Judentum und Christentum nach Franz Rosenzweig

[163] Levinas: Ich möchte einfach erzählen, wie in den zurückliegenden Jahren gerade durch das Lesen von Franz Rosenzweig eine gewisse Veränderung in mein persönliches Verhältnis zum Christentum gekommen ist. Ich werde es ganz offen sagen und möchte niemanden beleidigen. Ich habe unser Thema zum ersten Mal eher zufällig eines Abends mit einem Freund und Dichter, Claude Vigée, in einem Winkel besprochen, und es war so etwas wie ein erstes Bekenntnis ihm gegenüber.1 Im übrigen ist ein Bekenntnis immer engagiert durch den, der spricht. Bei uns Juden ist jeder frei; wir haben keine Synagoge, die eine offizielle Richtung angibt. Jeder ist in einem gewissen Sinne frei, das, was bei ihm vorkommt, zu erklären. In diesem Sinne also möchte ich das, was ich dem Freund zum ersten Mal vortrug, hier erzählen.

In meiner Kindheit vor etwa 80 Jahren war das Christentum eine ganz verschlossene Welt, von der man als Jude nichts Gutes erwarten konnte. Die erste Geschichte des Christentums, die ich gelesen habe, war eine Geschichte der Inquisition. Schon im Alter von acht oder neun Jahren habe ich dieses Leiden der Marranen in Spanien gelesen. Wenig später kam die entscheidende Lektüre der Geschichte der Kreuzzüge. Und ich habe in einem Land gelebt, wo zwischen Juden und Christen [164] überhaupt kein Verhältnis war. Ich bin in Litauen geboren. Es ist ein schönes Land mit braven Menschen, aber ein Verhältnis gab es nicht. Später kam ich zum Lesen des Evangeliums. Und ich meine, das Lesen des Evangeliums, das mich nicht verletzt hat, war wie das Gegenteil. Das, was dort drinsteht als Lehre, als Vorstellung vom Menschen, schien mir immer nah. So stieß ich auch auf das Kapitel 25 von Matthäus, wo die Leute ganz verwundert sind, als man ihnen sagt, sie hätten den lieben Gott verlassen und verfolgt; es kommt darauf hinaus, daß sie, wenn sie den armen Menschen weggeschickt haben, eigentlich den lieben Gott selbst weggeschickt haben. Als ich später den Begriff der Eucharistie kennengelernt habe, sagte ich immer: Die echte Eucharistie ist in diesem Moment, wo der Andere mir begegnet; dort ist wirklich – mehr als in Brot und Wein – die Persönlichkeit des Göttlichen selbst. Aber dies habe ich auch im Alten Testament gelesen: im Kapitel 58 von Jesaja. Das hat denselben Sinn. Die Leute sind geistig raffiniert. Sie suchen danach, Gottes Antlitz zu sehen, Gottes Nähe zu fühlen. Und doch kommt Gott nur dann, wenn sie dem Armen helfen, den Hungrigen satt machen. Das war das Gegensätzliche; ich darf es so sagen: das war das persönliche Verständnis von Christus. Was unverständlich bleibt, ist nicht der Mensch, sondern das ganze Mysterium. Das ganze theologische Thema, das bleibt verschlossen. Auch jetzt bleibt es so, der Begriff der Kenose, der Begriff des Hinunterkommens Gottes auf Erden, der den Juden eigentlich sehr nahe ist.

Aber das ist noch nicht alles. Das Schlimme war, daß diese gefährlichen Dinge von Inquisition und Kreuzzügen mit dem Zeichen Christi, mit dem Kreuz, verbunden waren. Das kann ich nicht verstehen. Das muß man mir erklären. Hinzu kommt noch, daß die Welt eigent- [165] lich nicht verändert wurde; das ist die Hauptsache. Das christliche Europa hat es nicht vermocht. Nicht durch das, was die Christen als Christen gemacht haben. Vor allem: das Christentum hat sie als Menschen nicht von dem zurückgehalten, was sie taten – auch nicht vor dem Holocaust. Das ist das erste, was ich sage. Und es ist sehr lebendig. Das Lesen des Evangeliums wurde für uns immer kompromittiert durch die Geschichte.

