Was heißt „katholisch“ in der katholisch-sozialen Bildung?

Das „Und“zwischen Natur, Offenbarung und Empirie

Die tiefreichenden Voraussetzungen, die philosophisch im Angedeuteten eingeschlossen sind, können hier nicht erörtert werden. Das mit dem „Und“ Rosenzweigs gegebene Stichwort könnte indessen dabei anleiten, auch im Begreifen und Gestalten sozialer Wirklichkeit deren eigenständige und unterschiedliche Dimensionen nicht in ein bloßes System hinein zu nivellieren, sondern ihr sie wahrendes Zusammenspiel zu suchen. Zunächst sei hier nur auf die Quellen zurückgegriffen, aus denen katholisch-soziale Theorie und Praxis ihr Verständnis der Wirklichkeit und ihren Maßstab für ihre Gestaltung und Beurteilung gewinnen.

Im bisherigen Hinblick auf die soziale Wirklichkeit zeigten sich drei grundsätzliche „Gegebenheiten“.

Die eine ist das, was das Wort „Natur“ meint. Die Verhältnisse des Mitmenschlichen und Zwischenmenschlichen, des Gesellschaftlichen und der Entfaltung des Menschlichen in ihm und im gemeinsamen Bearbeiten und Nutzen dieser Erde sind nicht einem willkürlichen Belieben, nicht einem wertneutralen Manipulieren des Menschen anheimgestellt. Der Mensch hat darauf zu hören, was sein Menschsein und das Sein der Dinge, was die Zuordnung der Dinge zum Menschen, die Zuordnung der Menschen zueinander und das Eigensein eines jeden Menschen ihm zusprechen. Er ist nicht einfach Herr seines Handelns, nicht Herr der Gesellschaft, in die er gestaltend eingreift, sondern darin gebunden an das wesentliche Wort, das ihn in sein Menschsein, in sein Mitsein mit den anderen Menschen, in sein Innesein in der Welt einsetzt.

Da ist aber auch das Wort Gottes, das als solches, als offenbares, mit dem ihm eigenen Anspruch des Heilswortes, der Offenbarung an den Menschen ergeht. Dieses Wort ist keine bloße Information über ansonsten unzugängliche Inhalte. Es ist das Wort, das den Menschen ganz angeht, indem es ihm den Gott, der die Liebe ist, ganz zusagt. So ist der Mensch gerade auch in seinen sozialen Beziehungen, in seinem Dasein mit anderen und für andere von diesem Wort bestimmt; es ist dem, der glaubt, auch fürs Soziale maßgebendes Wort.

Die dritte dieser Gegebenheiten sind die „Umstände“, die weder aus der Natur als solcher noch aus der Offenbarung als solcher ableitbaren Bedin-[20]gungen und Verhältnisse, welche die Situation bestimmen, in der sich der Mensch vorfindet inmitten der Gesellschaft. Sie stecken das Feld ab, in welchem der Mensch handeln und sich verwirklichen muß. Sie sind einfach empirisch entgegenzunehmen und in ihrer je eigenen Sachgesetzlichkeit zu sehen. Diese kann zwar nicht aus Natur oder Offenbarung „abgeleitet“ werden, wohl aber muß in ihr und nicht neben ihr der Anspruch von Natur und Offenbarung beachtet und verwirklicht werden.

Es geht also um das „Und“, in welchem Natur, Offenbarung und Empirie zusammenspielen und dennoch als sie selbst je gewahrt werden. Dieses „Und“, das unverkürzt, ungetrennt und unvermischt Natur, Offenbarung und Empirie in die Einheit der Sicht und der Gestaltung gesellschaftlichen Seins zusammenbindet, könnte am Ende das „Katholische“ bezeichnen, das hier gesucht wird. Die Verkürzungen in der Theorie des Sozialen, erkannt als jenseits des Katholischen, gehen durchweg zu Kosten der einen oder anderen der im „Und“ zusammenzufügenden Komponenten oder zu Kosten des „Und“ selbst, das sie zusammenfügt. Die Entwicklungen und Veränderungen, die das Verständnis des „Katholischen“ und des im Licht des „Katholischen“ gesehenen „Sozialen“ heute erfährt, haben ebenfalls dieses „Und“ zum Thema. So erscheint in der Tat die – freilich noch formale – Lösung der gestellten Frage in der soeben genannten Richtung liegen zu müssen.

