Eine neue Stadt ersteht

Ascensus: Von der Geschichte zur Botschaft

Drehen wir nun die Perspektive um. Sicher können wir nicht davon absehen, in welchem Licht wir sehen – und als Gläubige sehen wir im Licht des Glaubens. Doch, Sich-Zeigendes in diesem Licht zu sehen, befähigt, es auch anderen sichtbar zu machen, weil es einfach „da“ ist. Von dieser Prämisse aus: Schauen wir einmal von den Phänomenen selbst her, von dem, was in unserer Zeit geschieht, nach dem aus, wohin sie strebt.

  1. Unsere Zeit ist geprägt von der Sehnsucht nach Einheit und von der Notwendigkeit der Einheit. Beginnen wir mit dem letzteren: Die durch moderne Technik ermöglichte weltweite Kommunikation rückt zum erstenmal das Ganze dessen, was in der Welt geschieht, in eine unmittelbare Erreichbarkeit und Bedeutsamkeit für jeden. Die moderne Technik selbst stellt Mittel zur Verfügung, die Zerstörung und Entwicklung global ermöglichen und somit die Menschheit zu einer Schicksalsgemeinschaft [24] werden lassen wie nie zuvor.

    Folgen, Bedingungen und Kontexte dieses Prozesses brauchen nicht ausgeführt zu werden, sie beschäftigen uns immerfort. Hingewiesen sei wohl aber auf einen unter der Überlebensfrage der Menschheit und ihres natürlichen Lebensraums überblendeten anderen Aspekt: Die technische Kultur und ihre Konsequenzen „normen“ die Kommunikation und mit ihr das Leben auf bestimmte Vorgaben hin. Dies verändert alle im einen Lebensraum der Welt befindlichen Kulturen und stellt ihnen die Überlebensfrage. Wie kann Einheit, durch die technische Zivilisation ermöglicht, so gelebt und gestaltet werden, daß sie die Vielfalt, die Fülle, die Alternativen nicht auslöscht, sondern ermöglicht und die Vielen zum Geschenk füreinander und somit zum Substrat einer höheren, reicheren Einheit werden läßt?

    Und darunter eine weitere Schicht: Die technische Kultur hat es ernötigt, daß eine vielfältige Teilung der Funktionen in Welt und Gesellschaft erfolgt, daß mit der immer näher rückenden Einheit des Ganzen dem einzelnen die Ganzheit des Einen, seine Identität, seine Sinnhaftigkeit, zu entgehen droht. Die Einheitsfrage wird so von einer quantitativen zu einer qualitativen Frage, von einer Frage nach Lebensbedingungen zur Frage nach dem Inhalt des Lebens.

  2. Die Frage nach der Einheit betrifft die Welt, betrifft die Menschheit. Aber sie betrifft auch den einzelnen Menschen. Wenn er selber die Ganzheit des Einen nicht mehr erlebt, ist er selber nicht mehr ganz und in einem tieferen Sinne also auch: nicht mehr eins. Er erfährt sich selbst in den gespaltenen Funktionen, [25] nur quantitativ geordneten Relationen, nur punktuell erfolgenden Aktionen in einer abgründigen Fraglichkeit für sich selbst. Die Frage nach der Einheit der Menschheit wird zugleich zur Frage nach der Einheit des Menschen. Wir können nicht nach einer – nun im irdisch-induktiven Sinne verstanden – Neuen Stadt fragen, ohne nach einem neuen Menschen zu fragen, der dann natürlich qualitativ neu sein müßte und die Frage nach der Neuen Stadt ebenfalls auf die qualitative Ebene hebt.

  3. Unser Jahrhundert ist ein Laboratorium der Einheitsmodelle für die Menschheit und den Menschen. Wir können die Modelle vergröbernd nach zwei Grundmustern ordnen. Ihre Stichworte heißen: ideologisch und pragmatisch.

    Ideologien sind Versuche, die Wirklichkeit unter den Zugriff einer Idee zu zwingen und diese Idee als Einheitsmacht zu instrumentalisieren. Unnötig, die geschichtsmäßigen und in ihrem tragischen Scheitern offenbaren Ideologien aufzuzählen. Wir müssen der Litanei der Ideologien freilich jene des religiösen Fundamentalismus hinzufügen, der im Grunde auf der Idee einer Machbarkeit und Durchsetzbarkeit einer himmlischen Neuen Stadt auf Erden basiert.

