Volk Gottes auf dem Weg

Die neue Situation christlicher Liebe

Das „Neue Gebot“ (Joh 13,34), das Gebot, einander so zu lieben wie Jesus uns geliebt hat, ist nicht neu, weil es uns „mehr“ gebietet als irgendein bisheriges Gebot. Neu ist es, weil es in doppelter Weise eine neue Situation ausdrückt, die Situation eben der Kirche: Der Herr geht aus dieser Welt. Daß er geht, seine Erhöhung durch Kreuz und Auferweckung, ist die Tat der Liebe Gottes zu uns. Gerade was er für uns tut, nimmt ihn hinweg aus den Dimensionen erlebbarer, allgemein zugänglicher Raum-Zeitlichkeit. Und doch kommt es gerade jetzt darauf an, daß er da ist. Jetzt erst, da er geht, fängt sein Werk an: der Weg der Liebe des Vaters bis an die Enden der Erde und ihrer Geschichte, die Hineinholung dieser Geschichte in die Liebe Gottes. Daher ist er nunmehr auf neue Weise, durch seinen Geist, da, da in unserer Mitte, indem seine Liebe bei uns bleibt. Sie und so er selbst bleiben durch die Eucharistie, bleiben durch Wort und Sendung, bleiben durch den Glauben, der in unserem Herzen lebt. Doch isoliert wäre dies alles zu wenig. Verständlich, für die Welt entschlüsselt, geschichtlich wirksam in die Welt hinein bleibt diese Liebe und der, der sie ist, nur indem „dasselbe“ geschieht, geschichtlich, als Ereignis unter Menschen geschieht, nur indem wir lieben wie er. Dies ist die eine Seite der neuen Situation: wir, die Kirche als das Fortwirken und Fortleben Jesu, da er zum Vater geht.

Das so in knappen Strichen Gezeichnete ist die Innenseite dessen, was uns der Text der Abschiedsreden Jesu nach Johannes (12–17) sagt. Von hier aus verstehen wir auch, weshalb das, was uns auf­getragen ist, ein noch „größeres Werk“ zu sein vermag als jenes, das Jesus selber wirkte (vgl. Joh 14,12). Die andere Seite derselben Situation: Wir sind nach Jesu Heimgang zum Vater nicht nur seine „Stellvertreter“; unsere Liebe hat durch seinen Heimgang, durch seine Hingabe und den Geist, den er nun senden kann, nachdem er erhöht ist (Joh 16,7 und 7,39), einen neuen Grund, eine neue Tiefe, eine neue Kraft, aus der sie sich nährt und wächst. Denn jetzt erst ist die Liebe, die Gott ist, da; jetzt erst ist sie eingetreten in die Welt, jetzt erst hat Gott uns alles gegeben, was er zu geben ver­mag, sich selbst. Und so vermag eben unsere Liebe mehr zu sagen als nur sich. Sie deckt, in dem menschlichen Geschehen von Liebe, auf, daß dieses menschliche Geschehen von Liebe nicht nur ein Traum und ein Versuch ist, sondern das letztlich Wirkliche und Gültige, jene Wirklichkeit, zu der Gott selber mit sich selber, mit dem Wort steht, das er uns gegeben hat. So wird Liebe die Ur- [27] gestalt der Verkündigung, Verkündigung wird die Auslegung der Liebe und Liebe zugleich die entscheidende Auslegung des ver­kündeten Wortes.