Dein Herz an Gottes Ohr

[89] Gott danken

I

Das Kind greift nach der von der Nachbarsfrau freundlich hingehaltenen Schokolade, und unversehens möchte es sich daranmachen, die „Beute“ zu verzehren. Da fährt die leise drohende Frage der Mutter dazwischen: „Wie sagt man?“ und es erfolgt das pflichtgemäße „Danke!“.

Erziehung zum Danken tut not, gewiß. Wer nicht danken lernt, der lernt weder haben noch geben. Aber wenn das „Danke“ bloß der Tribut bleibt, der als freundliche Floskel gezollt wird und an dem die Geber sich weiden, dann wächst die Dankbarkeit nicht tief im Herzen an, und das Dankgebet hat wenig Chance, unmittelbarer, glaubwürdiger Ausdruck unseres Herzens zu werden.

Könnte die eben erzählte Geschichte nicht auch anders gehen?

Vielleicht so: Die Mutter fragt nicht: „Was sagt man?“ Sie fragt, und das wäre das Risiko einer „richtigen“ Frage: „Freust du dich?“ Wenn die Freude des Beschenkten Gestalt gewinnt, dann ist das geteilte Freude, lautere Freude auch für den Geber.

Vielleicht folgt dann ein weiterer Schritt: „Schau, so gerne hat der andere dich, daß er dir das schenkt!“ Zuneigung erfahren und darin Zuneigung fassen [90] und zeigen: so wächst der Dank und wächst aus ihm jene Erinnerung, die verbindet.

„Wir danken dir, Herr; denn du bist gut. Wir freuen uns in dir und gedenken deiner fort und fort.“

II

Wir kennen die Gerichtsrede des Matthäusevangeliums: Was wir dem Geringsten der Brüder des Menschensohnes getan oder nicht getan haben, das haben wir Ihm getan oder nicht getan. Dies wird die Überraschung, dies der Maßstab sein – auf die uns doch die Liebe des Herrn schon jetzt vorbereitet, auf daß unser Leben sich verwandle (vgl. Mt 25,31–46).

Dürfen wir die Geschichte einmal andersherum erzählen? Werden nicht wir an jenem Tag erkennen, daß das, was uns die Schwestern und Brüder getan haben, der Herr selber getan hat? Werden nicht die großen und kleinen Geschenke und auch jene, die verpackt waren in die herbe Hülle der Unbegreiflichkeit und des Schmerzes, offenbar werden als die beständige, liebende Sorge des Herrn um uns?

So wird es sein, und wie der Herr es uns schon jetzt wissen läßt, daß er selber es ist, dem wir geben und verweigern, was immer wir geben und verweigern, so läßt er es uns auch fürs Jetzt wissen: Er selber ist es, dessen Liebe hinter jeder Liebe steht und der mit seiner Liebe auch und gerade dort zugegen ist, wo wir keine Liebe sehen, wo wir seine Liebe nicht verstehen.

Jeder Tag werde zu einem Tag des Dankes: Herr, was immer jemand uns Gutes getan hat, das hast du [91] uns getan. Vergilt es dir in diesem Jemand! Was immer uns geschah, es ist Ausdruck deiner Liebe. Laß unser Leben zur Antwort werden.

III

Ein großer Beter sagte mir einmal: Wenn du eine Gnade, einen Trost, eine freudige Überraschung erfährst, dann sage „Danke!“. Wenn du aber das Kreuz erfährst, dann sag zweimal „Danke!“. Das erste „Danke!“ gilt dem, daß er selber mir ein Denk-mal seiner größten Liebe, der gekreuzigten Liebe gab; das zweite „Danke!“ gilt dem, daß er mein Herz öffnet, diese seine Liebe mitzuleben – als Dank an ihn, als Zeugnis und Weitergabe für die anderen. Und wenn ich dies noch nicht vermag und verstehe, vielleicht hilft mir der Mut, dazu ein drittes „Danke!“ zu sprechen.