    Die pragmatischen Modelle vertrauen auf die Kraft der Selbstregulierung des Fortschritts, der Wirtschaft, der Entwicklung, auf die Lebensfähigkeit aller bei der Reduktion der Einheit auf universale Effektivität. Die Frage nach dem die Einheit ganzmachenden Sinn wird hierbei übergangen, die vielfältigen, die Kulturen ermöglichenden Sinnentwürfe nivelliert, das Unrecht, das dem Schwächeren zu begegnen droht, wird kaschiert – und so erweist sich der im Grunde ebenfalls ideologische Charakter der bloß pragmatischen Modelle.

  4. Die Suche nach Alternativen tut not. Christentum ist kein Deus ex machina, wohl aber ein Wegweiser zu einer anderen [26] Einheit, die bereits existiert und die zugleich eine Zukunftsperspektive eröffnet.

    Die Einheit der Menschheit und des Menschen hat bereits einen Ort. Jedes Menschenschicksal ist bereits angenommen, alle Menschenschicksale sind so bereits eins, und zwar in einem einzelnen Menschenschicksal. Wir glauben an die Fleischwerdung des Wortes, glauben daran, daß der Sohn Gottes gewissermaßen das Schicksal eines jeden einzelnen Menschen getragen und sich zu eigen gemacht hat.1 Wir sind zusammengehalten in einem Herzen, und zwar nicht durch ein bloßes Solidaritätsgefühl, sondern durch eine universale Solidaritätshandlung: Jener, der uns geschaffen hat und in dem wir geschaffen sind, jener, der das Wort ist, in dem das Leben ist und ohne den nichts ist, hat sich in die Gleichzeitigkeit mit uns allen begeben und uns so gleichzeitig miteinander gemacht und mit sich selbst. Er hat unserer aller Wege in seinem einen und einzelnen Weg begleitet bis ans Ende, bis in den Tod. Aber in diesem Tod ist nicht er und sind nicht wir ausgelöscht, sondern ist er und sind wir hineingegeben in das neue Leben.


  1. Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, GS 22.

    Es versteht sich von selbst, daß diese Tat von seiten Gottes in Jesus von uns „angeeignet“ werden muß, um in uns und in der Geschichte wirksam zu werden. Diese Aneignung geschieht in der Annahme der Liebe, die uns einsmacht, und im „Glauben an die Liebe“ (1 Joh 4,16). Diese Annahme beinhaltet zugleich die Annahme unserer selbst und die Annahme eines jeden Nächsten. Weil wir in Ihm schon sind, können wir ineinander, in uns selbst, in der Welt sein. Jene innere Disposition erwächst, die uns im Neuen Gebot – wir sahen es bereits – hin öffnet zu der zwischen uns Gestalt werdenden Einheit. Der „Bauplan“ der Neuen Stadt tritt in Erscheinung. In der Offenbarung des Johannes ist zugleich mit Gott das Lamm jenes Licht, in dem wir sind und sehen und in dem wir erkennen, daß wir in Gott sind und in Gott eins sind.

    [27] Dies ist nicht nur eine theologische Spekulation, sondern es hat lebendige Konsequenzen, indem es eben jenen Dialog, jenen Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, jenes Ja zum Wahren des von Gott Geschaffenen stiftet, die christliches Weltverhalten prägen.

    Das neue Leben, in das Jesus durch den Tod geschritten ist und in das er uns hineingenommen hat, ist in ihm da, ist im Blick auf unsere Welt aber in ihm noch Zukunft. Diese Zukunft nimmt uns in Pflicht und setzt uns in Freiheit, mit dem Bauplan der Neuen Stadt im Blick in geduldiger und freilassender Bemühung dem Kommen der Neuen Stadt und somit der irdischen Stadt Europa zu dienen. Ob es gelingen wird, in diesem neuen Europa die Neue Stadt nicht erzwingen zu wollen und doch, mit der Hand und der Hoffnung der Mönche, Bauleute dieses neuen Europas zu sein? ↩︎