Franz von Baaders Philosophischer Gedanke der Schöpfung

Die abbildhaften menschlichen Verhältnisse

Der Mensch muß „esoterisches und exoterisches Sein“ haben, wenn er sich äußert1. Wohl vollendet er sich erst in der Äußerung, doch er vollendet nur, was er schon ist. Er ist bereits krafl: der Idee bei sich als der Subjekt und Objekt seiende und seine Identität in beiden sich zusprechende Ursprung und ist zugleich kraft der Natur seinem Beisichsein und seiner darin umfaßten Ursprünglichkeit gegenüber, bei seinem Beisichsein. Das „esoterische Sein“ bezeichnet die Ursprünglichkeit an sich, das in die Idee geöffnete und in ihr sich schließende wesentliche Beisichsein; das „exoterische Sein“ dagegen bezeichnet die vom Ursprung her ergriffene Ursprünglichkeit, das Sein beim Beisichsein aufgrund der „Natur“, des beim Menschen als Gesetztheit gegebenen Verhältnisses zum Wesen. Die Idee rückt alles, was ist, in die Spannweite seiner Ursprünglichkeit; die ihn als nur diesen und nicht jenen bestimmende Natur stellt ihn allem, was ist, gegenüber in die reale Möglichkeit des Begegnens und Vollziehens. Das esoterische Sein wendet ihn in sich hinein zur Idee als in den Raum, in dem alles, was ist, erscheint; das exoterische Sein wendet ihn aus sich hinaus in die Andersheit, in der das, was ist, zu ihm steht2.

Wie entspringt aus diesem esoterisch-exoterischen Sein eine freie Äußerung, ein „Werk“ des Menschen?

Eine kurze Formel für diesen Vorgang, den Baader oftmals bedenkt, gibt der Satz: „Was ich darzustellen, zu äußern oder zu schaffen vermag, spiegelt sich immer in mir als Figur ab (als Einbildung oder innere Bildung), und ich bemerke leicht, daß diese Figur als Lust sofort auf mein exekutives Vermögen (Fiat) erregend wirkt, welches sich erhebt, mit dieser Lust oder Figur konjungiert und in dieser Konjunktion schafft – Dieses Schaffen (Zeugen) kann ich nur abhalten, indem ich dieser Konjunktion von Lust und Begierde wehrte.“3

Was das Begegnen eines Seienden im Selbst bewirkt, geschieht auch, wenn das Selbst von sich aus „auf die Idee kommt“, wenn ihm „einfällt“, etwas zu tun; das Begegnende bzw. das möglicherweise zu Bewirkende [139] erscheint, und erscheinend affiziert es das Selbst; das Erscheinende wird ihm „empfindlich“ und setzt als „Lust“ seine aktiv ergreifende „Begierde“, sein „Bedürfen“ in Schwingung. Wie nun „Anschauung“ und „Empfindung“, objektives Erscheinen des Begegnenden und subjektive Affektion durchs Begegnende in den einen „organischen Begriff“ eingehend konkret werden4, so ist die freie Äußerung, die Tat des Selbst nie anders als die in ihrem Wie unableitbar durch die Spontaneität des Selbst geschehende Konkretion der „Lust“ mit der „Begierde“.

Das dynamische Schema des vorausgesetzten Selbstseins des Menschen, seines dieses vollendenden Selbstvollzugs und des mit ihm je gleichzeitigen freien Wirkens nach außen ist also je und notwendig dasselbe.

Der Mensch ist nur wirkliches Selbst, wirkliches Subjekt-Objekt, weil er als Ursprung und Ursache gleich anfänglich in die Idee als in das Bild seiner Lust, als in sein Wesen hinein offen und in die Natur als das Gegenüber, das bedürfende Verhältnis zur Idee hinein ausgegangen und aus beiden heimgekehrt ist in die Einheit seines sich gegebenen Selbst als in seinen „Grund“ und seine „Mitte“5.

Diese seine Ursprünglichkeit kommt ihm jedoch zu, er entspringt nicht aus sich, sondern ist gesetzt. Die Natur, das Gegenübersein zur Idee also, ist der Ort seiner Ursprünglichkeit, der Ort, von dem aus er die Idee, sein Gegenübersein zu ihr und seine Ursprünglichkeit vorfindet. Er ist Ursprung im Vorfinden, das heißt aber: im Nachvollziehen dessen, was er schon ist, und so ereignet sich sein vorgegebenes Sichgefundenhaben im entscheidenden Sichfinden nochmals und in dieser Wiederholung erst eigentlich, erst als solches.

Dieser Nachvollzug geschieht beim Menschen als Selbstvollzug indessen nicht unmittelbar, sondern je nur, indem er zugleich etwas vollzieht. Als gesetzt ist der Mensch in begrenzendem Sinne „nur dieser“, somit eingelassen in den Raum alles dessen, was „nur dieses“ ist. Er berührt zwar, was er berührt, als nur dieses, weil ihm zugleich der alles, was nur je dieses ist, umgreifende Horizont offen anwesend, weil die Idee sein Wesen ist, doch er berührt diesen Raum, sich selbst als das, was er ist, nur durch die begrenzte Berührung des begrenzten Etwas hindurch. Sein Wesen als das Bild seiner Lust, als das, worum es ihm geht, engagiert sein Bedürfen nicht unmittelbar, sondern durch das Bild, durch die Lust des Etwas hindurch, das auf sein gesetztes Gegenübersein begegnend auftrifft, es als Begehren und Bedürfen erregt und somit auf sich und durch sich hindurch auf alles, was ist, aufs unendliche Wesen des Menschen und die in ihm anwesende Wahrheit selbst bezieht. Erst an dieser „Versuchung“ durchs begegnende Etwas findet der Mensch sich selbst als Ursprung; denn auf das angebotene, versuchende Bild hin entdeckt er sein Gesetztsein, sein Bedürfen und Begehren sich übergeben. Es liegt an ihm, an seiner Wahl, Lust und Begierde des [140] Etwas ineins zu bringen, die vollbrachte Konjunktion ist seine Tat, in der er zugleich sich vollbringt, weil ja sein wählendes Ergreifen den wahren Bezug des angebotenen Etwas zu seinem Wesen und der Wahrheit mitergreift oder aber verfehlt.


  1. SpD 1,8 VIII 79. ↩︎

  2. Vgl. MM 3 XIII 172. ↩︎

  3. FC 3,9 II 255 Anm. 2. ↩︎

  4. Vgl. FC 1,6 II 157 Anm. ↩︎

  5. Vgl. Abschn. III 3. und 4. dieser Untersuchung. ↩︎