Einleitung zum Dokument: Der priesterliche Dienst

Der christologische Bezug

Gemeinsamkeit und Unterschied waren die Stichworte, unter denen das Verhältnis des priesterlichen Dienstes zum Dienst der Kirche betrachtet wurde. Unter denselben Stichworten ist auch der christologische Bezug priesterlichen Dienstes zu sehen.

Gemeinsamkeit mit Christus und Unterschied von ihm zeichnen – wie schon ausgeführt – die Spannung von Vollmacht und Dienst im „eschatologischen“ Auftrag des Priesters. Es entspricht dem Charakter der „Sendung“, daß Existenz und Dienst des Priesters bezeugen: nicht ich, sondern Er! Der Priester selbst „ist“ diese Aussage – und gerade darin findet er seine Identität mit sich und überwindet er seine Isolation in die lebendige communio mit Christus hinein.

Die Polarität Gemeinsamkeit – Unterschied bestimmt indessen noch ein weiteres Mal von Christus her die Existenz des Priesters. Jesus Christus selbst ist – in der Sicht des synodalen Textes – die umfassende „Gemeinsamkeit“ Gottes mit der Menschheit; doch diese Gemeinsamkeit ereignet sich am radikalsten im Punkt der schärfsten „Trennung“ Jesu vom Vater und von der Menschheit, im Kreuz.

Am Anfang des Lehrteils (9.2) betont das synodale Dokument diese Gemeinsamkeit Christi mit Welt und Menschheit: In seiner Hingabe am Kreuz hat er alle Opfer des Alten Bundes und auch der heidnischen Religiosität erfüllend überboten [35] und in sein Opfer die gesamten Bemühungen der Menschheit, sich Gott zu nähern und menschliche Zukunft zu bauen, hineingenommen. Wie schon in der Situationsanalyse Christus als die Erfüllung und Verbindung der entgegengesetzten und aus sich ohnmächtigen Strebungen der Zeit erschien (vgl. 7.5–6), so wird er hier als der Mensch dargestellt, in dem von Gott her, in dem als dem Sohn Gottes menschliches Mühen und Wollen seine Zusammenfassung, seine Einlösung und seine innere Einheit empfängt. In Jesu Tod geschieht die äußerste Hingabe an den Vater aus der Situation der Verlassenheit und Gottesferne und zugleich das radikalste Dasein für alle in der Übernahme ihres eigenen Geschicks, ja ihrer eigenen Schuld. Von Gott her sind darin die menschlichen Versuche angenommen, sich ihm zu nähern und von Mensch zu Mensch Brücken zu schlagen. Der Riß, der Gott und Mensch und der die Menschen untereinander teilt, ist überwunden. Am Kreuz und an seiner österlichen Frucht wird sichtbar, daß Gott Liebe ist, und darum der Mensch Mensch sein darf. Die „Grenzen“ des Menschseins in Tod, Schuld und Einsamkeit sind nicht „wegoperiert“, sondern verwandelt in befreiende communio mit dem belebenden, vergebenden, sich und alles schenkenden Gott. Was es mit der Welt und dem Menschen auf sich hat, ist ablesbar an Jesus Christus, er ist der Index des Sinnes und der ursprünglichen Bestimmung von allem, was ist. Auf ihn hin – und so auch von ihm her – ist alles geschaffen.

Die den Menschen und die Welt aus ihrer Entfremdung befreiende Tat Gottes, die in Jesus ein für allemal geschehen ist, soll in der Kirche offenbar werden und die Geschichte durchdringen, wenn es freilich der Kirche auch nicht gelingen kann, durch „geistliche“ oder „weltliche“ Aktion den Anfang einzulösen, der in Jesus gesetzt ist. Die Kirche ist vielmehr Zeugin des angebrochenen Eschaton, das durch Gott selbst in der zweiten Ankunft Christi zur Vollendung gebracht wird. Sie ist es als Zeichen, das von sich wegweist und doch schon anfänglich in sich vorweist, worauf es zeigt.

Hier setzt die missio des Priesters ein (vgl. bes. 12.5). Er trägt die verantwortliche Sorge dafür, daß die Kirche dieses Zeichen sei, indem sie communio ist, in deren Mitte [36] der Herr lebt – und von ihm her Offenheit zum Vater und zur Welt. Das Wort, das Sakrament und die Gemeinschaft der Liebe sind die Weisen, wie Gottes in Jesus ereignete Tat hineinreicht in die geschichtliche Wirklichkeit, um Kirche aufzubauen. Wort, Sakrament und Gemeinschaft sind es aber, denen der priesterliche Dienst in der Kirche gilt. Nicht daß Wort, Sakrament und Gemeinschaft „funktionieren“, sondern daß in ihnen die Einheit der Glaubenden mit Gott und miteinander und daß darin der Dienst der Kirche an der Welt wachse, ist der Sinn priesterlichen Tuns. Grunddienst des Priesters ist also das eschatologische Versöhnen, Sammeln und Einen „an Christi statt“ (vgl. 2 Kor 5,18–20), in seinem Namen, in zeichenhafter Verbindung mit ihm und Unterscheidung von ihm. In dieser christologischen Bestimmung hat priesterlicher Dienst seine fundamentale Bedeutung für Welt und Kirche.

Genau im Punkt der innigsten Gemeinschaft Gottes mit der Welt in Jesus bricht aber auch der radikale Unterschied Jesu auf. Die Einheit Gottes mit der Welt ereignet sich im Kreuz, in der Trennung Jesu vom Vater und von allen, in der Einsamkeit des doppelten Verlassenseins vom Vater und von den Seinen. Am Kreuz geschieht neue Schöpfung. Sie ist wie die erste eine Schöpfung aus dem Nichts, nur daß der Sohn selber dieses Nichts in sich hineingenommen hat, daß er sich selbst zu diesem Nichts gemacht hat, aus dem der neue Anfang aufsteht. Wenn der Priester Diener der Einheit der Kirche ist, in der sich die Einheit zwischen Gott und dem Menschen, die Einheit der Kirche in sich und ihr Hineingegebensein in die Welt ereignet, so kann der Ort seines Dienstes im Grund kein anderer sein als das Kreuz. Gerade der ganz von Hoffnung und Zuversicht gezeichnete Schluß des Synodendokuments (25) nimmt dieses Thema nochmals auf. Bedingung der communio, die der priesterliche Dienst gewährleistet und fördert, ist des Priesters eigene communio mit dem, der ihn geliebt und sich für ihn dahingegeben hat (vgl. Gal 2,20). Es ist gut aufzuzeigen, daß der priesterliche Dienst den geheimen Erwartungen und den tiefsten Erfordernissen unserer Zeit entspricht, daß der Priesterberuf ein menschlich „erfüllendes“ und „lohnendes“ [37] Leben eröffnen kann (vgl. 18.1). Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Ort des Priesters vor allem dort ist, wo jene Einheit entspringt, der er dient: und sie entspringt im Kreuz Jesu. Die Mißverständlichkeit, die Fragwürdigkeit, die Ohnmacht, die Überforderung, vor allem aber das Ausgespanntsein zwischen allen Gegensätzen in Kirche und Welt sind der Anteil an Jesus Christus, der dem Priester eignen muß, wenn sichtbar und glaubhaft sein soll, daß nicht er selbst und allein, sondern daß in ihm der Herr sein Werk tut. Das Kreuz ist Vorbedingung, um auch das Befreiende und Erfüllende des österlichen Geheimnisses zu erfahren und zu bezeugen.