Was heißt Glaubenssituation

Die Grundspannungen im Glauben*

Der Begriff der Glaubenssituation muß ein theologischer sein; denn nur wo Glaube sich als Glaube, somit aber aus seinem Innen heraus versteht, hat er im gezeichneten Sinn Situation. Aber: Hat Glaube überhaupt Situation? Glaube, verstanden als christlicher Glaube, als Glaube an Gottes Offenbarung in Jesus, fängt nämlich mit sich selber an. Er ist nicht Ergebnis von außerhalb seiner selbst liegenden Prämissen, sondern – dies ist seine polare Bestimmung – Gnade und Freiheit zugleich. Gnade: Er wird nicht vom Menschen geleistet, er wird nicht durch ihm äußere Gründe erzeugt, sondern wo er geschieht, geschieht er von Gott her, über alle Möglichkeiten und Voraussetzungen des Menschen, die dieser einbringt, hinaus. Freiheit: Das Wirken Gottes ist gerade von der Art, daß es nicht Wirken am Menschen ist, das seinem Selbstsein äußerlich wäre, sondern Wirken, das dieses Selbstsein als Selbstsein und somit als Freiheit einbegreift. Gottes Wirken kommt in keiner Weise an der Freiheit des Menschen „vorbei“, sondern gibt sie gerade an sich selber frei, so daß der Mensch dort, wo er aus der Gnade Gottes wirkt, nicht weniger, sondern mehr und totaler von sich her wirkt als dort, wo nur er allein am Werke wäre. Gerade weil der Glaube aus dem alleinigen Ursprung Gottes herrührt, rührt er aus der Konsonanz des göttlichen Ursprungs mit dem Ursprung, welcher der Mensch ist, mit seiner Freiheit her. Die thomasische Analyse der Freiheit in ihrer Determiniertheit durch das Gute und die Reflexion des Augustinus hierzu1 reißen das Feld auf, in dem [29] solches paradoxe Zugleich als das der Göttlichkeit Gottes und der Freiheit des Menschen Gemäße zu verstehen, aber gerade nicht zu konstruieren ist. Was sich allgemein an der Konstitution endlicher Freiheit ablesen läßt, findet im Glauben seine äußerste, sich selbst überbietende Radikalität, weil sich hier der Einsprung menschlicher Freiheit in das begibt, was den Horizont ihrer Möglichkeiten schlechthin übersteigt, dieses so freilich in den Daseinsraum des Menschen einbringend.

