Gerufen und verschenkt. Theologischer Versuch einer geistlichen Ortsbestimmung des Priesters

Dasein vor Gott

„... den Himmel finden und den Himmel geben"

Der Gruß, den ich meinen Freunden zu Weihnachten 1984 sandte, mündete in den Satz: „Ich wünsche uns das Kind, daß wir den Himmel finden und den Himmel geben.“ Er ist die Quintessenz aus einer kleinen Geschichte, die ich in Istanbul erlebte und die seither mit mir geht. Ich wollte in der mir nur [95] knapp bemessenen Zeit etwas von der Stadt sehen, auf jeden Fall die Kirche der heiligen Sergius und Bacchus besuchen, da sie in Maß und Form Vorbild für den Aachener Dom geworden ist, der knapp drei Jahrhunderte später entstand. Ein freundlicher Polizist geleitete unsere kleine Gruppe durch das Gassengewirr und war, als wir das versteckte Bauwerk erreicht hatten, wiederum leise verschwunden. Wie in die inzwischen zur Moschee gewordene Kirche ein treten? Die Tür war verschlossen; auf das Läuten an der Klingel neben der Tür reagierte niemand; die Anwohnenden und Vorbeikommenden wußten keinen Rat. Da tauchte ein kleiner Junge auf und gab ein Zeichen, daß wir warten sollten. Nach einigen Minuten brachte er einen Wächter herbei, der uns aufschloß. Wir versenkten uns in die starken, klaren Formen und Maße der Architektur und auch noch in das, was sie abbilden: das Himmlische Jerusalem. Doch als wir den Raum wieder verließen, erwartete uns der Junge an der Tür. Er hatte für jeden von uns eine kleine Blume gepflückt und überreichte sie uns. Der Himmel, den wir drinnen fanden, war nun auch plötzlich draußen da. Der Schlüssel öffnete den Himmel drinnen; die Blume öffnete einen anderen – oder denselben? – Himmel draußen. Das Kind hatte uns beides erschlossen und ein Weiteres dazu: daß wir uns selbst in diesem Kind entdeckten. Denn wozu sind wir da, wenn nicht dazu, den Himmel zu finden und den Himmel zu schenken und, indem wir dies selber zu tun versuchen, anderen dabei zu helfen, daß sie den Himmel finden und den Himmel schenken. Allerdings ist da ja noch ein dritter Himmel: der Himmel, der zwischen uns entstand, als das Kind mit seiner Liebe in unsere Mitte trat. Also: der Himmel vor uns, in uns, über uns – der Himmel, der draußen wachsen und draußen entdeckt werden will – der Himmel unter der Tür, die von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen führt, der Himmel zwischen uns. [96] Der kleine Junge wurde uns durchscheinend auf jenes Kind, das uns zur Weihnacht geboren war. Und der „Ernstfall“ dieses Kindes, die Erfüllung und Wurzel zugleich, auf die hin und von der her wir sein Kindsein glaubend lesen, ist doch der am Kreuz Ausgespannte, der in der äußersten Dunkelheit seiner Verlassenheit und seines Todes uns die drei Himmel eröffnet hat: den Himmel der Herrlichkeit beim Vater, in welche er österlich hineinschritt und die er uns bereitet – den Himmel, der uns anvertraut ist, daß wir ihn in die Welt tragen und in der Welt seine Spuren entdecken und erwecken, in dieser Welt, die durch den Herrn gerufen und erlöst ist, verherrlicht zu werden in seiner Herrlichkeit, wenn er wiederkommt, die Welt zu vollenden – den Himmel zwischen uns, in dem seine Gegenwart in unserer Mitte, unsere gegenseitige Liebe, wie er uns geliebt hat, unser Einssein, wie er mit dem Vater eins ist, himmlischer Magnet auf Erden für alle sein soll, damit die Welt glaube. Drei Dinge sind mir an dieser Begebenheit aufgegangen: Einmal ist mir aufgegangen, daß ich als Priester mich in diesem Jungen finden darf. Ich soll in der Einfachheit des Kindes, in der Kraft des Kreuzes und in der Sendung des Auferstandenen Menschen helfen, die drei Himmel zu entdecken und in die drei Himmel hineinzuschreiten. Zum anderen ging mir auf: Wenn es in der Tat dreimal der Himmel ist, was in den Richtungen meiner Sendung und meines Auftrags liegt, dann hat mein Stehen vor Gott selber nicht nur die Richtung nach vorne, innen und oben – ich stehe zugleich in der Richtung nach außen und unten vor dem Antlitz Gottes und ebenso in der Richtung von der Gemeinschaft der Kirche her und auf sie zu. Anbetung, Dasein vor Gott umfaßt also das Ganze meines priesterlichen Seins und Tuns. Himmel ist nur, wo Gott ist. Gott ist der, zu dem ich aufsteige ins Wolkendunkel; Gott ist der, zu dem ich hinausgehe an die Ränder, hinein in die Welt; Gott ist der, [97] den ich in der Mitte der Seinen finde, den ich in die Mitte der Seinen rufe. Und noch etwas ging mir auf: Ich bin nicht der Manager des Himmels der anderen; nicht Architekt, der das Haus nicht bewohnt, das er baut; nicht Portier oder Platzanweiser, der am Fest, an der „Vorstellung“ nicht teilnimmt; nicht Macher, der die anderen in ihren Himmel „hineinkriegt“. Sicher, auch wenn ich nicht in den Himmel ginge, nicht in den Himmel käme, mein Auftrag bliebe: daß sie den Himmel finden und den Himmel geben. Aber ich kann diesen Auftrag nur glaubwürdig und fruchtbar erfüllen, wenn ich selber diesen Himmel bewohne, wenn ich selber immer mit den anderen unterwegs bin zum Himmel und den Himmel bezeugen kann, weil ich ihn „von innen“ kenne. Und von solchem Dasein vor Gott und in Gott, von solchem Aufenthalt an der dreifachen Schwelle seines Heiligtums soll nun die Rede sein. Natürlich sind die drei Himmel im Grunde einer, wie Gott nur einer ist. Und so wie communio, missio und adoratio sich gegenseitig einschließen und enthalten, durchdringen sich auch die drei Richtungen meines Betens, meines Verweilens vor Gott. Sie sind nur Weg zum Himmel und Weilen im Himmel, weil eines nicht außerhalb des anderen liegt. Das macht den Himmel zum Himmel, daß Gott selbst, die erlöste Welt und unsere Gemeinschaft mit ihm und in ihm drinnen sind. Wenn freilich Gott, unser Gott, der Vater Jesu Christi, drinnen ist, dann sind auch Welt und Gemeinschaft drinnen. „Gott allein“ heißt „Gott und...“ Das Dasein des Priesters vor Gott, im weitesten und tiefsten Sinn also sein Beten, wollen wir in einem vierfachen Ansatz zur Sprache bringen: als Liturgie; als liebendes Verweilen; als Fürbitte; als Ver-sammlung.