„Christus nachgehen“ – in welcher Weggemeinschaft und in welcher auctoritas?

Die auctoritas der Jugend auf ihrem Weg des Erwachsen-Werdens

Jugend dringt auf abgesperrte Spielfelder vor. Jugend bricht aus eingefahrenen Bahnen aus. Jugend sucht Wege – zu sich, in der Gesellschaft, zum Sinn ihrer Existenz. Hemmerle konstatiert schon 1980:

„Von der Institution Kirche will der weit überwiegende Teil der jungen Generation nichts wissen“  
– und:  
„Auch jene, die mitmachen, auch jene, die sich ergreifen lassen, entdecken nicht selten in ihrem eigenen Leben einen Bruch oder entdecken ihn gerade nicht mehr, empfinden ihn nicht mehr, akzeptieren ihn nicht als Bruch. Gebet, Wallfahrt, Versenkung, Liturgie, auch Worte und Werte des Evangeliums erscheinen kostbar und anziehend – die Normen, die als verbindlich fürs Leben des Christen von der Kirche vorgelegt werden, gelten zugleich als unrealistisch, werden nicht im Ernst als maßgeblich fürs eigene Leben bemüht.“ (Christus nachgehen, 11–12)

Von daher fragt Hemmerle: „Wie kommen Kirche und Jugend zusammen, wie auf einen gemeinsamen Weg?“ (Christus nachgehen, 12)
Wir wissen, dass Hemmerle so oft Spannungspole beschrieb – und seine Lösungssuche hatte immer etwas damit zu tun, dass er aufforderte, diese Spannung „auszuhalten“, sie eben nicht bequem zur einen oder anderen Seite hin aufzulösen. D. h. es muss eine wechselseitige Anfrage bis hin zur Infragestellung zwischen „den Jungen und Kirche geben – gemeint sind hier wohl angesichts des Kontextes vor allem die Bischöfe. Die Kraft zu diesem „Aushalten“ sah Hemmerle darin gegeben, dass Gott selber es ist, der uns hält und aushält.

Von hier ist es nicht weit bis zu Hemmerles wichtigster Erkenntnis zur Jugendpastoral:
„Die sogenannte ‚Jugendpastoral‘ ist mehr noch als eine Pastoral, die Theologen und Kirchenmänner für die Jugend machen, eine Pastoral, die glaubende, sich für Jesus und die Nachfolge entscheidende Jugend, aber auch Kirche und ihre Gewohnheiten in Frage stellende Jugend für uns alle macht. Und am allermeisten: eine Pastoral, die gar nicht gemacht wird, sondern die ein anderer macht, jener, der in der Mitte junger Menschen und in der Mitte zwischen jungen Menschen lebt, wenn sie sich auf seinen Weg machen.“ (Christus nachgehen, 17)

Also: Jugend ist nicht Objekt, sondern Subjekt ihrer Pastoral. Jugend hat ihre eigene auctoritas.1 Und sie hat diese auctoritas umso mehr, je klarer junge Menschen in sich als Person und zwischen sich in der Gruppe den als lebendig erfahren, dessen auctoritas als wirkmächtig spüren, der den Grund gelegt hat für diesen „neuen Weg“, wie das junge Christentum tituliert wird (Apg 9,2 u. a.)


  1. Vgl. Christus vivit. Nachsynodales Schreiben von Papst Franziskus an die jungen Menschen und an das ganze Volk Gottes – 25.3.2019 – Quelle: www.vaticannews.va – Zugriff: 8.4.2019. Hier wird das Prinzip ‚Jugend leitet Jugend‘ betont: „Ich möchte unterstreichen, dass die jungen Menschen selbst die in der Jugendpastoral Tätigen sind – begleitet und angeleitet, doch frei, um voll Kreativität und Kühnheit immer neue Wege zu suchen.“ (Nr. 203) ↩︎