Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Anwendung auf die Schöpfung

Die Darstellung dieser Gesetzlichkeit der „Imagination“, in der das Bild eines Etwas als Lust die entsprechende Begierde an sich zieht und so das Bild zur „Idea formatrix“ werden läßt, auf die hin die Begierde das „Zeug“ ergreift, in welchem die Idee sich abbildet, wodurch die „Produktion vollendet“ ist1 – das sind die materialen Momente der positiven Antwort Baaders auf die Frage nach dem Wie der Schöpfung. Er betont dabei, wie gesehen, daß Gott im Gegensatz zum Menschen fürs Werk kein vorgegebenes Substrat ergreifen2, daß er, um in seiner unbedingten Ur­ sprünglichkeit vollendet dazusein, nicht schaffen muß3 – und daß in seinem Tun das beim Menschen beachtete Auseinander der Momente in die reine Einfachheit entfällt4.

Welche Bedeutung kommt seinem vergleichenden Hinweis dann zu? Das sagt Baader selbst in einem Satz seiner Fermenta Cognitionis: „Wenn schon die Selbstmanifestation Gottes (durch die ewige Natur als Licht etc.) nur durch ein Aufheben und Scheiden der Einheit (aus dem Kreis in die Ellipse mit zwei Brennpunkten) begriffen wird, so muß eine analoge nur tiefere Aufhebung und Scheidung die Kreatur begründen, nur daß es hier jenes ausgesprochene Wort (Weisheit, Idea) ist, welches sich scheidend (in Begierde und Lust, wie Jacob Boehme sich ausdrückt) sich aufhebt und hiemit die Kreatur hervorruft, damit selbe diese Krisis des Schöpfungsorgasmus oder Schöpfungsstreites löse und vollende, und sich verselbständigend die Idea nicht nur restituiere, sondern verherrliche.“5

Der ewige Selbstgewinn Gottes, das ewige Jetzt seines Sichgefundenhabens ereignet sich nach Baaders Gedanke, wie ausgeführt, im Sohn als der Einheit der unendlichen Lust, die Gott sich selber ist (Idee), und des ebenso unendlichen Begehrens und Bedürfens seiner selbst (Natur), das allerdings in Gott selbst und für Gott selbst nie als solches („abstrakt“) hervortritt, weil es nur ist in der Positivität seines Ausgeschlossenseins im Finden des Begehrten und Bedurften. Wie aber das, was seine Mitte, seinen Grund in sich gewinnt, als innerlich begründet äußerlich „leibhaft“ wird, so geht Gott als der Dreipersönliche, in sich Vollendete, ein in seine Herrlichkeit6. In dem vom bedürfenden Gegenübersein ergriffenen, es erfüllenden Bild, der mit der Natur konkreten Idee, ist Gott seiner dreifaltigen Vollendetheit in sich selbst, seines Selbstbesitzes, und damit zugleich seiner freien Möglichkeit zum [141] Anderen inne, welches es selbst und das Andere sein kann, ohne daß Gott aufhörte, der Unbedingte zu sein.

Diese in der Idee offene Möglichkeit des Anderen schließt jedoch not­ wendig eine „Spannung“ mit ein. Das Andere ist Gott möglich, das heißt doch: er hat „ein Bild“ vom Anderen und somit zugleich „ein Verhältnis“ zu diesem Bild; das Andere vermag seine „Lust“ zu sein und damit sein Gefallen, seine – in ihm selbst freilich überholend gestillte -– „Begierde“ zu erregen, der die Lust faßlich wird als ihr Vermochtes, und nur so vermögen Lust und Begierde sich zu verbinden und zu finden im wirklichen Anderen.

Es geht Baader im vorgelegten Text darum, das Verhältnis dieser Spannung, deren unableitbar freies Ergreifen das Andere hervorbringt und sie in diesem löst, zu der „Spannung“ zwischen Lust und Begierde, Idee und Natur zu erläutern, die im dreipersönlichen Selbstsein Gottes schon immer gelöst und nie als solche hervorgetreten ist, weil der Vater den Sohn in sich je gefunden „hat“.

Die Spannung der Idee und Natur aufs Andere Gottes hin ist von Baader als Spannung der Freiheit Gottes zum Anderen gedacht. Sie setzt also die immanente Selbstvollendung Gottes voraus und tastet sie nicht an. Gott spannt sich in ihr nicht auf sich selbst, um er selbst zu sein, sondern weil er unabhängig in sich er selbst ist, umspannt seine Vollendetheit, seine unverlierbare Herrlichkeit, seine für ihn mit der Natur unbedingt konkrete Idee die Möglichkeit des Anderen und somit ihre eigene Spannung auf dieses Andere hin.

