Unterscheidungen

Die transzendentalen Grundakte und ihre Dialektik*

Soll dieses Eigene religiösen Vollzuges deutlich werden, so kann dem gerade die Zuwendung zu den genannten Dimensionen dienen. Sie sind nicht nur im phänomenologischen Erkenntnisvorgang hin zum Religiösen impliziert, sondern sie lassen sich auch in sich als „transzendentale Grundakte“ des Daseins betrachten.1 Grundsätzlich zueinander offen, stellen sie doch wesentliche Weisen geistigen Gesamtverhaltens zur Wirklichkeit dar. Wenn sie sich im konkreten Leben auch kreuzen, mischen, ja gegenseitig verschatten, so sind sie doch die „Grundtypen“ geistigen Verhaltens, [61] die, nicht einfachhin auseinander ableitbar, die Weise bestimmen, wie dem Menschen sich gibt, was ihm „gegeben ist“, und wie er sich angesichts der Wirklichkeit, die ihm aufgegeben ist, selbst vollzieht.

Eine etwas genauere Betrachtung der drei genannten transzendentalen Grundakte gibt der Ausarbeitung der Frage nach dem religiösen Vollzug als solchem ihre Kontur. Ist auch der religiöse Vollzug, dem theoretischen, ästhetischen und ethischen vergleichbar, ein transzendentaler Grundakt des Menschen?

Um die transzendentalen Grundakte deutlicher in ihrer Eigenart herauszudestillieren, empfiehlt es sich, sie in ihrer jeweiligen „Einseitigkeit“, in ihrer Überspitzung anzuschauen. Diese macht Grenzen und Eigentümlichkeiten sichtbar, die sich dort ausschwingen und verschleifen, wo der Mensch in der „Konvertibilität“ dieser Grundakte, in ihrer gegenseitigen Offenheit zueinander lebt.

Der Ausdruck „Konvertibilität“ gibt einen Hinweis auf die Transzendentalienlehre der hochmittelalterlichen Philosophie. Sie hatte über den Kategorien als den obersten einteilenden Begriffen des Seins solche angesetzt, die das Sein und alles, was ist, sofern es ist, gemeinsam umgreifen, die also deckungsgleich und doch voneinander um ihrer je konstitutiven Hinsicht willen verschieden sind. Eine Parallele zwischen scholastischer Transzendentalienlehre und Phänomenologie der transzendentalen Grundakte zu konstruieren, wäre nicht unproblematisch, doch fällt von der gegenseitigen Einschließlichkeit der transzendentalen Bestimmungen (etwa seiend, wahr, gut) Licht auf die grundsätzliche Einschließlichkeit der hier zu behandelnden Grundakte.2

Die grundsätzliche Hinsicht des theoretischen Grundaktes ist die Hinsicht auf das, was ist, in seinem Entstand, Bestand und Wirkzusammenhang. Es soll als das, was es ist, geklärt, festgestellt, begründet und abgegrenzt werden. Die grundsätzliche Hinsicht des ästhetischen Grundaktes ist die Hinsicht auf das, was ist, als die „Partitur“ meines eigenen Daseins: Es soll einerseits mit meinem Dasein in die Konsonanz des Gefallens gebracht, es soll andererseits von mir selbst mitspielend eingeholt, zur Möglichkeit meiner Dar- [62] stellung und Selbstdarstellung verwandelt werden. Die Hinsicht des ethischen Aktes ist die Hinsicht auf das, was sein soll; ich soll mit dem, was sein soll, in Konsonanz gebracht werden, um so in Konsonanz mit mir zu sein.

Wir stellen in der Folge eine Reihe paralleler Fragen an diese Grundakte, um sie so in ihrer Konvergenz und Divergenz, ihrer je eigenen Grundbestimmung aufzuspüren. Jeder dieser Akte hat, zunächst einmal, das Ich zu seinem Subjekt, und er erstreckt sich als transzendentaler Grundakt auf „alles mögliche“ als Objekt.

Die erste Frage geht darauf, was im jeweiligen Akt das Subjekt bezüglich dessen will, was ihm gerade Objekt ist.

Der theoretische Akt will das, was ihm begegnet, identifizieren. Er will eine möglichst erschöpfende Auskunft darüber geben, was und warum dieses Begegnende ist, was es ist und wie es ist. Die Stelle im Kontext von allem, was ist, auf die sein Auge jeweils fällt, soll möglichst allseitig geklärt und gesichert sein.

