Seelsorge als geistliches Tun

Das Wort

Jedes menschliche Wort und menschliche Sprache insgesamt werden in ihrem Innersten und Eigensten nur verstanden, wenn wir sie als Knotenpunkte des Geschehens von Teilhabe und Gemeinschaft verstehen. Ich will den anderen an etwas teilhaben lassen, ihm etwas mitteilen, was in mir ist; deshalb spreche ich mit ihm. Und indem ich mit ihm spreche, entsteht zwischen uns Gemeinschaft. Beides gehört zusammen: die Teilhabe durch das Wort an etwas, was der andere nicht hat, die Teilnahme an meinem Innen, das nur mir gehört und zugänglich ist, an meinen Gedanken, die ich von mir aus äußere, eröffne – und zugleich die Gemeinsamkeit, die zwischen der Welt des Partners und meiner gegeben ist, das Stehen auf derselben Ebene, durch die erst Kommunikation miteinander möglich wird. Wir gehören schon zusammen, sonst könnten wir nicht durch das Wort in Beziehung zueinander treten. Mir gehört etwas, was dir nicht gehört, sonst brauchte ich dir nichts zu sagen. Indem ich aber dir etwas sage, wird nicht nur die vorgegebene Zusammengehörigkeit bestätigt, sondern Gemeinschaft steigert sich, erhält eine neue Gestalt.

Genauso und zugleich ganz anders verhält es sich, wenn Gott sich offenbart, wenn Gott uns sein Wort gibt. Das Innen Gottes ist dem Menschen schlechterdings entzogen, Gott ist jener Ursprung, der schlechterdings nur von innen, von ihm selbst her zugänglich ist. Sicher können wir durch die Schöpfung, sicher können wir durch unser eigenes Dasein an sein Geheimnis rühren – aber wir können es ja nur, weil in der Schöpfung allgemein und im menschlichen Dasein zumal etwas wie eine Äußerung, etwas wie ein „Wort“ Gottes beschlossen ist. Wo aber von einem Wort, das innerhalb der menschlichen Geschichte vorkommt, gesagt wird: Das ist Gottes Wort!, da ereignet sich nochmals etwas Neues, etwas über die Zugänglichkeit Gottes durch Schöpfung, Existenz, Denken hinaus. Gott tritt aus sich heraus und wendet sich dem Menschen zu, um ihm das zu sagen, was der Mensch eben von sich aus gar nicht wissen kann. Hierbei geht es nicht nur um neue „Inhalte“, sondern zumal um das Faktum dieses Sprechens selbst, genauer: um das, was in diesem Sprechen sich unableitbar und unberechenbar ereignet: Zuwendung Gottes zum Menschen, Dasein Gottes für den Menschen, Sich-Einlassen Gottes auf den Menschen und seine Welt. Solche Zuwendung, solches Sich-Teilgeben Gottes, solche Gemeinschaft Gottes mit dem Menschen durch sein Wort kann nur geschehen im menschlichen Wort. Gott liefert sich aus an den Menschen, er gibt sich hinein in die „Selbstunterbietung“, sein Göttliches im bloß Menschlichen, Begrenzten zu sagen. Wenn Gott spricht, so berühren und durchdringen sich in seinem Wort, einfach vom Faktum dieses seines Sprechens her, die beiden „Lebenskreise“: göttlicher Ursprung und menschliches Leben. Um Gott in seinem Eigenen zu verstehen, müssen wir Eigenes unseres Lebens assoziieren. Gottes Wort heißt Preisgabe Gottes in unser Leben, so daß unser Leben – wie auch immer – Gottes Leben mitlebt. Ein nochmals qualitativer Sprung der Steigerung erfahren diese Verhältnisse, wenn das Wort, das im Anfang ist und das bei Gott ist; und das Gott selber ist, Fleisch wird (vgl. Joh 1,1 und 14). Das sacrum commercium, der „heilige Austausch“ zwischen Gottes Leben und des Menschen Leben kommt ins äußerste, Gott gewinnt Anteil an unserem Leben, lebt es mit, begleitet es bis in sein letztes hinein, macht es sich zu eigen – und er gibt sein Leben dem Menschen zu eigen, liefert sich ihm aus, teilt sich ihm mit, vergöttlicht das menschliche Leben, das doch ganz und gar menschliches Leben bleibt: participatio und communio zwischen Gott und dem Menschen.

