Die Suche nach dem Bruder

Bruderschaft – Sakrament des Ursprungs*

[34] Gerade auf den ersten Seiten der Schrift begegnet uns immer wieder diese notvolle Grundkonstitution der menschlichen Geschöpflichkeit in der Not der Bruderschaft. Denken wir an Kain und Abel, an Jakob und Esau, an Josef und seine Brüder. Aber zugleich liegt in der Bruderschaft ein Segen, liegt etwas Größeres, Glücklicheres, Schöneres in ihr als im Alleinsein. Nicht allein, weil der Mensch sich selbst nur besitzt im Ich, das dem Du gegenübersteht, weil er sein Ich erst von der Antwort des Du als spontanes freies Wesen zurückempfängt und dadurch bewahrt, daß ein anderer ihm Antwort gibt und er bedeutsam wird für einen anderen. Nein, auch darin äußert sich der Segen der Bruderschaft, daß das eine Erbe, das der Einzelne zu verwalten hat, sich reicher ausgliedert und freier entfaltet, wenn viele neben ihm stehen, als seine Genossen, die mit ihm des Weges gehen und es mit ihm weitertragen. Aber der wesentliche Grund des Segens der Bruderschaft ist auch in diesem Vorzug noch nicht erreicht. Er bezeichnet sich uns vielleicht in dem Wort, daß der Bruder dem Bruder Sakrament seines Ursprungs sei, in welchem er sich durch sein Leben hindurch seinen Ursprung gegenwärtig zu halten vermag. Ich erinnere wiederum an die Josefsgeschichte, an jene ergreifende Szene, da Josef in Ägypten nach langen Jahren seinen jüngsten Bruder Benjamin wieder findet. Der Bruder ist das Sakrament des einen Ursprungs. Wenn mir der Bruder begegnet, begegnet mir das Geheimnis, in welchem der Ursprung, den ich verlassen habe, aus dem heraus ich getreten bin in die Welt hinein, mich begleitet, mir nachgeht. Im Bruder kommuniziere ich mit den Eltern. Es ist etwas eigentümlich Bewegendes, wenn man, vielleicht nach vielen Jahren, wiederum den Bruder trifft. Er ist wie [35] der Finger des Vaters und der Mutter, der einen lange über ihr Grab hinaus anzurühren vermag und der sagt: Ihr gehört zusammen, ihr gehört in das Eine.

In solcher Brüderlichkeit vermag in einem eigentümlichen Sinn die Liebe unter Menschen zu wachsen wie nirgendwo. Brüderliche Liebe ist besonders schwere Liebe, denn sie hat immer die Gefahr der Rivalität bei sich, aber sie kann gerade deswegen vielleicht selbstloseste Liebe werden, dann nämlich, wenn sie zur gönnenden Liebe wird: zur Liebe, die es einfach dem anderen gönnt, daß er die Gunst hat, daß er die Braut hat, daß er das Erbe hat, daß ihm die Zukunft und das Geschlecht gehört. Der ist der freieste, der sich am meisten aus seiner eigenen Enge befreit hat und dem Ursprungsgleichen, dem Bruder es gönnt, der erste und der bevorzugte zu sein. Hier ist menschliche Größe am freiesten von sich selbst.

Übertragen wir nun die ursprünglichen Züge der Bruderschaft in die menschlichen Maße, fragen wir uns, was es bedeutet, daß wir irgendeinen Menschen Bruder nennen dürfen, daß alle Menschen Brüder sind. Was heißt hier Bruderschaft? Sie ist nicht nur Partnerschaft auf Not, Partnerschaft am selben Werk, sondern sie ist Sakrament des einen Ursprungs. Denn so oft mir ein Bruder begegnet, begegnet mir der Anspruch: Ja, wir kommen aus demselben. Es ist wesenhaft unmöglich, an irgendeinem noch so fremden und fernen Menschentum unbewegten Herzens vorbeizugehen. Ich habe mich versündigt an dem, was ich bin, wenn ich irgendeinen anderen Menschen, mit dem ich äußerlich nichts zu tun habe, einfach liegen ließ, wenn ich an ihm vorbeigegangen bin, wenn ich ihn wie eine Sache behandelt habe. Ich habe mich nicht nur an ihm ver-[36]gangen, sondern ganz ursprünglich, wenn wir in das Phänomen hineinschauen, an mir selber. Ich bin mir selbst, dem, was ich bin, untreu geworden, wenn ich den Menschen nicht angenommen habe. In ihm ereilt mich der Anspruch des einen Vaters. In ihm gehören wir zusammen. Und in einer Zeit, in der der Mensch, mit sich und seinen Aufgaben allein verstrickt, sich selbst und seinen eigenen Ursprung nicht mehr findet, vermag vielleicht gerade der Bruder, der andere, dem er begegnet, ihn herauszurufen und ihm zu sagen: Du gehörst doch eigentlich mit mir zusammen in das eine Land unseres Ursprungs, in den einen Boden und in die eine Wurzel. Das Geschick irgendeines Menschen nimmt mich unmittelbar in Anspruch, weil es menschliches Geschick ist, ich solle es mittragen, die Last des andern meine eigene Last sein lassen. Wir leben in einem gemeinsamen Erbe. Dabei kommt es nicht zuerst darauf an, wer das Erbe gerade trägt, sondern, daß es getragen wird. Und wo menschliches Geschick an das meine hinreicht, da ist gemeinsame Last, die nicht zuerst den anderen anginge und mich nicht, nein, sie geht einfach den, der ihr begegnet, an. Nicht nur der Anspruch desselben Vaters ist mir nah in allem Menschentum, sondern auch die „mütterliche“ Verbundenheit im unauslöschlich einen Geschick, welches der Nächste mit seinem Geschick mir bedeutet. Wo immer zwei Menschen von fern her, die sich vorher nie begegnet sind, ins Gespräch miteinander treten, wo sie einander verstehen, da blitzt der Funke des Kontaktes, und im Funken des Kontaktes strahlt das Licht ihres einen Ursprungs auf.

Es wird ihnen offenbar: Wir gehören zusammen, ja wir sind gezeugt aus der einen Liebe, die mich meint und dich meint.