Geistlich heißt weltlich

Blick auf die Situation des Menschen und der Gesellschaft

Die Forderung, sich an der Situation zu orientieren, ist beinahe ein Allgemeinplatz geworden. Die Situation hat so viele Gesichter, sie läßt so unterschiedliche Analysen zu, daß man das wahre Gesicht, die wahre Analyse nicht mehr leicht von einem zufälligen Augenblickseindruck zu unterscheiden vermag. Vielerlei und recht widersprüchliche Züge prägen sich ein in die Physiognomie des Zeitalters. Und doch hat der vielberufene Mensch von heute seine unverwechselbare Eigenart.

Eines jedenfalls ist nicht zu übersehen: Unsere Situation ist merkwürdig gebrochen. Unterschiedliche Entwicklungslinien stoßen in ihr zusammen, nicht nur die Gesellschaft bricht in unterschiedliche Gruppen und Lager auseinander, sondern ein Bruch geht beinahe durch jeden einzelnen.

Erfahren wir nicht die merkwürdige Spannung: auf der einen Seite Übersättigung – auf der anderen Seite besorgte Unsicherheit gegenüber der Zukunft; auf der einen Seite die Perfektion einer immer sublimeren Befriedigung aller Bedürfnisse – auf der anderen Seite der Schatten der Angst, der Ekel, die Unzufriedenheit; auf [310] der einen Seite die immer weitergehende Planung und Manipulierung, das immer exakter durchkalkulierte System, auf der anderen Seite der Überdruß am System, das Ausbrechenwollen; auf der einen Seite die bloße Funktion, auf der anderen Seite der neue Aufbruch der Sinnfrage, die Sehnsucht nach Ursprungserfahrung, nach lebendigem, nicht bloß ins Nützliche verplantem Leben; auf der einen Seite die kritische Rationalität als der oberste Maßstab aller Wahrheit, auf der anderen Seite die Anfälligkeit für Ideologien und undurchschaubare Heilslehren; auf der einen Seite der Verlust an Geschichtsbewußtsein und Geschichtsinteresse, auf der anderen Seite die Nostalgie, das Sichfestklammern an Formen der Tradition; auf der einen Seite Freiheit als das Hauptwort des einzelnen, auf der anderen Seite Umschau nach bergender Autorität und Verbindlichkeit; auf der einen Seite das Untertauchen im Kollektiv, das Zugedecktwerden mit einer Schwemme von Kommunikation, auf der anderen Seite die unüberbrückbare Einsamkeit, das Krankwerden an sich selber, die Isolation?

Fragen wir uns, was in solchen Spannungen und Brüchen der einzelne nötig hätte, um wahrhaft als Mensch bestehen zu können; fragen wir uns weiter, wie in dieser Situation des Bruchs Gesellschaft beschaffen sein müßte, um Gesellschaft für den Menschen zu sein; fragen wir uns schließlich, was denn da auseinandergebrochen ist in diesen Brüchen, welche Synthese also nottäte – Synthese, die mehr ist als ein bloßes „sowohl als auch“.