Das Kleid als Spur Gottes

Brief an Kinder*

Liebe Kinder!

Einer der schönsten Gottesdienste in diesem Jahr war für mich die Feier mit den Kindern bei der Heiligtumsfahrt in Aachen auf dem Katschhof 10000 waren dabei. Am Altar wurde jenes einfache Leinengewand hochgehalten, das in Aachen seit 1200 Jahren als das Kleid Mariens, der Mutter Jesu, verehrt wird. Noch selten habe ich in so viele strahlende Gesichter geschaut wie in diesem [202] Augenblick. Ihr habt beim Anblick dieses Kleides ganz spontan in Eure Hände geklatscht. Da habe ich gedacht: Ja, die Kinder haben es verstanden!

Bei diesem Gottesdienst auf dem Katschhof hatte ich Euch eine Geschichte erzählt, und diese Geschichte, dieses Märchen möchte ich Euch noch einmal erzählen. Denen, die dabei waren, aber auch den vielen, die damals nicht nach Aachen kommen konnten. Es war einmal ein König, der sehr gut zu den Leuten war. Er sorgte für alle, besonders für die Armen, Kleinen und Schwachen. Nun kam ihm die Frage: „Wer soll einmal mein Nachfolger sein? Ich möchte den Besten dafür aussuchen. Und der Beste ist der, der die Armen, Schwachen und Kleinen genauso ins Herz geschlossen hat wie ich.“ Aber wie den finden? Da kam er auf folgenden Gedanken: Er lud die jungen Leute des Landes ein in sein Schloß. Er stellte im Thronsaal goldene Schreine auf. In jeden legte er ein anderes Kleid hinein. Die jungen Leute sollten herausbekommen, welches von diesen Kleidern das Lieblingskleid des Königs ist. Derjenige, der das Lieblingskleid des Königs entdeckte, sollte selber einmal König werden.

Im ersten Schrein war ein prächtiger purpurner Mantel, mit Perlen besetzt und reich bestickt. Einen so prächtigen Mantel hatte noch keiner je gesehen. Dieser herrliche Mantel – ist nicht das des Königs liebstes Kleid? In einem anderen Schrein war der Mantel eines Zauberers, der die kühnsten Kunststücke fertigbrachte. Wer alle die häßlichen Dinge in schöne verwandeln kann; wäre das nicht der mächtigste König? Dieser Zaubermantel – ist nicht das des Königs liebstes Kleid?

Im dritten Schrein war ein Mantel, wie ihn die ganz gescheiten Leute, die Professoren an der Universität anhatten. Die Geheimnisse der Welt kennen, für alle schwierigen Fragen eine Antwort haben, für alle bedrückenden Probleme eine Lösung wissen; wer das kann, wäre das nicht der tüchtigste König? Der Mantel des Gelehrten – ist nicht das des Königs liebstes Kleid? Dann aber stand noch ein Schrein da, in einer Ecke des Saales. In ihm war ein ganz einfaches Leinenkleid, wie es die armen Leute dieses Landes damals trugen. Das kann doch wohl nicht des Königs Kleid sein! Wenn er das anzieht, dann kennt man ihn ja gar nicht! Und doch: Genau dieses war des Königs liebstes Kleid. Liebe Kinder, nun werdet Ihr mich fragen: Warum? Die Antwort [203] gibt Euch Jesus. Er sagt uns, wie das einmal sein wird, wenn er am Ende der Welt wiederkommt. Da wird er zu den guten Menschen sprechen: „Ich war hungrig, und Ihr habt mich gespeist. Ich war durstig, und ihr habt mich getränkt. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht. Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet.“ Und diese Leute werden erstaunt fragen: „Wann haben wir dich so gesehen und haben dir dieses getan?“ Und er antwortet: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Jesus ist der Sohn Gottes, der König der Welt. Er ist für uns Mensch geworden. Er wollte aus Liebe so sein wie wir. Er wollte uns nicht blenden durch den Glanz seiner Pracht. Er wollte uns nicht zwingen durch seine Macht. Er wollte uns nicht übertrumpfen durch seine Weisheit. Er wollte ganz einfach unser Bruder sein. Darum hat er sich als armes Kind in Windeln wickeln lassen, er lebte in einer einfachen Arbeiterfamilie, und schließlich starb er am Kreuz, nur noch bekleidet mit einem Lendentuch aus grobem Leinen. Gerade daran erkennen wir seine große Liebe zu uns.

Also, liebe Kinder: Der König ist mitten unter uns. Er trägt das Gewand der Armen und Kleinen. Überall, wo einer so arm und klein und schwach ist wie er, begegnen wir ihm. Er hat es ja gesagt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Versteht ihr jetzt die Geschichte? Wir alle sollen Könige werden mit Jesus. Wir müssen Jesus suchen und finden und lieben, wo er ist. Und er ist vor allem dort, wo die Not und die Armut am größten sind.

Wie wäre das, wenn wir auf Weihnachten miteinander eine Suchaktion nach diesem Jesus starten? Wir wissen ja: Er trägt das einfachste, ärmste Kleid. Und. wo dieses Kleid ist, in unserer Gruppe, in unserer Gemeinde, in unserem Haus oder Wohnblock, herausfinden, wo Jesus weint, wo Jesus Hunger hat, wo Jesus Angst hat, wo Jesus darauf wartet, daß wir ihn lieben und ihm helfen. Versucht es doch einmal, jetzt auf Weihnachten, Jesus zu entdecken – und schreibt mir ein Brieflein, was Ihr dabei für Erfahrungen gemacht habt! Ich mache mit, und ich segne Euch im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.