Nunmehr gilt es, noch einige Hinweise zu geben für die materiale Auffüllung des durch dieses „Und“ Ausgesagten. Was bedeutet also das „Und“ zwischen Offenbarung, Natur als solcher und Empirie? Zunächst soll – unter Ausklammerung des sozialen Bereichs – eine grundsätzliche Antwort versucht werden. Sie setzt sinngemäß beim Wort der Offenbarung ein, das als das Unselbstverständlichste, dem Gesamten umgreifend Richtung Gebende den Menschen angeht. Wenn Gott offenbar als Gott spricht, dann kann das, was der Mensch von sich her, von seinem Wesen und von den Umständen her ist, nicht draußen bleiben. Er ist angeredet vom selben Gott, der ihm seinen Platz im Gefüge des Ganzen und in den konkreten Umständen des Daseins zuwies. Wenn nun das Wort der Offenbarung den Menschen trifft, so ist es Anrede an ihn, der er ein „Ich-Selbst“ ist. Und daß er „Ich-selbst“ ist, gehört in sein Angeredetsein mit hinein. Dieses sein Ich-Sein umfaßt aber zweierlei: Er ist ein Mensch mit Menschen und in der Welt – er steht in der wesenhaften, naturalen Zusammengehörigkeit und Zuordnung mit den anderen Menschen und mit der Welt; doch er ist nicht nur ein Mensch, sondern er ist dieser da zusammen mit diesen anderen und in dieser Welt – die Konkretion, die Empirie, die unableitbaren und einmaligen Umstände sind die Stelle, an der sich sein Menschsein vollzieht und an der er sein Angesprochensein von Gott zu vollziehen hat. So liegt in der reinen Hinwendung zu dem, was Gott dem Menschen zu sagen hat, zu seinem offenbarenden Wort, [21] doch zugleich auch die Achtsamkeit auf die Ordnung des Wesens und der Umstände. Als Angeredeter, der Antwort schuldet und Antwort gibt, ergreift der Mensch im Ernst der Verantwortung sich selbst, sein „Ich-selbst“-Sein. Hier, in dieser Situation der Anrede durch Gott und der Antwort des Glaubens vermag der Mensch das „Und“ zu vollbringen, in welchem Gottes offenbarendes Wort an ihn zusammenspielt mit dem, was er ist und wie er ist, mit dem Wesen, der Natur und mit der Empirie.

Vom Wesen der Anrede her, die in der Offenbarung erfolgt, ist der Mensch zwar immer als er selbst, aber nie nur isoliert gemeint. Die Menschen und die Welt sind nicht nur der Kontext, in dem der Angeredete sich findet, derweil er angeredet wird; sein Mitsein mit anderen ist auch die Situation der Antwort, die ganz die seine, aber immer mehr als bloß die seine sein will, für die er wenigstens immer im Auge haben muß, daß Gottes Anrede an ihn weiter reicht als nur zu ihm, daß sie vielmehr denen mit ihm, daß sie allen gilt. Aus der inneren Dynamik des offenbarenden Wortes drängt so der Hinblick des „Sozialen“, der gemeinschaftliche und gesellschaftliche Bezug mit hinein in die Glaubenssituation des einzelnen. Diese „soziale“ Komponente in der Situation des Glaubens erschöpft sich indessen gerade nicht darin, daß es dem Menschen um den Glauben auch der anderen, um die Annahme des offenbarenden Wortes auch durch die anderen als Wort des Heiles für sie geht. Wie der einzelne in seiner Totalität von diesem Wort Gottes betroffen ist, so weiß er auch für die anderen, daß es Gott und seinem Wort nicht nur um die formelle Glaubenszustimmung dieser anderen geht, sondern darin um sie selbst und um sie ganz. Was sie sind und wie sie sind, kann dem Menschen, weil er glaubt, nicht mehr gleichgültig sein. Sein Glaube vollbringt auch im Blick auf die anderen das „Und“, durch welches er sie nicht nur als wirkliche oder potentielle Mitglaubende betrachtet, sondern sich ihrem Menschsein und seiner Verwirklichung verpflichtet fühlt. Im Licht des Glaubens, im Licht der Offenbarung interessieren ihn die wesentliche und die faktische Gegebenheit und Gestaltbarkeit des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Damit erreicht also die konkrete Dynamik eines antwortenden, der Offenbarung glaubenden Denkens das Soziale, das in solchem „Und“ gerade an sich freigegeben ist.