Macht und Ohnmacht des Wortes

Das Wort von Gott

Hier wird plötzlich etwas zur Sache unseres Redens, das anders ist als jede „Sache“. Es wird freilich auch anders zur Sache des Redens. Das Reden erhält eine neue, andere, analoge Qualität.

Wenn dieses – nennen wir es so: – Geheimnis zur Sprache kommt, dann zeigen wir; denn wir reden wie von einer Sache und wissen dabei, es ist anders. Unser Reden erfährt seine Disproportion zu dem, wovon es spricht, es bleibt indirekter Verweis. Und doch können wir nicht dabei bleiben, nur zu schweigen, oder uns in einem „Reden über“ der Situation entziehen: angegangen, herausgefordert, ja angerufen zu sein. Um bei einem Wort Leo des Großen anzuknüpfen, das er im Blick auf die Mensch- [98] werdung Gottes sagt: Genau das, was es uns unmöglich macht zu reden, läßt es auch nicht zu, daß wir schweigen (vgl. Leo d. Gr., Sermo XXIX, In Nativitate Domini IX, cap. I, PL 54).

Verdeutlichen wir uns noch einmal die Situation: Wir sind angegangen von dem, was unendlich größer ist und darin uns doch auf den Plan ruft, uns zu uns selbst macht und zum Bekenntnis, zur Zeugenschaft herausfordert. Das Geheimnis ist „heilig“, will sagen: es läßt sich nicht berühren, ist unantastbar, je größer. Aber es ist zugleich das uns schlechterdings Berührende und Betreffende, alles eher als bloße Abstraktion unseres Nachdenkens. Es geht uns konkret an und eignet sich uns zu. Es gibt nicht nur uns, so daß wir sind, so daß wir reden können, sondern es gibt sich uns, so daß wir ihm antworten, es anreden. Es macht sich selbst so zur „Sache“ unseres Redens, verfremdet sich, geht in unseren Horizont des Sprechens ein, erscheint in ihm. Es sprengt alle Konkretion des sachhaft und auch personhaft im endlichen Sinne Einzelnen – und wird doch in einem viel dichteren, absoluten Sinne: konkret.

Hier ist der Ort, an dem, phänomenologisch betrachtet, die Rede von Gott ansetzt. Die ursprüngliche Rede von Gott ist nicht eine philosophische Abstraktion, sondern eine konkrete Verherrlichung, ein konkreter Zuruf. Er ist der je Größere, der Heilige, jener, der alle unsere Vorstellungen und Maße überholt, alle unsere Worte zerbricht. Aber dieses Überholen und Zerbrechen ist Ereignis, ist Konkretion, ist Ansprache. Und diese Konkretion ist etwas anderes als bloß eine bildhafte Verschattung und Verkleinerung des Unausdenklichen im Medium der Vorstellung, ist etwas anderes als eine von uns aus geschehende ungemäße Vermittlung, weil eben das Wort kleiner ist als der Gedanke und der Gedanke kleiner als das, woran er denkt. Nein, die Bewegung geht umgekehrt: Das, was über aller Erscheinung draußen ist, zeigt sich, erscheint, geht auf und geht mich an. Rede von Gott gründet je in einem epiphanischen Ereignis, in einem Ereignis vortheologisch, unspezifisch verstandener „Offenbarung“. Es gehört zu mir, zu meinem Wesen, zu meiner Konstitution, daß ich nachdenken kann und – sofern ich mich unverstellt in mein Nachdenken hineingebe – nachdenken muß auf das Geheimnis, auf das Absolute und seinen Anspruch hin. Aber daß dieser Anspruch mich konkret trifft und herausfordert, zu antworten, zu lobpreisen, zu bezeugen, zu bekennen, das eben ist ein je unableitbares Ereignis.

Sicher, solche Epiphanie und Offenbarung braucht keineswegs neben dem zu stehen, was „normal“ und alltäglich mir widerfährt. Immer und überall kann das gewohnte Gefüge meines Brauchens und Gebrauchtwerdens, meiner Daseins- und Lebensbewältigung aufbrechen und kann mich der Strahl des Geheimnisses treffen. Immer und immer wieder kann ich an die [99] Grenze geraten, die mich nicht nur nachdenklich werden läßt, sondern in die unvertretbare, konkrete Antwort im Bekenntnis meines Wortes und meines Lebens einfordert.

