, war da. Und auch das Wort, das uns Jesus zu sagen hatte, haben die Seinen nicht verstanden, solange er nur mit ihnen redete, wenn er auch sein Wort durch Zeichen bekräftigte. Verstehen konnten sie ihn erst, nachdem er sich selbst ganz aus-, ganz über sich hinausgesagt hatte bis zum Ende, bis zum Verstummen seiner Liebe im Tod am Kreuz. Erst als er erhöht war, konnte der Geist kommen. Und nur der Geist kann den Glaubenden ins Herz hinein sagen, daß die Worte, die Jesus uns gesagt hat, nicht seine, sondern die des Vaters sind, der ihn gesandt hat. „Reklame“ fürs Evangelium kann man daher nicht machen, man kann diese Reklame nur sein, und man kann sie nur sein im Liebe-Sein. Genaugenommen steht das schon im Evangelium. Denn daran sollen uns alle als seine Jünger erkennen, daß wir einander lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Jo 13); und daß er vom Vater gesandt ist, soll der Welt dadurch glaubhaft werden, daß sie uns miteinander so eins sieht, wie der Vater und der Sohn eins sind (vgl. Jo 17,21). Es gilt also, nicht lauter zu sein als die [71] anderen, sondern leiser; nicht mehr zu agieren, sondern weniger. Und doch ist dieses Weniger alles eher als Quietismus, es ist die totale Aktivität, aber eben eine Aktivität, die nichts Zusätzliches zum Sein, sondern die ganz und gar Dasein ist. Das ist auch keine Abwertung der Worte; denn Worte müssen sein. Aber Worte dürfen nicht mehr Argumente sagen, sondern Worte müssen das Wort, das einzige Argument sagen: die Liebe, die sich verschenkt. Die Kirche ist zwar von Jesus in Pflicht genommen, nie seine Botschaft zu verschweigen und nichts von ihr auszulassen. Diese Botschaft bleibt „gültig“, unabhängig davon, ob wir sie lieben, wie die Sakramente gültig sind, unabhängig von der Heiligkeit ihres Spenders. Aber wirksam werden die Worte erst, wenn wir unser Leben in ihre Botschaft investieren, wenn wir selbst das Wort sind, das wir sagen. Das geht gewiß jeden einzelnen an; aber der einzelne genügt nicht. Gott selbst ist kein „einzelner“, er ist Gemeinschaft, er ist gegenseitiges Sich-Verschenken. Jede der göttlichen Personen hat ihren Sinn und ihr Ziel in den anderen, jede – um es menschlich zu sagen – „verschweigt“ sich in die anderen hinein. Auf die Frage, warum Jesus die Jünger zu zweien ausgesandt hat, antwortet Gregor der Große: Weil unter weniger als zweien die Liebe nicht gelebt werden kann.