Das – freilich nur defiziente – menschliche Beispiel der künstlerischen „Zugabe“ mag dies erläutern. Wenn der Künstler „alles gegeben“ hat, ohne sich zu verausgaben, wenn ihm das Werk so gelungen ist, daß er sich selbst ganz und gar darin findet, so ist er mit sich im Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht umschließt jedoch als Gleichgewicht der Unerschöpftheit und Unerschöpflichkeit die Spannung auf das „Noch mehr“, auf die Zugabe. Sie ist ihm als möglich mitgegenwärtig, er hat ihr Bild vor sich und das Gefallen an ihr in sich, in welchem er sich gefällt, nicht um er selbst zu sein, sondern weil er er selbst schon ist. Die Spannung zwischen dem Gedanken an die Zugabe und dem Vermögen der Zugabe ist nicht eine Spannung des Künstlers auf sein Gleichgewicht hin, sondern eine Spannung, die dieses bestätigt: denn ohne sie wäre die Selbstvollendung des Künstlers nicht erreicht oder ihm nicht offen. Er hat sich „in der Hand“, und eben darum hat er auch die Möglichkeit der Zugabe in der Hand. Diese Möglichkeit aber besagt Spannung auf die Zugabe, welche Spannung jedoch, als in seiner Hand, nicht zu seiner Gelöstheit in sich selbst, nicht zu seinem Gleichgewicht mit sich selbst wiederum „in Spannung“ steht.

So verdankt sich das Geschöpf der von der Freiheit Gottes ineins ergriffenen und gelösten Spannung seines Urbildes in Gott und des göttlichen Wohlgefallens an ihm. Sie wird von Baader zwar als „Krisis“ und „Schöpfungsstreit“ bezeichnet, doch erläutert der Kontext ausdrücklich, daß Baader dies nicht auf eine „selbstische Empörung“, eine „wirkliche Entzün-[142]dung der Naturselbheit“, einen „Abfall der Natur von der Idee (Weisheit) in Gott“ hin versteht7. Es ist vielmehr die Spannung aus „Lust zur Schöpfung“8, die eine Lust der „sufficientia“, des „Reichtums der Liebe“ ist; es ist die Spannung des Gebens, und „nur was in sich vollendet ist, frei von allem andern, nichts bedürfend, in der Fülle und dem Reichtum alles Seins, nur das allein kann geben“9.

Gleichwohl bezeichnet Baader die Spannung von Idee und Natur zum Sein des Anderen hin aufgrund ihrer unbedingten und unberührten Konkretion im Selbstsein Gottes als „tiefere Aufhebung und Scheidung“10 gegenüber jener, die in der Zeugung des Sohnes schon je aufgehoben ist. Hätte Gott die „Möglichkeit“ zu seinem Sohn, so wäre er nicht Gott, er ist nur Gott, weil er sich – und das heißt für Baader: seinen Sohn – nicht besitzen kann, sondern besitzt; also ist in seinem Selbstbesitz die Spannung Idee – Natur nicht als solche. Hätte dagegen Gott die Möglichkeit zu seinem Anderen nicht, so wäre er wiederum nicht Gott; er ist nur Gott, weil sein Anderes nichtnotwendig ist: also „ist“ die Spannung Idee–Natur aufs Sein des Anderen hin in ihm. In ihm allerdings als je gelöst; denn wenn er sie frei ergreift, ist damit zugleich das lösende Andere, und wenn er sie nicht ergreift, ist gleichwohl er sich das Lösende selbst, dem keine „Lust“, nichts, was ihm am Anderen gefallen könnte, abgeht, da alles, was das Andere wäre, in ihm unendlich ist, auch die Andersheit, die ja nur „ist“ als eingeholt und überholt von seiner Alleinigkeit.

Ob nun so oder so, die Lösung der Spannung geschieht positiv durch ihn, er setzt seine Idee als Bild seines Anderen mit seinem Verhältnis zu diesem Bild wollend ineins, und darin ist auch die Zweiheit als solche, wenn auch nicht ohne die lösende Eins, vorausgesetzt, und zwar treten die im Wollen geeinten Pole der Zweiheit in dieses nicht nur aus dem Wollen, sondern aus dem Wesen Gottes, das seinem Wollen die Möglichkeit des Anderen vorstellt – um die in der Einigkeit Gottes „aufgehobenen“ Momente in der Aussage auseinanderzufalten. „Die Macht, hervorzubringen, kann unangewandt bleiben. Sie äußert sich aber dann in der Imagination, und diese ist unwillkürlich, was auch für die göttliche Hervorbringung gilt.“11