Die Fleischwerdung des Wortes überholt die participatio und communio der Worte, die Gott sagt, aber macht sie nicht überflüssig, sondern hebt auch sie auf eine neue Ebene. Wie sollen wir in unserem Menschenleben Gottes Leben menschlich vollziehen? Wie sollen wir Christus und durch ihn Gott in unserem Leben finden und wie uns finden in ihm? Wie soll Kommunion im Leben Gottes, Gemeinschaft zwischen Menschen im einen göttlichen Leben erfolgen, wenn nicht durch die Worte, in denen das Wort sich mitteilt und öffnet und „ummünzt“ in die Währung unserer Alltäglichkeit, sich buchstabiert in das Alphabet unserer Erfahrung?

[279] Gottes Wort – wir kommen zurück auf die Begriffsbestimmung der Evangelisation durch den Papst – läßt uns Gottes Liebe in Jesus Christus verstehen, so daß wir uns selbst und die anderen und einander verstehen können in Jesus Christus. Hier aber wird auch die Übersetzung und Erweiterung deutlich, die derselbe Gedanke erhält, wenn wir ihn auf Seelsorge hin auslegen: Es geht doch darum, daß wir unser ganzes Leben und das Leben des anderen finden und leben lernen im Leben Jesu Christi. Und dazu ist es eben erforderlich, daß wir die Worte Gottes nicht nur verstehen, sondern leben und im Leben der Worte mit dem Wort das Wort leben, das Fleisch geworden ist, um so selbst ein „alter Christus“ zu werden. Es ist nicht eine Übung für ein paar besonders Fromme, sondern es ist ein Grundvollzug von Seelsorge, einander zu helfen, daß wir in den Worten des Evangeliums das Wort leben, es sozusagen aufs neue „inkarnieren“, es zum Leben von Kirche werden lassen und so Christus in unserem Leben finden und Christus in unserem Leben auffindbar machen für die anderen.

Kaum etwas hat mir in Lateinamerika so nachhaltig zu denken gegeben wie vielfältige Erfahrungen von Gruppen und Gemeinden, die aus dem Wort Gottes ihr Leben gestalten und sich darüber austauschen. Ich greife das Beispiel einer Diözese im Nordosten von Brasilien heraus, wo der Bischof mit dem Aufbau seines Bistums vor 15 Jahren beim Nullpunkt begann. Ganz allmählich bildeten sich, von unterschiedlichen spirituellen und pastoralen Ansatzpunkten her, Gruppen und Bewegungen. Er gab allen jeden Monat ein Schriftwort, aus dem sie leben sollten, und machte selber mit. So hat sich in einer reichen Vielfalt zugleich eine übergreifende Einheit entwickelt, und die Früchte sind erstaunlich: Sprachlosigkeit löst sich, Austausch wächst. Verfeindete Familien finden zueinander, Reiche und Arme öffnen sich in eine neue Solidarität. Fernstehende sehen, daß Leben aus dem Glauben doch menschlicher ist, Resignierte interessieren sich für ihr eigenes Leben und für das ihrer Nächsten. Gottes Leben – mein Leben – unser Leben – das Leben der anderen: dieser Zusammenhang wird im gelebten Wort offenbar, er wird neue Lebensform.

Trifft das nur in Lateinarmerika? Ist hier nicht auch ein Ansatzpunkt für die „Randsituationen“ bei uns? Sagen wir nicht, das sei nur für die besonders Aktiven, für jene, die ohnehin in der Mitte stehen. Leben aus dem Wort – das läßt sich vielfältig belegen – öffnet solche, die in der Mitte leben, damit sie Zeugnis geben am Rand, und gerade Menschen am Rand finden oft leichter durch das Evangelium zur Kirche als durch die Kirche zum Evangelium. Wo das Evangelium als gelebt und als lebbar erfahren wird, zieht es an. Das Geheimnis des Predigerordens hieß „contemplata tradere“, Beschautes weitergeben. Das Wort Beschauen im Leben des Alltags und im Austausch miteinander: ist nicht das die Gangart der Kontemplation heute, aus welcher lebendige Vermittlung des Evangeliums erwächst? Sobald dies freilich zur bloßen Methode wird, führt es nicht weiter. Es muß dem Seelsorger bewußt sein als der elementare Mitvollzug der participatio und communio, die in der Menschwerdung des göttlichen Wortes geschehen.