Wieso läßt sich daraus der Anschein gewinnen, Glaube habe keine „Situation“? Wenn Glaube aus der Möglichkeit Gottes und der sich frei an sie verschenkenden Unmöglichkeit des Menschen erwächst, so finden sich in den Möglichkeiten, die der Mensch in und um sich findet, gerade keine „Determinanten“ für seinen Glauben. Kraft seines doppelten Ursprungs ist er frei von seiner Situation, so frei, daß es eben fraglich erscheinen kann, ob er überhaupt Situation habe. Hiergegen muß freilich Gewichtiges eingewandt werden. Einmal eben dies, daß das einzigartige Zugleich des Sich-Schenkens göttlicher Freiheit und menschlicher Freiheit, der es geschenkt ist, sich an ihr Beschenktsein zu verschenken. Situation im höchsten Sinne bedeutet: Sein des Menschen angesichts seines schlechthin Anderen, dem er und das ihm zugehört in jener Durchdringung, die den Unterschied wahrt, ja konstituiert, indem sie höchste Einheit schafft. Zum anderen erhebt sich aber auch aus einer entgegengesetzten Richtung der Widerspruch gegen die These von der Situationslosigkeit des Glaubens. Es zeigt sich nämlich, daß Erfahrungen „von außen“ Einfluß auf Vollzug und Gestalt des Glaubens und diese wiederum Rückwirkungen „nach außen“ haben. Es wäre eine Verengung, den Glauben als solchen auf eine reine Innerlichkeit des einzelnen zu beschränken und die Äußerung des Glaubens, seine Außenwirkung und Außengestalt als bloß äußerlichen und vielleicht gar trügenden Zusatz zu der von außen unzugänglichen Eigentlichkeit des Glaubens abzusetzen. Beides widerspräche dem Selbstverständnis christlichen Glaubens. Er ist von sich her zwar ganz Geschichte zwischen Gott und dem Glaubenden; er ist aber gerade deswegen nicht nur Geschichte zwischen Gott und dem einzelnen allein. Glaube stiftet nicht bloß von Gott her eine Beziehung zu allem, sofern im Glauben der Glaubende sich auf Gott und seine Offenbarung derart einläßt, daß er in seinem Licht ist, was er ist, und sieht, was er sieht, und somit sieht, was ist; auch als Geschichte von Gott her hat die den Glauben stiftende und einbegreifende Geschichte Gottes mit dem Menschen ihren Weg in der Geschichte des Menschen mit den Menschen. Christlicher Glaube ist „Glaube aus dem Hören“ (Röm 10,17), Glaube auf Grund der Bezeugung der Offenbarung Gottes in Jesus, die geschichtlich ergangen ist und geschichtlich vermittelt wird. Wer sich gegen menschliches Zeugnis versperrte, der versperrte sich darin zugleich gegen das „Zeugnis des Geistes“ (vgl. Röm 8,16), das sich zwar nie im menschlichen Zeugnis erschöpft, das aber gerade im menschlichen Zeugnis ergeht und weitergeht. Die christlichen Grundmotive von Sendung, Verkündigung, Zeugenschaft und Gemeinschaft des Glaubens bestätigen, daß die Situation des Glaubens nicht nur vertikal Situation zwischen Gott und dem Glaubenden, sondern auch Situation zwischen den Glaubenden ist. Die vertikale und die horizontale Dimension derselben Situation sind indessen nicht einfachhin addierbar; sie spielen ineinander, ähnlich wie die Alleinigkeit des [30] Wirkens Gottes und das dialogische Zugleich zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit ineinanderspielen. Vielleicht darf ein – freilich nur teilweise zutreffender – phänomenaler Vergleich herangezogen werden. Personale Beziehung zwischen Menschen ist, wenn sie geschieht, mehr als das Resultat der Umstände, aus denen sie erwächst; und doch sind diese Umstände die Vorgeschichte dessen, daß geschieht, was sie allein nie ermöglichen könnten, eben die personale Beziehung; in diese werden sodann aber auch die Umstände aufgenommen und integriert, die ihre Vorgeschichte darstellen. Diese Vorgeschichte bleibt nicht einfachhin draußen, sondern geht in die Geschichte selbst mit ein, die sich ihrerseits je wieder dadurch regeneriert, daß sie sich in Umstände hinein inkarniert, die wiederum neue Vorgeschichte der Bestätigung, des Neugeschehens derselben Beziehung, der Treue in derselben Beziehung sind. Es gibt Vorgeschichte vor der Beziehung, Vorgeschichte in der Beziehung und Vorgeschichte des Weitergehens der Beziehung aus der Beziehung selbst. Wie schon angedeutet, trifft das Beispiel nur teilweise, was es illustrieren sollte; denn Gemeinschaft im Glauben ist nicht nur Vorgeschichte für den Glauben des einzelnen, sondern auch Geschichte des Glaubens, sie ist nicht nur Medium, worin sich Gottes gnadenhaftes Handeln an der Freiheit des Menschen vollzieht, sondern sie ist selbst gnadenhaftes Handeln Gottes, das die Freiheit derer, die als einzelne sich ihm lassen, in die Einheit miteinander fügt. Daher kann die Einheit des Glaubens, die sich im Mitsein der Glaubenden verfaßt und artikuliert, ihrerseits normative Kraft für den Glauben des einzelnen erhalten, die sich nicht reduzieren läßt auf die kritische Analyse des Woher und Wieso der Gestalt der normativen Aussage. Zugleich führt das oben genannte Beispiel über das von der „horizontalen“ Glaubenssituation bislang Ausgeführte hinaus. Diese Glaubenssituation beschränkt sich nämlich nicht darauf, daß Glaube von Glaube zu Glaube, also in der Gemeinschaft des Glaubens vermittelt wird; Glaubenssituation hat in ihrer Horizontalität nicht nur eine „supranaturale“ Komponente. Das Mitsein von Menschen, durch das Glaube vermittelt und in dem Glaube bezeugt wird, hat auch den gezeichneten Charakter von „Vorgeschichte“ des Glaubens, die sich von der Geschichte des Glaubens abhebt, aber mit ihr verwoben bleibt. Und diese Vorgeschichte reicht über den Kreis derer, die glauben und den Glauben bezeugen, hinaus. Die Weise, wie der Mensch die Sinnfrage und die Wahrheitsfrage und die Frage nach den Maßstäben seiner Orientierung im Daseinsvollzug stellt, ist je mitgeprägt von den Erfahrungen, die er macht, und den Erfahrungen anderer, die er erfährt und die so seinen eigenen Erfahrungshorizont bestimmen, ihm Modelle, sich selbst und die Welt zu verstehen, anbietend. Grundsätzlich ist das ganze Geflecht menschlicher Kommunikation und menschlicher Welterfahrung das Medium, in dem der Mensch sich auf Wahrheit, Sinn und Maßstäbe für sein Handeln hin orientiert. Der Glaube aber ist nicht Zusatz zu solcher Orientierung, sondern er versteht sich als bezogen auf die hier aufbrechenden Fragen und Bedürfnisse. Auch wenn er sich nicht einfachhin mit diesen Fragen und Bedürfnissen als sie quantitativ ausfüllende Antwort aufrechnen läßt, so bestimmt er doch den Horizont der Antwort im ganzen, die der Mensch sich auf all diese Fragen gibt; Glaube erhebt die Forderung, daß alle Fragen und Antworten menschlicher Existenz sich mit ihm konfrontieren und von ihm (im scholastischen Sinn von „informatio“ als gestaltender Durchdringung) informieren. [31] Die Weise, wie Glaube vorkommt, läßt sich nicht einfachhin von dem trennen, was Glaube an sich selber ist. Glaubenssituation meint, auch theologisch, die zum Glauben äußeren Umstände und Bedingungen, die in ihrer Äußerlichkeit für ihn selbst, dafür, ob er geschieht und wie er geschieht und Gestalt gewinnt, relevant sind.


  1. Vgl. hierzu etwa B. Welte, Thomas von Aquin über das Gute, in: ders., Auf der Spur des Ewigen (Freiburg i.Br. 1965) 170–184, Augustinus, Kommentar zu Johannes, Tractatus 26. ↩︎