Dem ästhetischen Akt hingegen geht es darum, das, was ihm begegnet, mit sich zu identifizieren, es einzuholen in die Möglichkeiten eines mit sich identischen Daseins, auf daß es ihm und sich in ihm gefalle.

Der ethische Grundakt will dem, was ihm begegnet, entsprechen; genauer gesagt: nicht dem Gegenstand, sondern der Konstellation mit ihm, dem konkret darin ans eigene Dasein ergehenden Anspruch. Er sucht die Ordnung, in die das mir Begegnende angesichts meiner gehört und in die ich angesichts des mir Begegnenden gehöre.

Daraus ergibt sich ein verschiedener Schwerpunkt bei den drei Akten. Der Schwerpunkt des theoretischen Aktes liegt im „Objekt"; Erkenntnis will objektiv sein. Der ästhetische und ethische Akt hat demgegenüber einen doppelten Schwerpunkt. Man könnte zunächst beim ästhetischen Akt sagen, sein Schwerpunkt liege im Subjekt, das genießen und sich genießen will, das sein Gefallen und seine mitspielende Partnerschaft mit dem Begegnenden sucht. Doch hierbei ist eigentümlich, daß die Bewegung des Subjekts von ihm weggeht, es will im Gefallen und Spielen zwar sich selbst, sich selbst aber von sich hinweg, es verlagert seinen Schwer- [63] punkt hinein in den es aufhebenden Akkord. Der ethische Akt scheint aufs erste weder seinen Schwerpunkt im Objekt noch im Subjekt, sondern in der beide in ihr Verhältnis bringenden Ordnung, in einem beide Umgreifenden und beiden Enthobenen zu haben. Der Schwerpunkt dieser „Ordnung“ aber geht seinerseits wiederum zurück auf das Ich: denn ich bin in Anspruch genommen, ich soll entsprechen, das ethische Verhalten ist im eigentlichen Sinn mein Problem.

Aus der jeweils unmittelbaren Intention und dem jeweils spezifischen Schwerpunkt resultiert die eigentümliche „Gangart“ eines jeden der drei Akte. Beim theoretischen Akt läßt sie sich bezeichnen durch das Verb „Feststellen“, beim ästhetischen durch das Wort „Mitschwingen“ (das sowohl das Gefallen wie auch das Spielen umgreift), beim ethischen stellt sie sich dar als „Maßnehmen“ oder als „Anwenden“ des Maßes.

Eine weitere Frage an die drei Grundakte geht auf das, was in ihnen jeweils mit dem Subjekt geschieht, welchen Stellenwert das Ich in ihnen hat.

Im theoretischen Akt sieht das Subjekt in methodischer Strenge von sich ab. Es schaltet thematisch alle Unsicherheitsfaktoren seiner Subjektivität aus oder arbeitet sie in der sichernden Begrenzung des Ergebnisses auf. Das Subjekt kommt im theoretischen Akt nur als „Objekt“ oder als objektivierbare Bedingung für den Aufgang des Objektes vor. Das Ich „darf“ nicht an sich selbst interessiert sein; was mit ihm selbst geschieht, was das Ergebnis für es selbst bedeutet, hat keine Rolle zu spielen. Theorie und Leben sind methodisch streng zu trennen.

Anders beim ästhetischen Akt. Hier bringt das Subjekt sich selber ein. Es ist das aktiv oder rezeptiv Mitspielende. Die Weise allerdings, wie es sich in dieses Mitspielen einbringt, ist gerade die, seine eigenen Möglichkeiten im Mitspielen nicht zu verbrauchen. Alles von ihm muß in das Spiel eingehen, aber dem Subjekt bleibt dabei die Möglichkeit, auch noch etwas ganz anderes zu spielen und zu können. Spiel als „bloßes“ Spiel hat seine Verbindlichkeit nur innerhalb seiner selbst, es ist aber gerade nicht verbindlich für den Spieler [64] als ihn selbst. Wenn dem gerade die Erfahrung großer Kunst und das Zeugnis großer Künstler widerspricht, dann ist dies nur die Selbstüberschreitung des isoliert betrachteten ästhetischen Aktes, wie auch die persönliche Leidenschaft und Verantwortung des Wissenschaftlers für die Wahrheit und für die Sache, die ihm aufgeht, nicht in den theoretischen Akt als solchen eingehen.

