Sieben Aspekte des Christseins

[72] Spiritualität des Nullpunkts

Das gegenwärtige Bewußtsein ist von zwei Bewegungen gekennzeichnet, die einander überlagern: Zum einen greift eine Sicht der Welt und des Geistes immer weiter um sich, die bestimmt ist durch den Vorrang des Gesellschaftlichen, des Machbaren, der Strukturen, der Zukunft als eines gemeinsamen Werkes der Menschheit. Zum andern aber kehrt sich diese Bewegung – obwohl sie zugleich immer breiter und tiefer das Empfinden und die Mentalität vieler Menschen erfaßt – teilweise in sich selber um: man spricht von der Wende zur neuen Innerlichkeit, von der neuen Mystik. So unterschiedliche und unvergleichbare Phänomene wie die Zuwendung zu östlichen Weisheitslehren und Meditationspraktiken und wie der immer differenzierter, exzessiver und „systematischer“ manipulierte Rausch oder auch wie die gemeinsame Suche einer paradiesischen Traumwelt, eines unschuldigen Nirgendwo sind Fanale dieses Umbruchs. Wie weit er geschichtlich trägt, läßt sich schwer sagen. Eines aber ist deutlich: Die beiden entgegengesetzten und sich durchkreuzenden Grundbewegungen sind ausgelöst von fundamentalen Erfahrungen der Spannung zwischen Wirklichkeit und Bewußtsein. Am Anfang des Aufbruchs in die gesellschaftliche, ja menschheitliche Entwicklung auf machbare [73] Zukunft hin steht – nicht allein, aber doch beherrschend – der Marxismus. Für das Entstehen des Marxismus war mitentscheidend die Erfahrung der Ohnmacht des Gedankens. Nachdem in Hegel die Radikalität und Totalität sich selbst denkenden Geistes faszinierend zur Darstellung kam, setzt, in Fortführung Hegels und in Antithese zu ihm, geistesgeschichtlich das große Erschrecken ein: Alles ist gedacht – aber wo ist die Wirklichkeit? Aus diesem Erschrecken gebar sich die Wende zur Praxis, zur gesellschaftsverändernden Tat, zum Konzept einer Wirklichkeit, für das Geist und Bewußtsein nur Funktion und Überbau bedeuteten. Die Ohnmacht des Gedankens, aus sich selbst Wirklichkeit zu verändern und zu schaffen, ließ auch Gott und die Beziehung zu Gott in den Verdacht des Unwirksamen, ja Unwirklichen geraten. Horizontale, innerweltliche, ausschließlich gesellschaftliche Deutung des Evangeliums und des Christentums sind die scheinbar „harmlosere“ Folge. Am Anfang der Wende zur neuen Innerlichkeit steht eine gegenläufige Erfahrung. Sie läßt sich mit einem Stichwort bezeichnen als die Erfahrung der Ohnmacht der Wirklichkeit. Ohnmacht wovor? Ohnmacht, den Menschen, sein Bewußtsein, die Tiefe seines Bedürfens und Erfahrens auszufüllen und zu sättigen. Unter Protest verläßt der Mensch die Fron [74] des „Apparates“. Er hat es satt, verrechnet zu werden, bloßer Funktionär zu sein für gesellschaftliche Ziele, die immer wieder ins Vergebliche entschwinden, die nie ganz erreicht werden und die, sofern sie erreicht sind, das Ich doch wieder allein lassen. Darum drängt es den Menschen fort in eine Gegenwelt, in anderes durch den Zwang der Alltäglichkeit unerreichbare Dimensionen. Wohlgemerkt, keine dieser beiden Erfahrungen soll abgetan werden. Aber es wird offenbar, daß keine für sich allein das Ganze greift – und anderseits können doch auch die entgegengesetzten Erfahrungen nicht miteinander addiert und durch ein äußeres „So-wohl-als-Auch“ zu einer tragfähigen Einheit verbunden werden. Gleichwohl zeigt sich in den Gegensätzen ein gemeinsamer Nenner, der Nenner einer gemeinsamen Ohnmacht. Es ist die Ohnmacht zur Kommunikation. Die Solidarität des tätigen Marsches in die Gesellschaft der Zukunft übergeht den, der ins Mitmarschieren hinein verplant wird, und dieser geht wiederum an dem vorbei, neben dem er hermarschiert. Genauso entgeht aber auch der, der in die Abgründe des eigenen Selbst und durch sie hindurch in das „Nichts“ oder „Alles“ ersehnter Erfahrung flieht, sich selbst, und ihm entgeht der andere, mit dem er [75] die Wanderung zum Fluchtpunkt des eigenen Ich und des Du antritt. Wer sich und der Wirklichkeit entflieht, findet Komplizen, aber keine Partner, Kommunikation – das gäbe dem planenden Handeln für die Gesellschaft der Zukunft erst die menschliche Fülle, und es gäbe zugleich der versinkenden Flucht des Ich und vor dem Ich den Boden der Wirklichkeit unter die Füße. Doch wo ist solche Kommunikation? Die Antwort muß getan, das heißt, sie muß geglaubt und gelebt werden, damit sie trägt. Sie ist in einen Zirkel des Lebens eingeschlossen, in den man sich nicht von außen hineinarbeiten, in