Kirche und Wirtschaft

Das Spiel von Gegebensein, Freiheit, Gemeinschaft

Dann aber läßt sich abschließend eine letzte Schicht im Abriß einer Phänomenologie der Wirtschaft aufdecken. In dieser Schicht wird ein dreifacher Vollzug offenbar, ohne den es weder den Menschen noch seine Wirtschaft gäbe. Die drei entscheidenden Stichworte heißen: Gegebensein oder Ordnung, Selbstsein oder Freiheit, Mitsein oder Gemeinschaft, Kommunikation.

Wir leben immer schon aus Gegebenheiten, wir schaffen für andere Gegebenheiten, wir müssen uns beziehen auf Gegebenheiten. Solche Vorgegebenheiten sind etwa: daß es uns gibt, daß wir Hunger, daß wir Bedürfnisse haben, daß es diesen und dieses gibt, daß es andere und anderes nicht gibt. Diese Vorgegebenheiten insgesamt sind die Welt, in der wir leben. Die konkreten Vorräte, die bestimmten Bedingungen und Bindungen, in die wir einfach hineingestellt sind, das Gegebene: das ist unsere Welt. Nur in solchen Gegebenheiten wächst Wirtschaft, in den Gegebenheiten, in denen auch wir selber uns gegeben sind. Gegebensein bedeutet auch Aufgegebensein: Das Gegebene soll so gestaltet werden, daß ich leben kann und alle leben können. Des- [7] wegen gibt es Wirtschaft, und deswegen muß Wirtschaften sich immer neu normieren, maßnehmen an den Gegebenheiten. Denn eine bloß ideale, ausgedachte Wirtschaft wäre gar keine, sie könnte nicht funktionieren. Wirtschaft muß sich in die Wirklichkeit umsetzen, muß Maß nehmen an den Gegebenheiten. Wirtschaft muß sich beziehen auf den harten Stoff der Verhältnisse, ihrer Ordnungen und Zuordnungen.

Was aber ist der Sinn der Wirtschaft, wozu ist Wirtschaft da? Damit der Mensch in diesen Gegebenheiten er selber sei, er selber werde. Das von Marx ins allgemeine Bewußtsein gehobene, im Grunde aber schon von Plotin in den abendländischen Geist eingeführte Wort von der Entfremdung sagt dasselbe in der Umkehrung. Es kommt darauf an, daß ich mir in den Gegebenheiten nicht selber entfremdet werde, sondern mich in ihnen verwirklichen, gestalten kann, daß ich mich zu ihnen verhalten kann: Selbstbestimmung, Freiheit, Spontaneität, Selbstsein. Ich treibe Wirtschaft, ich fange etwas an, ich plane, ich gehe aus mir heraus, ich mache Berechnungen, ich stelle Vermutungen an, ich möchte, daß die Stadt so aussieht, daß mein Haus so eingerichtet wird. Ich, das Selbstsein, die Freiheit ist die Zielvorstellung und ist zugleich die Initiative, die alles in Gang bringt. Das eigentlich Unternehmerische ist das Selbstsein, das eben nicht nur Gegebenheiten vollstreckt, sondern mit ihnen spielt, sich in sie einspielt, sie verwandelt, sie zum Raum und Stoff macht, in dem der Mensch er selber ist, sich selber gestaltet, sich selber verwirklicht.

Aber Selbstsein, Freiheit – nun folgt die dritte Komponente – vollzieht sich immer als Mitsein, als Gemeinschaft, als Kommunikationsprozeß. Was ich gestalte, ist mitbestimmt von dem, was andere mir gönnen oder verwehren, wie andere mich anschauen oder sich mir entziehen, wie andere eine Ordnung vorgeprägt und mir Spielraum gelassen haben. Und ebenso ist alles, was ich gestalte und zur Gegebenheit bringe oder verändere, etwas für andere. Mit jedem Handeln bestimme ich die Lebenswelt anderer mit, ob ich das möchte oder nicht, es weiß oder nicht, es zugebe oder nicht. Andauernd sind wir bestimmt von den anderen und bestimmen sie mit, stehen wir in dieser Interdependenz der Freiheit. Menschsein ist immer Mitsein. Erst im Mitsein kommen eigentlich die Gegebenheiten und die Freiheit in ihren Einklang, erst im Mitsein geht ihr ganzer Horizont auf. Dies macht gerade Wirtschaft aus, daß der Mensch in einer Welt lebt, die Welt von anderen und für andere ist. Indem er sich Sachen gestaltet, indem er sich leibhaftig und geistig mit ihnen einläßt, bestimmt er die Welt anderer und umgekehrt. Wir sind ins Miteinander gewiesen, um im Miteinander unsere Freiheit und die Gegebenheiten zu verwandeln und zu gestalten.