Unterscheidungen

Der Mensch als Maß der Politik*

Politik als Kunst der Freiheit hat eigentümliche theologische Relevanz. Gott ist jener, der schafft, der Freiheit schafft. Er setzt nicht nur ein Kunstwerk, das eben so sein muß, wie der Künstler es gewirkt hat, sondern er setzt Partnerschaft, die von sich aus, in Freiheit, sein kann und so gerade Bild dessen ist, der sie schafft. Und er schafft diese Freiheit als Offenheit zu anderer Freiheit, als Freiheit des Ich und Du ins Wir. Gerade die Politik hat eine eigentümliche Affinität zu diesem Zug der schöpferischen Kunst. Die Nähe der Politik zur göttlichen Kunst Gottes ist freilich auch ihre besondere Gefährdung. Nirgendwo mag die Versuchung so stark sein, den Unterschied zu übersehen und zu überspringen, der zwischen der Kunst des Schöpfers und der Kunst des Menschen waltet. Die Schöpfung setzt menschliche Freiheit, die noch nicht ist, damit sie sei. Politik aber hat die Freiheit des Menschen, der schon ist, schon frei ist, schon zum Vollzug der Freiheit und der Gemeinschaft bestimmt ist, zu wahren und zu achten. Politik ist, trotz und in aller Spontaneität, wahrende, antwortende Kunst, Kunst der ein epochetischer Zug eignen muß. Politik darf sich nicht ihren Menschen machen, und sie darf sich daher auch nicht unterfangen, sein Heil machen zu wollen.

Hier setzt die Verwiesenheit der Politik auf „Grundsätze“ ein. Ihre „Heteronomie“ in aller Autonomie ist der Mensch, ist seine Freiheit. Um die Anforderungen an die Politik auf einen knappen formalen Nenner zu bringen: Politik wird dem Menschen, wird der Freiheit und der Gemeinschaft in Freiheit nur dann gerecht, wenn sie auf die Vielfalt der Bezüge achtet, die zum menschlichen Leben und zum Leben der Gesellschaft hinzugehören. Politik muß „universal“ sein. Bloße National-, bloße Kultur-, bloße Sozial- oder Ge- [123] sellschaftspolitik allein wären je unpolitisch, wären zuwenig. Konsonanz und Kompatibilität der vielen Dimensionen menschlichen Daseins und menschlicher Gemeinschaft müssen in der Politik gewahrt werden. Das wäre ein erstes Stichwort. Ein zweites ist schon gefallen: es ist der epochetische Zug, es ist die Zurückhaltung, die nicht den Menschen und nicht sein Heil macht, sondern den Menschen, seine Freiheit und sein Heil achtet. Zum dritten aber sind die Fundamente zu nennen, die politisches Handeln tragen müssen, damit es seinem Wesen treu sei: Sein, Selbstsein, Mitsein. Das Sein des Menschen und das, was zu diesem Sein als zu seiner Erhaltung und Entfaltung gehört, muß durch die Politik gewahrt und gewährleistet werden; es läßt sich nicht zur Disposition stellen, verfügen, manipulieren. Zum Sein des Menschen aber gehört gerade Selbstsein, Freiheit. Die Freiheit des Einzelnen braucht ihren Schutz, braucht ihren Raum, braucht aber auch ihren Zugang zu den anderen und zum Ganzen, ihr Recht, sich zu äußern und darzustellen. Sein und Selbstsein des Menschen sind so nicht isoliert, beschränken sich nicht auf den Einzelnen. Sein und Selbstsein sind eingebunden ins umgreifende Zusammengehören, in den Dienst füreinander und aneinander. Daß er geschehen kann, daß Gemeinschaft geschehen kann und Gemeinschaft der Raum der Freiheit aller und der Entfaltung aller sei, dies zumal ist der Sorge der Politik aufgegeben.

Es wäre fatal, allein mit der Angabe der genannten Fundamente politischen Handelns, Sein, Selbstsein und Mitsein, eine Ethik des Politischen bestreiten zu wollen. Diese Fundamente sind, abstrakt gesetzt, nicht Prinzipien, aus denen sich ein System aller Maximen verantwortlichen politischen Handelns herleiten ließe. Das Viele und Verschiedenartige, was im Verlauf der Geschichte die denkende Reflexion über die Natur des Menschen und seine gesellschaftliche Verfaßtheit zutage gebracht hat, muß im einzelnen kritisch aufgearbeitet werden. Katholische Soziallehre z. B. ist keineswegs einfachhin „vorbei“.1

Was aber leisten diese Fundamente? Einmal wird ihre Anerkenntnis die Möglichkeit eines Gesprächs zwischen politisch Handelnden unterschiedlicher geistiger Herkunft ermöglichen. Zum [124] anderen können diese Fundamente Orientierung bieten, die in der Pluralität der Prinzipien und der Komplexität der Umstände das Wesentliche im Blick zu halten hilft. Denn was immer die Prinzipien, was immer die Umstände sein mögen, auf die es zu achten gilt, Sein, Selbstsein und Mitsein müssen gewahrt, müssen kritisch aneinander gemessen und miteinander zur Balance gebracht werden. Die Reduktion des Ganzen auf nur eines dieser Fundamente müßte, so oder so, zur Ideologisierung, zu einem offenen oder verkappten Totalitarismus führen. Die Verabsolutierung einer bloßen Ordnung, mögen ihre Maximen auch in sich stimmig sein, der Totalitarismus bindungsloser, sich selbst überlassener Freiheit, die radikale Verplanung des Einzelnen in die Gesellschaft sind Spielarten solcher Verkürzung.

Eingangs hat uns bereits das Dilemma des Politischen beschäftigt, zwischen in sich klaren Prinzipien und gegebenen Situationen handelnd vermitteln zu müssen, ohne daß die Distanz zwischen beiden sich durch rationale Schritte voll aufholen ließe. Ein neues Dilemma des Politikers begegnet uns jetzt: zwischen Sein, Selbstsein und Mitsein handelnd vermitteln zu müssen, ohne daß eines dieser Fundamente in der pragmatischen Lösung, die dem Politiker aufgegeben ist, unterginge. Doch das eine wie das andere Dilemma umreißen nicht nur den Raum der Not des Politikers, sondern auch den Raum seiner Not-wendigkeit, will sagen der Kunst, welche die Not dadurch wendet, daß sie aus ihr die neue Möglichkeit schafft.


  1. Vgl. Hemmerle, Klaus: Was heißt „katholisch“ in der katholisch-sozialen Bildung?, in: Civitas. Jahrbuch für Sozialwissenschaften, hg. v. der Görres-Gesellschaft und dem Heinrich-Pesch-Haus, 9 (1970) 9–26. ↩︎