Eine weitere Aussage Baaders hängt hiermit zusammen. Baader sieht zwar „keineswegs eine wirkliche Entzündung der Naturselbheit“, dennoch „ihre Entzündlichkeit als die Schöpfung bedingend“12. In Gott und für Gott selbst kommt wohl, wie gesehen, die in der Idee aufgehobene Natur, das in der Lust und Erfüllung verborgene und subjizierte Begehren und Bedürfen nie zur „Selbheit“. Doch indem Gott die Spannungspole der Möglichkeit seines Anderen auf dessen wirkliches Sein zu ergreift, macht er das Bedürfen und Begehren, die „indigentia Dei“ als solche zur Wurzel seines [143] Anderen, das Sein des Anderen ist positiv ausgeschlossenes Nichtsein, positiv erfüllte „indigentia Dei“. Sofern das geschaffene Sein aber Selbstsein, Ursprünglichkeit bedeutet, bleibt diese Aufhebung und Ausschließung im entscheidenden Nachvollzug nochmals zu leisten und wird erst darin für das geschaffene Selbst. Die im Dasein des endlichen Selbst schon vorweg an die Idee kreditierte Natur bleibt dem Selbst je „nochmals“ hinzugeben, da Idee und Natur in seinem Dasein „ankommen „und so es selbst, wenn auch nachträglich, zum Ursprung machen, „von dem aus“ es ist, was es ist. Damit nun bleibt diesem endlichen Selbst die Möglichkeit, seine Andersheit nicht der einholenden Idee anheimzustellen, das Gegenübersein zu ihr in sich selbst zu behaupten, die „Natur“ zur „Selbheit“ zu erheben. „Diese Aufstörbarkeit des Lebensabgrundes macht die sogenannte labilitas jeder ins (ewige, d. i. vollendete) Leben geschaffenen Kreatur aus, und sie ist untrennbar von dem Orgasmus der Schöpfung selbst . . . Die wirkliche Aufstörung tritt aber nur dann ein, wenn (durch Schuld der Kreatur selbst) jene differentiellen Momente . . . sich bis zu einem negativen Integral zu potenzieren vermögen.“13 „Was außer der intelligenten, wollenden Kreatur nur als Grund vorhanden war, wird nur durch ihr Mitwirken selbst zum Beweggrund.“14

Wenn Baader den „Orgasmus der Schöpfung selbst“ als untrennbar von der „labilitas“ des selbstseienden Geschöpfes bezeichnet, so berührt sich dies mit dem Gedanken, nach welchem die Kreatur gesetzt ist, „damit selbe diese Krisis des Schöpfungsorgasmus oder Schöpfungsstreites löse und vollende, und sich verselbständigend die Idea nicht nur restituiere, sondern verherrliche“15.

Die Zeugung des Sohnes in Gott ist das ewige Jetzt, in dem Idee und Natur, Bild und Bedürfen des Worum-willen, in Gottes Selbstsein in ihr unbedingtes Ineins gelangen. Die Spannung, in welche die mit der Natur konkrete Idee aufs Sein des Anderen zutritt, kann nur darauf gerichtet sein, daß – in einer freien, „überflüssigen“ Gestalt – die Idee ebenfalls ihr „Jetzt“, ihre Gegenwart finde, und dies eben ist der – dem Sinn des Sohnes in Gott entsprechende – Sinn des Geschöpfes. Daß ist, was ist, will sich selbst finden im Medium der Andersheit.

Hierzu aber bedarf es der selbstseienden Kreatur, des Menschen. Denn nur in ihm erscheint die Idee als solche, nur aus dem Geist kommt sich der Geist entgegen; nur das freie Ja zur Idee aus der Andersheit gibt dieser ihr verherrlichendes Da in der Andersheit, und so schenkt nur die Aufhebung der „labilitas“ des freien Geschöpfes an die Idee dieser in der Schöpfung eine bleibende Stätte, den „Sabbath“16.

Diese Überlegung erhellt die wiederholt berührte Anthropologie Baaders, seine Lehre vom Menschen als dem „Schlußgeschöpf“17, das seinerseits wiederum seine Aufgabe, das Da Gottes (der Idee) in der Welt und die [144] illabilitas des Geschöpfes vor Gott zu erreichen, unbedingt nur erfüllt durch die Inkarnation, das Eingehen des Sohnes, in dem Gott sich in sich selbst findet, in den Menschen, in welchem er sich finden will als in seinem Anderen18.


  1. Zur „Idea formatrix“ z. B. FC 3,12 II 260; zum Produktionsprozeß: SpD 1,9 VIII 86 f. ↩︎

  2. Vgl. SpD 1,9 VIII 86. ↩︎

  3. Vgl. SpD 1,10 VIII 92. ↩︎

  4. Vgl. SpD 1,10 VIII 90. ↩︎

  5. FC 3,9 II 255 f. ↩︎

  6. Vgl. etwa SpD 5,2 IX 173. ↩︎

  7. Vgl. FC 3,6 II 248; FC 3,9 II 253 Anm. 2. ↩︎

  8. Siehe FC 3,9 II 255 f. Anm. 2. ↩︎

  9. SpD 1,8 VIII 82 f. ↩︎

  10. FC 3,9 II 255. ↩︎

  11. SpD 1,8 VIII 81. ↩︎

  12. FC 3,6 II 248; vgl. Begr 11 f. II 102. ↩︎

  13. Begr 12 II 102. ↩︎

  14. FC 3,6 II 248; vgl. FC 1,10 II 165. ↩︎

  15. FC 3,9 II 255 f. ↩︎

  16. Siehe z. B. SpD 1,7 VIII 60 ff.; SpD 2,7 VIII 227; Vers 1 IV 332 f. Anm. ↩︎

  17. Vers 1 IV 331 ff. ↩︎

  18. Vgl. Vers 1 IV 339 f. ↩︎