Aachen 1986 – eine Botschaft?

Der Ort der Botschaft

In der Rückschau über die bewegenden Tage machte ich mir folgen­de Notiz:

Zwei Städte sah ich
– oder war es dieselbe Stadt?

Die Stadt:
Häuser, die man abschließen kann;
Kirchen, die man besichtigen kann;
Straßen, wo man aneinander vorbeigehen kann.

Die Stadt:
Häuser, die offenstehen für unerwartete Gäste. 
Kirchen, in denen das Geheimnis uns anschaut. 
Straßen, wo man aufeinander zu und miteinander geht.

In der Tat, das fand ich aufregend: Die Stadt war anders, dieselbe Stadt. Oft predige ich davon, daß es anders sein könnte, wenn wir anders wären. Aber das bleibt dann entweder ein mühsamer moralischer Appell oder ein leicht als schwärmerisch abzutuender Traum. Hier aber haben viele etwas erfahren, was man sonst nur erzählen hört. Die „Orte der Handlung“: unsere Straßen und Plätze, unsere Häuser, unsere Kirchen, zumal der Dom, aber keineswegs er allein.

Es geht also; unsere Straßen, Häuser und Kirchen sind nicht dazu verurteilt, unser Herz und Gottes Geheimnis einzusperren [41] und uns voreinander abzuschotten. Das ist eine Botschaft: die Botschaft von der Neuen Stadt, die in die alte Stadt herniedersteigt und in ihr zum Leuchten kommt.

Aber geht hier nicht wiederum die Misere los? Der Alltag ist doch wiedergekommen, und der Alltag ist nicht nur „Neue Stadt“. In der Tat, nun wäre es fatal, folgte doch wieder nur die moralische Ermahnung, die trotz Durchhalteparolen unweigerlich verpuffende Aktion oder das eine andere Zukunft als jene, die stattfindet, organisierende Programm.

Doch was kommt dann? Suchen wir nach einer Quelle, aus welcher dieses andere Wie der Tage von Aachen gespeist wurde. Vielleicht läßt sie sich offenhalten, vielleicht läßt sich Appetit wecken oder gegenseitig Hilfe leisten, daß wir leichter und häufiger und entschiedender an diese Quelle herankommen.

Der Bereich, in dem ich diese Quelle gefunden zu haben glaube, liegt in den „Kirchen, in denen das Geheimnis uns anschaut“. Was dort bei Heiligtumsfahrten und Katholikentag geschah, das hatte seine Konsequenzen auch in der Gastfreundlichkeit der Häuser und der Begegnungsfreundlichkeit der Straßen und Plätze. Man kam in den Häusern und auf den Straßen und Plätzen anders miteinander in Berührung, in Tuchfühlung. Die Tiefe solcher Tuchfühlung aber war zu entdecken in den Kirchen, war aufzuspüren – in der Tat schockierend, befremdend, zumindest überraschend – in jenen Zeichen, die wir als Heiligtümer verehren.