Bonaventura und der Ansatz theologischen Denkens

Ausgang von der Mitte

Im selben Text des Hexaemeron, in derselben Reflexion über das Anfangen des Verkündigers mit seinem Wort, genau dort also, wo als der Umkreis der Struktur von Theologie die Kirche und als ihr Ziel die Weisheit, letztlich die sapientia nulliformis, erscheint, in welcher sich alles zurücknimmt in die Alleinigkeit des gewährenden, urspringenden Wortes Gottes, wird auch darüber gehandelt, womit anzufangen ist; und die Antwort heißt: „a medio, quod est Christus; quod medium si negligatur, nihil habetur“.1 Es genügt also nicht, einen strukturalen Zusammenhang aufzureißen, Linien eines Oben und Unten und Mit, eines Vor und Nach und Zugleich zu zeichnen, wenn diese Linien nur sich und nicht das zum Ausdruck bringen, was ihre Mitte ist. Eine bloß dynamische und bloß strukturale Theologie ohne das sie Strukturierende wäre nichts.

Wieso aber ist dieses Strukturierende, der Anfang, als Mitte, wieso also ist der Ansatz bei der Mitte zu kennzeichnen? Auch hier muß die differenzierte und reiche Antwort Bonaventuras2 auf einen zentrierenden Grundgedanken hin zusammengefaßt werden, der sich – dies sei nur als These hinzugesagt – ebenfalls am Duktus des Werkes „De reductione artium ad theologiam“ darstellen ließe. Warum also – so sei nochmals gefragt – gilt es anzusetzen bei der Mitte, wieso ist Christus die Mitte? Suchen wir einen Zugang bei der Phänomenalität des Anfangens. Identität als bloße Identität ergäbe nie den Sprung über sich selbst hinaus. Sie ergäbe freilich auch keine Identität; denn woher sollte diese sich als solche in bloßer Statik bewähren? Anfang geschieht, indem der Anfang, das principium, sich zur Mitte macht zwischen sich als dem Anfangenden und dem Anzufangenden. In solcher Mitte wird das Anzufangende als voranfänglich im Anfangenden geborgen und wird das anfangende principium als im Anzufangenden enthalten offenbar, ohne daß damit schon das Anzufangende dem Anfangenden abgenötigt würde: es ist ermöglicht, und er ist in sich selber zu ihm „ermöglicht“.

Genauer betrachtet, steht aber das principum als Mitte nicht nur in der Mitte zwischen dem Anfangenden und dem Anzufangenden, das als solches ermöglicht, aber nicht [97] ernötigt ist; es steht auch in der Mitte zwischen dem Anfangenden und dem Anfangenden, dem Anfangenden als der Ursprünglichkeit des Ursprungs und dem Anfangenden als der Identität und „Geschlossenheit“ des Ursprungs. Nur durch solche Geschlossenheit als Ursprung in sich verliert dieser sich nicht im Aussichgehen. Nach Bonaventura: die ratio originantis und die ratio finientis werden durch die ratio exemplantis vermittelt, principium und finis durch das medium.3 Der entscheidende Satz des Bonaventura: „Pater enim ab aeterno genuit filium similem sibi et dixit se et similitudinem suam similem sibi et cum hoc totum posse suum; dixit quae posset facere et maxime quae voluit facere et omnia in eo expressit, scilicet in Filio seu in isto medio tanquam in sua arte“4.

Was hat solche Spekulation mit unserem Problem zu tun? Das wird dann deutlich, wenn die strukturale Entsprechung der Position des Sohnes, der die Mitte ist, in den auseinander unableitbaren und doch einander zugehörigen Ebenen von Trinität, Schöpfung als Geschehen, Schöpfung als Bestand, Erlösung, Erlöstsein und Vollendung in Anschlag gebracht wird. Überall ist die Identität und Souveränität des Ursprungs Gott gerade darin präsent, daß dieser Gott der sich überschreitende und daß somit das „unnötige“ Mehr des anderen in ihm selbst präsent ist. Dadurch reicht das Andere Gottes, dadurch reichen der Mensch und die Schöpfung ins Innerste und Eigenste Gottes hinein, aber so, daß darin Gott der erste, der Initiative bleibt. Seine Initiative aber ist die, sich zu verschenken und zu überschreiten, seine ars ist nicht Artistik des Könnens, sondern Figuration des Mögens, Hellsein der Liebe, die er ist. Dies wird gerade dort deutlich, wo – wie etwa in Itinerarium VI – als das Eigentlichste und Unableitbarste Gottes die bonitas, das diffusivum sui, das ebenso grundlos freie wie wesenhafte Sich-Verschenken, erscheint. Hier dringt, nicht im Sinne einer metaphysischen Ableitung, sondern unter der eindeutigen Prämisse der Offenbarung des Neuen Testamentes, Bonaventura durch bis zu etwas, das man ein ontologisches Trinitätsargument nennen könnte: „Nisi igitur in summo bono aeternaliter esset productio actualis et consubstantialis, et hypostasis aeque nobilis, sicut est producens per modum generationis et spirationis – ita quod sit aeternalis principii aeternaliter comprincipiantis – ita quod esset dilectus et condilectus, genitus et spiratus, hoc est Pater et Filius et Spiritus sanctus; nequaquam esset summum bonum, quia non summe se diffunderet“.5

Der Anfang bei der Mitte ist Anfang bei der souveränsten Souveränität Gottes, bei seinem sich verschenkenden Liebesein, das ihn gerade nicht hineinreißt in den Zwang zur Welt und ins Bedürfnis des Menschen, sondern freiläßt. Dieser Anfang bei der Mitte ist zugleich Anfang beim Woraufhin dieser Mitte: beim Menschen und der Welt, wie sie sind, weil sie so, von Gott angenommen, mit sich und mit Gott beschenkt sind. Dieser Anfang in der Mitte ist Anfang im Miteinander, das durch die gemeinsame Mitte vermittelt und geöffnet ist, so daß von ihr her Kommunikation, Verständigung eröffnet ist, die dem Menschen das glaubende Verstehen Gottes, seiner selbst, seiner Mitmenschen und der Welt gewährt.


  1. Hexaemeron, I, 1 (V, 329). ↩︎

  2. Hexaemeron, I, 11-39 (V, 331-35). ↩︎

  3. Hexaemeron, I, 12 (V, 331). ↩︎

  4. Hexaemeron, I, 13 (V, 331). ↩︎

  5. Itinerarium, VI, 2 (V, 310). ↩︎