Die Suche nach dem Bruder

Die innere Dialektik der Bruderschaft*

[41] Das Ergebnis unserer Betrachtung der Menschen als Brüder zeigt die innere Dialektik der Bruderschaft. Die Bruderschaft entschränkt den Menschen aus seiner Vereinsamung und Einzelheit in das größere Ganze, in die Gemeinschaft mit dem Ursprung und im Ursprung, deren Schönheit sich ausspricht in dem Wort des Psalms: „Wie gut ist es, wenn Brüder in Eintracht zusammenwohnen“ (vgl. Ps 132,1). Weil wir Brüder sind, ist Menschsein schöner. Die Fülle des Menschseins deutet sich an darin, daß wir Brüder haben – aber zugleich seine Not, seine Grenze und Armut, jenes, was mich innerlichst betrifft und bedrängt und zurückwirft auf nur mich, auf diese meine kleine Bedingung: dazusein. Und so wird für den Glauben im Licht des Lammes menschliche Brüderlichkeit zu einem doppelten Hinweis auf unseren Bruder Jesus, auf den, der das wahrnimmt und erfüllt, was an Positivem, an Fülle in menschlicher Bruderschaft angelegt ist, und der das erlösend überwindet, was als Grenze in ihr uns beschneidet und bedrängt.

Jesus Christus ist unser Bruder. Um ihn als Bruder, um seine Bruderschaft zu uns zu verstehen, wenden wir uns einem Bild aus seinem Leben zu, das Zeichen für seine Bruderschaft zu uns ist – seiner Taufe am Jordan (vgl. Mt 3,13–17). Er kommt an den Jordan, um von Johannes die Bußtaufe auf Vergebung der Sünden hin zu empfangen. Er stellt sich in die Reihe derer, die da bekennen, arme Sünder vor Gott zu sein und seiner Barmherzigkeit zu bedürfen, um neu einzutreten in das Gelobte Land des Reiches Gottes, das da hereinbrechen will. Er wird einer von allen, er verbirgt sich ganz und gar in die Gemeinschaft und Solidarität mit den Sündern, er unterscheidet sich sichtbar in nichts von ihnen. Einer unter anderen. Jo-[42]hannes erschrickt, Johannes will ihm die Taufe verweigern: „Du kommst zu mir? Ich hätte notwendig, von Dir getauft zu werden.“ Aber Jesus besteht darauf. „Laß es jetzt geschehen, denn es ziemt uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.“ Er nimmt uns an, er nimmt das an, was er nicht ist, er nimmt diese Gleichheit des Geschickes mit uns an. Er unterscheidet sich von allen Brüdern dadurch, daß es seine Wahl ist, unser Bruder zu sein. Aber es ist eben seine Wahl, sich in dasselbe Geschick mit uns hineinzubegeben, sich drunterzustellen unter diese selbe Last, und so ist er nicht weniger Bruder als irgendein anderer zu uns, sondern mehr Bruder, denn er ist unter demselben Geschick, unter derselben Last, trägt mit an dieser einen und gemeinsamen Last unseres Erbes, der Schuld. Aber er nimmt es an, er sagt aus dem innersten Ursprung und sagt bis ins letzte Ja zu dieser Bruderschaft. Und gerade indem er dies tut, kommt der Geist auf ihn und offenbart ihn die Stimme als den Einzigen und Geliebten Sohn, als das, um was es uns doch eigentlich geht, als den, in welchem sich unser Wunsch erfüllt, der sich in uns nicht erfüllen konnte: der Einzige zu sein. Der, der sich ganz und gar in die Gemeinschaft mit uns hineinbegibt, ist der Einzige. Er ist es, den wir meinen mit unseren vermessensten Wünschen und mit unserer innersten Sehnsucht, mit unserem uns Wundreiben an unserer Grenze. Er ist der Einzige, er steht ganz aus dem Ursprung, erschöpfend aus dem Ursprung zum Vater. In ihm spricht der Vater sich ganz und gar, seine Fülle aus, in ihm ist er selber „da“, so daß er sich selbst umfängt und genügt. In ihm wohnt die Fülle der Gottheit, er ist der eine Sohn, er ist das, was ein menschlicher Sohn nie zu sein vermag, weshalb ein menschlicher [43] Sohn Brüder braucht. Und er, dieser Eine, wird Bruder, er begibt sich seiner Einzigkeit, indem er unser Schicksal teilt, er begibt sich ihrer und bewahrt sie so, indem er sie uns mitteilt: denn er steigt aus den Fluten des Jordan als das Agnus Dei, als das Lamm Gottes, das da trägt die Schuld der Welt (vgl. Joh 1,29).