Doch wenn solches geschieht, dann hat es, bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Situationen, eine Struktur, die uns an die großen und durchaus davon abzusetzenden Sendungs- und Berufungsgeschichten der Propheten, der großen Zeugen erinnert: Überwältigung und Ohnmacht, Erfahren des Unvermögens, der Unreinheit, der Sprachlosigkeit – und zugleich Reinigung, Sendung, Einsetzung zum neuen, qualitativ anderen, bezeugenden Wort.

Von hier aus betrachtet, ist es freilich gefährlich – oder, richtiger gesagt, bedrohlich ungefährlich –, wenn sich unser Wissen vom Leben und von der Welt und von uns selbst auf bloße Informationen beschränkt, die man lernen und abhaken kann, und wenn wir versuchen, mit den verschiedenen Lebens- und Weltsituationen nur schön fertig zu werden. Daseinsbewältigung tut not, sie genügt aber nicht. Es geht darum, den Menschen fähig und offen zu halten, daß er die Grenzen erfahren kann, an denen er sprachlos wird. Geleit zur Sprachlosigkeit und in der Sprachlosigkeit zur Verantwortung und in der Verantwortung zur Bereitschaft, zu antworten und Zeuge zu sein: dies sind pädagogische Schritte daraufhin, daß die Rede von Gott keine leere Rede, keine Fremdsprache bleibt. Freilich muß zugleich von der anderen Seite angesetzt werden, von den konkreten Zeugnissen her, in denen „Epiphanie“ und „Offenbarung“ im genannten und im spezifischen Sinn sich vermitteln und eindringen können in unseren Lebens- und Verstehenshorizont. An unserem Leben und an unserem Sprechen sprachlos werden, verantwortlich werden, Zeuge werden und aus den Zeugnissen der Sprachlosigkeit, der Verantwortung und des Bekenntnisses aufbrechen in die Zeugenschaft, das sind zwei Seiten des einen und selben Geschehens.

Binden wir dies nochmals zurück an die Beobachtung, von der wir ausgingen. Jedes Reden bedeutet im Ansatz und zumindest indirekt ein Zur-Geltung-Bringen, ein Verherrlichen. Wo die Übermacht dessen, was unser Sprechen ermöglicht und in Pflicht nimmt, sich auftut, da bleibt durch unser Verstummen hindurch nur noch dieses eine, nur noch die Verherrlichung. Aus der „Aussage als Verherrlichung“ ist die „Verherrlichung als Aussage“ geworden, aus der Implikation des Zeugnisses das explizite, rühmende Zeugnis, das unser Dasein als seine Sprache beansprucht und einfordert. Daraus, daß wir der Wahrheit allein die Ehre zu geben haben, hat sich der neue Anspruch erhoben: der Wahrheit auch wahrhaftig Ehre zu geben. Wo wir dem Phänomen des Sprechens konkret die Treue halten bis [100] auf den Grund, da geleitet uns dieses Phänomen an jene Grenze, an welcher die Rede von Gott sich uns erschließt.

Es gibt also einen naturalen Ansatz des Sprechens von Gott. Aber dieser naturale Ansatz des Sprechens von Gott entbindet erst das wirkliche Sprechen von Gott als Gott, wenn er mein geschichtlicher Ansatz wird. Das bedeutet: Wenn ich nicht nur in neutraler Distanz einen Sachverhalt beobachte, sondern mich in meine eigene Situation einbringe und sie annehme. Wo mir die absolute Ohnmacht meiner Situation durchsichtig wird und darin meine eigene Ermächtigung zu sprechen, da kann ich das ohnmächtig-mächtige Wort von Gott wagen. Ja, genau darum geht es: daß ich dieser Ohnmacht begegne, daß mir alle meine Ziele und Zwecke aus der Hand fallen und ich übermächtigt werde von dem, woher und woraufhin ich bin; daß ich mich in meine Verantwortung rufen lasse und in ihr die Ermächtigung erfahre und sie verstehe als Ermächtigung zur Antwort, als Ermächtigung dazu, das überragende, gewährende, sich mir schenkende Geheimnis Gottes ehrfürchtig und zitternd und zugleich preisend und akklamierend zur Sprache zu bringen.