Antworten zum Fragekatalog für das Projekt „Judentum im katholischen Religionsunterricht“

Das Alte und das Neue*

In der christlichen Theologie wird das Verhältnis zwischen vorchristlichem Judentum und Christentum gängigerweise mit Hilfe der Vergleichsbilder alt – neu, Verheißung – Erfüllung, Gabe – Überbietung ausgedrückt und (auch) für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Israel und Kirche und dem nachchristlichen Judentum benützt, sofern man auf das Vergleichsbild Verwerfung – Erwählung heute mit Recht verzichtet.

1. Welche dieser Verhältnisbestimmungen halten Sie für angemessen – angesichts des jüdischen Einwands, solche Vergleiche gingen zu Lasten des Judentums und würden ihm deshalb nicht gerecht?

[145] Die genannten Vergleichsbilder (alt – neu, Verheißung – Erfüllung, Gabe – Überbietung) halte ich für brauchbar, um in christlicher Perspektive das Verhältnis Judentum – Christentum auszudrücken. Freilich wäre es problematisch, mit diesen Verhältnisbestimmungen ohne eine erklärende Kommentierung, ohne Herausstellung des jeweiligen Gesichtspunktes umzugehen, unter dem das Christentum neu, erfüllend und überbietend erscheint. Es muß stets im Bewusstsein bleiben, daß derselbe Gott der Handelnde, Stiftende sowohl da wie auch dort ist. Dann freilich entspricht es einer geschichtlichen „Logik“, daß er sich im Laufe seines geschichtlichen Handelns in gesteigerter, vertiefter, überbietender Form einbringt. Dies heißt nicht, jenes durchstreichen, was für diese Steigerung, Überbietung und Erfüllung Grundlage und Voraussetzung ist. Das „Alte“ wird in diesem Sinn durch das Neue nicht wertlos, Verheißung bleibt in der Erfüllung erhalten und unabdingbar Lesehilfe für sie als Erfüllung, das überbietend Größere wird als solches gerade vom anfänglich bereits Großen her verstehbar.

2. Können Sie uns ein Vergleichsmodell vorschlagen, das besser geeignet ist?

[146] Vielleicht hilft, nicht als Ersatz, aber als Explikation der genannten Verhältnisbestimmungen, folgendes Vergleichsmodell weiter: Aufbruch in Gottes Zukunft – Anbruch der Zukunft Gottes. Oder: Aufbruch zu Gott – Aufbruch Gottes. Eine Schwierigkeit liegt darin, daß sich weithin in Judentum und Christentum die struktural selben Momente finden, die sich jedoch auf je andere Weise durchdringen und integrieren, mit einem je anderen Übergewicht oder Akzent. Die Unterscheidung zwischen Judentum und Christentum insgesamt ist nichtsdestoweniger (vgl. II.1) etwas anderes als eine bloße „Akzentverschiebung“.

3. Läßt sich nach Ihrer Meinung eine Verhältnisbestimmung finden, in der auch noch der Sachverhalt verglichen werden kann, daß im Neuen Bund ebenfalls noch Erfüllung von Verheißung bevorsteht?

Im Judentum geht es bei Verheißung eher um das Unterwegssein zur (ausstehenden) Erfüllung, im Christentum um das Unterwegssein der (angebrochenen) Erfüllung.

4. Kann oder muß man sogar Röm 9–11 (nach Lumen gentium 16 und Nostra aetate 4) als gültige Zusammenfassung der Verhältnisbestimmung von Judentum und Kirche heranziehen? Bildet dieser Text also eine Art Kanon für die anderen Verhältnisaussagen im Neuen Testament?

In der Tat erscheint mir Röm 9–11 – mit der Krisis und Verheißung in seinen Aussagen – die zentrale Stelle über das Verhältnis Judentum – Christentum zu sein, im gewissen Sinne ein hermeneutischer Schlüssel für die Aussagen des Neuen Testaments über das Judentum, was gerade nicht heißt, daß alle Aussagen des Neuen Testaments auf Röm 9–11 reduzierbar wären. Wohl aber heißt es, sie sind durchweg im Kontext dieser Aussage zu lesen. Röm 9–11 schließt das Christwerden eines Juden keineswegs als geschichtliche Untreue aus, erschließt aber den Zugang des Christen zu jenem Dialog mit dem Judentum, der sich nicht in Mission erschöpft.