Dann kam das, was Sie Holocaust nennen und was wir Schoach nennen. Da passierten zwei Dinge. Erstens: Alle, die Auschwitz verübt haben, waren doch als Kinder getauft, protestantisch oder katholisch. Es war ihnen dennoch nicht verboten, das zu machen. Aber zweitens – und das ist sehr wichtig, sehr wichtig –: In dieser Zeit erschien mir das, was Sie „caritas“ nennen, die „charité“, die „misericordia“. Jeder Ort, wo man die schwarze Soutane sah, war ein Zufluchtsort. Dort ist noch ein Gespräch möglich. Eine Welt, wo Sie keine Zuflucht haben, ist eine Verzweiflung. Ich erzähle immer eine Geschichte. Ich war eben erst in Paris eingezogen. Wir hatten von der „action pacifique“ ein Büro. Und ein Freund von mir hatte ein Kind verloren. Er war Jude und hatte eine christliche Frau. Der Gottesdienst war in der christlichen Kirche St. Augustin. Das geschah noch vor dem Mai 1940, aber alles stand schon in Frage. Bei der Trauerfeier in der Kirche sah ich ein kleines Bild, ein Fresko, auf dem Hanna den kleinen Samuel in den Tempel bringt. Das war meine Welt! Besonders Hanna, eine ganz außerordentliche Frauengestalt, ihr Gebet, das Mißverständnis von Eli; ihre Antwort: „lo adoni, ischah keschat-ruach anochi wejajin wescher lo schatiti wa'eschpoch et-nafschi lifne adonai: Nein, Herr! Ich bin eine unglückliche Frau. Ich habe weder Wein getrunken noch Bier; ich habe nur dem Herrn mein Herz [166] ausgeschüttet“ (1 Sam 1,15). Diese Frau spricht das eigentliche Gebet des Herzens, das Gebet der Seele. Das ist das konkrete Verhältnis, die Inszenierung einer Seele. Das ist Hanna, dieses Gebet. Das also sah ich in der Kirche. Diese Nähe! Und diese Nähe ist mir geblieben. Ich denke auch, dieser „charité“ bin ich verpflichtet. Das Leben meiner kleinen Familie ist dank eines Klosters möglich, wo meine Frau mit meiner Tochter gerettet wurde. Ihre Mutter wurde deportiert; aber das Kind und sie selbst wurden im Kloster gerettet. Das geht über Dankbarkeit. Die Anerkennung geht viel weiter, nicht wahr. Das Wichtigste ist die Möglichkeit, in dieser Zeit zu sprechen. Nun, das alles ist Gefühl.

Schon vor dem Krieg habe ich Rosenzweig gelesen und die philosophische Möglichkeit, die Wahrheit in den beiden Formen von Judentum und Christentum zu sehen. Das ist außerordentlich. Das Ende der Wahrheit ist nicht das eine. Die gültige, metaphysische Wahrheit ist wesentlich in zwei Formen möglich, in Christentum und Judentum. Rosenzweig behauptet eine vollkommene Gleichheit der beiden Formen. Zum ersten Mal wird so etwas gesagt. Ich bin Rosenzweig nicht in allem, nicht in seinem ganzen System treu. Ich glaube nicht, daß bei Rosenzweig alles zu Ende gesagt ist. Aber die Möglichkeit selbst – ohne Kompromiß, ohne geheimen Verrat – zu denken, gerade in den zwei Formen, in der Form des Christentums, der christlichen „miséricorde“, und in der Form des Judentums zu denken – das hat mir dieses Verhältnis als ein positives Verhältnis zu denken ermöglicht. Ich kann es anders formulieren: die Möglichkeit zu sprechen. Das ist aber nicht ein Irgendwie-Sprechen, sondern die Möglichkeit, über die wichtigste Sache zu sprechen. So etwas hat Rosenzweig gebaut, gefühlt. Er konnte es selbst in seiner Krankheit glauben, ohne im [167] Judentum auf das Kleinste zu verzichten. Das gab mir in meinem konkreten Verhältnis zu Menschen Zuversicht, Vertrauen.

Ich habe die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils „Nostra aetate“ sehr positiv aufgenommen. Das ist für mich eine logische Folge und ein Beweis, daß versucht wird, gewisse Dinge der Vergangenheit zu überwinden. Mir ist sehr „angenehm“ die Parallele in der Kenose, in der Universalität des Allmenschlichen und des „für alle Menschen“. Ich habe das Christentum als ein Für-alle-Menschen-leben-und-sterben verstanden. Das echt Menschliche ist das Judesein im Menschen - Sie brauchen über dieses Wort nicht schockiert zu sein – und der Widerhall in der Besonderheit, in der Partikularität. Die Christen legen großen Wert auf das, was sie Glauben nennen, Mysterium, sacramentum. Hierzu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Hannah Arendt hat nicht lange vor ihrem Tod in einer Radiosendung in Paris berichtet, daß sie als junges Mädchen in Königsberg dem Rabbiner in der Religionsstunde gesagt habe: „Wissen Sie, ich glaube nicht.“ Darauf habe der Rabbiner geantwortet: „Aber wer fragt Sie danach!“ Die Antwort ist sehr interessant. Was bei uns wichtig ist, ist nicht das Glauben, sondern das Tun. Tun heißt natürlich, sich moralisch benehmen, aber auch das Ritual tun. Als ob das zwei verschiedene Sachen wären! Was heißt eigentlich glauben? Womit wird geglaubt? Wird geglaubt mit Worten oder mit Ideen oder mit Überzeugungen? Womit wird geglaubt? Wie die Psalmen sagen: mit dem ganzen Leibe! Der Rabbiner wollte sagen: Natürlich ist das Tun das Wichtigste. Das Tun ist ein Akt des Glaubens. Das ist meine Konklusion.

