Bildung und Bistum

Die Notwendigkeit der Bildung*

Mit diesem Gedanken begreifen wir nicht nur den Menschen als die schon geschehene Bildung Gottes in der Welt und Bildung der Welt in Gott, sondern der Begriff von Bildung weitet sich in jenes dynamische Verständnis, in welchem Welt, Mensch und Gott im Menschen in den Zusammenklang des gegenseitigen, einander reflektierenden und gestaltenden Verhältnisses finden. Dies – so meine ich – ist das Wesen von Bildung, gelesen vom Menschen her.

In der weiteren Reflektion dieser Grundverhältnisse stoßen wir allerdings auch darauf, daß diese Bildung durch den Menschen behindert wurde: Er war nicht bereit, sich den Zusammenhang von Gott und Welt und Menschen schenken zu lassen: Durch die Schuld kam ein Bruch in das Gefüge der Bildung.

Gottes Weg ist nun nicht der einer einsamen Restitution der Ursprungsverhältnisse, sondern wiederum ein Bildungsgeschehen, welches Gott in der Menschwerdung anstößt: „Was er von Ewigkeit in seiner Göttlichkeit wußte, hat er in einem zeitlichen Experiment im Fleische gelernt.1 Ecce homo, Ecce Deus, Ecce mundus: Im Menschen werden jetzt Gott und Welt anschaubar. In Christus, der das Wort Gottes von allem Anfang an ist, läßt sich Gott auf einen Bildungs- als Mensch- [24] werdungsvorgang in der Zeit ein. In ihm geschieht so die Übernahme der Welt durch Gott. Christus nimmt das Schicksal der Welt und der Menschheit in einem Menschenschicksal auf sich. Ein radikal neues Bild bricht in die menschliche Geschichte ein – Ecce homo, Ecce Deus, Ecce mundus: Im Menschen werden jetzt Gott und Welt anschaubar.

Im Ecce homo, im menschgewordenen Gottessohn ereignet sich die „incarnatio verbi“, die Inkulturation des ewigen und jeder einzelnen Kultur enthobenen Gotteswortes: Ecce Deus. Dieses Geschehen ist zugleich, nach einem Wort des Epheserbriefes (1,10), die Vereinigung („recapitulatio“) der ganzen Welt: Ecce mundus. Welt und Gott kommen in das eine Bild – ins Bild des neuen Menschen, des menschgewordenen Gottessohnes.

In welchen konkreten geschichtlichen Kontext kann sich nun diese Sicht auf das Bild des neuen Menschen, der, in Jesus Christus geboren, anschaubar und identifizierbar werden soll im Leben des Bistums, eintragen? Ich möchte unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation vereinfacht kennzeichnen mit dem Begriff der reduktiven Informationsgesellschaft. In ihr treffen wir auf die Not und Chance der Bildung.

Was meint der Begriff der reduktiven Informationsgesellschaft? Wir leben in einer Gesellschaft, in der scheinbar (oder zumindest anscheinend) Bildung mehr denn je von Bedeutung ist: In vermittelnder Absicht werden komplexe Zusammenhänge auf wenige Formeln reduziert und in Interdependenz gesetzt, damit sie schnellem Zugriff verfügbar sind. Dies ist aber nur möglich, wo alles auf einer Ebene abgebildet wird.

So ist in der Arbeitswelt zunehmend der Mensch mit einer formalen Einheitsintelligenz gefordert, der alle Daten auf der einen Ebene des mathematisch-logischen Zusammenhangs erfassen und handhabbar machen kann. Werden aber alle Faktoren auf nur eine Ebene transponiert und projiziert, erfahren die qualitativen und plastischen Unterschiede eine sie gänzlich nivellierende Reduktion. Grunderfahrungen, die gerade nicht in Informationen zu transformieren sind, werden verdrängt und kommen deshalb auf eruptive, irrationale, oft zerstörerische Weise zur Geltung: Der Mensch droht in dem beschriebenen technischen Vorgang sein ursprüngliches Wesen zu verstellen.

[25] Nun hilft es nicht, die beunruhigenden Symptome einer reduktiven Informationsgesellschaft zu ignorieren, aus der man sich weder träumend noch protestierend oder resignierend verabschieden kann. Bildung in einem umfassenden Sinn ist in dieser Situation gefordert, damit das Ganze qualitativ und nicht nur formal als Ganzes im Teil präsent bleibt.

Der Einzelne muß das Ganze tragen: Die Stellvertretung, die Solidarität mit dem Ganzen, die mit Jesus Christus in diese Welt gekommen ist (vgl. GS 22), wird zum entscheidenden Zeugnis. In den biblischen Religionen ist diese Ortszuweisung des Einzelnen, der im Ganzen das Ganze mitzutragen hat, als stete Grundbotschaft gegenwärtig: sie ist weltgeschichtlich von größter Aktualität.

Wo wir uns beschränken, den anderen Menschen im Durchsetzen unserer eigenen Interessen an den Rand zu drängen – Der andere geht mich nichts an, ich mache nur meinen Teil –, zerbrechen wir das Ganze; wo wir uns gegenüber dem Menschen taub machen, nivellieren und destruieren wir Fülle und Eigenstand der vielen gewachsenen Kulturen im technischen Verfügen. Nur wenn wir die Gestalt, die Plastik des Ganzen in radikaler Verantwortung für das Ganze im Teil annehmen, eröffnen wir unserer Gesellschaft Zukunft.

Bildung gewinnt auf diese Weise für die Menschlichkeit dieser Welt größte Bedeutung: Es bedarf jener Instanzen, Räume und Felder, in denen das Ganze im Teil lebt, der Teil zur Plastik des Ganzen wird und zugleich das Ganze mitträgt.

Es ist deshalb mehr als ein formaler Zusammenhang, daß wir am Begriff des Bistums Bildungsmomente ermittelt haben: Bildung und Bistum sind aufeinander verwiesen. Es bedarf des Raumes, in dem Zusammenhang und Verantwortung tatsächlich gelebt und erlebt werden, in dem der Einzelne sowohl dem Ganzen begegnet wie auch in das Ganze hinein- und über sich selbst hinausgeführt wird.

Umgekehrt kann ein Bistum nicht leben, ohne daß jene, die das Bistum bilden, im Bilde des Ganzen sind. Ein Bistum, das sich im Funktionieren erschöpfte, verlöre seine Funktion, denn es könnte das Ganze für die Menschen nicht [26] mehr präsent werden lassen. Es gibt nicht mehr die Klammer einer einheitlichen Weltanschauung; wir leben in einem Pluralismus der Weltentwürfe und Werte, der uns als solcher vorgegeben ist. Gerade deshalb gilt es, jene, die sich um eine Sicht des Ganzen mühen, miteinander ins Gespräch zu bringen und in diesem Dialog diese fundamentale Perspektive in der Gesellschaft präsent zu halten.

Ein Bistum braucht aber, um Bistum zu sein, auch für sich selbst Auseinandersetzung und Dialog; es bedarf um seiner Identität willen der Bildung, die sich als spezifisch christliche begreift und gleichzeitig Weltbildung ist. Die gegenseitige Durchdringung von Welt, Gesellschaft und Gott auf der Ebene Bistum kann sich in der Bildung vollziehen, welche im Gespräch der vielen Perspektiven miteinander ein Bistum bereichert: Bildung ist unerläßlich für Bistum, Bistum ist relevant für Bildung.


  1. Bernhard von Clairvaux, De gradibus humilitatis et superbiae, III, 6, 10. ↩︎