den man nur „einspringen“ kann – um dann aber zu entdecken, daß dieser Zirkel einen bereits zuvor umfing. Doch nochmals: Wo ist solche Kommunikation? Die Antwort ist paradox. Die Kommunikation setzt an in der Ohnmacht selbst, in jener Ohnmacht, die zugleich die Ohnmacht des Gedankens und die Ohnmacht der Wirklichkeit und die Ohnmacht zur Kommunikation auf sich lädt. Es ist die Ohnmacht der äußersten Verlassenheit Jesu am Kreuz. In seiner menschlichen Erfahrung war alles weggebrochen, was ihn erfüllte und trug. Seine Botschaft, seine Sendung waren wie ein Gedanke ohne Wirkkraft geworden: „Nichts“ hatte er erreicht, seine Anhänger hatten ihn verlassen, den Gegnern wurde sein Scheitern au genschein-[76]lich, da der Gott, auf den er sich berief, ihn In seiner Misere ließ. Aber auch der Ausweg in die Tiefe der eigenen Erfahrung, in die innere und persönliche Verbindung mit seinem Vater war „abgeschnitten“: er fühlte sich von ihm hineingestoßen in die Ferne und Fremde eines antwortlosen, lichtlosen Warum. Diese Situation, dieser äußerste Nullpunkt menschlichen Erfahrens und Vermögens, bezeichnet für den Glauben aber die Situation des handelnden Gottes, die Situation des Anfangs der neuen Schöpfung, Denn diese Situation ist die Situation der äußersten Liebe, der Liebe bis zum letzten: Liebe, in der Jesus ein radikales Ja sagt zu uns – dort, wo wir sind, ist er, er teilt unsere Ohnmacht und Ausweglosigkeit; Liebe, in der Jesus ein radikales Ja sagt zum Vater – denn der Gehorsam gegen ihn, das Aushalten unter seinem Willen hat ihn hierher geführt, und der Schrei, den er hineinruft in das Dunkel, ist Hingabe, ist Hineinempfehlen seines Geistes in die Hände des Vaters; Liebe, in der zugleich der Vater selbst „Ja“ sagt zu uns, zur Menschheit – denn um unseretwillen hat er seinen Sohn dorthin gesandt, wo wir sind, und in ihm hat er uns, so wie wir sind, hineingeholt in sich selbst, in die Kommunikation, in das dreifaltige Gespräch, das er ist; Liebe schließlich, in der der Vater „Ja“ sagt zu seinem Sohn – denn hier schenkt [77] er dem Sohn, der Anfang der neuen Schöpfung zu sein, er schenkt ihm, als Ursprung göttlichen Lebens dieses teilzugeben an uns; der Schrei seiner Verlassenheit wird zum Ruf der Heimkehr in die Herrlichkeit des Vaters, die an Ostern als die Herrlichkeit des Sohnes und als die unsere offenbar wird. Die Verlassenheit Jesu am Kreuz ist der Punkt, an dem alles, was es an menschlicher Ohnmacht und Dunkelheit gibt, einbezogen wird in die absolute Kommunikation, in die dreifaltige Liebe Gottes, und so kann der Geist, das Band der dreifaltigen Liebe, zum Band werden, das unser Leben hineinbindet in dieses dreifaltige Leben selbst. Christliche Spiritualität ist, radikal gefaßt, Leben aus diesem Geist. Das heißt aber: sie ist Leben, das immer neu von dem Punkt ausgeht, von dem der Geist ausgeht, von der Kommunion mit dem verlassenen Jesus am Kreuz. Von ihm her sind wir in die beständige Kommunion mit der Ohnmacht in uns und um uns gewiesen. Wir brauchen an ihr und in ihr nicht zu verzweifeln. Wir brauchen aus ihr nicht zu fliehen. Wir brauchen sie nicht mit einem Trick hinwegzumanipulieren. In ihr können wir nur eines machen, in allem und über alles, mit Jesus in seiner Verbindung zum Vater; überall, in allem Dunkel und Warum, können und dürfen wir „Ja“ und „Du“ sagen zum Vater - Ver-[78]senkung, Innerlichkeit, Vertikale ohne Rausch und Flucht, ohne das Alibi einer unwirklichen Sonderwelt. In dieser Ohnmacht können wir uns aber auch eins machen mit den Menschen und mit der Menschheit in ihrer wirklichen Situation. Unsere Bereitschaft aber, liebend weiter- und mitzugehen, tätig auf die Zukunft zuzugehen, kann durch keine Enttäuschung erlahmen; denn wir leben aus der unenttäuschbaren Liebe des Verlassenen am Kreuz. Solches Mitgehen wird nicht zum Konformismus, zur weichen Anpassung; denn wir sind hineingespannt in die Spannung des Gekreuzigten. Gemeinschaft mit ihm wird aber ebensowenig zum Krampf der endlosen Anstrengung; denn nicht wir tun das Entscheidende, sondern wir tun mit, daß Einer es schon getan hat. Der Verlassene ist nicht Endstation, sondern jene Zukehr zum Vater und zu den Menschen, deren Herrlichkeit und Freiheit an Ostern sichtbar wurde. Und im Pfingsten des Geistes Jesu, der sich uns schenkt, um in unserer Liebe die Welt zu entzünden, fängt das Ostern der Vollendung leise schon jetzt an, unser Ostern, Ostern für die Welt zu werden.