Hemmerle: Es ist sehr schwer, auf ein Zeugnis, das in einer solchen Tiefe einen anrührt, etwas [168] zu erwidern. Und ich habe den Eindruck, mit bloßen Argumenten etwas zu sagen, wäre ganz verfehlt. Als Sie sprachen, konnte ich nur zutiefst erschrecken: Auch ich bin betroffen angesichts dessen, was im Namen und im Zeichen Jesu geschehen konnte, von dem ich in allem Freimut zu sagen wage, daß ich glaube, ihn so zu kennen, daß ich gar nicht anders kann, als an ihn zu glauben und zwar an ihn zu glauben als Christ. Anders wäre ich untreu, weil ich ihm begegnet bin, so untreu, wie Sie untreu wären, wenn Sie Ihren Glauben verließen. Lassen Sie mich aber bitte zwei Antworten versuchen.

Zunächst: Ist es nicht im Grunde ein Zeichen der Wehrlosigkeit Gottes, der Wehrlosigkeit Jesu, die er auch angenommen hat, daß er im Innersten seiner Botschaft mir wehrlos begegnet? Was mich eigentlich an ihm bezwingt, ist gerade die Wehrlosigkeit der Kenose, in die er gegangen ist. Für mich ist das Äußerste der Kenose – und ich meine dies nicht in einem dialektischen Entschuldigen –, daß er, in dem die Agape, die Liebe Gottes, die Caritas, die Gnade Gottes sich für mich inkorporiert hat, leibhaftig geworden ist, bis zu dem Punkt ging, an dem er mich nur um meine Liebe bitten kann, an dem er mich nur um seine Nachfolge bitten kann. Er vermag zwar den Geist zu senden, der mein Glauben und Handeln leiten kann, aber er bewahrt mich nur dann, wenn ich mein Herz und meine Gebeine ihm öffne, davor, daß ich ihn nicht schmähe, indem ich das Gegenteil von dem tue, was er ist und was er sagt. Für mich ist dies die äußerste Kenose Gottes, daß so etwas geschehen kann.

Ich muß gestehen, daß ich immer wieder davor erschrecke bei vielem, was ich als Bischof tun muß, und ich frage mich oft: Pervertiere ich ihn nicht, auch wenn es jetzt „richtig“ erscheint, was ich tue? Und ich kann [169] nicht die Hand dafür ins Feuer legen, daß ich ihn nicht immer wieder pervertiere. Aber ist es vielleicht auch gut, daß ich es nicht kann? Wenn ich es könnte, dann hätte ich eine Sicherheit, die nicht mehr ihm ähnlich sähe, der das Haupt voll Blut und Wunden ist. –

Das Zweite: Ich kann in dem Zusammenhang nur bezeugen, was mir als Christ nun gerade auch Franz Rosenzweig in diesem Kontext bedeutet. Ich habe vielen Menschen, die nicht glauben können, einen Weg – einen Weg im Glauben – am ehesten erschließen können durch die messianische Erkenntnistheorie von Franz Rosenzweig: Ich kann nur mit dem Blut erkennen, wo es um das Letzte geht; ich vermag nur mit den Gebeinen zu glauben, wo es um das Letzte geht. Diese Einsicht hat mich so tief berührt, daß ich im Grunde von ihr her den Weg ins Glauben und auch ins christliche Glauben für den Menschen meine erschließen zu können, wenn ich mich in die Aporie der Gedanken hinein zu verflüchtigen drohe. Merkwürdigerweise ist das, was Rosenzweig auf den Weg des Judentums führt, etwas, was mich als Christ auch Eucharistie verstehen läßt: Jesu Liebe zu mir ist die Liebe mit dem Herzen, mit dem Blut und mit den Gebeinen. Deswegen kann ich zuletzt nur glauben mit den Gebei


  1. Offensichtlich handelt es sich bei diesem Bekenntnis um jenes Gespräch, welches Claude Vigée in einem erschütternden Text notiert hat: Vigée,C.: Une voix dans le défilé. Vivre à Jerusalem. Chronique 1960–1985, Paris 1985, 60–63. Die Herausgeber verdanken diesen Hinweis Herrn Dr. Ludwig Wenzler. ↩︎