Was geschieht in solcher Bruderschaft? Ein Doppeltes: Der Einzige wird offenbar, der Einzige, der das Wort ist, in welchem die Welt erschaffen ward, in welchem wir erschaffen sind. Die Idee Gottes, die hinter der Welt steht, wird offenbar und wird ihr gezeigt. Jeder Einzelne von uns ist gemeint als dieser Einzige. Er ist Urbild und Erfüllung unserer Wünsche, er ist das Bild, auf das hin wir alle geschaffen sind. Wir sind, was er meint, aber wir sind es nur auf die Weise des Abbildes, und deswegen brauchen wir die Ergänzung durch einander, um so in unserer gegenseitigen Verschränkung in unserer Bruderschaft das Bild in gemeinsamer Einheit zu ergeben, das gemeint ist mit der Welt. Wir sind aus uns nur miteinander gültiges Bild des Sohnes, in ihm ist die Einzigkeit offenbar geworden, nach der wir uns sehnen. Und er gibt sie uns teil. Wie tut er es? Indem er nicht nur sich offenbart, sondern auch uns offenbart, unsere Armseligkeit, unsere Schuld und unsere Endlichkeit und unser Verbrechen. Denn er läßt an sich selber geschehen, was im Grunde geschieht von Anbeginn, da wir es nicht dulden wollen, nur wir selbst zu sein, da wir uns hineindrängen wollen in die Stellung des Sohnes, aus uns selber her sein wollen wie er, der Einzige sein wollen, sein wollen wie Gott aus uns selbst. Er ist das Lamm, das geschlachtet ist von Anbeginn. Sterbend „ist“ er das, was geschieht in jedem menschlichen Bruderzwist – er ist der ermordete Bruder schlecht-[44]hin. Wir töten ihn. Wir töten letztlich mit jeder Schuld unseren Bruder, den einzigen Sohn. Wir drängen uns an seine Stelle. Und er läßt sich von uns töten und vergießt sein Blut, und in seinem Blut sind wir hineingetaucht in seine Einzigkeit, denn wir werden Glieder an ihm, wir werden sein Leib. Wir alle zusammen sind in unserer Bruderschaft der Einzige, denn wir sind Christus. Und das, was wir aus uns selber nicht zu werden vermögen, das, was Vermessenheit aus uns selber ist und doch innigste Sehnsucht unseres Herzens, das erfüllt sich durch die Tat seiner Liebe. Glieder an Christus werdend, werden wir der einzige Sohn in unserer Bruderschaft, in unserer Gliedschaft, in welcher wir ihn und einander annehmen. Solches geschieht in ihm, und dies ist das Geheimnis und die Erfüllung menschlicher Bruderschaft. Jeder von uns ist vom Vater seinem einzigen Sohn vorgezogen, da Gott so sehr die Welt geliebt hat, daß er Seinen einziggeborenen Sohn für sie dahingab (vgl. Joh 3,16). Wir sind an die Stelle des Sohnes gesetzt, wir sind in den Sohn hineingesetzt, wir stehen im Sohn, aber wir stehen nur im Sohn, indem wir seine Liebe gelten lassen. Und seine Liebe verwandelt das Gebot unserer Liebe. Wir dürfen den anderen nicht mehr nur lieben wie uns selbst, sondern ein neues Gebot gibt Jesus: daß wir einander so lieben, wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 13,34), den anderen also uns vorziehen, wie Christus uns sich selbst vorgezogen hat. Und indem wir so uns aufgeben, für den anderen, stehen wir in der Stellung Christi, der der Einzige ist, und nehmen teil an seiner Einzigkeit. Der innigste Wunsch des Menschen, allein zu sein, der Wunsch, ganz zu sein, die Fülle zu besitzen, erfüllt sich nur dadurch, daß wir dasselbe tun, was der einzige Sohn [45] getan hat, daß wir uns restlos ausschütten füreinander, für die Brüder, daß wir die Brüderlichkeit bis zu einem ungeahnten Maße wahrmachen.

Beides also zugleich ist uns geschenkt: daß wir einander Brüder seien und daß wir gerade darin der Einzige seien. Die Fülle der Bruderschaft ist erfüllt, die Not der Bruderschaft ist gelöst, indem wir geliebt sind von dem Einzigen und indem seine Liebe uns in den Anspruch des neuen Gebotes nimmt. Denken wir daran, daß die Liebe Gottes und alle Liebe Gottes nur in der Gestalt des Bruders auf uns zukommt. Wenn wir die Liebe Gottes betrachten, dann betrachten wir seine unvorstellbare Neigung zu uns selbst und sind vielleicht versucht, diese Liebe Gottes, diese herabsteigende Agape in einem falschen Sinne zu unserem Vorbild zu machen: indem wir sozusagen „im Sturzflug“ die anderen lieben, uns selbst verlassen mit dem Pathos des Sichherablassens und Sichverzehrens. Gott hat es anders getan, Gott hat sich wirklich so herabgelassen, aber dadurch, daß Er Seinen Sohn neben uns in die eine Reihe gestellt hat als einen von uns, daß Sein Sohn uns gleich geworden ist. Er hat uns nicht von oben her, sondern Er hat uns aus der Horizontalen, aus der brüderlichen Gleichheit heraus geliebt, in der Anteilnahme an dieser einen und selben Last, die wir zu tragen haben. So geschieht Seine Liebe durch den Bruder hindurch, durch die brüderlich helfende Gemeinschaft.