Der ethische Akt ist hingegen dadurch gekennzeichnet, daß das Ich sich im Ernst in ihn einbringt. Das Subjekt legt sich hier fest, es geht Verbindlichkeit ein, es steht für sich selbst auf dem Spiel; das heißt, daß es gerade nicht nur „spielen“ kann.

Das Zusammenspiel der Stellung des Subjekts und des Objekts in der je eigentümlichen Gangart des Vollzugs auf den wiederum je eigenen immanenten Schwerpunkt des Geschehens zu läßt den jeweiligen Grundcharakter der drei Akte sehen. Der theoretische Akt ist „zwingend“, es eignen ihm Allgemeinheit und Objektivität. Der ästhetische Akt hat keine allgemeine Verbindlichkeit, seine Verbindlichkeit ist die des Jeweiligen. Von ihm abstrahiert er gerade nicht. Es kommt auf die jeweilige Konsonanz an. Es ist ihm zu tun um die Erfüllung, will sagen um die Aufhebung der Differenz im Zusammenspiel, das ganz und nur die Wirklichkeit des Gespielten, ganz und nur die Wirklichkeit des Spielenden ist. „Aufhebung“ ist sein Merkmal: Aufhebung des Spielers ins Gespielte, des Gespielten in den Spieler durch das Spielen. Gerade dadurch ist das Schöne das „Erhebende“. Dies stimmt auch dort, wo die Lust des Ästhetischen der Kontrast ist. Demgegenüber drängt der ethische Akt zur Verbindlichkeit. Er hat den Anspruch der Totalität. Wenn es bei ihm auch um die „Erfüllung“ des Anspruchs geht, so ist der Anspruch in der Erfüllung doch gerade nicht aufgehoben. Vielmehr bleibt die Differenz des zu Erfüllenden und der Erfüllung konstitutiv sichtbar in der Erfüllung, soll sie im eigentlichen Sinn als ethische verstanden werden. Eine Norm wird durch Erfüllung nie überflüssig, die Partitur darf ich vergessen, wenn ich sie nur spiele.

In ihrer Überspitzung und Isolierung zeigt sich indessen bei allen drei Grundakten eine spezifische Dialektik. Sie soll nunmehr zur Sprache kommen.

[65] Gerade um seiner Allgemeinheit willen haftet dem theoretischen Akt eine eigentümliche Begrenzung seiner Sicht an. Nur das, was ist, was es ist, nur das, was in seiner Definierbarkeit, Feststellbarkeit und Sicherbarkeit, nur das, was in seiner Allgemeinheit aufgeht, geht ihm auf; das aber, was dann nicht mehr ist, was es ist, wenn es als das, was es ist, fixiert wird, entgeht ihm. Definierte Liebe, in seine Regeln und Normen aufgelöstes Kunstwerk, in seine Logik und Grammatik, in seine Semantik und Sprachgeschichte völlig reduziertes Wort sagen nicht mehr ganz, was sie sagen; und will der Theoretiker dem, was sie sagen, nachgehen, so muß er über die Grenzen des theoretisch Zwingenden hinaus. Die Dialektik des Ästhetischen liegt darin, daß es das unverbindlich Bewegende zu werden droht. Die Dialektik des Ethischen wiederum ist die Spannung zwischen der Selbst-losigkeit des Hinblicks auf das, was sein soll, und dem Willen der Subjektivität, unbedingt selbst gut zu sein. Der verzerrte Extremfall ist die Penetranz dessen, der um jeden Preis alles recht machen will.


  1. Ins Folgende gehen Denkanstöße und Motive einer „frühen“ Freiburger Vorlesung von Bernhard Welte über „Phänomenologie des religiösen Aktes“ ein; vgl. auch Scheler, Max: Vom Ewigen im Menschen, hg. v. Maria Scheler, 4. Aufl., Bern 1954, 101–354 (religiöser/theoretischer Grundakt); Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik. Neuer Versuch der Grundlegung eines ethischen Personalismus, hg. v. Maria Scheler, 4. Aufl., Bern 1954, 482–596 (ethischer Grundakt); Zur Ethik und Erkenntnislehre, hg. v. Maria Scheler, 2. Aufl., Bern 1957, 321–344 (ästhetischer Grundakt). ↩︎

  2. Vgl. Thomas von Aquin, Quaestiones disputatae de veritate, q. 1 a. 1, auch: De natura generis, cap. 2. ↩︎